eine Entschuldigung Schande machen. Ubrigens sind die Patienten auf der Station fur Cromsaggi geheilt und stehen eigentlich eher unter Beobachtung, als da? sie noch medizinisch behandelt werden mu?ten. Wahrscheinlich wurden sie vor Ha? wahnsinnig werden und mein Leben sofort beenden.“ „Ist das nicht genau das Los, das sich der Tarlaner gewunscht hat?“ hakte Khone nach. „Oder hat er seine Meinung diesbezuglich geandert?“

„Nein“, antwortete Lioren. „Ein zufalliger Tod wurde alle Probleme losen. Aber eine. eine Entschuldigung ist undenkbar!“

Einen Augenblick lang schwieg Khone; dann sagte sie: „Von der Gogleskanerin wird erwartet, da? sie die ihr durch die Evolution aufgezwungene geistig-seelische Ausrichtung durchbricht, in neuen Bahnen denkt und sich auf ganz andere Weise verhalt. Vielleicht halt sie in ihrer Unwissenheit die Anstrengungen, die erforderlich sind, um das Bose in ihren Gedanken zu uberwinden, fur gering im Vergleich zu denen, die notig sind, um sich bei einem anderen denkenden Wesen fur einen gutgemeinten Fehler zu entschuldigen.“

Sie versuchen, zwei personliche Ubel miteinander zu vergleichen, dachte Lioren.

Auf einmal sah, horte und spurte er Cromsaggi, die mitten in den schmutzigen Ruinen einer Zivilisation, die sie selbst zerstort hatten, miteinander kampften, sich paarten oder starben. Er sah sie nach der exzessiven Selbstvernichtung, die seine ubersturzte Behandlung heraufbeschworen hatte, hilflos in sterilen Betten auf medizinischen Stationen und ubereinandergesturzt in leblosen Haufen liegen. Die Erinnerung an ihren Anblick, an ihre Starke und an die enge Beruhrung mit ihnen brach wie eine haushohe Gefuhlswelle uber ihn herein, zu der auch der Eindruck gehorte, von einer ganzen Station voller Cromsaggi in Stucke gerissen zu werden, die versuchten, sich an ihm fur den Tod ihrer Spezies zu rachen. Bei dem Wissen, da? sein Leben bald voruber und seine Schuld beglichen sein wurde, empfand er eine eigenartige Genugtuung und tiefen Frieden. Und dann zogen diejenigen Ereignisse vor seinem geistigen Auge auf, die in so einem Fall wahrscheinlich waren: Bilder von diensthabenden Schwestern und Pflegern, von unter hoher Schwerkraft lebenden Tralthanern oder Hudlarern, die die Groalterri bandigten und ihn retteten, bevor ihm etwas Ernsthaftes passieren konnte; und er stellte sich seine lange, einsame Genesungszeit vor, in der er sich mit nichts anderem wurde beschaftigen konnen als mit den furchtbaren, unabwendbaren Erinnerungen an das, was er den Cromsaggi angetan hatte.

Khones Vorschlag war geradezu lacherlich. Das entsprach nicht dem Verhalten, das von einem ehrbaren Tarlaner erwartet wurde, der zu einer Gesellschaft gehorte, in der es in der Tat nur sehr wenigen an Ehrgefuhl mangelte. Einen Fehler einzugestehen, der bereits allen in die Augen sprang, war uberflussig. Sich fur einen Fehler in der Hoffnung zu entschuldigen, die angemessene Strafe abzumildern, war geradezu schandlich und feige und das Kennzeichen eines moralisch verdorbenen Geistes. Und anderen die innersten Gedanken und Gefuhle zu offenbaren war unvorstellbar. Das war nicht tarlanische Art.

Wie ihm Khone gerade ins Gedachtnis zuruckgerufen hatte, war es genausowenig gogleskanische Art, das Bose in den Gedanken zu bekampfen oder den Korper von jemandem aus anderen Grunden zu beruhren, als sich fortzupflanzen oder das Kind zu trosten. Und es gehorte sich auch nicht, ein anderes Wesen, bei dem es sich nicht um den Lebensgefahrten, einen Elternteil oder Nachkommen handelte, anders als in der kurzesten und unpersonlichsten Form anzusprechen, doch all das versuchte Khone zu tun.

Allmahlich anderte Khone ihre Lebensweise, genau wie der Beschutzer der Ungeborenen. Die Veranderungen, die beide Spezies zu vollziehen hatten, waren fur sie au?erordentlich schwierig und erforderten eine standige, gewaltige Willenskraft, doch im Gegensatz zu dem, was Khone Lioren vorgeschlagen hatte, handelte es sich dabei nicht um feige und moralisch verwerfliche Handlungen. Und plotzlich dachte er an Hellishomar, dessen Zustand sowohl der Grund fur seine gegenwartigen Nachforschungen uber die telepathischen Fahigkeiten anderer Spezies als auch die Ursache fur seinen momentanen psychischen Aufruhr war.

Auch der junge Groalterri kampfte mit sich selbst. Entgegen all seinen naturlichen Instinkten, seiner Ausbildung als Messerheiler und den Lehren seiner fast unsterblichen Eltern hatte er sich verandert und gezwungen, etwas wirklich Verwerfliches zu tun.

Hellishomar hatte versucht, sich das Leben zu nehmen.

