Zaum zu halten, als er sagte: „Ich habe die ganze Zeit damit verbracht, ausnahmsweise mal das zu tun, was man mir gesagt hat, namlich mich eingehend mit den Informationen uber das Ambulanzschiff zu beschaftigen und au?erdem uber meine mogliche zukunftige Stellung hier am Hospital nachzudenken. Genau daruber wurde ich mich gern mit O’Mara unterhalten, wenn er ein paar Minuten Zeit hatte. Waren Sie jetzt so freundlich, mir zu sagen, wovon Sie uberhaupt reden?“
Lioren zogerte abermals wie jemand, der versucht, jemandem eine schlechte Nachricht so schonend wie moglich beizubringen, und antwortete dann: „Ich habe Ihnen zwei Mitteilungen zu machen. Die erste ist ein wenig ungenau und konnte sich fur Sie als unerfreulich erweisen. Die zweite wird fur Sie auf jeden Fall argerlich sein, sofern Sie mir nicht versichern konnen, da? Sie wirklich nichts mit den momentanen Zustanden zu tun haben. Mir ist es lieber, Ihnen zuerst die weniger unerfreuliche Nachricht mitzuteilen.
Dabei geht es um den nachsten Einsatz der Rhabwar“, fuhr Lioren fort. „Wissen Sie, das ist kaum mehr als ein Gerucht, weil der Einsatz momentan auf ganz hoher Ebene von Leuten erortert wird, die nur selten tratschen. In dieser Angelegenheit sind eine ganze Menge kostspieliger Hyperraumfulnkspruche hin- und hergeschickt worden. Zu dem Einsatz gehort auch der Kontakt mit einer neu entdeckten intelligenten Spezies, doch es bestehen Zweifel, ob das Ambulanzschiff in der Lage ist, mit der Situation fertig zu werden. Das medizinische Team der Rhabwar glaubt, helfen zu konnen, und die Kontaktspezialisten betonen immer wieder, da? es ihre Aufgabe sei. Ich glaube, die endgultige Entscheidung hat man bereits getroffen, aber die Durchfuhrung ist durch die Epidemie verzogert worden.“
„Was fur eine Epidemie?“
Lioren zogerte und antwortete dann: „Wenn Sie die ganze Zeit uber keinen Fu? ins Hospital gesetzt und mit niemandem dort gesprochen haben, konnen Sie naturlich nichts davon wissen. Zudem vergro?ert sich dadurch die Wahrscheinlichkeit, da? Sie nicht fur die Zustande verantwortlich sind.“
„Was fur Zustande?“ verlangte Gurronsevas vor Verzweiflung so laut zu wissen, da? seine Stimme bis zum anderen Ende des Bordtunnels zu horen sein mu?te. „Was fur eine Epidemie? Und was habe ich damit zu tun?“
„Ich hoffe, nichts“, bekraftigte Lioren erneut. „Horen Sie auf zu schreien, dann klare ich Sie daruber auf.“
Laut Lioren hatte sich vor drei Tagen unter dem Personal und den Patienten des Hospitals eine unbekannte Epidemie ausgebreitet. Nur die warmblutigen Sauerstoffarmer waren betroffen, wenn auch nicht alle. Hudlarer, Nallajimer und einige andere Lebensformen waren von der Seuche verschont geblieben, wie auch — aus unbekanntem Grund — mehrere Mitglieder der ansonsten von ihr befallenen Spezies; diese Einzelfalle waren offenbar immun oder hatten das Gluck gehabt, nicht mit den Erregern in Beruhrung gekommen zu sein. Ein Symptom der Krankheit war Ubelkeit, die im Laufe der ersten beiden Tage immer starker wurde. Danach waren die Erkrankten nicht mehr in der Lage, Nahrung normal durch den Mund zu sich zu nehmen, und mu?ten intravenos ernahrt werden. Schwerwiegender war jedoch der Umstand, da? im gleichen Zeitraum ein allmahlicher Verlust der Fahigkeit auftrat, ein logisch zusammenhangendes Gesprach zu fuhren oder die Bewegungen von Fingern und Gliedma?en zu koordinieren. Da zu viele Mitarbeiter des Hospitals so krank waren, da? sie weder den eigenen medizinischen Zustand noch den ihrer Patienten richtig untersuchen konnten, war es noch zu fruh, um zu sagen, ob die intravenose Ernahrung in allen Fallen erfolgreich war, doch gab es erste Anzeichen, da? die beiden Krankheitssymptome Ubelkeit und Gehirnfunktionsstorungen bei denen, die intravenos ernahrt wurden, allmahlich abklangen.
„Aber wir konnen nicht jeden erkrankten warmblutigen Sauerstoffatmer — insgesamt sind es annahernd vierhundert — auf unbestimmte Zeit intravenos ernahren“, setzte Lioren seine Ausfuhrungen fort. „Selbst wenn alle rund um die Uhr arbeiten, verfugen wir nicht uber genugend medizinische Mitarbeiter von anderen Spezies, um solch eine Aufgabe zu bewaltigen. Todesfalle hat es bislang nicht gegeben, aber weil wir auch noch normale Patienten im Hospital haben, die trotz allem behandelt oder operiert werden mussen, sind wir gezwungen, Auszubildende und Assistenzarzte einzusetzen, deren Fahigkeiten fur derartige Tatigkeiten nicht ausreichen — da sind Tote nur eine Frage der Zeit. Fur eine ordentliche Untersuchung stehen uns nicht genugend Krafte zur Verfugung, weil die dafur Zustandigen trotz der Vorsichtsma?nahme, die Kranken und die medizinischen Mitarbeiter derselben Spezies voneinander zu isolieren, ebenfalls erkrankt sind.
