Eine seinem Eindruck nach lange Zeit verbrachte Gurronsevas in der Schleusenkammer damit, sich die Schutzkleidung von jeder Spur einer moglichen Verseuchung durch Chlor befreien und anschlie?end ausziehen zu lassen, doch seine Verargerung wurde dadurch gelindert, da? er wahrend dieses Vorgangs wieder ohne Schwierigkeiten atmen — und denken — konnte. Der leitende Arzt, ein au?erst dienstbeflissener Nidianer, konnte nicht glauben, da? er ohne ernsthafte Verletzungen davongekommen war, und wollte ihn unbedingt auf eine Beobachtungsstation bringen, doch das lie? Gurronsevas nicht zu. Die beiden einigten sich schlie?lich auf den Kompromi?, da? sich der Tralthaner vom Nidianer mit einem Handscanner jeden einzelnen Quadratzentimeter des Korpers abtasten lie?.

Dadurch hatte Gurronsevas jede Menge Zeit, den Stimmen im Kopfhorer zuzuhoren, die viele interessante Vorgange beschrieben, die er selbst nicht mit den Augen verfolgen konnte. Sie sprachen von kleinen Fahrzeugen ohne Innendruck, die ausgesandt wurden, um das verstreute Frachtgut zu untersuchen und zur Weiterverwendung oder spateren sicheren Beseitigung zu bergen, vom Wiederandocken der Trivennleth, vom provisorischen, schnell abbindenden Dichtungsmittel, das rings um die verbogene Frachtschleuse aufgetragen wurde, und von den Vorbereitungen zum Loschen der verbliebenen Fracht.

Wie Gurronsevas ziemlich enttauscht feststellte, wurde seine kuhne und wagemutige Rettung durch eigene Hand jedoch mit keinem Wort mehr erwahnt. Vielleicht waren sie zu beschaftigt.

Nachdem ihn der nidianische Arzt endlich entlassen hatte, erkundigte sich Gurronsevas nach dem Weg zur Betriebszentrale des Ladeplatzes zwolf, weil es noch etwas gab, das er den dort Beschaftigten zu sagen hatte. Als er eintrat, sahen die Mitarbeiter, bei denen es sich zumeist um Terrestrier handelte, zu ihm auf. Keiner von ihnen sagte ein Wort, noch lachelte irgend jemand. Indem er die Fu?e leise auf den Boden setzte, um Hoflichkeit zu demonstrieren und zu zeigen, da? er sich psychologisch im Nachteil befand, ging er zu dem Terrestrier hinuber, der auf dem Platz des Leiters sa?.

„Ich mochte Ihnen meinen aufrichtigen Dank fur die Rolle aussprechen, die Sie und Ihre Untergebenen bei meiner Rettung gespielt haben“, sagte Gurronsevas formlich. „Und fur alle eventuellen Kleinigkeiten, die ich zum Unfall mit Ihrem Frachtgut beigetragen habe, entschuldige ich mich hiermit.“

„Alle eventuellen Kleinigkeiten.?“ hakte der Leiter unglaubig nach. Dann schuttelte er den Kopf und fuhr fort: „Das Leben haben Sie sich selbst gerettet, Gurronsevas. Und der Einfall, die Behalter mit Nahrungspraparat als Antriebsaggregat zu benutzen, war, na ja, einzigartig.“

Als deutlich wurde, da? der Terrestrier kein weiteres Wort dazu au?ern wollte, fuhr Gurronsevas fort: „Kurz nachdem ich ans Hospital gekommen bin, hat mir jemand, dessen Name ich nicht nennen mochte und den ich fur einen Verachter der Kochkunst halte, gesagt, Essen sei nichts weiter als Brennstoff. Da? er buchstablich die Wahrheit gesprochen haben konnte, ist mir bisher nicht klar gewesen.“

Der Leiter lachelte zwar, doch nur fur einen kurzen Augenblick, und die Gesichtszuge der anderen veranderten sich sogar uberhaupt nicht. Um zu wissen, da? er bei diesen Leuten im Moment kein hohes Ansehen geno?, brauchte Gurronsevas kein cinrusskischer Empath zu sein. Aber selbst wenn man hier auf einen Scherz nicht reagieren wollte, wurde man ihm eine hofliche Bitte bestimmt nicht abschlagen.

„Ich beabsichtige, unter anderem auch an der Verpflegung der Hudlarer einige wichtige Anderungen vorzunehmen“, sagte er deshalb. „Moglicherweise werde ich dafur die Erlaubnis und Mitarbeit des Verwaltungsleiters des Hospitals benotigen. Darf ich Ihren Kommunikator benutzen? Ich mochte mit Colonel Skempton sprechen.“

Der Leiter drehte sich auf dem Stuhl herum, um durch das Beobachtungsfenster — eine Platte aus einem durchsichtigen Material, das die gesamte Wand einnahm und an den wenigen kleinen Stellen, an denen kein Nahrungspraparat klebte, glasklar war — einen Blick auf das Team zu werfen, das an der beschadigten Frachtschleuse und auf dem in Unordnung gebrachten und mit Nahrungspraparat verschmutzten Ladeplatz arbeitete, bevor er sich wieder Gurronsevas zuwandte und sagte:

„Colonel Skempton wird sich bestimmt mit Ihnen unterhalten wollen, da bin ich mir sogar ganz sicher.“

12. Kapitel

Wie sich schon bald herausstellte, war der Leiter des Ladeplatzes mit den Gedankengangen des Verwaltungsleiters keineswegs vertraut, denn Gurronsevas gelang es nicht, mit Colonel Skempton zu sprechen, obwohl er es dreimal versuchte. Als er sich zum vierten Mal um ein Gesprach bemuhte, setzte ihn ein Untergebener des Colonels davon in Kenntnis, da? der gesamte Fall Gurronsevas dem Chefpsychologen ubertragen worden sei, der Colonel Skemptons Losungsvorschlage erhalten habe. Es sei demzufolge Major O’Mara, mit dem sich Gurronsevas unterhalten solle, und zwar unverzuglich.

Die Atmosphare im Vorzimmer der psychologischen Abteilung erinnerte Gurronsevas an eine Versammlung um den Leichnam eines geschatzten Freundes im Sterbezimmer, doch weder Braithwaite, noch Lioren oder Cha Thrat hatten eine Chance, mit ihm zu sprechen, da ihn Major O’Mara nicht warten lie?.

„Chefdiatist Gurronsevas“, begann O’Mara ohne Einleitung, „Sie scheinen sich der Ernsthaftigkeit Ihrer Lage nicht bewu?t zu sein. Oder wollen Sie mir etwa erzahlen, Sie seien unschuldig und hatten recht, wahrend sich alle anderen im Irrtum befinden?“

„Selbstverstandlich nicht“, erwiderte Gurronsevas. „Ich gebe ja zu, da? ich eine gewisse Verantwortung fur den Unfall trage, aber nur, weil ich mich genau zur falschen Zeit am falschen Ort befunden habe, und zwar unter Umstanden, unter denen ein Unfall fast unvermeidlich war. Doch die gesamte Verantwortung dafur kann mir nicht zugeschoben werden, weil man jemanden, dem man keinen vollstandigen Einflu? auf eine Situation gibt, auch nicht voll und ganz fur das verantwortlich machen kann, was geschieht. Ich habe nur wenig Einflu? auf die Situation gehabt und trage deshalb auch nur eine stark beschrankte Verantwortung fur den Vorfall.“

Eine lange Zeit starrte ihn O’Mara schweigend von unten an. Die sichelformigen Haarbuschel uber den Augen hatte er zu dicken grauen Strichen nach unten gezogen, und die Lippen waren fest zusammengepre?t, so da? er — recht vernehmlich — durch die Nasenoffnungen atmete. Schlie?lich ergriff er wieder das Wort.

„Was die Frage der Verantwortung betrifft, bedarf es noch der Klarung. Kurz nach dem Unfall hat sich ein Hudlarer mit mir in Verbindung gesetzt, der behauptete, er trage gemeinsam mit Ihnen die Verantwortung fur den Unfall. Was haben Sie mir dazu zu sagen?“

Gurronsevas zogerte. Sollte der hudlarische Assistenzarzt nicht nur in den Unfall auf dem Ladeplatz hineingezogen, sondern auch sein eventueller Fehltritt auf dem Frachter bekannt werden, dann verlor er womoglich seine Assistenzarztstelle am Hospital. Der FROB war jemand, der gute Manieren besa?, ihm mit seinen Vorschlagen zu den Schwierigkeiten mit der hudlarischen Nahrung behilflich gewesen war und der ohne Zweifel uber Fachkompetenz verfugte, denn sonst ware er erst gar nicht zur Ausbildung am Orbit Hospital angenommen worden.

„Sie haben den Hudlarer mi?verstanden“, antwortete Gurronsevas in bestimmtem Ton. „Er hatte etwas an Bord zu erledigen und hat mich auf die Trivennleth begleitet, wobei er mir als Fuhrer und als Ratgeber hinsichtlich einiger Probleme mit der Verpflegung gedient hat. Er wollte mich auch wieder aus dem Schiff hinausbegleiten, doch habe ich darauf bestanden, allein zuruckzukehren. Da ich Chefdiatist bin, er dagegen nur Assistenzarzt ist, hatte er keine andere Wahl, als sich zu fugen. In dieser Angelegenheit trifft den Hudlarer also keine Schuld.“

„Ich verstehe“, sagte O’Mara. Dann stie? er einen unubersetzbaren Laut aus und fugte hinzu: „Doch sollten Sie wissen, da? es mich nicht besonders beeindruckt, wenn man andere nicht verpetzen will. Also gut, Gurronsevas, das, was mir Ihr hudlarischer Assistenzarzt vor kurzem erzahlt hat, wird offiziell nicht zur Kenntnis genommen, aber nur, weil in diesem Fall geteiltes Leid nicht halbes Leid sein mu?. Haben Sie sonst noch etwas zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“

„Nein“, antwortete Gurronsevas, „denn es gibt weiter nichts, was ich falsch gemacht habe.“

„Glauben Sie das wirklich?“ fragte der Major.

Da Gurronsevas diese Frage bereits beantwortet hatte, uberhorte er sie einfach, und entgegnete statt dessen: „Da ware noch eine andere Sache. Um weitere Verbesserungen an der Verpflegung vorzunehmen, benotige ich Zutaten, die im Hospital zur Zeit nicht zur Verfugung stehen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob man diese Artikel, die von vielen verschiedenen Planeten hierher transportiert werden mussen und von daher betrachtliche Kosten aufwerfen werden, einfach bestellen kann oder ob man dafur die besondere Erlaubnis der Hospitalverwaltung benotigt. Falls letzteres zutrifft, gebietet es schon die blo?e Hoflichkeit, da? ich den

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