Verzerrungen ausgesetzt war und uberdies Unmengen von Schiffsenergie benotigte — Energie, die ein in Not geratenes Schiff zumeist gar nicht mehr aufbringen konnte. Doch eine relativ simple „Notsignalbake“ brauchte keine Nachrichten zu ubermitteln — sie war einfach ein nuklearbetriebenes Gerat, das ein Peilsignal sendete, einen Hilferuf im Subraum, der immer wieder samtliche verwendbaren Funkfrequenzen durchlief, bis er einige Tage oder Stunden spater verstummte.

Da samtliche Schiffe der Foderation vor dem Abflug Einzelheiten uber Kurs und Passagiere einreichen mu?ten, war die Position des Notsignals normalerweise ein guter Hinweis auf die physiologische Klassifikation der Spezies, die in Schwierigkeiten geraten war. Dann wurde ein Ambulanzschiff mit der entsprechenden Mannschaft und Ausrustung zur Lebenserhaltung an Bord von seinem Heimatplaneten geschickt. Aber es hatte Falle gegeben, und zwar viel mehr als allgemein angenommen, in denen fur die Foderation unbekannte Wesen in ein Ungluck verwickelt waren und dringend Hilfe benotigten — Hilfe, die die Ambulanzschiffe mitsamt ihren Besatzungen nicht zu leisten vermochten.

Nur wenn das betreffende Bergungsschiff gro? genug war und uber ausreichende Energiereserven verfugte, um die Hyperraumantriebshulle zu vergro?ern und das verungluckte Schiff darin einzuschlie?en, oder aber die Unfallopfer unversehrt befreit werden und in eine fur sie passende Umweltbedingung auf dem Foderationsschiff geschafft werden konnten, transportierte man sie ins Orbit Hospital im galaktischen Sektor zwolf. Folge davon war, da? viele bisher unbekannte Lebensformen, die uber eine hohe Intelligenz und eine fortgeschrittene Technik verfugten, starben und allenfalls noch als interessante Studienobjekte fur die Pathologie dienten.

Ein weiterer Umstand, den man berucksichtigen mu?te, war, da? es die Foderation wann immer moglich vorzog, mit raumfahrenden Lebensformen in Kontakt zu treten. Spezies, die zwar intelligent, aber nicht raumfahrend waren, warfen moglicherweise zusatzliche Probleme auf, weil man sich nie sicher sein konnte, ob man ihre zukunftige Entwicklung durch einen umfassenden Kontakt forderte oder nur behinderte, ob man ihnen technisch unter die Arme griff oder einen vernichtenden Minderwertigkeitskomplex bereitete, wenn die gro?en, fremdartigen Raumschiffe wie aus heiterem Himmel auf ihren Planeten herabfielen.

Lange Zeit hatte man nach einer Losung fur diese Probleme gesucht und sie in den vergangenen Jahren schlie?lich auch gefunden.

Man hatte entschieden, ein Schiff zu bauen und auszurusten, das nur auf diejenigen Notsignale reagieren sollte, deren Positionen sich nicht mit den von den Foderationsschiffen eingereichten Flugplanen deckten — ein ganz besonderes Ambulanzschiff, das den Hilferufen von Lebensformen folgte, die der Foderation bislang unbekannt waren.

Als sich Gurronsevas immer starker auf die Darstellungen auf dem Monitor konzentrierte, schienen sich vor seinem geistigen Auge und auf dem verdunkelten Urif alldeck mehr und mehr Bilder zerstorter Schiffe und durchs All treibender Trummermassen aufzuturmen und die toten oder kaum noch lebenden Korper anzuhaufen, die sie enthielten. Manchmal mu?ten die arg mitgenommenen Lebewesen mit gro?ter Vorsicht aus den Trummern gezogen werden, weil sie einer Spezies angehorten, die der Foderation unbekannt war, und Aliens, die aufgrund ihrer Verletzungen unter starken Schmerzen litten und geistig verwirrt waren, konnten auf die fremden und furchterregenden Ungeheuer, die sie zu retten versuchten, gewalttatig reagieren. Doch es hatte auch andere Falle gegeben, in denen das in Not geratene Schiff keine Beschadigungen aufwies und es die Besatzung war, die dringend Hilfe benotigte. Dann mu?te sich der kommandierende Offizier der Rhabwar, ein Experte fur Technik fremder Spezies, einen Weg in das Alienschiff hineinbahnen, um dessen fremdartigen und womoglich lebensgefahrlichen technischen Ratseln auf die Spur zu kommen, bevor die verletzten oder kranken Besatzungsmitglieder, die vielleicht ebenfalls gewalttatig auf die Annaherung ihrer Retter reagierten, behandelt werden konnten.

Von derartigen Fallen war das Logbuch voll.

Es stand auch die umfassende Schilderung eines Einsatzes darin, den die Rhabwar auf den Notruf eines Schiffs hin unternommen hatte, in dem sich die blinden Aliens und ihre mit normaler Sehkraft ausgestatteten und ungeheuer gewalttatigen Gehirnpartner, die sogenannten „Beschutzer der Ungeborenen“, befunden hatten. Zudem war von dem gewaltigen Gruppenwesen mit unbekanntem Namen und Herkunftsort die Rede, dessen kilometerlanges Kolonisierungsschiff im interstellaren Raum auseinandergefallen war. Um die in alle Richtungen verstreuten Einzelteile wieder zusammenzusetzen und auf den ursprunglichen Zielplaneten zu transportieren, waren sowohl eine gro?angelegte militarische Operation als auch ein gro?erer chirurgischer Eingriff erforderlich gewesen. Und dann hatte es noch die Dwerlaner, die laner, die Duwetz und noch viele andere gegeben.

Gurronsevas wu?te zu wenig uber Medizin, um alle klinischen Einzelheiten zu verstehen, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr. Von den Informationen und unglaublichen Ereignissen, die sich vor ihm auf dem Bildschirm ausbreiteten, wurde er derart gefangengenommen, da? er sich nicht die Muhe gemacht hatte, etwas zu sich zu nehmen, wenn der Essensspender von der Computerkonsole aus weniger bequem zu erreichen gewesen ware. Allmahlich machte er sich wegen der Gefahren, die ihm beim nachsten Einsatz der Rhabwar womoglich bevorstanden, Sorgen, doch in gewisser Weise bedauerte er es fast, da? ihm die Voraussetzungen fehlten, aktiv daran teilzunehmen, insbesondere als ihm die Besatzungsliste des Schiffs verriet, da? er zwei Mitglieder des medizinischen Teams bereits gut kannte, namlich Prilicla und Murchison.

Die Bilder von Wrackteilen fremder Raumschiffe und den unbekannten Spezies angehorenden Insassen verschwanden vom Schirm und wurden durch eine schematische Darstellung des Ambulanzschiffs ersetzt. Nun begann die Stimme, die Aufteilung des Schiffsdecks, die Unterkunfte fur Besatzung und Unfallopfer und die Hauptsysteme zu beschreiben, wobei die entsprechenden Bereiche graphisch hervorgehoben wurden. Da die Erklarungen, die auf Gurronsevas einsturmten, bald nur noch nichtssagende Lichter und Gerausche waren, machte er ihnen durch einen Tastendruck ein Ende. Er hatte jegliches Zeitgefuhl verloren, war mude und hungrig, und sein Kopf war zu voll von seltsamen und au?ergewohnlichen Informationen, als da? er hatte schlafen konnen. Vielleicht war es die schiere Erschopfung, die derart phantastische Vorstellungen in seinem Gehirn aufkommen lie?, doch als er sich einiges von dem ins Gedachtnis zuruckrief, was der Chefpsychologe und andere ihm gegenuber gesagt und getan hatten, und insbesondere das, was hatte getan werden mussen und nicht geschehen war, riefen die eigenen Gedanken in ihm Angst, Unsicherheit, noch gro?ere Verwirrung und sogar ein wenig Hoffnung hervor.

Bei der Rhabwar handelte es sich tatsachlich um ein ganz besonderes Ambulanzschiff, und schon bald sollte es zu einem der hochst ungewohnlichen und wahrscheinlich gefahrlichsten Einsatze aufbrechen, fur die es gebaut worden war. Doch wozu sonst sollte O’Mara einen in Ungnade gefallenen Chefdiatisten an Bord dieses Schiffes schicken, wenn er nicht vorhatte, ihm eine erneute Chance zu geben?

16. Kapitel

Die nachsten vier Tage vergingen wie im Fluge und ohne die geringsten Anzeichen von Langeweile. Erst wenn er durch die vollstandige geistige und korperliche Erschopfung gezwungen wurde, die Computerkonsole zu verlassen, ging er zu seinem versteckten Ruheplatz hinter einem mehrteiligen Wandschirm, der als Sichtschutz zwischen den Betten fur die Verletzten diente, um dort — wenngleich nicht immer mit Erfolg — zu versuchen, ein wenig abzuschalten. Dann, am funften Tag, wurde er durch die plotzlich aufflammende Beleuchtung und eine Stimme geweckt, die laut rief: „Gurronsevas, hier ist Lioren! Wachen Sie bitte schnell auf! Wo stecken Sie uberhaupt?“

Da man ihn so abrupt aus dem Schlaf gerissen hatte, war er noch zu benommen, um etwas zu sagen, doch indem er den Wandschirm, hinter dem er verborgen war, zur Seite schob, beantwortete er die Frage trotzdem und signalisierte auf diese Weise, da? er allmahlich wach wurde.

„Sind Sie seit unserem letzten Gesprach noch mal ins Hospital gegangen oder haben Sie mit irgend jemandem auch nur ein paar Worte gewechselt?“ fragte Lioren in ungewohnt scharfem Ton, wie ihn Gurronsevas bisher noch nicht bei ihm gehort hatte.

„Nein“, antwortete er wahrheitsgema?. „Dann haben Sie also auch keine Ahnung, was in den letzten beiden Tagen geschehen ist?“ erkundigte sich Lioren in einem Tonfall, der die Frage wie eine Beschuldigung klingen lie?. „Uberhaupt keine?“ „Nein“, bestatigte Gurronsevas erneut. Lioren schwieg kurz und fuhr dann mit freundlicherer Stimme fort: „Ich glaube Ihnen. Wenn Sie auf der Rhabwar geblieben sind und von nichts wissen, dann besteht ja die Hoffnung, da? Sie vielleicht keine Schuld daran haben.“

Die Andeutung, er konne gelogen haben, gefiel Gurronsevas gar nicht, und er bemuhte sich, seinen Arger im

Вы читаете Chef de Cuisine
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату