die harmonische Zusammenarbeit so vieler verschiedener und potentiell feindseliger Lebensformen aufrechtzuerhalten war eine Aufgabe, die sich — genau wie O'Maras Machtbefugnisse — nur schwer eingrenzen lie?.
Selbst bei einem Hochstma? an Toleranz und gegenseitigem Respekt zwischen Mitarbeitern in allen Positionen und trotz der eingehenden psychologischen Durchleuchtung, der sich jeder Bewerber vor der Zulassung zur Ausbildung am namhaftesten Hospital der galaktischen Foderation mit vielfaltigen Umweltbedingungen unterziehen mu?te, gab es immer noch Momente, in denen durch Unwissenheit und Mi?verstandnisse des kulturell bedingten Sittencodexes, des Sozialverhaltens oder der evolutionsgeschichtlichen Notwendigkeiten anderer Spezies Reibereien innerhalb des Personals aufzutreten drohten. Oder, was noch gefahrlicher war, womoglich entwickelte ein Mitarbeiter eine xenophobe Neurose, die,
wenn sie nicht behandelt wurde, seine geistige Stabilitat oder fachliche Leistungsfahigkeit oder beides zusammen beeintrachtigte.
Ein tralthanischer Arzt zum Beispiel, der sich unterbewu?t vor den absto?enden kleinen Raubtieren furchtete, die seinen Heimatplaneten so lange unsicher gemacht hatten, sahe sich vielleicht nicht in der Lage, einem der physiologisch ahnlichen, aber hochzivilisierten Kreglinni das richtige Ma? an nuchterner Gleichgultigkeit entgegenzubringen, das zu dessen Behandlung notwendig ware. Genau so ein ungutes Gefuhl hatte der Tralthaner, wenn er mit einem Kreglinni zusammenarbeiten oder — im Fall einer Unfallverletzung oder Erkrankung — von einem Arztkollegen dieser Spezies behandelt werden wurde. Die Verantwortung des Chefpsychologen O'Mara bestand nun darin, derartige Probleme zu entdecken und auszuraumen, bevor von ihnen Gefahr fur Leben und geistige Gesundheit ausgehen konnte, beziehungsweise, wenn alle Stricke rissen, die moglichen Storenfriede aus dem Hospital zu entfernen.
Wie sich Lioren erinnerte, hatte es Zeiten gegeben, in denen der Chefpsychologe durch dieses standige Ausschauhalten nach Anzeichen von falscher, schadlicher oder intoleranter Denkweise, dem er sich mit einer derartigen Hingabe gewidmet hatte, zum gefurchtetsten, am meisten beargwohnten und unbeliebtesten Lebewesen im ganzen galaktischen Sektor zwolf geworden war.
Aber jetzt schien O'Mara genau jenes untypische Verhalten an den Tag zu legen, das er bei anderen Wesen stets als Alarmsignal gewertet hatte. Indem er Liorens ungeheure und furchtbare Fahrlassigkeit gegenuber einer gesamten Planetenbevolkerung verteidigte — ein Fall von Fehleinschatzung, wie er in der Geschichte der Foderation ohne Beispiel war — , ignorierte er die Brauche und Gepflogenheiten seines Berufs, die er sein ganzes Leben lang beachtet hatte, und stellte sie praktisch auf den Kopf.
Einen Augenblick lang starrte Lioren auf den Kopfpelz des Terrestriers, der mittlerweile einen viel helleren Grauton aufwies, als er sich erinnern konnte, und er fragte sich, ob es auf eine mit fortschreitendem Alter zunehmende Verwirrung zuruckzufuhren war, da? sich der Major nur selbst eine dieser psychologischen Krankheiten zugezogen hatte, vor denen er alle anderen Wesen so angestrengt zu bewahren versucht hatte. Dennoch klang das, was der Chefpsychologe von sich gab, wohldurchdacht und schlussig.
„.zu keinem Zeitpunkt gab es einen Anhaltspunkt dafur, da? Lioren uber das Ma? seiner Fahigkeiten hinaus befordert worden war“, sagte O'Mara gerade. „Er ist Trager des blauen Umhangs, der hochsten beruflichen Auszeichnung, die auf Tarla verliehen werden kann. Sollte es das Gericht wunschen, kann ich bezuglich Liorens vollkommener Hingabe und seines gro?en Konnens als Arzt und Chirurg fur fremde Spezies nahere Einzelheiten anfuhren, die auf Beobachtungen beruhen, die wahrend seiner Zeit am Hospital angestellt worden sind. Dokumentarische Belege und personliche eidesstattliche Erklarungen, die ranghohere und rangniedrigere Offiziere des Monitorkorps uber Liorens verdienterma?en steilen Aufstieg nach seinem Weggang von uns abgegeben haben, sind ebenfalls vorhanden. Aber das Material wurde sich standig wiederholen und lediglich meine fruhere Feststellung bekraftigen, da? Liorens Verhalten als Arzt vor und, wie ich behaupte, wahrend des Vergehens, dessen er angeklagt ist, beispielhaft war.
