Sie hier auf Wemar nicht mit dem Respekt, der Ihnen gebuhrt.“
„Auf Wemar mu? ich mir den Respekt erst noch verdienen“, stellte Gurronsevas klar.
25. Kapitel
Fletchers mit Sensoren ausgerustetes Aufklarungsflugzeug entdeckte aus geringer Hohe eine Gruppe von dreiundvierzig erwachsenen Wemarern, die sich in Richtung Mine bewegten, sich aber schatzungsweise noch in einer Entfernung von neun Tagesmarschen befanden, und ubermittelte Bilder von ihnen zur Rhabwar. Die Wemarer sprangen nicht voran, sondern gingen nur, weil vier von ihnen einen funften auf einer Trage mitschleppten, die man aus dunnen, geraden, von allen Zweigen befreiten Asten angefertigt hatte. Jeweils zwei kleine Tiere von etwa einem Funftel der Korpergro?e eines Wemarers wurden zwischen zwei Jagern, die ein doppeltes Seil am Hals der Tiere befestigt hatten, sowohl vorangetrieben als auch hinterhergezogen. Bis auf den kranken oder verletzten DHCG auf der Bahre waren alle Jager mit Tornistern ausgestattet, die schlaff vom Rucken herabhingen. Ganz offensichtlich war die Jagd nicht erfolgreich gewesen.
Ob oder wann Gurronsevas diese Bilder Remrath zeigen wollte, hatte man ihm selbst uberlassen. Die Nachricht von der Ankunft der Jagdgruppe hatte einen storenden Einflu? auf das sich standig verbessernde Verhaltnis zu Remrath haben konnen. Seit ihrem gemeinsamen Ausflug durchs Tal hatte es dem Chefkoch nie an Worten gefehlt, insbesondere wenn es sich, wie jetzt, um kritische handelte.
„Das ist vollig albern und kindisch!“ protestierte Remrath voller Ungeduld. „Gurronsevas, wie oft mu? ich Ihnen denn noch sagen, da? wir Gemuse nicht aus freien Stucken essen, sondern nur, weil wir durch den drohenden Hungertod dazu gezwungen sind? Kalt oder warm, roh oder gekocht, in welcher Form es auch immer zubereitet wird, es bleibt Gemuse. Gut, es sieht hubsch aus, wie Sie es auf dem Teller arrangieren, das gebe ich ja zu, aber Kinder finden es angenehmer, hubsche Muster zu legen, indem sie farbige Steine und Holzstucke auf ihren Schultischen herumschieben, als mit ungekochten Gemusehappen auf dem Teller herumzumanschen. Was soll das? Sie erwarten doch wohl von niemandem, da? er tatsachlich dieses Zeug i?t, oder?“
„Es handelt sich um einen Salat“, erklarte Gurronsevas ruhig und nachsichtig, um zu versuchen, der Ungeduld des Chefkochs entgegenzuwirken. „Wenn Sie ihn genau betrachten, werden Sie feststellen, da? er sich aus geringen Mengen bekannter Pflanzenarten Ihres Planeten in ungewohnten Formen zusammensetzt, da ich sie in Wurfel, Scheiben und Streifen geschnitten habe. Angemacht ist das Ganze mit ein wenig Dressing, das aus den Keimen Ihres Vries besteht, die ich zerdruckt und mit dem Saft unreifer Moosbeeren gemischt habe, damit es den notigen Geschmack bekommt. Zu guter Letzt habe ich den Salat zu einem optisch interessanten Muster arrangiert. Die Crillknospen kann man, falls man will, ebenfalls essen, und wenn der Salat schlie?lich auf den Tisch kommt, werden sie sich bereits geoffnet haben, doch in erster Linie sind sie als Verzierung gedacht und sollen das Aroma steigern. Da? der Reiz einer Mahlzeit nicht nur im Geschmack, sondern auch im Aussehen und Duft liegt, habe ich Ihnen ja schon erklart — und das gilt auch fur die anderen beiden Gange des Menus, die dort auf dem Tablett stehen.
Bitte probieren Sie den Salat mal“, forderte er Remrath auf. „Ich habe selbst alle drei Gange gegessen, ohne Schaden zu nehmen, und trotz der fur mich ungewohnten Zutaten einiges vom Geschmack her als recht angenehm gefunden.“
Das ist allerdings nicht ganz wahr, dachte Gurronsevas insgeheim, denn wahrend der ersten Experimente mit Wemarer Pflanzen war auf die anfangliche Freude schnell eine Magenverstimmung gefolgt. Doch wie er sich vor Augen hielt, hatten alle Leute, die glaubten, unbedingt zu viel von der Wahrheit ausplaudern zu mussen, in der Geschichte aller Planeten schon immer eine Unmenge Probleme verursacht.
„Jetzt probieren Sie doch mal, dann werden Sie schon sehen“, wiederholte er.
„Ich verstehe nicht, weshalb es drei verschiedene Gerichte geben mu?“, wandte Remrath ein. „Wieso mischen wir nicht einfach alle drei miteinander?“
Allein bei der Vorstellung lief Gurronsevas schon ein kleiner, unmerklicher Ekelschauer uber den breiten Rucken. Diese Frage hatte er bereits beantwortet, und er vermutete, da? Remrath lediglich eine Verzogerungstaktik verfolgte, mit der Erfolg zu haben der Wemarer in seiner Rolle als Kochgehilfe nicht hoffen konnte. Vielleicht sollte ich die Frage ein zweites Mal beantworten, sagte sich Gurronsevas, um dieses Mal bei meinem Kollegen auch den letzten Zweifel uber meine Absichten auszuraumen.
