Au?erdem gibt es den weitverbreiteten Glauben, der Schopfer verwirkliche seine Absicht bei allen denkenden Geschopfen, ob sie nun an seine Existenz glauben oder nicht.

Ein weiterer von den Mitgliedern der meisten Spezies vertretener Glaube besagt, der Gott habe sie nach seinem eigenen Bild geschaffen und sie selbst wurden eines Tages in einem zukunftigen Leben, das so viele Bezeichnungen tragt, wie es bewohnte Planeten gibt, mit ihrem Schopfer gluckselig bis in alle Ewigkeit zusammenleben. Dieser Glaube ist vielen Denkern besonders lastig, da er durch die Vielfalt der physiologischen Klassifikationen der intelligenten Lebensformen, auf die man in der bekannten Galaxis trifft, zu einer logischen und physikalischen Unmoglichkeit wird.“

„Der Tarlaner gibt keine Antwort, sondern formuliert dieselbe Frage neu“, sagte Khone plotzlich.

Lioren beachtete den Einwand einfach nicht. „Doch dann gibt es wieder welche, die mittlerweile einen anderen Glauben teilen und uberzeugt sind, einen anderen Gott zu kennen. Die Vertreter dieser Richtung sind nicht so intelligent wie die Groalterri, deren Ansicht zu diesem Thema uns unbekannt ist und wahrscheinlich auch immer sein wird. Mit der Vorstellung, da? solch ein kompliziertes, aber auch perfekt geordnetes Gefuge wie das Universum rund um sie herum keinen Zweck hat und durch einen Zufall entstanden ist, waren sie nicht glucklich. Es hat sie gestort, da? es an ihrem Himmel wahrscheinlich mehr Sterne gegeben hat als einzelne Sandkorner an den Stranden rings um Goglesks Inselkontinent. Je mehr sie uber die subatomare Unwirklichkeit herausgefunden haben, die die Grundlage der realen Welt bildet, desto mehr Hinweise hat es auf eine unerme?liche und komplexe Makrostruktur an den Grenzen der Auflosung ihrer empfindlichsten Teleskope gegeben, und das hat sie beunruhigt. Auch da? intelligente, sich selbst bewu?te Lebewesen mit einer wachsenden Neugier und dem zunehmenden Bedurfnis, das Universum, in dem sie wohnen, zu erklaren, entstanden sind, hat sie gestort. Sie haben sich zu glauben geweigert, da? solch ein gewaltiges, kompliziertes und wohlgeordnetes Gefuge zufallig entstanden sein konnte, folglich mu?te es einen Schopfer haben. Doch sie selbst sind ebenfalls Teil dieser Schopfung gewesen, der einzige Teil, der sich aus sich selbst bewu?ten Lebewesen zusammengesetzt hat, Geschopfen, die verstanden und wu?ten, da? sie verstehen, weshalb sie alles intelligente Leben fur den wichtigsten Teil der Schopfung gehalten haben, soweit es den Schopfer betraf.

Das war keine neue Vorstellung, denn viele andere haben an einen Gott geglaubt, der sie erschaffen hat, sie liebt und uber sie wacht, und der sie zur gegebenen Zeit zu sich nehmen wird“, fuhr Lioren fort. „Doch diese Glaubigen haben sich nun wieder durch die untypischen Taten des liebenden Gottes gestort gefuhlt, weshalb sie ihre Vorstellung von seiner Absicht geandert haben, um das Verhalten des Gottes leichter erklaren zu konnen.

Ihrem Glauben nach hat der Gott alle Dinge erschaffen, sie selbst eingeschlossen“, sagte Lioren langsam, „doch das Werk der Schopfung ist noch nicht vollendet.“

Khone war so reglos und still geworden, da? Lioren ihre normalerweise gerauschvolle Atmung nicht mehr horen konnte. Er fuhr fort: „Das Werk sei noch nicht vollendet, behaupten sie, weil es mit der Erschaffung des Universums begonnen habe, das noch jung sei und moglicherweise nie vergehe. Wie genau es begonnen habe, sei nicht bekannt, doch im Moment enthalte es viele Spezies, die hohe Intelligenz entwickelt hatten und sich friedlich zwischen den Sternen ausbreiteten. Aber der Aufstieg vom Tier zum denkenden Wesen, der fortlaufende Schopfungs- oder Evolutionsproze?, sei, wenn man ein Unglaubiger ist, kein angenehmer Vorgang. Er ziehe sich lange hin, verlaufe langsam, und oft kame es zwischen denen, die ein Teil von ihm sind, zu unnotigen Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten.

Daruber hinaus sind die bestehenden Unterschiede zwischen den verschiedenen Physiologien und Umweltbedurfnissen ihrem Glauben nach unerheblich, da die Evolution — oder Schopfung — zu gesteigertem Empfindungsvermogen und einer verminderten Abhangigkeit von spezialisierten Organen fuhrt“, setzte Lioren seine Darstellung fort. „Als Folge davon werden sich die denkenden Wesen in ferner Zukunft uber die momentane Notwendigkeit hinaus entwickelt haben, einen stofflichen Korper zu besitzen, der den Geist beherbergt. Dann werden sie unsterblich sein und sich zusammenschlie?en, um Ziele zu erreichen, die sich die heutigen halbtierischen Lebewesen nicht einmal vorstellen konnen. Sie werden gottahnlich und, wie ihnen verhei?en wurde und ist, das getreue Ebenbild des Wesens werden, das sie erschaffen hat. Auch die Geister oder Seelen der geistig und philosophisch unreifen Lebewesen, die dieses Universum bewohnt haben und noch viele kommende Aonen bewohnen werden, sollen in dieser Zukunft an der Unsterblichkeit teilhaben und mit ihrem Gott eins sein, denn man halt es fur philosophisch unsinnig, da? sich der Schopfer aller Dinge der wichtigsten, wenn auch momentan unvollstandigen Teile seiner Schopfung entledigen sollte.“

Lioren machte eine Atempause, um Khones Reaktion abzuwarten; dann kam ihm noch ein weiterer Gedanke. „Die Groalterri verfugen uber eine au?erst hohe Intelligenz und sind in irgendeiner Weise glaubig, wollen aber mit Wesen von geringerer Intelligenz nicht uber ihren Glauben oder sonst etwas sprechen, damit sie keinem unreifen Verstand Schaden zufugen. Moglicherweise mu? jede intelligente Spezies ihren eigenen Weg zu Gott finden, und die Groalterri haben schon eine gro?ere Strecke zuruckgelegt als der Rest.“

Wieder entstand ein langes Schweigen; dann fragte Khone sehr leise: „Ist das dann der Gott, an den der Tarlaner glaubt?“

Wie Lioren dem Ton der Gogleskanerin entnahm, hatte seine Antwort ??„ja“ lauten sollen, denn er war sich jetzt sicher, da? es sich bei ihr um eine Zweiflerin handelte, die sich ma?los danach sehnte, ihre Zweifel zerstreuen zu lassen. Au?erdem war ihm klar, da? er die Lage ausnutzen sollte, indem er die Patientin rasch beruhigte, wenn er die gewunschten Auskunfte zur Telepathie erhalten wollte. Doch ein Unglaubiger, der in der Hoffnung lugt, eine Zweiflerin zum Glauben zu verleiten, war unehrenhaft und unehrlich. Es war seine Pflicht, die Gogleskanerin soweit wie moglich zu beruhigen, aber lugen wollte er nicht.

Einen recht langen Augenblick dachte Lioren nach, und als er antwortete, stellte er mit Uberraschung fest, da? er jedes einzelne Wort ernst meinte.

„Nein“, sagte er, „aber es bleibt ein Rest an Unsicherheit.“

„Ja, eine gewisse Unsicherheit bleibt immer“, pflichtete ihm Khone bei.

21. Kapitel

Liorens Antwort hatte Khone zufriedengestellt oder seine Zweifel in ihren Augen hinreichend untermauert, denn sie stellte ihm keine weiteren Fragen uber Gott.

Deshalb wechselte sie das Thema und sagte: „Vorhin hat der Tarlaner von seiner Neugier bezuglich der organischen Struktur, die mit den telepathischen Fahigkeiten der Gogleskaner zusammenhangt, und der Grunde fur einen moglichen Verlust oder fur ein Nachlassen der Funktion gesprochen. Wie der Tarlaner bereits wei?, hat die einzelgangerische Veranlagung der gogleskanischen Lebensform die Entwicklung komplizierter Operationstechniken verhindert, und nur sehr wenige Arzte haben sich dazu durchringen konnen, die Leiche eines Gogleskaners von innen zu untersuchen. Die vorhandenen Informationen sind sparlich, und jede zugefugte Enttauschung wird bedauert. Doch es steht noch eine Schuld offen, und jetzt ist es Pflicht der Gogleskanerin, nicht mehr Fragen zu stellen, sondern sie zu beantworten.“

„Danke“, sagte Lioren.

Khones Haare zuckten, straubten sich und stellten sich am ganzen Korper in langen, ungleichma?igen Buscheln auf — ein deutliches Zeichen fur die seelischen Anstrengungen, die die Gogleskanerin unternehmen mu?te, um uber personliche Angelegenheiten zu sprechen. Doch wie Lioren rasch bemerkte, war diese korperliche Reaktion auch als eine veranschaulichende Geste gedacht.

„Zur Telepathie durch Beruhrung kommt es nur bei zwei Gelegenheiten“, klarte Khone ihn auf. „Als Reaktion auf einen Ruf nach Zusammenschlu? innerhalb einer Gemeinschaft, wenn eine wirkliche, haufiger jedoch nur eingebildete Gefahr droht, oder zum Zweck der Fortpflanzung. Wie schon erwahnt wurde, kann dieser Notruf emotional au?erst leicht ausgelost werden. Eine geringfugige Verletzung, ein uberraschendes Ereignis, eine plotzliche Veranderung der normalen Umstande oder eine unerwartete Begegnung mit einem Fremden konnen diesen Mechanismus ungewollt in Gang setzen, woraufhin sich durch das Verflechten der Korperbehaarung und der telepathischen Fuhler eine Gruppe bildet. Dieses durch Angst zur Raserei getriebene Gruppenwesen reagiert nun auf die wirkliche oder eingebildete Bedrohung, indem es alles zerstort, was sich in seiner unmittelbaren Nahe befindet und kein Artgenosse ist. Dabei ziehen sich einzelne Mitglieder der Gruppe Verletzungen zu. In solchen Momenten wird es durch den Geisteszustand unmoglich, objektiv zu beurteilen, wie gut oder schlecht die telepathischen Fahigkeiten funktionieren, da das Vermogen, nuchtern zu beobachten oder auch nur

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