„Irgendwelche Fortschritte?“ fragte er in einem Ton, der unterstellte, da? ihm die Antwort bereits bekannt war und gar nicht gefiel.
„Ja und nein“, antwortete Gurronsevas, wobei er ein Auge auf Lioren wandte. „Ich bin mir ziemlich sicher, das verdachtige Essen identifiziert und die Ausgabemenge herausgefunden zu haben, aber die.“
„Da konnen Sie sich ganz sicher sein“, unterbrach ihn Lioren. „Wie viele Kranke nach dem Auftreten der Symptome insgesamt auf die Stationen gebracht worden sind, wei? ich genau. Die Zahl stimmt mit Ihrer vollig uberein. Das sieht gar nicht gut fur Sie aus, Gurronsevas.“
„Ich wei?, ich wei?“, grummelte der Tralthaner und deutete verargert auf den Bildschirm. „Aber sehen Sie sich das mal an. Die Essenszutaten sind vollig harmlos und einfach. Sie sind vollkommen unschadlich und meinen Anweisungen gema? hinzugefugt worden. Nach der Verarbeitung und Formung der Bestandteile des Gerichts im Synthesizer sind nur drei nichtsynthetische Zutaten zugegeben worden. Dabei handelt es sich um winzige Mengen der orligianischen und kelgianischen Gewurze Chrysse und Merner Meersalz in der So?e und um ein wenig terrestrischen Muskat, der zum Schlu? uber alles gestreut wird. Von diesen Zutaten kann keine eine Lebensmittelvergiftung verursacht haben. Konnten nicht Giftstoffe von au?en ins Essen gelangt sein, vielleicht durch ein Leck in einem benachbarten Abflu?rohr.? Ich mu? sofort personlich mit meinem ersten Assistenten sprechen.“
„Sie durfen sich mit niemandem im Hospital in Verbindung setzen.“, begann Lioren zu protestieren, doch Gurronsevas beachtete ihn nicht.
„Hauptsynthesizerabteilung, Cheflebensmitteltechniker Sarnyagh“, meldete sich der Nidianer, dessen Kopf auf dem Bildschirm erschien. Falls er bei Gurronsevas’ Anblick ein uberraschtes, verargertes oder beunruhigtes Gesicht machte, dann konnte der Tralthaner das unter der dichten Behaarung jedenfalls nicht erkennen. Wie nicht anders zu erwarten, sagte der Nidianer: „Sir, ich dachte, Sie hatten das Hospital verlassen.“
„Das habe ich auch“, bestatigte Gurronsevas ungeduldig. „Seien Sie bitte still, und horen Sie mir genau zu.“
Als der Tralthaner seine Ausfuhrungen beendet hatte, antwortete Sarnyagh voller Ungeduld: „Sir, das ist gleich die erste Frage gewesen, nachdem die Beschwerden angefangen hatten. Wir haben unser gesamtes Personal zusammengerufen und die nachsten beiden Schichten damit verbracht, die Frage zu beantworten, auch wenn uns die Wartungsabteilung versichert hat, da? eine derartige gegenseitige Verunreinigung durch die Anordnung und die Konstruktion der betreffenden Rohrleitungen ausgeschlossen sei. Die Vorratsbehalter der Nahrungssynthesizer und das Lager mit den geschmacksverstarkenden Zutaten haben wir ebenfalls uberpruft, und die haben sich alle als frei von Giftstoffen erwiesen. Fallt Ihnen sonst noch etwas ein, Sir?“
„Nein“, erwiderte Gurronsevas gereizt und brach die Verbindung ab. Seine vorherige Unruhe steigerte sich rasch zur Verzweiflung, doch im hintersten Winkel des Kopfes stieg in ihm eine vage Ahnung auf, die sich allerdings noch weigerte, ans Licht zu treten. Es war wie ein schwaches Jucken, das durch irgend etwas hervorgerufen worden war, das der Lebensmitteltechniker gesagt haben konnte. „Wenn der Fehler nicht im Versorgungssystem steckt, dann mu? er im Essen zu finden sein, was aber nicht der Fall ist“, fuhr Gurronsevas, an Lioren gewandt, fort. „Vielleicht sollte ich mir mal die Zutaten genauer ansehen, obwohl sie auf den jeweiligen Herkunftsplaneten und auch an anderen Orten schon seit Jahrhunderten verwendet werden. Dazu mu? ich die Datenbank mit den nichtmedizinischen Nachschlagewerken aufrufen.“
