niemanden gab, der unangenehme Emotionen ausstrahlte.
„Beruhigen Sie sich, Freund Lioren“, redete ihm der Empath mit leiser Stimme zu. „Zur Zeit haben Sie mehr Angst als Freund Hellishomar.“
Stark erleichtert wandte Lioren seine Aufmerksamkeit wieder dem Hauptbildschirm zu.
„Dies ist der Lappen, in dem sich die hochste Konzentration von metallischen Spurenelementen befindet“, berichtete Conway. „Wir haben ihn ausgewahlt, weil die telepathische Funktion bei den wenigen anderen bekannten Spezies, die uber telepathische Fahigkeiten verfugen, mit ahnlichen Spurenelementen in Zusammenhang gestanden hat. Und obwohl der Funktionsmechanismus unklar bleibt, deutet die hohere Metallkonzentration darauf hin, da? ein organischer Sender und Empfanger vorhanden sind. Es ist die mogliche Schadigung der hoheren Gehirnfunktionen des Patienten und auch der telepathischen Fahigkeiten, die wir untersuchen und beheben mochten.
Bedauerlicherweise ist unsere graphische Darstellung dieses Bereichs ungenau“, fuhr Conway fort. „Das liegt daran, da? es aufgrund des Volumens und der Dichte des Schadelinhalts erforderlich ware, den Tiefenscanner mit au?erst hohem Energiepegel einzusetzen, was zur Storung der neuralen Vorgange fuhren konnte.
Aus diesem Grund werden wir den tragbaren Scanner einsetzen, der mit geringer Energiestarke betrieben wird, aber immer kurz und nur im Notfall.
Durch die fruhere Mithilfe des Patienten, der auf unsere Anweisung hin willkurliche Muskelbewegungen ausgefuhrt und sich Versuchen mit au?eren Reizen durch Beruhrung, Druck und Temperatur unterzogen hat, wobei wir dann die ortlich beschrankten Zunahmen der Nervenaktivitat verfolgt haben, sind wir jetzt imstande, diese Bereiche zu erkennen und von der Untersuchung auszuschlie?en. Doch diese Kenntnisse haben wir nur durch einen Sensor erhalten, bei dem es sich um ein Spurgerat handelt, das zwar keine storende Strahlung erzeugt, das dafur aber auch nicht annahernd so genau wie der Scanner arbeitet.“
Da? es am Hospital beim gegenwartigen Personal oder auch unter den zukunftigen Auszubildenden irgend jemanden gab, der nicht den Unterschied zwischen einem Scanner und einem Sensor kannte, konnte sich Lioren nicht vorstellen, und deshalb nahm er an, Conway hatte diesen Punkt fur den Patienten erklart.
„Wir hatten damit gerechnet, da? das Gehirn einer Gro?lebensform entsprechend der gewaltigen Korpermasse offener und grober strukturiert ware“, setzte Conway seine Ausfuhrungen fort. „Wie wir jetzt erkennen konnen, bewegen sich zwar die Adern innerhalb der erwarteten riesigen Gro?enordnung, doch das Nervennetz scheint genauso dicht und fein strukturiert wie das eines Lebewesens von geringerer Korpergro?e zu sein. Ich kann nicht. es ubersteigt vollkommen meine Fahigkeiten, genau abzuschatzen, zu welchen geistigen Leistungen ein Gehirn von dieser Gro?e und Kompliziertheit fahig ist.“
Lioren starrte auf das vergro?erte Bild von Conways Handen, wahrend sich diese langsam mit jeweils nach au?en gedrehten Flachen nach vorne ausstreckten und dann seitwarts aus dem Blickfeld verschwanden, als schwamme der Diagnostiker unaufhorlich durch ein Meer aus Fleisch. Einen Augenblick lang versuchte er sich an Hellishomars Stelle zu versetzen, doch die Vorstellung eines wei?en, glitschigen, zweikopfigen Insekts, das in seinem Gehirn umherkroch, war derma?en absto?end, da? er ein plotzliches Ekelgefuhl unterdrucken mu?te.
Als Conway fortfuihr, wurde dessen Stimme unruhiger, und seine Atemgerausche waren nun deutlicher als zuvor zu horen. „Weil wir uns nicht absolut sicher sein konnen, was unter diesen Umstanden normal ist oder nicht, scheint die Untersuchung bislang keinerlei Anzeichen fur eine strukturelle Abnormitat oder Funktionsstorung ergeben zu haben. Durch den zunehmenden Druck der Wande des Spalts wird uns das Weitergehen allmahlich immer mehr erschwert. Zuerst hatte ich diesen Umstand einer wachsenden Erschopfung meiner Armmuskeln zugeschrieben, doch Seldal, der ja gar keine Arme besitzt, die ermuden konnten, stellt eine ahnliche Zunahme des Drucks auf die Au?enflache des Rucksacks fest, in dem er steckt. Ubrigens halte ich das nicht fur einen durch Platzangst hervorgerufenen psychosomatischen Effekt.
Unsere Beweglichkeit und das Blickfeld sind stark eingeschrankt“, fugte Conway hinzu. „Wir legen jetzt die Reifen an.“
Lioren verfolgte, wie sich Conway damit abmuhte, den ersten Reifen uber seinen und Seldals Kopf zu ziehen und ihn mit Hilfe des unglaublich biegsamen Halses des Nallajimers in Hufthohe in die richtige Lage zu bringen, bevor er das Ventil des Behalters mit der komprimierten Luft offnete und den Reifen um sich herum aufblasen lie?. Auf Knie- und Schulterhohe wurden zwei weitere Reifen aufgeblasen und durch in Langsrichtung verlaufende Distanzstucke zu einem hohlen, starren Zylinder verbunden. Nachdem diese erste Konstruktion aus drei Reifen fertig war, fugten die beiden Diagnostiker weitere Reifen und Distanzstucke hinzu, um das Gebilde nach vorne zu verlangern. Indem sie die Luft aus dem hintersten Ring lie?en, ihn abnahmen und wieder ganz vorne befestigten und die Lange der Distanzstucke veranderten, konnten sie den hohlen Zylinder vorwartsbewegen und in ihm in jede gewunschte Richtung gehen. Zudem ermoglichte die offene Konstruktion einen Rundumblick und vollkommene Bewegungsfreiheit zum Operieren.
Jetzt waren Conway und Seldal nicht mehr Schwimmer in einem beinahe festen Ozean, wie Lioren meinte, sondern Bergarbeiter, die durch einen Tunnel vordrangen, den sie mit sich fuhrten.
„Bei der einen Wand des Spalts sto?en wir auf wachsenden Widerstand und zunehmenden Druck“, meldete Conway. „Das Zellgewebe auf der Seite scheint gleichzeitig gedehnt und zusammengedruckt zu sein. Dort und auch da druben konnen Sie sehen, wo die BlutzufUhr unterbrochen worden ist. Einige der Blutgefa?e, in denen sich das Blut gesammelt hat, sind angeschwollen und andere eingeschrumpft und fast leer. Dabei handelt es sich offensichtlich nicht um einen naturlichen Zustand, und da? in diesem Bereich kein Wundbrand aufgetreten ist, deutet darauf hin, da? die Blutzirkulation zwar stark behindert, aber bislang nicht vollkommen unterbunden wird. Au?erdem la?t die organische Anpassung, die hier bereits stattgefunden hat, darauf schlie?en, da? dieser Zustand schon seit langem besteht.
Um den Grund und die Quelle dieses Zustands herauszufinden, mu? ich scannen“, fuhr Conway fort. „Ich werde den Handscanner nur kurz und mit minimaler Durchdringungsstarke einsetzen, und zwar jetzt. Wie fuhlt sich der Patient?“
„Fasziniert“, antwortete Hellishomar.
Der Terrestrier stie? ein leises Bellen aus. „Vom Patienten werden keine emotionalen oder zerebralen Auswirkungen gemeldet. Ich werde es noch einmal mit ein bi?chen hoherer Durchdringungsstarke versuchen.“
Fur einige Sekunden erschien Conways Scannerbild auf dem Hauptbildschirm, dann loste es sich wieder auf. Zur eingehenden Betrachtung wurde die Aufzeichnung als Standbild auf einen daneben stehenden Bildschirm ubertragen.
„Der Scanner zeigt eine weitere Membran in einer Tiefe von annahernd achtzehn Zentimetern“, setzte Conway seinen Bericht fort. „Sie ist mehr als anderthalb Zentimeter dick, hat eine dichte, faserige Struktur und weist eine konvexe Wolbung auf, die einen kugelformigen Korper von etwa drei Metern Durchmesser umschlie?en wurde, wenn man sie mit gleicher Krummung fortsetzte. Die darunter liegende Gewebestruktur ist mir im einzelnen noch nicht klar, sie zeigt jedoch einen deutlichen Unterschied zu denen, auf die wir bisher gesto?en sind. Vielleicht ist dies die Stelle, an der sich der Lappen befindet, der fur die telepathischen Fahigkeiten verantwortlich ist. Aber es gibt noch andere Moglichkeiten, die nur durch eine chirurgische Untersuchung und eine Gewebeanalyse auszuschlie?en sind. Doktor Seldal wird den Einschnitt durchfuhren und Gewebeproben entnehmen, wahrend ich die Blutung stille.“
Der Hauptbildschirm zeigte eine Gro?aufnahme von Conways Handen, die wegen der Nahe zur Helmkamera riesengro? und verzerrt aussahen, als sie dem nallajimischen Chefarzt ein Skalpell uber den Schnabel stulpten. Dann schob sich ein Zeigefinger vor, um die genaue Stelle und die Ausdehnung des erforderlichen Einschnitts zu bezeichnen.
Als Seldals Hinterkopf und Hals kurz das Operationsfeld verdunkelten, bewegte sich plotzlich ein verschwommener Fleck uber den Bildschirm.
„Wie Sie sehen, hat der erste Schnitt die Membran nicht freigelegt, doch die Rander der Wunde sind durch den dahinter bestehenden Druck so weit auseinandergedruckt worden, da?, wenn wir die Lage nicht entscharfen, indem wir den Schnitt sofort vergro?ern, die ernste Gefahr besteht, da? er an beiden Enden aufrei?t. Seldal, wurden Sie ein bi?chen tiefer schneiden und den. Oh, verdammt!“
Es kam, wie Conway es vorhergesehen hatte. Der Schnitt war an beiden Enden aufgerissen, und nun schwebten schwerelose Kugelchen aus Blut aus ihm heraus und verdunkelten das ganze Operationsfeld. Seldal hatte das Skalpell abgelegt, denn jetzt kam sein Schnabel ins Blickfeld, der das Absauggerat packte und es fachmannisch am Schnitt entlang- und in ihm herumbewegte, damit Conway die Blutung finden und stillen konnte.
