Mindestma? zu reduzieren.
Den Eingang der Station, ein umgebautes Unfalldock, bewachten zwei unbewaffnete, aber sehr gro?e Terrestrier vom Monitorkorps, um Unbefugte abzuschrecken und diejenigen, die uber eine Besuchserlaubnis verfugten, anzuweisen, schwere Raumanzuge anzulegen. Zwar seien Atmosphare und Druck auf der Station fur die meisten warmblutigen Sauerstoffatmer geeignet, erklarten die beiden Terrestrier Lioren, aber der Anzug konne ihn davor schutzen, vom Patienten versehentlich getotet zu werden.
In seinem gegenwartigen Gemutszustand hielt Lioren die Gelegenheit, durch fremde Hand ums Leben zu kommen, fur ein au?erst wunschenswertes Schicksal, die Anweisung der Korpsangehorigen befolgte er jedoch widerspruchslos.
Obwohl ihn Seldals Aufzeichnungen auf die Korpermasse und den Umfang des jungen FLSU vorbereitet hatten, war allein die blo?e Gro?e des Patienten schon ein Schock fur ihn, und die Vorstellung, ein erwachsener Groalterri konne noch viele hundertmal so gro? werden, erschien seinem Verstand zu unglaublich, um sie als Wahrheit zu akzeptieren. Denn der Patient nahm mehr als drei Viertel des Rauminhalts des Docks ein und war so riesig, da? Lioren durch die sich daraus ergebende perspektivische Verzerrung nur einen Bruchteil der au?eren Merkmale des Korpers sehen konnte, bis er schlie?lich die Anzugdusen zundete, um den gewaltigen Korper abzufegen.
Im Dock herrschte standig Schwerelosigkeit, und die Bewegungsfreiheit des Patienten wurde geringfugig durch ein Netz eingeschrankt, dessen Maschen gro? genug waren, um die medizinische Untersuchung und Behandlung des FLSU zu ermoglichen. An den vier Wanden sowie an Decke und Boden des Docks hatte man vom provisorisch eingerichteten Stationszimmer aus gesteuerte Traktor- und Pressorstrahlenprojektoren in Position gebracht, die den Patienten mit ihren breitgefacherten Strahlen in der Schwebe hielten und nicht mit den Wanden in Beruhrung kommen lie?en.
Wie Lioren sah, ahnelte die au?ere Gestalt des FLSU einem flachen Oktopoden mit kurzen, dicken, tentakelartigen Gliedma?en, einem Zentralkorper und einem Kopf, der unverhaltnisma?ig gro? erschien. Vier der acht Tentakel endeten in Klauen, die sich erst mit dem Eintritt ins Erwachsenenalter zu Fingern entwickeln wurden, mit denen der FLSU Gegenstande handhaben konnte, wahrend die ubrigen vier in flache, langliche, scharfkantige Knochenplatten ausliefen, die zweimal so lang wie Liorens mittlere Arme waren.
Wie Seldal ihn vorgewarnt hatte, seien diese mit knochernen Spitzen versehenen Extremitaten der Groalterri in den Zeiten vor der Entwicklung von Intelligenz furchteinflo?ende naturliche Waffen gewesen, und wie bei jeder Spezies konnten die ganz jungen Mitglieder manchmal vorubergehend wieder in die grausame Vergangenheit zuruckfallen.
Ein zweites Mal umkreiste Lioren den gewaltigen Korper, wobei er sich so weit vom Netz, das den Patienten umhullte, entfernt hielt, wie es die Wande, die Decke und der Boden des Docks zulie?en. Diesmal betrachtete er sowohl die aberhundert Narben, die von den Operationen zuruckgeblieben waren, und die frisch verbundenen Wunden, als auch die infizierten, von Pusteln ubersaten Stellen, die die Halfte des oberen Korperbereichs bedeckten.
Dieses Leiden hatten tiefe Einstiche in das unter der Haut liegende Gewebe durch eine nichtintelligente, eierlegende Insektenart mit hartem Panzer hervorgerufen, die scheinbar gar nicht uber die korperlichen Voraussetzungen verfugte, mit dem Stachel in solche Tiefen vorzudringen. Der Grund fur diese vielen gewaltsamen Einstiche war jedoch unbekannt. Obwohl die Sprache der Groalterri im Ubersetzungscomputer des Hospitals gespeichert war, hatte sich der Patient bisher geweigert, irgendwelche Auskunfte uber sich selbst oder die Ursache seines Zustands zu erteilen.
Darum beendete Lioren den Rundflug um den Korper, indem er die Anzugdusen abschaltete und sich treiben lie?, bis er schwerelos uber der runden Schwellung schwebte, die der Kopf des FLSU war. Dort, genau in der Mitte uber den vier Augen mit den kraftigen Lidern, die in gleichma?igen Abstanden rings um den Schadel angeordnet und momentan geschlossen waren, befand sich der straff gespannte Hautbereich, der dem Groalterri sowohl als Sprech- wie auch als Hororgan diente.
Lioren gab einen leisen, unubersetzbaren Laut von sich und sagte dann: „Falls ich Sie durch meine Anwesenheit oder meine Worte belastige, mochte ich mich bei Ihnen entschuldigen, denn das ist nicht meine Absicht. Darf ich mit Ihnen sprechen?“
Lange Zeit kam keine Antwort; dann schob sich langsam der gewaltige Hautlappen uber jenem Auge zuruck, das sich Lioren am nachsten befand, und auf einmal blickte der Tarlaner in die Tiefen einer dunklen Transparenz, die immer weiterzugehen schien. Plotzlich spannte sich der Tentakel direkt unter ihm an, schlangelte sich nach oben und zerri? das Netz, in das der FLSU gewickelt war, mit einer Leichtigkeit, als ware es das zerbrechliche Gebilde eines netzspinnenden Insekts gewesen. Die gro?e Knochenplatte an der Spitze des Tentakels krachte direkt hinter Lioren gegen die Wand und hinterlie? eine tiefe, blanke Furche im Metall, bevor sie wieder nach vorne schwang und so dicht an seinem Kopf vorbeizischte, da? er den Luftzug hinter dem geoffneten Visier deutlich spuren konnte.
„Noch so eine dumme, halborganische Maschine“, meinte der Patient, gerade als Lioren von einem stark gebundelten Traktorstrahl erfa?t und blitzschnell ins sichere Stationszimmer gesaugt wurde.
In beruhigendem Ton sagte der diensthabende hudlarische Krankenpfleger: „Untersuchungen, bei denen er angesehen oder beruhrt wird, und selbst Operationen storen den Patienten nicht, aber auf Versuche, sich mit ihm zu unterhalten, reagiert er in recht asozialer Weise. Wahrscheinlich wollte er Sie eher abschrecken als verletzen.“
„Hatte er mich verletzen wollen“, sagte Lioren, wobei er daran dachte, wie die riesige organische Axt haarscharf an seinem Kopf vorbeigezischt war, „ware mir mein Anzug nicht von besonderem Nutzen gewesen.“
„Meine normalerweise undurchdringbare hudlarische Haut auch nicht“, fugte der Krankenpfleger hinzu. „Zwar gehort Doktor Seldal zu einer feingliedrigen Spezies, bei der Feigheit ein wesentliches, weil zum Uberleben unerla?liches Merkmal darstellt, aber er lehnt es ab, einen Schutzanzug zu tragen. Die wenigen anderen Besucher, die hierherkommen, durfen fur sich selbst entscheiden.
Wie ich festgestellt habe, spricht der Patient wahrscheinlich eher mit jemandem, der keinen Schutzanzug tragt, weil er Besucher in Anzugen offenbar fur zum Teil mechanische Wesen von geringer Intelligenz halt“, fuhr der Hudlarer fort. „Dagegen richtet er an ungeschutzte Besucher zwar nur wenige Worte, die zudem nie hoflich sind, aber immerhin spricht er manchmal mit ihnen.“
Lioren dachte uber den kurzen Satz nach, den er vom Patienten gehort hatte, nachdem er von ihm durch den vorgetauschten Angriff so erschreckt worden war, da? er beinahe an Herzversagen gestorben ware, und machte sich daran, den ohnehin nicht schutzenden Anzug auszuziehen. „Fur Ihren Ratschlag bin ich Ihnen sehr dankbar. Helfen Sie mir doch mal bitte aus diesem Ding raus, dann werde ich es noch mal versuchen. Und falls es noch etwas gibt, das Sie mir sagen mochten, werde ich Ihnen mit Vergnugen zuhoren.“
Als der FROB an ihn herantrat, um ihm zu helfen, sagte er mit vibrierender Sprechmembran: „Sie haben mich nicht wiedererkannt, Lioren. Aber ich kenne Sie und bin Ihnen auch dankbar, und zwar fur die hilfreichen Worte, die Sie zu meiner kelgianischen Freundin, der Krankenpflegeschulerin Tarsedth, vor und bei unserem letzten Besuch in Ihrer Unterkunft gesagt haben. Offen gesagt, bin ich ziemlich uberrascht, da? Seldal Ihnen erlaubt hat hierherzukommen. Falls es aber noch irgend etwas gibt, womit ich Ihnen helfen kann, brauchen Sie mich nur zu fragen.“
„Das ist wirklich sehr nett von Ihnen“, bedankte sich Lioren.
Er dachte gerade daran, da? die ihm von O'Mara ubertragene Aufgabe, Seldals Verhalten zu untersuchen, und seine unorthodoxe Methode, dieser nachzugehen, zu vollig unerwarteten Ergebnissen fuhrte. Aus Grunden, die Lioren nicht begreifen konnte, schien er sich offenbar Freunde zu machen.
Als sich Lioren zum zweitenmal dem Kopf des FLSU naherte, trug er am Korper nur den Translator und ein Dusenaggregat, das ihm dabei half, sich in der Schwerelosigkeit zu bewegen. Wieder lie? er sich in die Nahe eines der gewaltigen, geschlossenen Augen treiben und sprach den Patienten an.
„Ich bin weder insgesamt noch teilweise eine Maschine“, sagte er. „Noch einmal frage ich Sie mit allem Respekt: Darf ich mit Ihnen sprechen?“
Erneut offnete sich das Augenlid wie ein riesiges Fallgitter aus Fleisch, doch diesmal reagierte der FLSU prompt.
„Da? Sie die Fahigkeit besitzen, mit mir zu sprechen, daran haben wir ja wohl beide keinerlei Zweifel“, antwortete er mit einer Stimme, die die Ubersetzung wie ein tiefer, gedampfter Trommelwirbel begleitete. „Doch
