ich mich bestimmt nicht angeboten, jemanden zu verteidigen, der eine derma?en hohe Intelligenz besitzt, uber derart gro?e Fachkompetenz verfugt und gleichzeitig so abgrundtief dumm ist. Die fraglichen Informationen sind zwar vertraulich und nur fur den Dienstgebrauch bestimmt, aber in keiner Weise verletzen sie die Privatsphare des Angeklagten, da sie damals wie heute fur jeden Berechtigten zuganglich sind, der vollstandige psychologische Daten uber einen Bewerber haben mochte, bevor er ihm anbietet, ihn in einer wichtigen Position zu beschaftigen oder in eine Stellung mit gro?erer Verantwortung zu befordern. Ohne falsche Bescheidenheit mochte ich behaupten, da? es das psychologische Personlichkeitsdiagramm meiner Abteilung war, das Oberstabsarzt Lioren die ursprungliche Ernennung zum Offizier des Monitorkorps und wahrscheinlich die letzten drei Beforderungen eingebracht hat. Selbst wenn wir in der Lage gewesen waren, das psychologische Personlichkeitsdiagramm des Angeklagten nach seiner Abreise aus dem Hospital genau zu uberwachen, gabe es keine Gewi?heit, da? die Tragodie auf Cromsag hatte vermieden werden konnen. Die Personlichkeit und die Beweggrunde desjenigen, der sie verursacht hat, waren zu dem Zeitpunkt bereits voll entwickelt, gefestigt und in sich wohlausgewogen. Zu meinem spateren Bedauern habe ich damals keinen Anla? gesehen, sie in irgendeiner Weise zu andern.“

Der Chefpsychologe machte eine kurze Pause, um einen Blick auf die Zuhorer zu werfen, die sich im Raum drangten, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder den Offizieren auf der Richterbank zuwandte. Der Bildschirm auf seinem Tisch flackerte auf, aber O'Mara blickte kaum auf die von unten nach oben laufenden Symbole, als er seine Ausfuhrungen fortsetzte.

„Das ist die Aufzeichnung des psychologischen Personlichkeitsdiagramms eines Lebewesens mit einer vollkommenen und ganz au?ergewohnlichen Hingabe an seinen Beruf“, erlauterte der Major. „Trotz der gleichzeitigen Anwesenheit von Tarlanerinnen ist kein gesellschaftlicher oder sexueller Umgang des Betreffenden mit ihnen verzeichnet, noch gibt es irgendwelche Hinweise, da? er das eine oder andere Abenteuer uberhaupt gewollt hatte. Ehelosigkeit erlegen sich die Angehorigen einiger intelligenter Spezies aus unterschiedlichen personlichen, philosophischen oder religiosen Grunden auf. Zwar ist ein solches Verhalten selten und sogar ungewohnlich, aber keineswegs anormal.

In Liorens Personlichkeitsdiagramm finden sich keine Vorkommnisse, Verhaltensweisen oder Gedanken, an denen ich ein fehlerhaftes Vergehen festmachen konnte“, fuhr O'Mara fort. „Er hat gegessen, geschlafen und gearbeitet. Wahrend seine Kollegen dienstfrei hatten und sich entspannt oder amusiert haben, hat Lioren seine Freizeit damit verbracht, zu studieren oder auf Gebieten, die er fur besonders interessant gehalten hat, zusatzliche Erfahrungen zu sammeln. Nach seiner Beforderung haben zwar die ihm unterstellten Mitarbeiter des medizinischen und des Wartungspersonals fur Umweltbedingungssysteme eine tiefe Abneigung gegen ihn entwickelt, weil er von ihnen genauso gute Arbeit verlangt hat wie von sich selbst, aber dafur haben die Patienten, die unter seine Obhut kamen, wirkliches Gluck gehabt. Dennoch haben schon damals seine starke Hingabe und geringe Flexibilitat darauf hingedeutet, da? er fur die letzte Beforderung zum Diagnostiker nicht geeignet sein konnte.

Doch das war nicht der Grund, weshalb er das Orbit Hospital verlassen hat“, fugte O'Mara schnell hinzu. „Nach Liorens Auffassung verhielt sich der Gro?teil des Hospitalpersonals bezuglich des personlichen Auftretens viel zu lassig, in der Freizeit furchtbar verantwortungslos und — nach seinen Ma?staben — unertraglich albern, und er wollte seine Arbeit in einer Umgebung mit strengerer Selbstdisziplin fortsetzen. Seine Beforderungen innerhalb des Monitorkorps, zu denen auch das Kommando uber das Rettungsunternehmen auf Cromsag gehorte und das mit einem Desaster endete, hat er voll und ganz verdient.“

Der Chefpsychologe schaute nach unten auf seinen Schreibtisch, blickte aber nicht in den Teleprompter, sondern schlo? aus irgendeinem Grund die Augen. Plotzlich sah er wieder auf.

