Schulungsbander immer gleich mehrfach geistesabwesend war, sprach zwar nur selten mit Gurronsevas, doch die Au?erungen von Pathologin Murchison und den ubrigen Mitarbeitern der Abteilung waren hilfreich, freundlich und, wie in diesem Fall, sogar schmeichelhaft.
„Guten Morgen“, begru?te ihn Murchison, wobei sie von irgend etwas Organischem aufblickte, das sie gerade mit dem Scanner untersuchte und das Gurronsevas nicht identifizieren konnte. „Sie haben uns schon wieder uberrascht. Mein Mann, Diagnostiker Conway also, bedankt sich vielmals fur das, was Sie mit den synthetischen Steaks angestellt haben, wie ubrigens auch ich und sicherlich eine ganze Reihe anderer Terrestrier. Das war erstklassige Arbeit, Gurronsevas.“
Als leitender Diagnostiker der Chirurgie war Conway in der medizinischen Rangordnung lediglich Thornnastor untergeordnet, und zudem handelte es sich bei ihm um Murchisons Lebensgefahrten. In Gurronsevas’ momentaner Lage konnte ihm die Dankbarkeit wichtiger Mitarbeiter des Hospitals nur nutzlich sein.
Er war hochst erfreut und sagte bescheiden: „Ich habe nur wenig verandert, vor allem die Weise, auf die das Steak zubereitet wird. Das ist nur eine Kleinigkeit gewesen, eine Umsetzung der Erkenntnisse aus der Psychologie des Essens, nichts weiter.“
„Ihre Ersatzkost fur Diagnostiker ist keine Kleinigkeit“, warf Thornnastor ein, wobei er Gurronsevas ein Auge zuwandte und ihn zum ersten Mal seit drei Tagen direkt ansprach.
Dem konnte Gurronsevas nur beipflichten. Seiner Ansicht nach waren samtliche Diagnostiker und Chefarzte des Hospitals, die mit anderen Spezies zusammenhangende Lehrauftrage hatten, wenig mehr als verkruppelte Feinschmecker gewesen, die von dem Alien, von dem das jeweilige Schulungsband stammte und mit dem sie ihren Geist teilen mu?ten, mehr oder weniger behindert wurden, da dieser ihnen oftmals seine eigenen fremdartigen Standpunkte, Gefuhlsreaktionen und — zwangslaufig — Vorlieben beim Essen aufzwang.
Wie Gurronsevas gehort hatte, waren die Schulungsbander fur den Betrieb des Orbit Hospitals unverzichtbar, da kein Arzt, wie brillant oder begabt er auch war, das gesamte physiologische und pathologische Wissen im Kopf behalten konnte, das fur die Behandlung derart vieler Patienten verschiedener Spezies erforderlich war. Doch mit den Bandern im Kopf wurde das Unmogliche zur reinen, wenn auch manchmal unangenehmen Routine. Ein Arzt, der einen Patienten von einer anderen Spezies zu behandeln hatte, speicherte bis zum Abschlu? der Behandlung die Aufzeichnung der Gehirnstrome einer medizinischen Kapazitat von derselben Spezies im Gehirn. Danach lie? er diese Aufzeichnungen wieder loschen, weil mit dem Schulungsband die gesamte Weltanschauung des Bandurhebers ubertragen wurde, obwohl dieser eigentlich gar nicht gegenwartig war und der Bandbesitzer sich dessen auch bewu?t war. Doch eine unstoffliche Personlichkeit, die fruher auf ihrem Gebiet fuhrend gewesen war, ordnete sich nicht so leicht unter, so da? in vielen Fallen der Eindruck vermittelt wurde, nicht mehr der Bandbesitzer, sondern der Bandurheber habe das Sagen. Lediglich Chefarzten und Diagnostikern, deren geistige Stabilitat erwiesen war und die standige Lehrauftrage hatten oder an laufenden Forschungsprojekten arbeiteten, war es gestattet, ihre Bander uber lange Zeitraume im Kopf gespeichert zu lassen — doch dieses Vorrecht hatte offenbar seinen Preis.
Psychologische Probleme gingen Gurronsevas nichts an, auch wenn er vielleicht eins davon gelost hatte. Nach und nach fuhrte er immer mehr Ersatzgerichte fur Diagnostiker in der Speisekarte auf, und schon bald konnte er jeder Lebensform, die beim hoheren Arztpersonal vertreten war, die geeignete Mahlzeit anbieten. Nicht langer wurde man beobachten mussen, wie Wesen wie Thornnastor — der uber einen fur einen Tralthaner von seiner Gro?e normalen Appetit verfugte — auf ihren Banken am E?tisch sa?en und die in dem vergeblichen Bemuhen, das Essen vor ihrem artfremden Alter ego zu verbergen, die Augen vom Teller abwandten, weil sich dessen Ekel sonst auf den Bandbesitzer ubertragen hatte. Jetzt konnte ein Kantinenbesucher, der von einem Schulungsband geplagt wurde, einfach das Gericht bestellen, das er benotigte, und darum bitten, es so auf dem Teller anzurichten, da? der Bandurheber seine gute Laune behielt — und die Falle von Angehorigen des hoheren Arztpersonals, die zeitweilig unfreiwillig in Hungersnot gerieten, durften bald der Vergangenheit angehoren. Wie Gurronsevas zu Ohren gekommen war, hatte sogar der scharfzungige Chefpsychologe O’Mara ansatzweise Schmeichelhaftes uber diese speziellen Veranderungen geau?ert.
Doch jemand, der als fuhrender Vertreter der Kochkunst fur verschiedene Spezies in der ganzen Foderation anerkannt war, sollte sich lieber in Bescheidenheit uben.
„Sie haben vollig recht: das war wirklich keine Kleinigkeit“, sagte Gurronsevas zu Thornnastor. „Doch im Grunde handelt es sich nur um einen simplen, wenn auch glanzenden Einfall von mir — einer von den vielen, die noch folgen werden.“
Thornnastor gab das tiefe Stohnen von sich, mit dem sich ein Tralthaner um den anderen besorgt zeigt und ihn zur Zuruckhaltung ermahnt.
Murchison fa?te schlie?lich diese wortlose Mahnung in Worte. „Seien Sie vorsichtig, Gurronsevas“, sagte sie. „Nach dem Zwischenfall mit der Trivennleth sollten Sie es lieber nicht darauf ankommen lassen, mit allen Mitteln auf sich aufmerksam zu machen.“
„Vielen Dank fur Ihre Besorgnis, Pathologin Murchison“, sagte Gurronsevas, „aber ich werde durch die Uberzeugung bestarkt, da? jemandem wie mir, der einzig und allein fur das Allgemeinwohl arbeitet, nichts allzu Unerfreuliches zusto?en kann.“
Murchison lachte leise. „Sofern Ihr Besuch bei uns nicht blo? dem geselligen Beisammensein dient — was ja ein einzigartiges Phanomen ware—, welche Probleme machen Ihnen denn heute zu schaffen?“
Gurronsevas schwieg einen Augenblick, um seine Gedanken zu ordnen, und antwortete dann: „Genaugenommen habe ich zwei Probleme. Was das erste betrifft, brauche ich Ihren Rat zu den Veranderungen, die ich am Nahrungspraparat der Hudlarer vorzunehmen gedenke.“
Kurz berichtete er von seinem Besuch auf der Trivennleth und dem Einfall, der ihm in dem unaufhorlichen kunstlichen Sturm gekommen war, durch den zahllose Insekten durch das Freizeitdeck des Schiffs gepeitscht wurden. Dann holte er die Probenflasche hervor und deutete auf einige der Insekten, die immer noch versuchten, sich durch Stechen oder Bei?en einen Weg durch die transparenten Wande ins Freie zu bahnen. Den Hudlarern zufolge hatten die Stiche dieser Insekten auf die Absorptionsorgane eine wohltuende und appetitanregende Wirkung, die keineswegs schadlich war und ihnen den Eindruck vermittelte, sich in der dicken, suppenartigen und fur sie frischen Atmosphare ihres Heimatplaneten aufzuhalten.
„Obwohl sich die hudlarischen Mitarbeiter sehr daruber freuen wurden, ist mir klar, da? es unangebracht ist, einen Schwarm ihrer einheimischen Insekten in der FROB-Abteilung freizusetzen“, fuhr Gurronsevas fort. „Statt also die Insekten freizulassen, habe ich vor — die Zustimmung und Mitarbeit der pathologischen Abteilung vorausgesetzt—, den Inhalt ihrer Giftdrusen analysieren und dem Nahrungspraparat eine Spur der giftigen Substanz beimengen zu lassen, die weit unter einem Volumenprozent liegen wird. Falls man den Giftstoff in Form eines feinen Pulvers herstellen konnte, ware es durch eine einfache Veranderung des Spruhkopfs moglich, ab und zu winzige Giftmengen in das herausspritzende Nahrungspraparat zu mischen, so da? die Absorptionsorgane von dem gelosten Gift genauso zufallig gereizt wurden wie von den echten Insektenstichen.“
„Das kann ich einfach nicht glauben!“ fiel ihm Thornnastor ins Wort, wobei er alle vier Augen in Gurronsevas’ Richtung drehte. „Haben Sie vergessen, da? dies hier ein Hospital ist, in dem wir Patienten heilen und nicht versuchen sollen, sie zu vergiften? Sie haben ernsthaft vor, den Hudlarern absichtlich Gift ins Essen zu mischen, und wir sollen Ihnen dabei auch noch helfen?“
„Das ist vielleicht eine etwas zu dramatische Vereinfachung, aber im Grunde ist es genau das, was ich will“, antwortete Gurronsevas.
Murchison schuttelte zwar ablehnend den Kopf, hatte jedoch die Zahne entblo?t. Weder sie noch Thornnastor sagten etwas.
„Zwar bin ich selbst kein Arzt“, fuhr Gurronsevas fort, „aber alle medizinisch ausgebildeten Hudlarer, mit denen ich diesen Einfall besprochen habe, stimmen mit mir uberein, da? sie mehr Freude am Essen hatten, wenn man dem Nahrungspraparat winzige Mengen Gift hinzufugen wurde, und sie sind sich alle ganz sicher, da? es keine schadlichen Auswirkungen hatte. Wenn ich allerdings an die Spatfolgen denke, die das Kauen von orligianischem blauen Hanf, das Rauchen terrestrischen Tabaks oder das Trinken von gegartem dwerlanischen Scrant hat, bin ich in Fragen des subjektiven Genusses Gewi?heiten gegenuber eher mi?trauisch. Deshalb bitte ich Sie um Ihre Hilfe, um herauszufinden, ob diese Veranderung der hudlarischen Kost schadlich ist oder nicht.
Aber falls sie unbedenklich ist, dann denken Sie blo? mal an die Folgen“, setzte Gurronsevas seine Ausfuhrungen fort, ohne den anderen die Chance zu einer Antwort zu geben. „Keine Hudlarer brechen mehr aus Nahrungsmangel zusammen, weil das Praparat so fade ist, da? sie glatt vergessen haben, es sich aufzuspruhen. Im Gegenteil, sie denken immer daran, weil sie der nachsten Mahlzeit mit freudiger Erwartung entgegensehen.
