anschneiden soll?“ erkundigte sich Cha Thrat. „Das fuhrt nur zu Auseinandersetzungen, die keiner gewinnen kann. Ist es vielleicht der todkranke Patient, Mannon, der Ihnen solche Fragen stellt? Falls er in dieser Richtung Hilfe benotigt, frage ich mich, ob er nicht lieber ein Mitglied seiner eigenen Spezies zu Rate ziehen sollte als Sie. Ihre Verschwiegenheit zu diesem Thema kann ich allerdings gut nachvollziehen.“

Jemanden falsche Schlu?folgerungen ziehen zu lassen ist nicht dasselbe, wie zu lugen, dachte Lioren.

Cha Thrat machte eine Geste, deren Bedeutung Lioren nicht kannte, und fuhr fort: „Aus medizinischer Sicht wurde ich sagen, da? Sie nicht nur vollig vergessen haben, etwas zu essen, sondern auch zu schlafen, Lioren. Die Unterlagen konnen Sie genausogut mit dem Computer in Ihrer Unterkunft abrufen. Was die verschiedenen Glaubensgemeinschaften der Terrestrier betrifft, kann ich Ihnen zwar nicht helfen, aber lassen Sie uns doch in die Kantine gehen, dort werde ich Ihnen dann von den verschiedenen Religionen erzahlen — es handelt sich insgesamt um funf — , die es auf Sommaradva gibt. Das ist ein Gebiet, auf dem ich mich bestens auskenne, wenngleich ich nur mit wenig Uberzeugung davon sprechen kann.“

Wahrend ihres gemeinsamen Essens, das sie nicht in der Kantine, sondern in Liorens Unterkunft einnahmen, und in dem sich daran anschlie?enden Gesprach drangte Cha Thrat zwar nicht auf Auskunfte, die der Tarlaner nicht geben wollte, doch hatte er es dafur bei seinem nachsten Besuch bei Mannon nicht mehr so leicht wie vorher.

„Verdammt noch mal, Lioren“, beklagte sich der ehemalige Diagnostiker, der nicht mehr unter Kurzatmigkeit zu leiden schien, „wie mir Seldal erzahlt, haben Sie und der Groalterri sich unterhalten, und zwar langer, als es bisher sonst jemandem im Hospital gelungen ist, und dann sollen Sie sich geweigert haben, irgendwem etwas vom Inhalt des Gesprachs mitzuteilen. Und jetzt verlangen Sie indirekt von mir, da? ich Ihnen eine moralische Rechtfertigung fur Ihr Schweigen verschaffe, ohne mir den Grund zu nennen, warum Sie nichts verraten wollen.

Was, um Himmels willen, geht hier eigentlich vor, Lioren?“ fragte er zum Schlu?. „Die Neugier bringt mich noch um.“

„Neugier ware nur eine Todesursache unter vielen“, stellte Lioren gelassen fest, wobei er einen Blick auf den Korper und das Gesicht mit den jugendlichen Augen warf, die beide vom Alter gezeichnet waren.

Der Patient stie? einen unubersetzbaren Laut aus. „Wenn ich es richtig verstanden habe, besteht Ihr Problem darin, da? Sie wahrend Ihres zweiten und viel langeren Besuchs bei dem Groalterri, vermutlich im Austausch gegen personliche Angaben zu sich selbst und zu den Planeten und Mitgliedspezies der Foderation, jede Menge Informationen uber den Patienten, seine Artgenossen und seine Kultur erhalten haben. Viele dieser Auskunfte sind unpersonlicher und medizinischer Natur und haben sowohl fur den behandelnden Arzt des Groalterris als auch fur die Kontaktspezialisten des Monitorkorps einen au?erst hohen Wert. Sie selbst jedoch halten sich fur verpflichtet, nichts zu verraten. Aber sicherlich wissen Sie, da? weder Sie noch der Patient das Recht haben, derartige Informationen zuruckzuhalten.“

Mit einem Auge musterte Lioren die Biosensoren und hielt nach Anzeichen fur Atembeschwerden nach diesem langen Monolog Mannons Ausschau, konnte aber keine entdecken.