Selbst in der vergleichsweise kleinen allgemeinen Datenbank des Orbit Hospitals war eine verwirrende Vielfalt an Informationen uber Gewurze vorhanden, und um die drei von Gurronsevas gesuchten zu finden, war ein sorgfaltiges Durchforsten des Hintergrundmaterials (' erforderlich, das trotz der Hilfe des Computers nur sehr langsam voranging. Gurronsevas erfuhr viele interessante, aber uberflussige Dinge uber die Rolle, die das Merner Meersalz in der lokalen kelgianischen Exportwirtschaft spielte, doch die einzigen Todesfalle, die mit diesem Salz in Verbindung standen, waren schon zu Beginn der kelgianischen Geschichte aufgetreten, als sich bekriegende Einheimische im damals noch nicht ausgetrockneten Merner Meer ertrunken waren. Fur die orligianischen Chrysse-Polypen galt das gleiche, und die Verweise auf die terrestrische Muskatnu? waren zwar zahlreich, enthielten aber keine brauchbaren Einzelheiten, bis Gurronsevas schlie?lich auf einen sehr alten Eintrag stie?, der vielleicht als nachtraglicher Einfall hinzugefugt worden war.
Mit einem Mal sprang das Jucken aus dem hintersten Winkel des Kopfs auf eine Stelle uber, an der sich Gurronsevas kratzen konnte und wo sich der vage Verdacht zur Gewi?heit verdichtete: Sein Kuchenpersonal hatte womoglich unter zu gro?em Druck gestanden oder mitten in einem plotzlich auftretenden Notfall vielleicht eine kleine Veranderung vorgenommen und sie wieder vergessen oder fur zu unbedeutend gehalten, um sie einem Vorgesetzten gegenuber zu erwahnen. Auf einmal stampfte Gurronsevas nacheinander heftig mit allen sechs Fu?en auf.
Als die nicht befestigten Gerate auf dem Unfalldeck aufgehort hatten zu scheppern, fragte Lioren: „Gurronsevas, was ist denn los? Ist mit Ihnen etwas nicht in Ordnung?“
„Was los ist?“ wiederholte Gurronsevas, wahrend er auf die Tasten des Kommunikators einschlug, als ob jede von ihnen ein Todfeind von ihm ware. „Ich versuche, noch einmal diesen armseligen Lebensmitteltechniker Sarnyagh anzurufen. Nicht mit mir in Ordnung ist, da? ich am liebsten einen brutalen, blutigen Mord an einem anderen vermeintlich vernunftbegabten Lebewesen begehen wurde!“
„Das werden Sie ganz bestimmt nicht tun!“ rief Lioren ihn zur Rason. „Bitte beruhigen Sie sich. Ich glaube — und ich bin mir sicher, da? Sie mir darin zustimmen werden—, Sie reagieren mit ubertriebenen Au?erungen auf einen Umstand, zu dessen Klarung aller Wahrscheinlichkeit nach keine korperliche Gewalt erforderlich ist.“
Als zum zweiten Mal Sarnyaghs Bild auf dem Monitor erschien, verstummte Lioren. In einem Ton, der sich zu gleichen Teilen aus Achtung und Ungeduld zusammensetzte, fragte der Lebensmitteltechniker: „Sir, gibt es noch etwas, das Sie mich zu fragen vergessen haben?“
Gurronsevas bemuhte sich innerlich um Ruhe und antwortete: „Ich verweise Sie auf meine ursprunglichen Anweisungen bezuglich der Zusammensetzung und der Art des Anrichtens von Menupunkt elf einundzwanzig fur die terrestrische Spezies DBDG, der zusatzlich fur den Verzehr durch Lebensformen der physiologischen Klassifikationen DBLF, DCNF, DBPK, EGCL, ELNT, FGLI und GLNO geeignet ist und auf deren Wunsch serviert wird. Vergleichen Sie die ursprungliche Zusammensetzung mit derjenigen, die das Gericht tatsachlich gehabt hat, als es nach dem Wurzen mit geschmacksverstarkenden Zutaten serviert worden ist, und bringen Sie mir beide auf den Schirm. Erklaren Sie mir, weshalb eine unbefugte Anderung vorgenommen worden ist.“
Falls es keine Veranderung gegeben hatte, wurde das Gurronsevas gleich ernstlich in Verlegenheit bringen. Aber er war sich sicher, da? dieser Fall nicht eintreten konnte.
Sarnyagh blickte nach unten auf die Tastatur und gab kurz etwas ein. Uber seiner pelzigen Brust erschienen als eine strahlende Auflage zwei kurze Zahlenkolonnen, in denen zwei der Mengenangaben hervorgehoben waren.
„Ach ja, jetzt wei? ich’s wieder“, sagte er. „Das ist eine kleine Abanderung gewesen oder eher die Korrektur eines Fehlers, der ihnen anscheinend unterlaufen war. Falls Sie sich erinnern konnen, Sir, haben Sie in Ihrem Rezept fur diese Zutat das Nullkommanullachtfunffache des Gesamtgewichts des Gerichts angegeben, was — bei allem Respekt — fur eine Pflanze, die als genie?bar verzeichnet ist, eine geradezu lacherlich geringe Menge darstellt. Deshalb bin ich davon ausgegangen, da? der von Ihnen beabsichtigte Wert acht Komma funf lauten mu?te. Habe ich mich geirrt? Bin ich vielleicht zu vorsichtig gewesen?“
„Sie haben sich geirrt und sind nicht vorsichtig genug gewesen“, entgegnete Gurronsevas, wobei er sich bemuhte, dem Nidianer keine Beleidigungen an den Kopf zu werfen und die Stimme auf Zimmerlautstarke zu halten. „Hatten Sie nicht am Geschmack erkennen konnen, da? da etwas nicht gestimmt hat?“
Sarnyagh zogerte, da er offenbar befurchtete, in der Patsche zu sitzen, und im voraus versuchen wollte, sich herauszureden, und erwiderte dann schnell: „Ich bedaure, da? ich weder uber Ihre umfassende Erfahrung im Kochen noch uber Ihre unubertroffene Fahigkeit verfuge, eine gro?e Vielzahl an Gerichten anderer Spezies abzuschmecken und einzuschatzen. Ich ziehe die einfache Hausmannskost von Nidia vor und wage es nur ab und zu mal, etwas aus der kalten Kuche der Kelgianer zu probieren. An terrestrisches Essen habe ich mich nur wenige Male gewagt, ich finde es zu klumpig. Au?erdem hat es zu viele kontrastierende Farben und sto?t mich schon vom Aussehen her ab, deshalb hatte ich gar nicht wissen konnen, ob der Geschmack in Ordnung war oder nicht. Auch wenn die Anderung geringfugig gewesen ist und ich Sie vorher um Erlaubnis gefragt hatte, wenn Sie erreichbar gewesen waren, habe ich die im Rezept angegebene Menge nicht ohne sorgfaltige Uberlegung erhoht.
Vor der Anderung habe ich das Ganze mit dem medizinischen Computer uberpruft, um sicherzugehen, da? die Zutat nicht als giftig verzeichnet ist, und das war nicht der Fall“, fuhr Sarnyagh fort. „Obendrein war der