Verschont geblieben sind einige Angehorige des hoheren medizinischen Personals“, berichtete Lioren weiter. „Diagnostiker Conway hat mir erzahlt, in seinem Fall konne das daran gelegen haben, da? er zum fraglichen Zeitpunkt gerade mit einem auf Nallajimer bezogenen Projekt beschaftigt gewesen und es ihm wegen des Schulungsbands schwergefallen sei, etwas zu essen, das nicht wie Vogelfutter ausgesehen habe. Doch wenn das einen Einflu? darauf gehabt hat, da? er nicht krank geworden ist, und wenn ein Zusammenhang zwischen dem Verzehr der Gerichte fur warmblutige Sauerstoffatmer und dem Auftreten der Symptome besteht, dann.“
„Spielen Sie etwa auf eine Lebensmittelvergiftung an?“ fiel ihm Gurronsevas ins Wort, wobei er sich bemuhte, seine Wut zu zugeln. „Das ist nicht nur beleidigend, sondern auch unerhort und. und ganz unmoglich!“
„… dann durfte die Diagnose in Anbetracht der weitverbreiteten und uberall gleichzeitig ausbrechenden Ubelkeit auf Lebensmittelvergiftung lauten“, fuhr Lioren fort, wobei er den Einwurf nicht beachtete, die Frage aber trotzdem beantwortete. „Die Rohmasse, die man zur synthetischen Herstellung der Nahrung verwendet, wird vor dem Verschiffen grundlich auf Qualitat und Reinheit uberpruft und fur den Transport so versiegelt, da? eine Vergiftung durch Chemikalien oder Strahlung praktisch ausgeschlossen werden kann. Nach denselben strengen Sicherheitsvorschriften werden zwar auch die zahlreichen neuen geschmacksverstarkenden Zutaten behandelt, die Sie vor kurzem eingefuhrt haben, doch weil es so viele verschiedene sind, ist es wahrscheinlicher, da? Giftstoffe oder Krankheitserreger uber diesen Weg ins Essen gelangt sind. Und ich stimme Ihnen durchaus zu: da? irgendeine giftige Substanz ins Nahrungsversorgungssystem des Hospitals geraten sein soll, ist au?erst unwahrscheinlich, aber keineswegs unmoglich.“
„Nichts ist unmoglich“, reagierte Gurronsevas verargert. „Doch Ihre Vermutung kommt dem so nah, da? man.“
„Also, ich will nicht gefuhllos klingen“, fiel ihm Lioren ins Wort, „aber wenn der Ausbruch der Epidemie auf vergiftetes Essen zuruckzufuhren ist, dann werden Sie beruflich in Mi?kredit geraten. Noch gro?er ware allerdings die Erleichterung der medizinischen Mitarbeiter, weil eine solche Krankheitsursache bedeuten wurde, da? sie vor einem medizinischen Problem stunden, das relativ einfach zu beheben ware. Sollte jedoch nicht eine Lebensmittelvergiftung der Ausloser sein und es sich bei der Ubelkeit um das sekundare Symptom einer Krankheit handeln, die das Gehirn mehrerer verschiedener Spezies angreift, dann haben wir es mit einem sehr viel ernsthafteren Problem zu tun. Das wurde namlich bedeuten, im Hospital fliegt ein bislang unbekannter Erreger herum, der imstande ist, die Barriere zwischen den Spezies zu uberwinden. Da? das nach allem, was wir wissen, ebenfalls unmoglich ist, wei? sogar ein medizinischer Laie wie Sie. Doch auf Cromsag habe ich die bittere Erfahrung gemacht, da? man keine Moglichkeit ausschlie?en sollte.“
Das mit den Krankheitserregern wu?te Gurronsevas bereits. Seit dem Moment, als er von Traltha zu seinem ersten Raumflug aufgebrochen war, hatte man ihm immer wieder gesagt, da? fur ihn keine Gefahr bestunde, sich die Krankheiten oder Infektionen anderer Spezies zuzuziehen. Doch wie er hatte munkeln horen, waren die medizinischen Kapazitaten auf der standigen Suche nach der beruhmten Ausnahme, die die Regel bestatigte. Was dem Padre auf Cromsag widerfahren war, davon hatte Gurronsevas keine Ahnung, und er war sich sicher, da? jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt war, ihn danach zu fragen.
„Es ist au?erst dringend, die Moglichkeit einer Lebensmittelvergiftung so schnell wie moglich zu bestatigen oder auszuschlie?en“, fuhr Lioren fort. „Die normalen pathologischen Untersuchungs- und Analyseverfahren sind im Moment zu langsam und unzuverlassig. Obendrein sind die fur die Untersuchung Zustandigen entweder zu sehr mit der Behandlung von Patienten beschaftigt oder zahlen inzwischen selbst zu den Patienten, oder sie haben die Theorie uber die Lebensmittelvergiftung als Krankheitsursache bereits ausgeschlossen, weil sie ihnen zu unwahrscheinlich vorkommt, um damit kostbare Zeit zu vergeuden. Doch Sie, Gurronsevas, wissen, wo und wonach Sie zu suchen haben.
Schlie?lich sind Lebensmittel Ihr Fachgebiet, Herr Chef diatist.“
„Aber. aber das ist ja eine unverzeihliche Frechheit!“ emporte sich Gurronsevas. „Das ist eine personliche Beleidigung! In meinem ganzen Leben habe ich es noch nicht mit einer Einrichtung oder einem Nahrungsversorgungsbetrieb zu tun gehabt, der im Umgang mit Lebensmitteln eine derart nachlassige Haltung gegenuber den hygienischen Anforderungen an den Tag gelegt hat, da? er seine Stammgaste gleich massenweise
