Innerhalb weniger Minuten lag die klaffende Wunde, die jetzt aufgerissene, unebene Rander hatte und dreimal so lang wie ursprunglich war, wieder frei und enthullte auf ihrem Boden eine lange, schmale Ellipse, die vollig dunkel war.
„Wir haben eine starke, biegsame und lichtabsorbierende Membran freigelegt und zwei Gewebeproben entnommen“, meldete sich der Diagnostiker wieder zu Wort. „Eine schicken wir Ihnen gerade zur naheren Untersuchung durch den Absaugschlauch nach drau?en, doch die Anzeige meines Analysators deutet auf eine organische Substanz hin, die zu dem umliegenden Gewebe uberhaupt nicht pa?t. Ihre Zellstruktur ist eher fur eine Pflanze charakteristisch als fur. Was passiert denn jetzt, verdammt noch mal! Wir konnen spuren, wie sich der Patient bewegt. Er mu? sich absolut reglos verhalten! Wir durften uns eigentlich nicht an einer Stelle befinden, an der wir aus Versehen die Bewegungsmuskulatur stimulieren konnen. Hellishomar, was ist los?“
Die Worte des Diagnostikers gingen drau?en in dem Tumult auf der Station unter, wo die Traktor- und Pressorstrahlenprojektoren optische und akustische Uberlastungssignale von sich gaben, wahrend sich die Techniker, die sie bedienten, abmuhten, Hellishomars sich krummenden Korper ruhigzuhalten. Der gewaltige Kopf des Groalterris warf sich von einer Seite zur anderen gegen die unsichtbaren Fesseln, und die Enden des Einschnitts rissen weiter auf und bluteten wieder. Prilicla wurde von einem Gefuhlssturm geschuttelt, und alle Beteiligten schrien sich gegenseitig Fragen, Anweisungen oder Warnungen zu.
Doch es war Hellishomar, der sich — plotzlich und mit einem einzigen Wort — erfolgreich uber den Larm hinweg Gehor verschaffte.
„Lioren!“
25. Kapitel
„Ich bin hier“, meldete sich Lioren, nachdem er schnell auf den abhorsicheren Kanal geschaltet hatte. Doch die Laute, die der Patient von sich gab, wurden vom Translator nicht ubersetzt.
„Hellishomar, horen Sie bitte auf, sich zu bewegen“, ermahnte ihn Lioren in eindringlichem Ton. „Sie konnten sich schwer verletzen, vielleicht sogar toten. Und andere auch. Was beunruhigt Sie? Bitte sagen Sie es mir. Haben Sie Schmerzen?“
„Nein“, antwortete Hellishomar.
Dem Patienten naher auseinanderzusetzen, da? er sich selbst umbringen konnte, war nach Liorens Dafurhalten reine Zeitverschwendung; schlie?lich war die Anwesenheit des Groalterris im Hospital auf den Versuch, genau das zu tun, zuruckzufuhren. Doch die Mahnung, andere zu gefahrden, mu?te trotz des inneren Aufruhrs bis zu Hellishomar durchgedrungen sein, denn die Heftigkeit seiner Gegenwehr lie? allmahlich nach.
„Bitte, was beunruhigt Sie?“ hakte Lioren noch einmal nach.
Zunachst kam die Antwort langsam, als mu?te jedes einzelne Wort erst eine dicke Mauer aus Angst, Scham und Selbstabscheu durchbrechen; doch dann sprudelten die Worte plotzlich in einem fast ununterbrochenen Schwall hervor, der all diese Hindernisse einfach uberwand. Wahrend er Hellishomar zuhorte, der ihm sein ganzes Herz ausschuttete, verwandelte sich Liorens anfangliche Verwirrung allmahlich in Zorn und dann in Traurigkeit. Nach seiner Meinung war das alles hier vollkommen lacherlich. Ware er ein Terrestrier gewesen, hatte er inzwischen uber die Unwissenheit eines Angehorigen der intelligentesten Spezies, die die Foderation kannte, vor Lachen gebrullt. Doch wenn Lioren seit seiner Mitarbeit in O'Maras Abteilung etwas gelernt hatte, dann die Tatsache, da? emotionale Qualen die subjektivste aller Erscheinungen darstellten und am schwersten zu lindern waren.
Aber hier hatte er es mit jemandem zu tun, der nach der groalterrischen Vorstellung von der Heilkunst medizinisch ausgebildet worden war. Es handelte sich um einen jungen und moglicherweise geistig zuruckgebliebenen Messerheiler, dessen Erfahrung sich auf periphere, an alten Mitgliedern seiner Spezies vorgenommene Operationen beschrankte, und dieser Groalterri war nun zum erstenmal Zeuge eines Eingriffs am Gehirn, und zwar am eigenen. Unter diesen Umstanden hielt Lioren Unwissenheit fur verzeihlich, sofern sie eine vorubergehende Erscheinung blieb.