„Ich brauche Hilfe“, sagte Lioren.

„Das Bedurfnis nach Hilfe ist ein Eingestandnis personlicher Unzulanglichkeit“, entgegnete Khone. „Bei jemandem, der stolz ist und uber Ansehen verfugt, konnte das als erster Schritt zu einer Entschuldigung betrachtet werden. Leider bin ich nicht in der Lage zu helfen. Wei?t du, wo oder von wem du diese Hilfe bekommen kannst?“

„Ich wei?, wen ich fragen mu?“, antwortete Lioren und verstummte dann, als ihm schlagartig bewu?t wurde, da? er und Khone beim letzten Wortwechsel vollig vergessen hatten, sich der unpersonlichen gogleskanischen Anredeform zu bedienen, und sich wie enge Verwandte miteinander unterhalten hatten. Was das bedeutete, wu?te er nicht, und er wollte es nicht riskieren, Khone um Aufklarung zu bitten, denn die Gogleskanerin hatte ihn mi?verstanden.

Aus Khones Au?erung ging klar hervor, da? sie angenommen hatte, er wunschte sich Hilfe bei seinen eigenen Problemen bezuglich des Vorfalls auf Cromsag, wahrend er in Wirklichkeit dringend fachliche Unterstutzung in Hellishomars Fall benotigte. Zuallererst mu?te er O'Mara darum bitten, dann Conway, Thornnastor, Seldal und diejenigen, die sie sonst noch leisten konnten. Er gestand sich ein, da? er sich selbst nicht dafur eignete und der Versuch, das Problem durch die Befragung telepathischer Lebensformen im Alleingang zu losen, nur ein Mittel gewesen war, um die eigene Eitelkeit zu besanftigen, und sich obendrein als unverzeihliche Zeitvergeudung entpuppt hatte.

Andere um Hilfe zu bitten — was notwendigerweise einen Mangel an Wissen und Konnen seinerseits verriet — war nicht tarlanische Art. Doch ihm war schon von vielen Mitarbeitern des Hospitals geholfen worden, oftmals, ohne von ihm darum gebeten worden zu sein, und er rechnete nicht damit, da? eine Wiederholung dieses schmachvollen Vorgangs bei ihm zu einem schweren seelischen Trauma fuhren wurde.

Als er ein paar Minuten spater Khones Station verlie?, fragte sich Lioren, ob sich allmahlich seine eigenen Denkgewohnheiten anderten. Naturlich nur ein klein bi?chen.

22. Kapitel

Chefarzt Seldal war zugegen, weil er von Anfang an fur Hellishomar verantwortlich gewesen war und uber mehr medizinische Erfahrung mit dem Patienten verfugte als alle anderen, obwohl damit zu rechnen war, da? sich dies schon sehr bald andern konnte. Der leitende Diagnostiker der Pathologie, der Tralthaner Thornnastor, und der gleicherma?en angesehene Terrestrier Conway, den man vor kurzem zum leitenden Diagnostiker der Chirurgie ernannt hatte, waren ebenfalls anwesend. Sie wollten nun herausfinden, weshalb Chefpsychologe O'Mara, der als einziger uber genugend Einflu? verfugte, um kurzfristig ein Treffen auf derart hoher Ebene anzusetzen, es fur erforderlich gehalten hatte, sie alle zusammenzurufen, um uber einen Patienten zu sprechen, der sich angeblich schon ein gutes Stuck auf dem Weg zu einer vollstandigen Genesung befand.

Die Zusammenkunft erinnerte Lioren an die kurzliche Verhandlung vor dem Militargericht, und auch wenn es sich bei der bevorstehenden Erorterung eher um medizinische als um juristische Fragen drehte, wurde es, sobald es zum Kreuzverhor kam, seiner Ansicht nach sehr viel weniger freundlich zugehen. Als erster ergriff Seldal das Wort.

Indem er auf den gro?en medizinischen Bildschirm deutete, sagte er: „Wie Sie sehen konnen, ist der Patient mit einer gro?en Anzahl — beinahe dreihundert — Stichwunden eingeliefert worden, die sich gleichma?ig uber den Rucken und die Seiten des Korpers sowie uber den vorderen Bereich zwischen den Tentakeln verteilt haben, wo die Haut dunn ist und nur ein Mindestma? an naturlichem Schutz bietet. Offenbar sind die Einstiche durch eine schnell fliegende, im Boden lebende Insektenart verursacht worden, die in die Wunden Eier gelegt und diese infiziert hat. Fur die Behandlung dieses Leidens wurde die nallajimische Operationstechnik als die geeignetste Methode gehalten, und deshalb hat man die Operation mir ubertragen. Wegen des ungewohnlich gro?en Korpers des Patienten bin ich nur langsam vorangekommen, doch die Prognose ist gut, bis auf einen bedauerlichen Mangel an.“

„Doktor Seldal“, unterbrach ihn Thornnastor, dessen Stimme wie ein ungeduldiges, gedampftes Nebelhorn klang. „Sie haben den Patienten doch bestimmt gefragt, wie er sich die Wunden zugezogen hat, oder?“

„Sicher, aber daruber hat mir der Patient keine Auskunft gegeben“, antwortete Seldal, wobei das schnelle Zwitschern seiner naturlichen Stimme unter der Ubersetzung des Translators seine Verargerung uber die

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