„Bei personlichen Dingen ist das naturlich was anderes“, fuhr Mannon fort. „Mein damaliger Versuch, Sie zur Verkurzung meiner Wartezeit zu uberreden, durfte naturlich nicht allgemein bekannt werden, weil er nur mich selbst betroffen hat und keinen Einflu? auf die Behandlung eines Patienten einer neu entdeckten Spezies hatte und sich erst recht nicht auf deren zukunftige Beziehungen zur Foderation auswirkte. Bei den medizinischen oder nichtmedizinischen Informationen, zu denen Sie durch die Au?erungen des Groalterris oder durch eigene Schlu?folgerungen gelangt sind, handelt es sich hingegen um Kenntnisse, die sich auf nichts Personliches beziehen. Also haben Sie kein Recht, diese fur sich zu behalten. Sie sollten jedermann zuganglich sein, genau wie die Funktionsprinzipien unserer Scanner oder der Hyperantriebsgeneratoren allen zur Verfugung stehen, die in der Lage sind, sie zu verstehen und die Gerate oder Maschinen gefahrlos zu bedienen, auch wenn der Hyperantrieb in der schlechten alten Zeit als streng geheim eingestuft worden ist, was immer das auch bedeutet hat. Aber Wissen ist, na ja, eben Wissen. Sie konnten genausogut versuchen, ein Naturgesetz geheimzuhalten. Haben Sie schon versucht, das alles dem Groalterri zu erklaren?“

„Ja“, antwortete Lioren. „Aber als ich ihm vorgeschlagen habe, die unpersonlichen Teile unseres Gesprachs auch anderen Wesen zuganglich zu machen, und ihm erklarte, da? dies keinen Vertrauensbruch darstelle, weil es zweifellos unmoglich ware, jeden einzelnen Groalterri auf seinem Heimatplaneten um Erlaubnis zu bitten, diese Informationen preiszugeben, sagte er, er musse sich seine Antwort erst noch sorgfaltig uberlegen. Ich bin mir sicher, da? er uns gern helfen wurde, aber vielleicht hindern ihn irgendwelche religiosen Zwange daran, und ich will keinesfalls an einer ablehnenden Reaktion schuld sein, nur weil ich wieder einmal meine Ungeduld nicht zugeln konnte. Sollte der FLSU wutend werden, ist er sogar imstande, ein Loch in die Au?enwand der Station zu schlagen, wodurch sie zum Weltraum hin geoffnet werden wurde.“

„Ja, ich wei?“, sagte Mannon mit entblo?ten Zahnen. „Kinder konnen manchmal ganz schone Wutanfalle bekommen, egal, wie gro? sie zufallig sind. Was die Frage der Religion angeht, so glauben viele Terrestrier.“

Er verstummte, weil in diesem Moment in dem kleinen Zimmer ein wahrer Ansturm von Besuchern einsetzte. Zuerst erschien Chefpsychologe O'Mara, dem Chefarzt Seldal folgte und gleich dahinter Prilicla, der hereingeflogen kam und sich mit den spinnenartigen Beinen, die an den Spitzen mit Saugnapfen versehen waren, an die Zimmerdecke heftete, wo der zerbrechlich wirkende Korper durch unbedachte Bewegungen seiner korperlich gro?eren und kraftigeren Kollegen weniger gefahrdet war. O'Mara nahm Liorens Anwesenheit zur Kenntnis, nickte ihm kurz zu und beugte sich uber den Patienten.