„Bei allen intelligenten Spezies, die ich kenne, ist es ublich, Mahlzeiten zuzubereiten und zu servieren, die aus mehreren miteinander kontrastierenden oder sich erganzenden einzelnen Gerichten oder Gangen bestehen“, erklarte er geduldig. „Dies liegt daran, da? man das Essen fur eine Gaumenfreude halt, die zu bestimmten Zeiten subtil und recht lange anhaltend und zu anderen Zeiten eher herzhaft und intensiv sein kann. Die Zutaten der unterschiedlichen Gange werden so ausgewahlt, da? sie innerhalb eines einzelnen Gerichts dieselbe Funktion einer Gesamtmahlzeit in kleinerem Ma?stab erfullen.
Ein Menu kann aus vielen verschiedenen Gangen bestehen, aus funf oder elf oder sogar noch mehr, so da? es beispielsweise moglich ist, vier Stunden zu speisen“, fuhr er begeistert fort. „Bei den gro?eren und vielschichtigeren Menus, die oft die politische und psychologische Nebenfunktion erfullen, die Gaste mit dem Reichtum des Gastgebers, der Organisation oder der Bevolkerungsgruppe zu beeindrucken, wird vom Speisenden nicht erwartet, alles zu essen, was ihm vorgesetzt wird. Versucht er es trotzdem, ergeben sich fur ihn daraus starke Verdauungsbeschwerden. Ich personlich bin nicht fur solche uberreichlichen und verschwenderischen Festgelage, da ich die Qualitat der Quantitat vorziehe. Wie dem auch sei, ich bereite jeden einzelnen Gang mit peinlicher Sorgfalt zu und serviere ihn mit den geeigneten.“
„Ihr Fremdweltler vergeudet in eurem Leben offenbar furchtbar viel Zeit mit Essen“, fiel ihm Remrath ins Wort. „Woher nehmt ihr da noch die Zeit, Raumschiffe und Fahrzeuge, die uber dem Boden schweben, und eure anderen technischen Wunderwerke zu bauen?“
„Diese Sachen benutzen wir, ohne ihre Funktionsweise verstehen zu mussen“, antwortete Gurronsevas. „Sie sind nicht zur Zeitverschwendung, sondern zur Zeitersparnis gebaut worden, damit wir mehr Zeit haben, die anhaltenden Freuden des Lebens zu genie?en, wie zum Beispiel das Essen.“
Remraths Entgegnung lie? sich nicht ubersetzen.
„Sicherlich gibt es auch noch andere Genusse“, raumte Gurronsevas ein, „insbesondere diejenigen, die mit der Fortpflanzung zusammenhangen. Aber denen kann man sich nicht standig oder oft hingeben, ohne eine schwere Entkraftung oder einen anderen gesundheitlichen Nachteil zu riskieren. Dasselbe gilt fur aufregende oder gefahrliche Betatigungen wie beispielsweise Bergsteigen, Tiefseetauchen oder Segelfliegen. Das hauptsachlich Aufregende an derartigen Beschaftigungen ist, da? der Betreffende in einer Situation, die durchaus lebensbedrohlich werden kann, all seinen Wagemut und sein ganzes Geschick aufbieten mu?. Zwar la?t das fur diese Aktivitaten erforderliche Zusammenspiel von Geist und Korper mit zunehmendem Alter nach, doch dafur nimmt das Vergnugen an gutem Essen und Trinken im Alter mit der Gewohnheit zu. Und dabei handelt es sich um Freuden, die man immer wieder bis zum Uberdru? genie?en kann und die das Leben womoglich erheblich verlangern, wenn man die geeigneten Speisen regelma?ig und in der richtigen Menge zu sich nimmt.“
„Dieses Grunzeug zu essen, ungekochte Pflanzen zu verzehren, erhalt das meinen Korper etwa jung und frisch?“ fragte Remrath leise.
„Wenn man sie von Kindsbeinen an und das ganze Erwachsenenalter hindurch i?t, bleibt man viel langer wesentlich junger und frischer“, antwortete Gurronsevas. „Insbesondere, wenn man lernt, sich ausschlie?lich pflanzlich zu ernahren, so wie ich es vorziehe. Unsere Arzte sind ebenfalls dieser Meinung, und ich verfuge uber Erfahrungen als Koch fur alte Leute, bei denen sich das bewahrheitet hat. Aber ich darf Sie nicht anlugen. Ihre E?gewohnheiten zu andern bedeutet fur Sie und Ihr Volk keineswegs das ewige Leben.“
Remrath wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Tablett mit den einzelnen Gerichten zu, die Gurronsevas mit solcher Sorgfalt zubereitet hatte, und sagte dann griesgramig: „Wenn man dafur dieses Zeug essen mu?te, ware auch niemand scharf darauf.“
Gurronsevas dachte daran, da? er sich in seiner Eigenschaft als Koch in seinem ganzen Leben noch nicht so viele Beleidigungen hatte anhoren mussen wie seit seiner Ankunft auf Wemar. Er deutete aufs Tablett und kehrte zum eigentlichen Thema zuruck.
„Wie ich schon sagte, besteht ein Menu normalerweise aus drei Gangen“, erklarte er. „Beim ersten, den ich Ihnen bereits beschrieben habe, handelt es sich um eine kleine, frisch schmeckende Vorspeise, die den Appetit