„Moment mal“, warf Lioren schnell in die erste kurze Pause in Hellishomars Wortschwall ein. „Horen Sie mir jetzt genau zu, beruhigen Sie sich und seien Sie vor allem still! Bei der schwarzen Wucherung in Ihrem Gehirn handelt es sich keineswegs um die stoffliche Verkorperung Ihrer Schuld, und sie wird auch nicht durch bose Gedanken oder irgendeine Sunde gro?er, die Sie begangen haben. Da? es sich um eine bosartige und gefahrliche Geschwulst handelt, ist zwar wahrscheinlich, aber es ist nicht Ihr Charakter oder Ihre Seele oder irgendein Teil Ihres.“
„Doch!“ fiel ihm Hellishomar ins Wort. „Genau an der Stelle dieser Wucherung befindet sich mein Ich. Dort entspringen meine Gedanken und Gefuhle, und auch meine schwere Sunde — der Selbstmordversuch — hat dort ihren Ursprung. Und die Wucherung ist so schwarz, da? es keine Hoffnung mehr gibt.“
„Nein“, widersprach Lioren in bestimmtem Ton. „Nach der Uberzeugung aller intelligenten Lebewesen, die ich kenne, hat die Seele ihren Sitz im Gehirn, normalerweise ein kurzes Stuck hinter den Sehorganen. Das glauben sie, weil die Seele sogar nach einem schweren Trauma oder einer Verstummelung des Korpers unversehrt bleibt. Manchmal treten korperliche Schadigungen oder Krankheiten auf, die zu einer Veranderung der Personlichkeit fuhren. Da eine solche Veranderung jedoch nicht willentlich herbeigefuhrt ist, kann der Betreffende nicht fur sein spateres Verhalten verantwortlich gemacht werden.“
Hellishomar blieb stumm, und seine Korperbewegungen hatten sich soweit vermindert, da? die Uberlastungslampen an den Traktorstrahlenprojektoren nicht mehr leuchteten.
Schnell fuhr Lioren fort: „Moglicherweise ist die Unfahigkeit Ihres Gehirns, sich bis zu dem Punkt zu entwickeln, an dem die direkte geistige Verbindung mit den Eltern hergestellt werden kann, auf einen genetischen Defekt zuruckzufuhren. Vielleicht waren die Vergehen, die Sie sich zuschreiben, aber auch Folge einer Erkrankung oder Verletzung des Gehirns, und jetzt konnten die Grunde fur diese unrechtma?igen Gedanken und Taten gefunden worden sein. Sie mussen wissen, da? es sich bei der schwarzen Substanz, die Conway und Seldal freigelegt haben, nicht um Ihre Personlichkeit handelt, weil die Seele, wie Sie mir selbst erzahlt haben, unstofflich ist. Wenn die Eltern sterben und ihre Korper zerfallen und die Materie an den Planeten zuruckgeben, dann — so haben Sie es mir jedenfalls selbst erzahlt — verlassen deren Seelen Groalter, um mit ihrer endlosen Erforschung des Universums zu beginnen.“
„Wahrend meine eigene Seele wie ein Stein im Schlamm des Meeresbodens versinkt, um fur ewig in Dunkelheit zu verfaulen“, warf Hellishomar ein, wobei er erneut gegen die Traktor- und Pressorstrahlen anzukampfen begann.
Lioren spurte, da? er die — wenn auch nur schwache — Kontrolle, unter die er die Lage gebracht hatte, verlieren wurde, wenn er nicht schleunigst etwas sagte und die Diskussion von der Metaphysik auf die Medizin lenkte. Indem er eins seiner Augen auf den an der Seite stehenden Bildschirm richtete, auf dem die Ergebnisse von Conways Analyse angezeigt wurden, fuhr er fort: „Die Wucherung konnte sehr wohl auf dem Meeresgrund auf Ihrem Heimatplaneten verfaulen, wenn das der Ort ist, wo sie Ihrem Wunsch nach hin soll, doch es ist wahrscheinlicher, da? sie in einer Mullverbrennungsanlage im Orbit Hospital enden wird. Worum es sich bei diesem Gewebe genau handelt, wei? ich zwar nicht, aber es ist keinesfalls Ihre Seele oder sonst irgendein Teil von Ihnen. Es ist eine vollkommen fremde Substanz, eine pflanzliche Lebensform, eine Art Eindringling. Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich und denken Sie nach. Denken Sie vor allem als groalterrischer Messerheiler und Arzt nach und versuchen Sie, sich daran zu erinnern, ob Sie in Ihrer fruheren Praxis schon auf etwas gesto?en sind, das dieser schwarzen Wucherung ahnelt. Denken Sie bitte sorgfaltig nach.“
Mehrere Augenblicke lang schwieg Hellishomar und verhielt sich absolut reglos. Auf der Station herrschte wieder Ruhe, und Lioren konnte die Stimme von Conway horen, der gerade mitteilte, er stehe im Begriff, die Operation fortzusetzen.
„Warten Sie bitte, Doktor Conway und Doktor Seldal“, wandte Lioren rasch ein, indem er kurz auf den allgemeinen Kanal schaltete. „Ich habe womoglich wichtige medizinische Daten fur Sie.“ Auf dem Hauptbildschirm signalisierten die Hande des Diagnostikers Zustimmung, und Lioren kehrte wieder auf den vertraulichen Kanal zuruck.
„Hellishomar, bitte versuchen Sie, sich alles ins Gedachtnis zuruckzurufen, was dieser schwarzen Wucherung ahnelt, egal, ob es sich dabei um die Erinnerung an eine Erfahrung aus jungster Zeit oder um weniger
