„In dieses Hospital sind Beschutzer der Ungeborenen eingeliefert worden“, fuhr Lioren fort, „und wir versuchen, Mittel und Wege zu finden, ihre Nachkommen ohne die sich aus der Geburt ergebende Zerstorung des Verstands zur Welt kommen zu lassen und diesen Neugeborenen beizubringen, nicht alles anzugreifen und umzubringen, was ihnen vor die Augen kommt.“

Wahrend Liorens Ausfuhrungen war der Groalterri reglos geblieben und hatte geschwiegen. Lioren sprach weiter, doch nach und nach verlagerte sich das Thema von Beschreibungen der physiologischen Merkmale der Spezies, aus denen die Foderation bestand, zu den philosophischen Standpunkten, die sie verbanden oder manchmal auch trennten. Da Lioren wissen wollte, was den Patienten bekummerte, hatte er diesen Themenwechsel absichtlich herbeigefuhrt.

„Eine Handlung, die von der einen Spezies wegen einer evolutionsgeschichtlichen Notwendigkeit oder — seltener — aufgrund einer zu engstirnigen philosophischen Erziehung als gro?es Unrecht betrachtet wird, kann von einer anderen als vollig normales und untadeliges Verhalten angesehen werden. Oftmals handelt es sich bei dem hochsten Richter, der nie korperlich gegenwartig ist, sondern fur den andere sprechen, um ein immaterielles Wesen, das fur den allwissenden, allmachtigen und allbarmherzigen Schopfer aller Dinge gehalten wird.“

Unter ihm und rings um ihn bewegten sich die Tentakel unruhig hin und her, und das Auge, das ihn unentwegt betrachtet hatte, schlo? sich, aber ansonsten kam vom FLSU keine Reaktion. Lioren wu?te zwar, da? er ein Risiko einging, wenn er in diesem Stil fortfuhr, doch er spurte auf einmal das dringende Verlangen, die Gedankenwelt dieses gro?en und hochst bekummerten Wesens zu verstehen.

„Auf diesem Gebiet kenne ich mich nur unvollstandig aus“, fuhr er fort, „aber bei den meisten intelligenten Spezies soll sich dieses allmachtige und immaterielle Wesen in korperlicher Gestalt offenbart haben. Die physiologischen Klassifikationen dieses Wesens wechseln nach der fur die jeweiligen Umweltbedingungen der betreffenden Planeten geeigneten Form, doch in allen Fallen tritt es als Lehrmeister und Gesetzgeber in Erscheinung und stirbt unter den Handen derjenigen, die seine Lehren zunachst nicht akzeptieren konnen. Aber diese Lehren bilden uber kurz oder lang die philosophische Grundlage fur den gegenseitigen Respekt, das Verstandnis und die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedern der betreffenden Spezies, durch die schlie?lich die Grundung einer planetarischen und interstellaren Zivilisation ermoglicht wird.

Manche glauben, es sei immer dasselbe Wesen, das auf allen Planeten erschienen ist oder erscheinen wird, wenn seine Schopfung bedroht ist und seine Lehren am dringendsten gebraucht werden. Doch die gemeinsamen Nenner all dieser unterschiedlichen Glaubensrichtungen sind Mitleid, Verstandnis und Vergebung fruheren Unrechts jeglicher Form, unabhangig davon, ob es sich um ein verzeihliches oder ein au?erst schweres Vergehen handelt. Diese Vergebung wird durch den Tod der korperlichen Offenbarung des immateriellen Wesens veranschaulicht, der in allen Fallen schmahlich und mit korperlichen Qualen verbunden sein soll. Auf der Erde soll dieser Tod eingetreten sein, nachdem der Korper mit Nageln aus Metall an ein Holzkreuz geschlagen worden war, und die creppelianischen Oktopoden haben etwas benutzt, das sie den ??„Kreis der Schande“ nennen, in dem die voll ausgestreckten Tentakel mit Pflocken am nackten Boden befestigt wurden, bis der Tod durch Austrocknung eintrat, wahrend sich die Kelgianer.“

„Kleiner Lioren“, unterbrach ihn der Groalterri und offnete das Auge, „erwarten Sie von diesem allmachtigen Wesen, da? es Ihnen Ihre eigene schwere Sunde vergibt?“

Nach dem langen Schweigen des Patienten uberraschte ihn diese Frage. „Ich habe keine. Was ich meine, ist, da? es andere Wesen gibt, nach deren Ansicht diese Lehrmeister und Gesetzgeber von Natur aus in jeder intelligenten Zivilisation in Erscheinung treten, die sich im Ubergangsstadium von der Barbarei zu den Anfangen einer wahren Kultur befindet. Auf einigen Planeten haben viele Gesetzgeber gelebt, deren Lehren sich in geringfugigen Einzelheiten voneinander unterscheiden und die nicht von all ihren Anhangern fur Verkorperungen eines allmachtigen Wesens gehalten werden. Diese Lehrmeister sind ausnahmslos dafur eingetreten, gegen Ubeltater barmherzig zu sein und ihnen zu vergeben, und normalerweise sind sie durch die Hande ihrer eigenen Gefolgsleute umgekommen. Hat es in der Geschichte von Groalter auch so ein Wesen gegeben? Solch einen gro?en Lehrmeister der Vergebung?“

Das Auge musterte ihn weiterhin, doch die Sprechmembran des Patienten bewegte sich nicht. Vielleicht war die Frage in irgendeiner Weise ansto?ig gewesen, denn offenkundig wollte der Groalterri sie nicht beantworten.

„Ich glaube nicht, da? mir vergeben werden kann, denn ich bin nicht einmal imstande, mir selbst zu vergeben“, gestand Lioren ein.

Diesmal erfolgte eine prompte und vollig uberraschende Antwort.

„Kleiner Lioren“, sagte der Groalterri, „meine Frage hat Ihnen innerlich gro?e Schmerzen bereitet, und das tut mir leid. Sie haben mich mit Ihren Geschichten von den Planeten und den Spezies Ihrer Foderation sehr gefesselt. Besonders interessant fand ich Ihre Erzahlungen uber die verschiedenen Philosophien, die sich auf seltsame Weise ahneln, und eine Zeitlang war mein gro?er Kummer sehr viel ertraglicher. Fur diese Freundlichkeit haben Sie mehr von mir verdient als nur eine verletzende Antwort, und ich wei? Ihre Bemuhungen zu schatzen.

Die Information, die ich Ihnen jetzt geben werde — aber nur diese Information — , durfen Sie weitergeben und mit anderen erortern. Sie betrifft den Ursprung und die Geschichte der Groalterri und enthalt nichts, was sich auf mich personlich bezieht. Alle vorhergehenden und folgenden Gesprache zwischen uns mussen jedoch vertraulich bleiben.“

„Selbstverstandlich!“ rief Lioren in seiner Aufregung so laut, da? er den Translator uberlastete. „Ich bin Ihnen sehr dankbar; wir alle werden Ihnen dankbar sein. Aber. aber unsere Dankbarkeit ist unpersonlicher Art. Konnen Sie mir denn wenigstens verraten, wie Sie hei?en und was Sie normalerweise machen?“

Er verstummte, weil er sich fragte, ob die Erkundigung nach dem Namen und der Tatigkeit des FLSU ein Fehler gewesen war — womoglich sein letzter Fehler.

Plotzlich entrollte sich einer der Tentakel des Groalterris, pfiff mit der knochernen Spitze an Liorens Kopf vorbei und prallte gegen die Metallwand, gegen die er mehrere Sekunden lang periodisch unter ohrenbetaubendem Larm schlug, bevor er blitzartig zuruckgezogen wurde.

In der Mitte einer der wenigen Teile der Wandverkleidung, die nach dem fruheren Wutanfall des FLSU ohne Beulen geblieben waren, prangte jetzt die vollkommen geometrische Figur eines achtzackigen Sterns. Die Linien, aus denen er bestand, waren schnurgerade, wiesen dieselbe Tiefe und Breite auf — die irgendwo zwischen den Ausma?en einer tiefen, breiten Furche und eines feinen, oberflachlichen Kratzers lagen — und trafen in der Mitte ohne Lucken oder Uberschneidungen haargenau zusammen.

„Ich bin der kleine Hellishomar, der Messerheiler“, sagte der FLSU leise. „Sie, Lioren, wurden mich als Chirurgen bezeichnen.“

16. Kapitel

Hellishomar konzentrierte seinen Angriff auf eine Stelle, an der die Haut dunn und das darunter liegende Gewebe weich war, indem er mit allen vier Knochenplatten das Fleisch aufri?, bis der blutige Krater so gro? und tief war, da? er mitsamt der Ausrustung hindurchpa?te. Dann klappte er hinter sich den Fleischlappen der Offnung zu, die er in den Korper geschnitten hatte, und verschlo? ihn hermetisch, schaltete die Lampe und die Wischer der Augenschutzer an, uberprufte die Fullmenge des Brennstoffbehalters und grub sich weiter voran.

Dieser Elternteil war alt, alt genug, um der Vorfahre von Hellishomars Gro?elternteil zu sein, und die graue Faule, von der der alte FLSU befallen war, hatte sich bereits uber den gesamten gewaltigen Korper und auch ein ganzes Stuck nach innen ausgebreitet. Wie es bei Eltern ublich war, hatte auch dieser Patient die ersten Symptome verheimlicht, um den tagelang anhaltenden starken Schmerzen und gewaltsam zugefugten Wunden aus dem Weg zu gehen, die eine Operation mit sich gebracht hatte, bis ihn die zusehends wachsenden Krebsgeschwulste bewegungsunfahig gemacht hatten und der Verband der Messerheiler von einem der zufallig vorbeikommenden Kleinen uber seinen Zustand unterrichtet worden war.

Zwar war Hellishomar fur einen Kleinen bereits recht alt und fur einen Messerheiler ziemlich gro?, doch seine umfassenden Kenntnisse und unvergleichlichen Erfahrungen glichen den Schaden mehr als aus, den er dadurch verursachte, da? er so gro?e Einschnitte machen mu?te, um in den Korper des Patienten zu gelangen; die tieferen Gewebeschichten waren jedoch stets sehr weich, so da? er haufig nur einen einzigen Schnitt zu machen

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