vergiftet!“

„Vielleicht handelt es sich gar nicht um eine Lebensmittelvergiftung“, erinnerte ihn Lioren in bestimmtem Ton. „Das ist es ja, was Sie und ich herausfinden mussen.“

„Na schon“, lenkte Gurronsevas ein. Er holte tief Luft und versuchte, sich innerlich zu beruhigen, bevor er fortfuhr: „Ich wurde die Patienten gern nach der genauen Zusammensetzung der verdachtigen Gerichte fragen und danach, wann sie ihre Mahlzeit eingenommen haben und ob ihnen am Geschmack oder an der Konsistenz etwas Ungewohnliches aufgefallen ist. Zudem mochte ich von jedem einzelnen wissen, welchen Teil des Hospitals er aufgesucht und womit er sich beschaftigt hat, um eventuelle Gemeinsamkeiten zu entdecken und herauszufinden, mit welchem Infektionsherd die Patienten au?er dem Essen noch in Beruhrung gekommen sein konnten. Anschlie?end will ich den Arbeitsvorgang in der Hauptkantine und die Funktion der Hilfscomputer fur Lebensmittel uberprufen und ein Verzeichnis der Essensbestellungen und der vom Synthesizer ausgegebenen Gerichte fur die Zeit abrufen, in der die Infektion zum ersten Mal aufgetreten sein soll. All diese Informationen wurde ich mir am liebsten sofort verschaffen.“

„Wie sich ein ganz bestimmter Patient verhalten hat, kann ich Ihnen genau sagen“, merkte Lioren leise an. „Aber Gurronsevas, denken Sie bitte daran, da? die Idee mit der Lebensmittelvergiftung allein von mir stammt. Offiziell befinden Sie sich gar nicht im Hospital, und falls Sie in dieser Sache unschuldig sind, ware es falsch, sich jemandem zu zeigen.“

„Wenn die Symptome in allen Fallen gleich sind, reicht vielleicht die Befragung eines Patienten aus“, raumte Gurronsevas ein, der sich nicht zu einer weiteren halben Rechtfertigung aufgelegt fuhlte. „Um wen und was handelt es sich denn uberhaupt?“

„Der Patient ist Lieutenant Braithwaite“, antwortete Lioren. „Ungefahr zwanzig Minuten nach unserer Ruckkehr aus der Kantine.“

„Sie haben zusammen gegessen?“ unterbrach ihn Gurronsevas sofort. „Das ist genau die Auskunft, die ich brauche. Konnen Sie sich daran erinnern, welche Gerichte Sie oder der Lieutenant bestellt haben? Erzahlen Sie mir alles, was Sie noch uber die Mahlzeiten wissen. Jede kleine Einzelheit.“

Lioren dachte kurz nach und sagte dann: „Vielleicht ist es ein Gluck gewesen, da? ich mir etwas aus der tarlanischen Speisekarte ausgesucht habe, einen einzelnen Gang des Shemmutara-Menus mit Faas-Quark. Wie Sie sehen, bin ich, was Essen betrifft, nicht gerade abenteuerlustig. Braithwaites Gericht habe ich mir nicht genau angeschaut — auch die Kennziffern, die er beim Bestellen eingegeben hat, nicht—, weil sich bei mir immer eine gewisse Beklommenheit einstellt, wenn ich terrestrische Nahrungsmittel sehe. Wir haben nur die Hauptgange genommen, weil der Lieutenant direkt nach dem Essen einen Termin bei O’Mara hatte. Aber ich habe bemerkt, da? auf seinem Teller eine flache Scheibe synthetisches Fleisch gelegen hat, diese Masse, die Terrestrier als „Steak“ bezeichnen, zusammen mit mehreren runden, leicht gebraunten gelben Gemusestuckchen und zwei anderen Pflanzenarten, die wie ein Haufen aus kleinen grunen Kugeln und runden bla?grauen Stielen mit einem gewolbten Dach ausgesehen haben, wobei das Au?ere der letzten Art besonders ekelhaft aussieht. Auf dem Tellerrand hat sich ein kleiner Klecks einer braunlich gelben, halbfesten Substanz befunden — vielleicht eine Art Wurze. Und, ja, uber das Steak war eine dickliche braune Flussigkeit gegossen.“

Gurronsevas fragte sich, was von Lioren wohl sonst noch alles bemerkt worden ware, wenn er genauer hingesehen hatte. „Hat Braithwaite beim Essen oder danach irgend etwas uber das Gericht gesagt?“ wollte er wissen.

„Ja“, antwortete Lioren, „aber das ist nichts Ungewohnliches gewesen. Ein paar andere Mitarbeiter, die keine Terrestrier gewesen sind und in Horweite von mir gesessen haben, hatten dasselbe Gericht bestellt und sich ebenfalls daruber unterhalten. Einige der warmblutigen Sauerstoffatmer hier am Hospital haben namlich die Angewohnheit, auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen einen Blick uber den Zaun der eigenen Spezies zu werfen, und dieser Brauch hat noch weiter um sich gegriffen, seitdem Sie die Rezepte verandert haben. Das ist au?erst schmeichelhaft fur Sie oder ist es zumindest gewesen, bis diese.“

„Erzahlen Sie mir nur, was Braithwaite gesagt hat“, unterbrach ihn Gurronsevas ungeduldig. „Und zwar alles.“

„Gut, ich versuche, mich daran zu erinnern“, sagte Lioren mit einer Geste, die unter Tarlanern moglicherweise Verargerung bedeutete. „Ach ja. Braithwaite sagte, das Essen habe einen eigenartigen, sandigen Geschmack, und das sei seltsam, weil er dasselbe Gericht schon ofter bestellt habe, ohne da? ihm etwas Merkwurdiges daran aufgefallen sei. Wie er weiterhin bemerkte, wurden Sie standig mit den Rezepturen herumexperimentieren, und die neueste Abwandlung sei vielleicht was fur Kenner, doch falls das zutreffe, sei er nicht Masochist genug, um daran Gefallen finden zu wollen. Danach hat er schnell weitergegessen, ohne etwas zu sagen, weil er nicht zu spat zu der Besprechung mit O’Mara kommen wollte.