Ich glaube, die einzige Schuld, die das Gericht dem Angeklagten vorwerfen kann, besteht darin, da? die fachlichen Anforderungen, die er an sich selbst gestellt und bis zum Vorfall auf Cromsag auch erfullt hat, ubertrieben hoch und die anschlie?enden Schuldgefuhle unverhaltnisma?ig gro? gewesen sind“, fuhr O'Mara fort. „Liorens einziges Verbrechen ist, da? er sich selbst mehr abverlangt hat, als er letztendlich.“
„Aber es ist doch gar kein Verbrechen passiert!“ fiel ihm seine Assistentin Cha Thrat energisch ins Wort und richtete sich dabei zu voller Gro?e auf. „Da die Regeln, die auf Sommaradva die arztlichen Befugnisse eines Chirurgen fur Krieger bestimmen, sehr streng sind, und zwar um ein erhebliches Ma? strenger als diejenigen, die auf anderen Planeten gelten, kann ich die Gefuhle des Angeklagten voll und ganz verstehen und auch nachempfinden. Aber anzudeuten, strenge Selbstdisziplin und hohe Ma?stabe fur die Berufsausubung seien in irgendeiner Hinsicht schlecht oder ein Verbrechen oder auch nur ein entschuldbares Vergehen, ist doch vollkommener Unsinn!“
„In der Geschichte der meisten Planeten der Foderation sto?t man auf viele Falle von geradezu fanatisch rechtschaffenen politischen Fuhrern oder religiosen Eiferern, die das Gegenteil vermuten lassen“, widersprach O'Mara mit noch lauterer Stimme, wobei die dunkler gewordene Gesichtsfarbe seinen Zorn uber diese Unterbrechung durch eine Untergebene verriet. „Psychologisch gesehen ist es gesunder, nichts zu ubertreiben und ein wenig Raum fur.“
„Aber das gilt doch zweifellos nicht fur diejenigen Wesen, die wirklich gut sind“, unterbrach ihn Cha Thrat erneut. „Offenbar wollen Sie behaupten, das Gute sei. sei schlecht!“
Cha Thrat war das erste Lebewesen der sommaradvanischen Klassifikation DCNF, das Lioren gesehen hatte. Stehend war sie noch einmal halb so gro? wie O'Mara, und die Verteilung der vier Glieder zur Fortbewegung, der vier Greiforgane in Hufthohe und der weiteren vier Gliedma?en fur die Nahrungsaufnahme und feine Arbeiten, die rings um den Hals entsprangen, verliehen ihrer Gestalt eine angenehme Symmetrie und Standfestigkeit — anders als bei den Terrestriern, die scheinbar immer kurz davor waren, aufs Gesicht zu fallen. Lioren fragte sich, ob nicht gerade diese DCNF von allen im Raum Anwesenden seine Gefuhle am besten verstand. Dann konzentrierte er sich auf die Bilder, die er mit dem Auge wahrnahm, das er auf die Offiziere auf der Richterbank geheftet hatte.
Colonel Skempton entblo?te die Zahne, was bei Terrestriern ein Zeichen fur Belustigung oder freundschaftliche Gefuhle war, fur Lioren jedoch immer wie ein lautloses Zahnefletschen wirkte, aus den Zugen des nidianischen Offiziers lie? sich unter der dichten Gesichtsbehaarung nichts herauslesen und die Miene des Flottenkommandanten blieb vollig ausdruckslos, als er das Wort ergriff.
„Diskutieren die Verteidiger untereinander uber Schuld oder Unschuld des Angeklagten, oder fallen Sie sich lediglich in Ihrer Ungeduld, die Sache zu beschleunigen, gegenseitig ins Wort?“ fragte er leise. „In beiden Fallen bitte ich Sie, das zu unterlassen und einzeln und nacheinander zum Gericht zu sprechen.“
„Meine verehrte Kollegin hat zwar den Angeklagten verteidigt, war aber ein bi?chen ubereifrig“, sagte O'Mara in einem Ton, der trotz des Ubersetzungsvorgangs, der die Emotionen herausfilterte, alles andere als respektvoll klang. „Wir werden unsere Debatte zu einem anderen Zeitpunkt in privatem Kreis zu Ende fuhren.“
„Dann fahren Sie jetzt bitte fort“, forderte ihn der Flottenkommandant auf.
Cha Thrat nahm wieder ihren Platz ein, und der Chefpsychologe, dessen Gesicht immer noch einen dunkleren Rosaton aufwies, setzte seine Ausfuhrungen fort. „Was ich sagen will, ist, da? der Angeklagte unabhangig von dem, was er glaubt, fur den Vorfall auf Cromsag nicht voll verantwortlich ist. Um das zu beweisen, werde ich Tatsachen enthullen mussen, die normalerweise nur meiner Abteilung bekannt sind. Diese Informationen.“
Flottenkommandant Dermod hatte eins seiner beiden vorderen Gliedma?en mit nach au?en gedrehter Handflache erhoben und O'Mara auf diese Weise zum Schweigen gebracht. „Wenn es sich dabei um Informationen handelt, die die Privatsphare betreffen, Major, durfen Sie von ihnen nicht ohne die Erlaubnis des Betroffenen Gebrauch machen. Falls der Angeklagte ihre Verwendung verbietet.“
„Ich verbiete ihre Verwendung!“ warf Lioren mit fester Stimme ein.
„.hat das Gericht keine andere Wahl, als sich dem Wunsch des Angeklagten zu fugen“, fuhr Dermod fort, als ob der Oberstabsarzt nichts gesagt hatte. „Das ist Ihnen doch sicherlich klar.“
„Ebenfalls ist mir klar — und, wie ich glaube, auch Ihnen, Sir — , da? mir der Angeklagte verbieten wurde, uberhaupt irgendwas zu seiner Verteidigung zu sagen oder zu tun, falls er die Gelegenheit dazu erhalten sollte“, stellte O'Mara lapidar fest.
Der Flottenkommandant senkte die Hand. „Trotzdem, was die Privatsphare betreffende Informationen anbelangt, hat der Angeklagte dieses Recht.“
„Ich bestreite sein Recht, gerichtlich gebilligten Selbstmord zu begehen“, widersprach O'Mara. „Sonst hatte