„Dies ist das psychologische Personlichkeitsdiagramm von jemandem, der keine andere Wahl hatte, als so zu handeln, wie er es getan hat“, fuhr O'Mara fort, „darum sind seine Ma?nahmen unter den gegebenen Umstanden angemessen gewesen. Lioren hat sich weder nachlassig noch fahrlassig verhalten und ist deshalb, wie ich behaupte, nicht schuldig. Denn erst nachdem die wenigen Uberlebenden hier im Hospital zwei Monate lang unter Beobachtung gestanden hatten, konnten wir die sekundaren Auswirkungen der Krankheit, die Lioren behandelt hatte, auf die innere Sekretion herausfinden. Wenn sich Lioren uberhaupt eines Verbrechens schuldig gemacht hat, dann hochstens des leichten Vergehens zu gro?er Ungeduld, die wiederum auf seiner festen Uberzeugung beruhte, da? die medizinische Ausstattung des Schiffs fur die geforderte Aufgabe ausreichen mu?te.

Eigentlich habe ich nicht mehr viel vorzubringen, au?er den Hinweis an das Gericht, da? die Strafe im Verhaltnis zum Verbrechen und nicht, wie der Angeklagte meint und die Anklage argumentieren wird, im Verhaltnis zu den Folgen dieses Verbrechens stehen sollte“, setzte der Major seine Ausfuhrungen fort. „So katastrophal und entsetzlich die Auswirkungen der Ma?nahmen des Oberstabsarztes gewesen sein mogen, das Verbrechen selbst war nur geringfugig und sollte als solches behandelt werden.“

Wahrend O'Maras Rede war Liorens Wut bis zu einem Grad gestiegen, an dem er sie moglicherweise nicht mehr kontrollieren konnte. Uberall auf seiner blassen, gelbgrunen Haut tauchten braune Flecken auf, und seine beiden au?eren Lungenpaare hatte er prall aufgeblaht, um einen Einspruch herauszuschreien, der fur eine korrekte Artikulation zu laut gewesen ware und wahrscheinlich die Schallsensoren von vielen der Anwesenden zerstort hatte.

„Offenbar gerat der Angeklagte emotional in Bedrangnis“, sagte O'Mara schnell, „deshalb werde ich mich lieber kurz fassen. Ich bitte dringend, die Klage gegen Oberstabsarzt Lioren abzuweisen oder, falls dies nicht der Fall

ist, wenigstens keine Haftstrafe auszusprechen. Im Idealfall sollte die Bewegungsfreiheit des Angeklagten auf das Hospital beschrankt werden, wo ihm im Bedarfsfall psychiatrische Hilfe geleistet werden kann und gleichzeitig unseren Patienten seine beachtlichen fachlichen Talente zugute kommen, wahrend er.“

„Nein!“ schnitt ihm Lioren das Wort in einer solchen Lautstarke ab, da? die Wesen in seiner naheren Umgebung unwillkurlich zusammenzuckten und die Translatoren aufgrund der Schalluberlastung pfiffen. „Ich habe feierlich und bei den Heilern Sedith und Wrethin geschworen, fur den Rest meines nichtswurdigen Lebens auf die Ausubung meiner arztlichen Kunst zu verzichten.“

„Also, das ware nun wirklich ein Verbrechen“, entgegnete O'Mara nicht ganz so laut wie Lioren. „Damit wurden Sie sich unbestreitbar einer geradezu schamlosen und unverzeihlichen Vergeudung von Fahigkeiten schuldig machen.“

„Und wenn ich hundert Leben hatte, so konnte ich doch nicht einmal einen Bruchteil all der vielen Wesen retten, die durch meine Schuld gestorben sind“, widersprach Lioren barsch.

„Aber Sie konnten es wenigstens versuchen…“, begann O'Mara, verstummte aber, als der Flottenkommandant erneut mit erhobener Hand um Ruhe bat.

„Wenden Sie sich mit Ihren Argumenten gefalligst an das Gericht und nicht aneinander“, ermahnte Dermod die beiden, wobei er O'Mara und Lioren der Reihe nach anblickte. „Ich werde Sie nicht noch einmal warnen. Major O'Mara, vor einiger Zeit haben Sie erklart, Sie hatten nicht mehr viel vorzubringen. Darf das Gericht davon ausgehen, da? Sie damit jetzt alles gesagt haben?“

Einen Augenblick lang blieb der Chefpsychologe reglos stehen; dann antwortete er: „Ja, Sir“ und setzte sich.

„Sehr schon“, stellte der Flottenkommandant zufrieden fest. „Dann wird das Gericht jetzt die Anklage horen. Oberstabsarzt Lioren, sind Sie bereit fortzufahren?“

Liorens Haut wies eine zunehmende und ungleichma?ige Verfarbung auf, die durch die starken Schuldgefuhle hervorgerufen wurden, die er bereits bei den fluchtigsten Erinnerungen bekam. Allerdings waren die au?en am Korper befindlichen Luftsacke nicht mehr so stark aufgeblaht wie zuvor, so da? der DRLH in der Lage war, leise zu sprechen.

„Ich bin bereit.“

2. Kapitel

Das Cromsag-System war von dem Aufklarungsschiff des Monitorkorps Tenelphi wahrend eines Vermessungseinsatzes im galaktischen Sektor neun erforscht worden, einer der peinlichen dreidimensionalen Lucken in den Karten der Foderation. Die Entdeckung eines Systems mit bewohnbaren Planeten stellte fur die Besatzung stets eine willkommene Abwechslung dar, zumal sich der Alltag durch das Vermessen und

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