Auf dem Weg zur psychologischen Abteilung hat er sich dann uber — wie er es bezeichnete — eine leichte Ubelkeit im Magen beklagt und diese auf eine durch zu schnelles Essen hervorgerufene Verdauungsstorung zuruckgefuhrt“, fuhr Lioren fort. „Auf der Besprechung, die kurze Zeit spater abgehalten wurde und an der O’Mara, Braithwaite und Cha Thrat teilgenommen haben, ging es um die psychologischen Personlichkeitsdiagramme der neuesten Gruppe von Auszubildenden. Da eher abteilungsinterne als personliche Angelegenheiten besprochen worden sind, war die Verbindungstur zum Vorzimmer nicht geschlossen. Ich habe zwar alles gehort, was dann vorgefallen ist, aber nicht alles gesehen. Einzelheiten uber das letztere habe ich spater von Cha Thrat erfahren.“

Lioren stie? eine Folge von schwachen unubersetzbaren Lauten aus und rausperte sich gerauschvoll. „Entschuldigen Sie, Gurronsevas, aber das, was ich Ihnen jetzt erzahlen werde, ist nicht zum Lachen. Braithwaite hatte angefangen, sich uber zunehmende Ubelkeit zu beklagen, auf Cha Thrats teilnahmsvolle Erkundigungen nach seinem Zustand jedoch mit lauten Beschimpfungen reagiert, wobei er der Sommaradvanerin und O’Mara Beleidigungen an den Kopf geworfen hat, die alles andere als hoflich gewesen sind. Dann ist er plotzlich dem Major gegenuber — wenn auch ungewollt — ausgesprochen aufsassig geworden und hat sich schlie?lich uber die Ausdrucke auf dem Schreibtisch erbrochen. Kurz daraufhat der Lieutenant sowohl die Fahigkeit zu logisch zusammenhangender Rede als auch die zur Muskelkoordination verloren und ist auf Veranlassung O’Maras zur medizinischen Untersuchung auf ein Krankenzimmer gebracht worden. Zu dieser Zeit haben sich die verschiedenen Stationen allmahlich mit ahnlichen Fallen gefullt.

Das alles liegt jetzt dreiundvierzig Stunden zuruck. Obwohl die Symptome inzwischen bei samtlichen Erkrankten fast vollstandig abgeklungen sind, hat der Major von dem Augenblick an soviel Zeit wie moglich bei Braithwaite verbracht, um nachzuweisen zu versuchen, ob das abnorme Verhalten seines Assistenten auf einen neuen Krankheitserreger zuruckzufuhren ist, der das Gehirn der Erkrankten befallen und dessen Funktionen angegriffen hat — diese Theorie vertritt das hohere Arztpersonal—, oder ob es sich um eine Begleiterscheinung der Lebensmittelvergiftung handelt — das ist die Erklarung, die ich selbst bevorzuge.

Falls ich mich irre, ware es besser, wenn Sie sich au?erhalb des Blickfelds der Mitarbeiter und hoffentlich auch au?er Reichweite der Infektion halten“, schlo? Lioren seine Ausfuhrungen. „Sollte ich recht haben, wird der Chefpsychologe alles andere als zufrieden mit Ihnen sein.“

Mit dem Gro?en Gurronsevas ist hier offenbar niemand zufrieden, dachte der Tralthaner, oder zumindest halt die Zufriedenheit nie lange an. Er versuchte, gegen die Wut und Enttauschung anzukampfen, die ihn uberkamen, indem er sich auf das vorliegende Problem konzentrierte, dessen Losung fur ihn als Meisterkoch eigentlich nur ein kleineres Ratsel sein durfte.

„Ich brauche Zugriff auf das Nahrungsversorgungsprogramm“, stellte er klar. „Aber keine Angst, dafur werde ich mich nicht zu erkennen geben mussen.“

Liorens Beschreibung hatte es Gurronsevas ermoglicht, das verdachtige Gericht zu identifizieren und mit ziemlicher Genauigkeit den Zeitpunkt abzuschatzen, zu dem die Symptome — falls es sich wirklich um eine Lebensmittelvergiftung handelte — aufgetreten waren. Um den aktuellen Bedarf ermitteln zu konnen und um die Nachbestellung und die Entnahme nichtsynthetischer Zutaten aus den Vorraten zu erleichtern, wurden die Kennummern der bestellten Gerichte taglich erfa?t und gespeichert. Da die Essensauswahl der Kantinenbesucher von psychologischen Faktoren wie zum Beispiel den personlichen Empfehlungen durch Freunde, dem neuesten Trend beim Essen oder einem neuen Gericht auf der Speisekarte, das alle mal probieren wollten, abhing, veranderte sich die Gesamtzahl der Bestellungen bei jedem Gericht von Tag zu Tag. Doch Gurronsevas war der betreffende Tag und die verdachtige Speise bekannt, und jetzt wurde ihm die Zahl, nach der er suchte, auf dem Bildschirm angezeigt. Er gab samtliche Zutaten ein und forderte gerade die vollstandigen biochemischen Analysen dazu an, als sich plotzlich Lioren dem Bildschirm naherte.

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