entwicklungsgeschichtlichen Sprung im Bereich des Wechsels vom Pflanzen- zum Fleischfresser — oder vielleicht auch zum Allesfresser—, der in der Pubertat stattfindet, mu?te uns dies alles klar werden, wenn wir mehr. Tut mir leid, Gurronsevas, dieser Teil der Untersuchung ist ein medizinisches Spezialgebiet und fur Sie nicht von Interesse.
Was wir Ihnen mitteilen konnen, ist, da? unsere Untersuchungen des Zungenaufbaus und die Speichelanalyse auf das Vorhandensein eines Geschmackssinns und eines Vorverdauungssystems im Mund hindeuten, das in den meisten Beziehungen demjenigen ahnelt, das man bei der Mehrheit der warmblutigen sauerstoffatmenden Lebensformen einschlie?lich Ihrer eigenen vorfindet“, fuhr die Pathologin fort. „Wenn Sie die Pflanzen, die Sie gesammelt haben, bestimmen und mit einem Anhanger versehen und uns ein paar Stunden Zeit geben, um uns damit zu beschaftigen, werden wir in der Lage sein, Ihnen mit einem recht hohen Ma? an Gewi?heit zu sagen, welche Pflanzen oder Pflanzenteile — wie etwa Wurzeln, Stiele, Blatter oder die Frucht — die Wemarer und Sie selbst essen konnen und welche mehr oder weniger giftig sind. Da Stoffe, die wir als giftig einstufen, wenn man sie direkt in den Blutkreislauf bringt, oft durch die normalen Entgiftungsprozesse bei der Verdauung unschadlich gemacht werden, ist es unwahrscheinlich, da? Sie einen Wemarer oder sich selbst vergiften, wenn Sie die untersuchten Pflanzen zuerst nur in geringen Mengen verwenden. Dasselbe gilt fur alle Nahrungsmittel, die der Synthesizer der Rhabwar fur die Wemarer herstellt.
Wie die einzelnen Pflanzenproben genau schmecken, konnen wir Ihnen nicht sagen“, setzte Murchison ihre Ausfuhrungen fort. „Zwar zeigt die chemische Zusammensetzung an, ob die betreffende Pflanze einen kraftigen oder faden Geschmack hat, aber nicht, ob dieser Geschmack den Wemarern angenehm oder unangenehm sein wird. Wie Sie selbst besser als irgend jemand sonst an Bord wissen, ist Geschmack eine Frage der personlichen Vorliebe und schon bei Mitgliedern ein und derselben Spezies vollkommen verschieden, ganz zu schweigen von denjenigen mit einer vollig anderen Evolution.“
„Mir scheint, ich werde den Gaumen der Wemarer umerziehen mussen“, merkte Gurronsevas an.
Murchison lachte. „Zum Gluck ist das nicht mein Problem. Wollen Sie sonst noch etwas wissen?“
„Danke, ja“, antwortete Gurronsevas und richtete samtliche Augen auf Prilicla. „Doch dabei geht es weder um eine medizinische Angelegenheit, noch um eine, die etwas mit der Esse^z^ere^^ zu tun hat. Ich wurde gerne wissen, wieviel Zeit ich fur die Bewaltigung dieses Problems habe. Das momentan freundliche Verhaltnis zu den Wemarern in der Mine konnte sich rasch andern, sobald die Jagdgruppe zuruckkehrt. Wann wird die eintreffen?“
„Das zu wissen ware fur uns ebenfalls nutzlich“, entgegnete der Chefarzt. „Freund Fletcher?“
„Es gibt da ein kleines Problem, Doktor“, verkundete die Stimme des Captains aus dem Wandlautsprecher. „Die Tremaar hat ihre Uberwachung auf ein kreisformiges Gebiet mit einem Radius von achtzig Kilometern rings um die Mine konzentriert und keine Spur von den Jagern entdeckt. Au?erhalb dieses Umkreises ist die Planetenoberflache uneben und bewaldet, und dadurch entstehen gro?e Gebiete, die einen naturlichen Schutz bieten, so da? die Beobachtungen der Tremaar alles andere als zuverlassig sind. Zwar werden noch weitere Siedlungen uberwacht, aber die nachste liegt etwa funfhundert Kilometer entfernt am Ufer eines Gebirgssees. Wegen der Abneigung der Wemarer gegen das Sonnenlicht glaubt man auf der Tremaar, da? sie moglicherweise nachts marschieren und sich tagsuber an einer Stelle ausruhen, an der man sie nicht sehen kann. Ob nun das eine oder das andere zutrifft, die Jager haben jedenfalls keine tragbare Ausrustung mit einer Strahlungssignatur dabei, die den Sensoren im Orbit ihren Aufenthaltsort verraten wurde.
Aber ich konnte unser unbemanntes Aufklarungsflugzeug fur Verletzte hochschicken“, fuhr Fletcher fort. „Das spurt auch das geringste Lebenszeichen auf, selbst wenn es kurz vorm Erloschen ist. Es wird den Boden aus geringer Hohe auf einem spiralformigen Kurs absuchen, und sofern nicht samtliche Jager tot sind, werden Sie die Gruppenstarke, die Marschgeschwindigkeit und die geschatzte Ankunftszeit bis auf einen oder zwei Tage genau erfahren — das hangt davon ab, wie weit die Gruppe im Moment entfernt ist.“
„Schicken Sie das Flugzeug bitte sofort los“, forderte ihn Prilicla auf. Dann flog er naher an Gurronsevas heran und sagte: „Ich kann Ihre Befriedigung spuren, mein Freund, aber wir anderen sind mit unseren Fortschritten alles andere als zufrieden. Schlie?lich sind wir nur ein kleines und fur diese Aufgabe ungewohnlich ausgerustetes medizinisches Team. Wir haben zu wenige Mitarbeiter, um die Krankheiten eines ganzen Planeten zu heilen.“
„Dafur sind wir aber au?erst bescheiden“, warf Naydrad ein, wobei sie sich vom Essensspender zu den anderen umsah.
„…sollten jedoch imstande sein, die Schwierigkeiten einer kleinen, isolierten Bevolkerungsgruppe zu beheben. Aber unser Kontakt lauft nicht gut. Aus Ihren Gesprachen mit Remrath sind die Grunde fur die Scham klargeworden, die er als Erwachsener empfindet, weil er gezwungen ist, Kindernahrung zu essen. Tawsar hingegen widerstrebt es noch immer, uns in bestimmten, fur das volle Verstandnis wichtigen Bereichen Auskunfte zu erteilen. Nur in der Kuche der Wemarer werden auf der gemeinsamen Basis der Kochkunst Fortschritte erzielt. Das ist zweifellos der erste Fall dieser Art in der Geschichte der Erstkontaktverfahren, Chefdiatist Gurronsevas.“
Der Tralthaner entgegnete nichts. Er freute sich sowohl uber das unerwartete Kompliment als auch uber den Gebrauch seines Titels in Verbindung damit, und er wu?te, da? auch Prilicla seine Freude spurte.
„Wir haben Remraths Einladung an Sie mitgehort“, sagte Prilicla. „Was haben Sie nun vor?“
„Ich wurde gern morgen zur gleichen Zeit in die Mine zuruckkehren“, antwortete Gurronsevas. „Bis dahin werden die genie?baren Pflanzen analysiert und bestimmt sein, und ich werde genug wissen, um ein paar Experimente mit dem Essen anzustellen, wahrend ich mich mit Remrath unterhalte und ihm in der Kuche helfe. Doch ein personlicher Schutz ist nicht erforderlich. Ich fuhle mich bei der Arbeit dort drinnen sehr wohl.“
Da? er sich in Remraths dampfenden und qualmenden und insgesamt primitiven Kuche heimischer fuhlte als inmitten der blitzenden, keimfreien medizinischen Ausstattung auf dem Unfalldeck, fugte er nicht hinzu.
„Ich bin mir Ihrer Empfindungen durchaus bewu?t, mein Freund“, sagte der Empath in sanftem Ton. „Doch ich ware glucklicher, wenn Danalta Sie begleiten wurde. Er konnte Ihnen nicht nur unmittelbar helfen, sondern stunde auch bei einem medizinischen Notfall sofort zur Verfugung. Statistiken zufolge ist die Kuche der Ort, in dem die zweitgro?te Wahrscheinlichkeit fur einen Unfall besteht.“
„Insbesondere in der Kuche eines Haufens von Kannibalen“, warf Naydrad ein.
„Ganz wie Sie wollen, Doktor“, willigte Gurronsevas ein, wobei er die Oberschwester einfach uberhorte. „Darf ich Remraths Gastfreundschaft erwidern und ihn hierher einladen?“
„Selbstverstandlich“, stimmte Prilicla sofort zu. „Aber seien Sie vorsichtig. Dieselbe Einladung haben wir schon gegenuber Tawsar ausgesprochen, die sie heftig abgelehnt hat. Tawsars emotionale Ausstrahlung war in diesem Moment sehr kompliziert und intensiv und sogar unfreundlich. Remrath konnte in gleicher Weise reagieren.
Deshalb mussen wir auch mit Ihnen erst die Gesamtsituation hier auf Wemar besprechen — die Tatsachen also, die uns bekannt sind, und unsere Vermutungen, die darauf beruhen—, bevor Sie sich wieder mit Remrath unterhalten konnen“, fuhr der Cinrussker fort. „Da man uns gegenuber aus irgendeinem unbekannten Grund ein Gefuhl der Abneigung oder des Mi?trauens entgegenbringt, sind Sie derjenige, der unsere vielversprechendste Verbindung mit den Wemarern aufrechterhalt. Dieser Kontakt darf naturlich nicht versehentlich abrei?en, nur weil wir Sie nicht mit allen verfugbaren Informationen versehen haben.“
Ich bin Koch und kein Arzt oder Kontaktspezialist fur fremde Spezies, dachte Gurronsevas. Doch jetzt behandelte man ihn offenbar so, als wurde er alle drei Berufe auf einmal bekleiden. Das lie? seltsam angenehme Empfindungen in ihm aufkommen, und er war kein bi?chen angstlich.
„Wir werden Ihre Gesprache mit Remrath in der Mine und im Freien zwar weiterhin verfolgen und aufzeichnen, halten es aber nicht mehr fur notwendig, Sie mit uberflussigen Ratschlagen abzulenken“, setzte Prilicla seine Ausfuhrungen in beruhigendem Ton fort. „Sollte sich ein Notfall ereignen, werden wir naturlich schnell reagieren, und unser Schweigen wird dann nicht bedeuten, da? wir Sie vergessen haben. Uber die personlichen Sicherheitsma?nahmen werden wir Sie in den genauen Instruktionen unterrichten.“
„Vielen Dank“, sagte Gurronsevas.
„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, mein Freund, weder um Ihre Sicherheit noch um Ihre Fahigkeit, mit der Aufgabe fertig zu werden“, beruhigte ihn der Empath. „Sie haben bereits gute Arbeit geleistet und werden das auch weiterhin tun. Allerdings finde ich es schon etwas merkwurdig, da? sich ein Fachmann von Ihrer Bedeutung noch nicht wegen der niedrigen Dienste, die er hier verrichtet, beklagt hat und auch nicht viel mehr als eine ganz leichte und vorubergehende emotionale Anspannung verspurt hat. Schlie?lich behandelt man
