Lioren wartete und war insgeheim froh daruber, da? der Patient nicht reagierte, denn dadurch konnte er die grauenhaften Bilder vertreiben und seiner Gedanken wieder Herr werden.

„Lioren“, reagierte der Groalterri plotzlich, ohne das Auge zu offnen, „ich hatte keine Ahnung, da? es einem kleinen Wesen moglich ist, solch ein gro?es Leid zu ertragen. Nur indem ich Sie nicht anblicke, kann ich das auch weiterhin glauben, denn vor meinem geistigen Auge sehe ich ein altes und au?erordentlich ungluckliches Elternteil, das Hilfe sucht. Doch ich kann Ihnen genausowenig helfen wie Sie mir, Lioren, weil ich ebenfalls schuldig bin.“

Die Stimme des Groalterris war so leise geworden, da? der Translator auf hochste Eingangsempfindlichkeit gestellt werden mu?te, um die einzelnen Sprachlaute noch aufzulosen, als er mit den Worten schlo?: „Ich habe mich einer gro?en und furchtbaren Sunde schuldig gemacht.“

14. Kapitel

Mehr als eine Stunde verging, bevor Lioren ins Stationszimmer zuruckkehrte, wo er bereits von Seldal erwartet wurde, der sich aufplusterte und mit den nicht ganz verkummerten Flugeln schlug, was bei Nallajimern ein Zeichen fur Zorn war.

„Wie mir der Pfleger berichtet hat, haben Sie angeordnet, die Gerate zur Aufzeichnung der Gesprache auszuschalten und die fruheren Unterhaltungen mit dem Patienten zu loschen“, beschwerte sich der Chefarzt, bevor Lioren etwas sagen konnte. „Damit haben Sie Ihre Befugnisse weit uberschritten, Lioren, und das ist eine schlechte Angewohnheit von Ihnen. Ich habe geglaubt, da? Sie nach dem Vorfall auf Cromsag so etwas endgultig abgelegt hatten. Aber Sie haben sich mit dem Patienten langer unterhalten als alle medizinischen Mitarbeiter seit seiner Ankunft zusammengenommen. Was hat er Ihnen erzahlt?“

Einen Augenblick lang schwieg Lioren, dann antwortete er: „Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Ein Gro?teil der Auskunfte sind personlicher Natur, und ich habe mich noch nicht entschieden, was ich verraten kann und was nicht.“

Seldal stie? ein lautes, unglaubiges Zwitschern aus. „Sie mussen vom Patienten Auskunfte erhalten haben, die mir bei der Behandlung helfen konnten. Zwar kann ich keinem Mitarbeiter Ihrer Abteilung befehlen, sensible Informationen uber die Psyche eines anderen Lebewesens preiszugeben, dennoch kann ich O'Mara bitten, dies anzuordnen.“

„Chefarzt Seldal, ob das nun der Chefpsychologe personlich macht oder sonst jemand, der uber eine entsprechende Machtbefugnis verfugt, meine Antwort bleibt immer dieselbe“, beharrte Lioren.

Der hudlarische Pfleger hatte sich inzwischen zuruckgezogen, um seinen Stationschef nicht dadurch in Verlegenheit zu bringen, da? er ein Streitgesprach verfolgte, in dem dieser unterlag.

„Kann ich davon ausgehen, da? ich noch Ihre Erlaubnis habe, den Patienten auch weiterhin zu besuchen?“ fragte Lioren leise. „Moglicherweise gelingt es mir, durch Beobachtungen, Schlu?folgerungen und die Feststellung von Tatsachen zu Erkenntnissen uber den FLSU selbst oder uber seine Spezies zu gelangen, die nicht personlich sind und somit auch Ihnen behilflich sein konnten. Aber dabei ist au?erste Vorsicht geboten, damit der Patient uns das nicht ubelnimmt, denn dem Inhalt seiner Gedanken und der Au?erungen, durch die er diese mitteilt, mi?t er gro?en Wert bei.“

Inzwischen hatten sich Seldals Federn wieder wie eine glatte und schimmernde Decke um den Korper gelegt. „Sie haben meine Erlaubnis, die Besuche fortzusetzen. Und jetzt werden Sie hoffentlich nichts dagegen haben, wenn ich mich einmal mit meinem Patienten selbst unterhalte.“

„Wenn Sie ihm versichern, da? die Aufzeichnungsgerate ausgeschaltet bleiben, wird er sich vielleicht mit Ihnen unterhalten“, riet ihm Lioren.

