falls Sie Ihre Frage nur nachlassig formuliert haben, wie es hier bei vielen Au?erungen der Fall ist, und eigentlich wissen wollen, ob ich Ihnen zuhoren und antworten werde, dann bezweifle ich das.“
Einer der riesigen Tentakel direkt unter Lioren begann sich unruhig in dem zerrissenen Netz zu regen und verfiel dann wieder in Bewegungslosigkeit. „Ihre Gestalt ist mir zwar neu, aber Sie werden hochstwahrscheinlich das gleiche fragen und sich genauso verhalten wie alle anderen. Sie werden mir Fragen stellen, deren Antworten durch vorherige Beobachtung bereits bekannt sein mu?ten. Sogar dieser kleine Messerstecher namens Seldal, der in mir herumstochert und mir seltsame Chemikalien in die Wunden fullt, fragt mich, wie es mir geht. Wenn der es nicht wei?, wer dann? Und alle benehmen sich mir gegenuber, als hatten sie die Gewalt und die Autoritat von Eltern und als ware ich der kleine Nachkomme, der getrostet werden mu?. Das ist, als wurden Insekten vorgeben, kluger und gro?er als ein groalterrisches Elternteil zu sein, und das ist unglaublich lacherlich.
Ich spreche Ihnen gegenuber von diesen Dingen in ganz einfachen Worten, weil ich hoffe, da? Sie die Macht haben, dieser albernen Verstellung ein Ende zu bereiten, und mich ungestort sterben lassen.
Und jetzt verschwinden Sie“, beendete der FLSU seine Ausfuhrungen, „und zwar sofort!“
Das gro?e Auge schlo? sich, als wollte es Lioren aus dem Blick und den Gedanken verbannen, doch der Tarlaner ruhrte sich nicht von der Stelle. „Ihre Wunsche in dieser Angelegenheit werden unverzuglich an diejenigen weitergeleitet werden, die sich mit Ihrer Behandlung befassen, da unsere Unterhaltung aufgenommen wird, und zwar fur eine spatere Untersuchung durch.“
Lioren verstummte. Samtliche Tentakel des FLSU schlangelten und wanden sich im Netz hin und her, das an mehreren Stellen gerauschvoll ri?, bevor sie sich wieder entspannten.
„Meine Au?erungen sind Ausdruck meiner Gedanken, die ich Ihnen wie auch meinen vorherigen Gesprachspartnern auf diese Weise mitgeteilt habe“, meldete sich der Patient erneut zu Wort. „Ohne meine ausdruckliche Erlaubnis, die ich zu jedem solcher Anlasse neu geben mu?, durfen diese Gedanken mit keinem Wesen geteilt werden, das nicht anwesend ist, weil dessen Verstand die Bedeutung und den Sinn meiner Worte hochstwahrscheinlich mi?versteht und verfalscht. Falls dies trotzdem geschieht, werde ich keinen Ton mehr von mir geben. Und jetzt verschwinden Sie endlich.“
Lioren ruhrte sich immer noch nicht von der Stelle. Statt dessen stellte er seinen Translator auf die Frequenz des Stationszimmers ein und schickte sich an, noch einmal in der Manier eines Oberstabsarztes zu sprechen.
„Pfleger“, sagte er, „schalten Sie bitte samtliche Aufnahmegerate aus und loschen Sie alles, was seit meinem Eintreffen gesprochen worden ist. Mit den fruheren Gesprachen zwischen Doktor Seldal und dem Patienten verfahren Sie bitte genauso. Alle personlichen Dinge, die Sie heute oder fruher vom Patienten gehort haben, sind als vertrauliche Mitteilungen zu behandeln und an niemand anderen weiterzugeben. Von diesem Moment an werden Sie, sofern Ihnen der Patient selbst nicht die Erlaubnis dazu erteilt, kein Gesprach mehr zwischen dem Patienten und irgendwem sonst mithoren und auch nicht Ihre eigenen organischen Schallsensoren dazu benutzen. Haben Sie meine Anweisungen voll und ganz verstanden? Bestatigen Sie das bitte.“
„Ich habe verstanden“, antwortete der Hudlarer. „Aber wird das auch bei Chefarzt Seldal der Fall sein?“
„Wenn ich den Chefarzt darauf aufmerksam mache, wie sehr der Patient es ablehnt, da? von seinen Au?erungen unerlaubte Aufnahmen gemacht werden, wird auch er Verstandnis dafur haben. Bis dahin ubernehme ich die volle Verantwortung.“
„In Ordnung, dann unterbreche ich jetzt die Tonverbindung“, bestatigte der Pfleger.
Wie Lioren wu?te, war nur die Tonverbindung unterbrochen, denn der Pfleger wurde die Vorgange nicht nur weiterhin auf den medizinischen Kontrollgeraten verfolgen und aufzeichnen, sondern Lioren sogar noch aufmerksamer als vorher auf den Bildschirmen beobachten, falls er mit den Traktorstrahlen aus erneuten Schwierigkeiten herausgeholt werden mu?te. Lioren wandte seine Aufmerksamkeit dem Auge des Patienten zu, das inzwischen wieder geschlossen war.
„Wir konnen jetzt miteinander reden, ohne da? unser Gesprach von jemandem belauscht oder aufgenommen wird“, sagte Lioren. „Au?erdem werde ich ohne Ihre ausdruckliche Erlaubnis nicht eine Silbe von dem, was Sie sagen, vor anderen wiederholen. Stellt Sie das zufrieden?“
Der gewaltige Korper des Patienten blieb reglos, der FLSU selbst sagte keinen Ton, und das Auge offnete sich nicht. Lioren mu?te an seinen ersten Besuch beim ehemaligen Diagnostiker Mannon denken und daran, da? sich dieser Patient hier ebenfalls nicht regte, nach den Anzeigen der medizinischen Kontrollgerate jedoch genau wie Mannon bei Bewu?tsein war. Vielleicht schliefen die FLSUs nicht, denn der Foderation gehorten mehrere Spezies an, die vor der Entwicklung von Intelligenz fortwahrend in au?erster Lebensgefahr geschwebt hatten, so da? ein Teil ihres Verstands noch heute standig wachsam blieb. Moglicherweise beachtete der Patient ihn aber auch nicht mehr, zumal er einer Spezies angehorte, die von allen bisher entdeckten Zivilisationen als die in philosophischer Hinsicht fortschrittlichste angesehen wurde, und weil er Lioren bereits zweimal aufgefordert hatte, ihn in Ruhe zu lassen, und zu zivilisiert war, um seiner Bitte korperlich Nachdruck zu verleihen.
In Mannons Fall war es die eigene Neugier gewesen, die den Patienten schlie?lich veranla?t hatte, sein Schweigen zu brechen.
„Sie haben mir mitgeteilt, da? die Aufmerksamkeit und die Fragen der medizinischen Mitarbeiter Sie argern, weil die wie winzige Insekten einen Riesen umschwarmen und sich benehmen, als wurden sie uber die Macht groalterrischer Eltern verfugen. Haben Sie sich eigentlich schon mal Gedanken daruber gemacht, da? diese Wesen sich trotz ihrer geringen Gro?e die gleichen Sorgen um Sie machen und dasselbe Bedurfnis, Ihnen zu helfen, verspuren wie Ihre leiblichen Eltern? Ubrigens ist mir der Vergleich mit Insekten genauso unangenehm wie Ihren anderen Besuchern, falls Sie denen auch so etwas erzahlt haben, denn wir sind keine vernunftlosen Insekten.
Ich ziehe bei weitem den Vergleich vor, nach dem ein hochintelligentes Lebewesen eine Kreatur von geringerer Intelligenz als einen Freund gewonnen hat oder auch nur als eine Art Scho?tier, falls die Groalterri sich unter diesem Begriff etwas vorstellen konnen“, fuhr Lioren fort. „Zwei solche Wesen konnen oft eine starke, nichtkorperliche Bindung zueinander eingehen, und — so albern die Vorstellung auch erscheinen mag — falls das Wesen mit der hoheren Intelligenz verletzt wird oder in irgendeine Bedrangnis gerat, wird das andere es trosten wollen und traurig sein, wenn es tatenlos mit ansehen mu?, da? es nicht helfen kann.
Verglichen mit Ihrem ist der Intelligenzgrad der anderen Wesen in Ihrer Umgebung gering. Aber wir sind nicht hilflos, und unser Ziel hier im Hospital ist, viele verschiedene Arten von Leiden zu heilen oder zumindest zu lindern.“
Der Patient gab keine Antwort, und Lioren fragte sich, ob seine Worte vom FLSU nur als das Summen eines lastigen Insekts betrachtet wurden. Doch sein Stolz wollte sich mit diesem Gedanken nicht abfinden. Er hielt sich vor Augen, da? dieser Patient zwar einer uberaus intelligenten Spezies angehorte, aber eben ein sehr junges Wesen war, was schon ein gutes Stuck weiterhelfen mu?te, den Unterschied zwischen ihnen beiden auszugleichen; und ein wichtiges Merkmal junger Angehoriger samtlicher Spezies war ihre Neugier auf alles.
„Wenn Sie die Neugier, die ich Ihnen gegenuber empfinde, nicht stillen mochten, weil man Ihre fruheren Au?erungen ohne Ihr Wissen oder Ihre Zustimmung anderen mitgeteilt hat“, sagte Lioren, „dann sind Sie vielleicht selbst auf eins der Wesen neugierig, die Ihnen zu helfen versuchen, namlich auf mich. Ich hei?e ubrigens Lioren.“
Auf Seldals Bitte hin befand er sich hier, weil es eine uralte und in der ganzen Galaxis bekannte Binsenweisheit war, da? es an einem Ort der Heilung immer andere gibt, die sich in einer noch schlechteren Verfassung befinden als man selbst, und da? derjenige, dem es nicht ganz so schlecht geht, seinem weniger glucklichen Mitpatienten seelischen Beistand leistet und davon im nichtklinischen Bereich sogar selbst zu profitieren scheint. Ganz offensichtlich erhoffte sich der nallajimische Chefarzt von seinem Patienten eine ahnliche Reaktion, doch Lioren fragte sich, ob ein Lebewesen, das sowohl korperlich als auch intellektuell derart gewaltig und so ungeheuer langlebig wie dieser FLSU war, uberhaupt die Fahigkeit besa?, Mitleid mit dem dummen, kurzlebigen Insekt zu empfinden, das uber seinem geschlossenen Auge schwebte.
Den FLSU uber alles ins Bild zu setzen dauerte viel langer als bei Mannon, weil der ehemalige Diagnostiker uber die Foderation, das Monitorkorps und das Militargericht genausogut Bescheid gewu?t hatte wie uber den Schwarm intelligenter Insekten, die Cromsaggi hie?en und die von Lioren um ein Haar ausgerottet worden waren. Wahrend der Tarlaner aufgrund des Berichts die furchtbaren Vorgange auf Cromsag noch einmal durchlebte, bu?te seine Erzahlweise oft die nuchterne Objektivitat ein, und mehrmals mu?te er sich vor Augen halten, da? seine Erinnerungen wie als psychologisches Instrument eingesetzt wurden, das seinem Benutzer Schmerzen bereitete; doch schlie?lich war die Tortur vorbei.