„Wie ich hore, reden Sie wieder mit anderen Leuten und mochten insbesondere mit mir sprechen, um mich um einen Gefallen zu bitten, Mannon“, begru?te O'Mara den ehemaligen Diagnostiker mit einer derart sanften Stimme, wie sie Lioren nie zuvor von ihm gehort hatte. „Wie geht es Ihnen, alter Freund?“

Mannon entblo?te die Zahne und blickte mit zur Seite geneigtem Kopf in Seldals Richtung. „Mir geht's gut. Aber warum fragen Sie nicht meinen Arzt?“

„Die Symptome sind zwar vorubergehend ein wenig abgeklungen“, antwortete Seldal, bevor O'Mara die Frage offiziell stellen konnte, „doch das Krankheitsbild hat sich nicht wesentlich geandert. Der Patient sagt zwar, es gehe ihm besser, aber das mu? eine Selbsttauschung sein, und unabhangig davon, ob er hier auf der Station bleibt oder irgendwo anders hin verlegt wird, er konnte jederzeit sterben.“

O'Maras Au?erung, Mannon wolle ihn um einen Gefallen bitten, beunruhigte Lioren. Wie er furchtete, handelte es sich um denselben Gefallen, um den ihn Mannon bereits selbst gebeten hatte, nur wurde der Wunsch nach einem baldigen Tod jetzt offentlicher vorgebracht werden, und daruber war Lioren nicht nur traurig, er schamte sich auch. Doch der Empath Prilicla reagierte nicht so, wie es Lioren in solch einer gefuhlsgeladenen Situation erwartet hatte.

„Nach der emotionalen Ausstrahlung von Freund Mannon zu urteilen, durfte fur einen Psychologen und auch sonst niemanden der geringste Grund zur Besorgnis bestehen“, erklarte Prilicla gerade, wobei die rollenden Schnalzlaute seiner Sprache wie eine musikalische Untermalung der Ubersetzung klangen. „Freund O'Mara mu? nicht daran erinnert werden, da? ein denkendes und fuhlendes Wesen aus Korper und Geist besteht und ein hochst motivierter Geist den betreffenden Korper stark beeinflussen kann. Trotz des pessimistischen Krankheitsbildes geht es Freund Mannon tatsachlich gut.“

„Na, was habe ich Ihnen gesagt?“ triumphierte Mannon und blickte O'Mara erneut mit entblo?ten Zahnen an. „Mir ist vollig klar, da? es sich hier um eine Untersuchung meines Gesundheitszustands handelt, bei der Seldal beharrlich beteuert, da? ich bald sterben musse, Prilicla genauso beharrlich entgegenhalt, mir gehe es blendend, und Sie versuchen werden, zwischen den beiden als Schiedsrichter zu fungieren. Aber in den letzten Tagen habe ich hier drinnen unter einer nichtmedizinischen und todlichen Langeweile gelitten, und ich will hier raus. Naturlich ware ich nicht in der Lage zu operieren und konnte nur die geringsten korperlichen Anstrengungen auf mich nehmen. Aber ich bin immer noch imstande, zu unterrichten und Cresk-Sar einen Teil der Last abzunehmen, und die technischen Mitarbeiter konnten fur mich eine fahrbare Schutzhulle mit Scheiben aus Sicherheitsglas und Schwerkraftneutralisatoren entwickeln. Ich wurde viel lieber bei irgendeiner Tatigkeit sterben als in Untatigkeit hier im Krankenzimmer, und ich.“

„Mein alter Freund, legen Sie doch um Himmels willen mal eine Atempause ein“, fiel ihm O'Mara ins Wort, wobei er einen Finger hochhielt, um auf die Anzeigen der Biosensoren zu deuten.

„Ich bin keineswegs so hilflos, wie ich erscheine“, fuhr Mannon nach der kurzesten Atempause aller Zeiten fort. „Ich wette, Prilicla konnte ich noch jederzeit im Armdrucken besiegen.“

Eins von den unglaublich zerbrechlich wirkenden Vordergliedern des Cinrusskers loste sich von der

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