Als Seldal das Stationszimmer verlie?, kehrte der hudlarische Pfleger auf seinen Posten an den Monitoren und Kontrollgeraten zuruck und sagte mit leiser Stimme: „Bei allem Respekt, Lioren, das hudlarische Hororgan ist au?erst empfindlich und kann nur lahmgelegt werden, wenn man einen dicken Schalldampfer daruber stulpt. Doch konnte niemand ahnen, da? es auf dieser Station einen Bedarf an solchen Schalldampfern gibt, und deshalb stand mir eben auch keiner zur Verfugung.“

„Haben Sie etwa alles gehort?“ emporte sich Lioren, der plotzlich zornig wurde, weil das Vertrauen des Patienten gebrochen worden war und das Gesprach, das Lioren vor Seldal geheimgehalten hatte, dem Chefarzt bald in allen Einzelheiten als Gerucht zu Ohren kommen wurde. „Auch von dem Verbrechen, das der FLSU vor seiner Ankunft im Hospital begangen haben will?“

„Ich hatte die Anweisung, nichts zu horen“, antwortete der Hudlarer in ruhigem Ton, „deshalb habe ich auch nichts gehort und kann uber das, was ich nicht gehort habe, mit niemand anderem sprechen als mit demjenigen, der mir verboten hat, etwas zu horen.“

„Danke, Pfleger“, sagte Lioren mit gro?er Erleichterung. Er warf einen kurzen Blick auf die Armbinde des Hudlarers, auf der sich nur die Zeichen des Hospitalpersonals und der Abteilung des FROBs befanden — denn beim Namen wurden Hudlarer nur von ihren Familienangehorigen oder von ihren zukunftigen Lebensgefahrten genannt — , und pragte sie sich genau ein, damit er den Pfleger spater wiedererkennen konnte. Dann fragte er: „Mochten Sie jetzt mit mir den einen oder anderen Aspekt meines Gesprachs mit dem Patienten erortern, den Sie vielleicht nicht mitbekommen haben?“

„Bei allem Respekt, Lioren, aber ich wurde lieber eine kleine Anmerkung machen, wenn Sie nichts dagegen haben“, entgegnete der Hudlarer zuruckhaltend. „Offensichtlich gewinnen Sie namlich das Vertrauen des Patienten mit beachtlicher Geschwindigkeit, indem Sie freimutig uber sich selbst sprechen und ihn dadurch zu genau derselben Offenheit herausfordern.“

„Fahren Sie fort“, warf Lioren ein.

„Auf meinem Planeten und vermutlich auch bei der Mehrheit der Bevolkerung auf Ihrem Heimatplaneten Tarla wurde das, was der FLSU als ??„Sunde“ bezeichnet, keine Rolle spielen, weil wir glauben, da? unser Leben mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet, und weil wir nicht zwischen den Formen des Vergehens unterscheiden, die anscheinend dem Patienten zu schaffen machen. Doch was die Groalterri und auch viele andere Zivilisationen uberall in der Foderation betrifft, wagen Sie sich auf ein gefahrliches philosophisches Terrain.“

„Ich wei?“, sagte Lioren, wahrend er sich zum Gehen wandte. „Das Ganze ist nicht mehr ein rein medizinisches Problem, und ich hoffe, einige der Antworten, die ich brauche, kann mir der Bibliothekscomputer geben. Wenigstens wei? ich schon, wie meine erste Frage lautet.“

Was ist der Unterschied zwischen einem Verbrechen und einer Sunde?

Als Lioren in die psychologische Abteilung zuruckkehrte, teilte man ihm mit, da? sich O'Mara zwar wieder in seinem Buro befinde, aber Anweisung gegeben habe, keinesfalls gestort zu werden. Braithwaite und Cha Thrat wollten gerade Feierabend machen, doch die Sommaradvanerin zogerte noch, weil sie offenbar die Absicht hegte, den Tarlaner etwas zu fragen. Da sich Lioren nicht sicher war, wieviel er sagen durfte, bemuhte er sich, die stumme Neugier Cha Thrats nicht zu beachten.

„Ich wei?, da? Sie sehr beunruhigt sind“, sagte die Sommaradvanerin und deutete plotzlich auf Liorens Bildschirm. „Sind Ihre Sorgen bereits so gro?, da? Sie jetzt Trost suchen, indem Sie. Lioren, fur eine Personlichkeit, die in sich so ausgewogen ist wie die Ihre, ist das ein sehr uncharakteristisches und beunruhigendes Verhalten. Warum fordern Sie die ganzen Studienunterlagen uber die Religionen der Foderation an?“

Lioren mu?te eine kurze Pause machen, um sich seine Antwort zu uberlegen, weil ihm plotzlich zu Bewu?tsein gekommen war, da? er, seit er sich mit Seldal und seinen Patienten beschaftigte, viel mehr Zeit damit verbracht hatte, uber die Probleme von Mannon und dem Groalterri nachzudenken als uber die eigenen. Diese Erkenntnis war eine gro?e Uberraschung fur ihn.

„Ich bin Ihnen fur Ihre Besorgnis wirklich sehr dankbar“, antwortete er schlie?lich vorsichtig. „Mein Kummer ist aber seit unserem letzten Gesprach nicht gro?er geworden. Wie Sie bereits wissen, untersuche ich Seldals Verhalten, indem ich mit seinen Patienten spreche. Das Ganze ist nun aber in ethischer Hinsicht ziemlich kompliziert geworden, und zwar so sehr, da? ich mir nicht sicher bin, wieviel ich Ihnen daruber verraten darf. Religion spielt dabei auch eine gewisse Rolle. Doch das ist ein Gebiet, auf dem ich mich uberhaupt nicht auskenne, und falls man mir Fragen dazu stellt, mochte ich mich nicht gerne in Verlegenheit bringen lassen.“

„Aber wer sollte Ihnen Fragen uber Religion stellen, wo das doch ein Thema ist, das niemand im Hospital

Вы читаете Radikaloperation
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату