nicht stillen, sondern lediglich anregen soll.

Auf diesen Gang folgt der zweite, der gehaltvoller, von den Zutaten her abwechslungsreicher und, wie Sie sehen konnen, wesentlich umfangreicher ist. Auch hier spielt das Aussehen eine wichtige Rolle, und Sie werden die meisten der verwendeten Gemusesorten erkennen, wenn Sie es auch sicherlich nicht gewohnt sind, sie in dieser nicht ganz gar gekochten Form zu sehen. Das habe ich deshalb gemacht, um jedes Gemuse fur sich allein auf den Teller legen zu konnen, wodurch nicht nur die optische Wirkung gesteigert wird, sondern auch alle Sorten den eigenen Geschmack behalten, der schwacher oder sogar ganz verlorengehen wurde, wenn man sie zu einem Eintopf vermischt. Was Ihren Eintopf betrifft, verwenden Sie in erster Linie Orrogne. Das ist, wenn Sie mir die Bemerkung verzeihen, ein besonders fades und unschmackhaftes Gemuse, das ich in Scheiben geschnitten und ohne Flussigkeit gekocht habe — diesen Vorgang nennen wir „schmoren“—, nachdem es von mir, um ein Anbrennen zu vermeiden, mit ein wenig Ol aus zerdruckten Glanzbeeren eingepinselt worden ist, die Sie offenbar uberhaupt nicht als Nahrungsmittel betrachten. Der Geschmack der Orrogne bleibt zwar derselbe, doch ich glaube, mit der knusprigen Oberflache, die von einem dunnen Fettfilm uberzogen ist, werden Sie das Gemuse interessanter zu essen finden.“

„Zumindest riecht es interessant“, raumte Remrath ein, wobei er sich ubers Tablett beugte und gerauschvoll durch die Nase einatmete.

„…insbesondere in Verbindung mit der dickflussigen dunkelroten Gewurztunke, die ich ebenfalls aus hier wachsenden. Nein, essen Sie die nicht so mit dem Loffel ohne etwas dazu! Nehmen Sie Ihren E?spie?, stechen Sie ihn in einen Happen Gemuse und tupfen Sie damit leicht gegen die Tunke. Sie hat Ahnlichkeit mit dem kelgianischen Sarkun oder dem scharfen Senf von der Erde und brennt wirklich sehr stark auf der Zunge.“

„Mann, ist die scharf!“ rief Remrath, wobei er nach einem der beiden Becher auf dem Tablett griff und den Inhalt in Windeseile hinuntersturzte, bevor er hinzufugte: „Gro?er Corel! Mein ganzer Mund brennt davon! Aber. aber was haben Sie denn mit dem Wasser angestellt?“

„Entweder habe ich die Empfindlichkeit des Wemarer Gaumens falsch eingeschatzt, oder ich mu? weniger gemahlene Cresselwurzeln nehmen“, sagte Gurronsevas in entschuldigendem Ton. „Vielleicht mussen Sie aber auch erst mal Geschmack an der Tunke finden, wie es bei allen neuen Gewurzen ist. Dem Wasser in den Bechern habe ich mit dem Saft von zwei verschiedenen Beerenarten etwas Geschmack gegeben, wobei der eine Saft eine bittere und der andere eine etwas su?ere und wurzigere Note hat. Wie die Beeren bei Ihnen hei?en, wei? ich nicht, weil Sie sie nicht in der Kuche verwenden, aber die Arzte auf dem Schiff haben mir versichert, da? sie fur die Wemarer unschadlich sind.“

Remrath entgegnete nichts. Mit dem E?spie? hatte er ein zweites Stuck geschmorte Orrogne aufgepickt und tupfte es vorsichtig in die Tunke. Mit der anderen Hand hielt er sich den Becher dicht vor den Mund, als wolle er bereit sein, sofort einen weiteren Brand zu loschen.

„Ihr Gebirgsquellwasser ist zwar kuhl und frisch und stellt ein angenehmes flussiges Beiwerk zu einer Mahlzeit dar“, fuhr Gurronsevas fort, „aber wenn es dann endlich getrunken wird, ist es langst lauwarm und geschmacklich uninteressant geworden. Die Zugabe der Beerensafte ist ein Versuch, dem Wasser einen Reiz zu verleihen, der nicht allein auf der niedrigen Temperatur beruht, sondern den Geschmackssinn hoffentlich zu einer gro?eren kritischen Wurdigung des gleichzeitig gereichten Essens anregt. Auf vielen Planeten wird als Getrank zu Mahlzeiten Wein bevorzugt. Dabei handelt es sich um eine Flussigkeit, die in wechselndem Verhaltnis einen chemischen Stoff namens Alkohol enthalt, der bei der Garung bestimmter Pflanzenarten entsteht. Es gibt viele verschiedene Weine, die man zur Erganzung und Betonung des Geschmacks eines Gerichts oder einzelnen Gangs servieren kann, doch hier auf Wemar bin ich, was die Erzeugung von Alkohol betrifft, auf Schwierigkeiten gesto?en, durch die ich gezwungen war, den Versuch aufzugeben.“

Zwar wuchsen auf Wemar mehrere Pflanzen, bei deren Garung Alkohol entstanden ware, doch die Probleme waren eher philosophischer als physikalischer Natur gewesen. Soweit das medizinische Team wu?te, war die Verwendung von Alkohol in Getranken auf Wemar nicht bekannt, und man wollte nicht dafur verantwortlich sein, ihn auf diesem Planeten eingefuhrt zu haben. Besonders vehemente Einwande hatte die Pathologin Murchison erhoben, wobei sie sich auf das Beispiel einer fruhen terrestrischen Kultur, namlich der der amerikanischen Indianer, berief, die durch uberma?igen Alkoholgenu? praktisch zerstort worden war, weil die Indianer keinerlei Erfahrung mit der den Kopf benebelnden und zu Stimmungsanderungen fuhrenden Wirkung gehabt hatten. Prilicla hatte ihr, wenn auch nur unter Vorbehalten, zugestimmt, da die Wemarer in ihrer momentanen Lage schon vor genugend Problemen standen.

„Den dritten Gang bezeichnen wir als „Nachtisch“ oder „Su?speise““, fuhrte Gurronsevas seine Erklarungen fort. „Dabei handelt es sich wiederum um eine kleine Portion, um einen angenehmen Abschiedsgru? an den Magen, der zu diesem Zeitpunkt schon fast bis zum Rand gefullt ist. Dieser Nachtisch hier ist aus gehackten Crettohalmen zubereitet, die ich gekocht habe, bis das Wasser verdampft gewesen und eine dickliche, geschmeidige und geschmacksneutrale Paste zuruckgeblieben ist, in der sich jetzt einige entkernte Denbeeren, gewurfelte Mattos und ein paar andere Zutaten verbergen, die ich Ihnen noch nicht verraten mochte. Bitte probieren Sie mal. Sie werden sich zwar nicht die Zunge verbrennen, aber ich glaube, Sie werden uberrascht sein.“

„Moment mal!“ widersprach Remrath. Er hatte den Becher abgestellt und fuhr gerade behutsam mit dem bereits funften Stuck Orrogne durch die schmackhafte Tunke. „Ich bin mir namlich noch nicht einmal daruber im klaren, wie gro? meine Abneigung gegen dieses Zeug hier ist.“

„Lassen Sie sich ruhig Zeit“, entgegnete Gurronsevas und fuhr dann fort: „Statt eines kalten Salats kann die Vorspeise auch aus einer hei?en Suppe bestehen. Von der Konsistenz und vom Geschmack her liegt so etwas zwischen einem gewurzten Getrank und einem sehr dunnen Eintopf. Neben einem geringen Gemuseanteil sind in einer Suppe zur Abwandlung des Geschmacks auch ganz winzige Mengen von Krautern und Gewurzen enthalten. Zur Zeit experimentiere ich noch mit verschiedenen Mischungen aus Ihren Krautern und Gewurzen herum, doch ich mochte keinesfalls, da? Sie das Ergebnis eines erfolglosen Versuchs probieren.

Offenbar sind Sie sich der vielen genie?baren Krauter und Gewurze, die im Tal wachsen, gar nicht bewu?t“, klarte er den Chefkoch auf. „Den Gro?teil davon haben unsere Arzte als ungefahrlich und sogar als wohltuend fur die Wemarer und auch fur mich eingestuft. Leider bestehen zwischen den Wemarern und den Tralthanern feine Unterschiede, was die Geschmacksrichtung und — Sensibilitat angeht, und diese Unterschiede zu beseitigen ist wichtig, damit ich weitere Vorschlage machen kann.“

Remrath legte den E?spie? beiseite und tauchte nun den Loffel vorsichtig in die Su?speise. Der Teller mit dem Hauptgericht, das aus ziemlich kleinen Portionen bestand, war bereits halb leer.

„Sie haben gesagt, in der Mine wurde es nachts sehr kalt und feucht werden, wenn starker Regen in die Beluftungsschachte dringt“, kam Gurronsevas auf ein neues Thema zu sprechen. „Die jungen Wemarer stort das nicht, aber die Lehrer schon. Einer meiner Vorschlage lautet, da? die Lehrer das zum Abendbrot servierte Wasser erhitzen — falls Ihre Brennstoffvorrate das zulassen—, damit sie sich warmer fuhlen, wenn sie sich schlafen legen. Noch besser ware es, wenn sie vor dem Schlafen eine dicke, stark gewurzte Suppe zu sich nahmen, eine die sowohl scharf als auch hei? ist. Das wurde sie mehr erquicken, als unter der Decke zu bibbern, bis ihnen durch die eigene Korpertemperatur allmahlich warm wird.

Fur Sie selbst wurde das nur eine kleine Veranderung des gewohnten Arbeitsablaufs bedeuten“, fugte er hinzu, „doch bei vielen Spezies von anderen Planeten ist das abendliche Hei?getrank beziehungsweise die Suppe ein beliebter Brauch, dem man sowohl korperlich und geistig beruhigende als auch schlaffordernde Wirkung zuschreibt.“

Remrath hielt mit dem zweiten Loffel voll Su?speise auf halbem Weg zum Mund inne und sagte: „Ja, es ware nur eine kleine Veranderung, eine von vielen kleinen Veranderungen und Vorschlagen, die mich dazu verleitet haben, diese fremdartigen Pflanzenmischungen hier zu essen, und die mich schlie?lich zu wer wei? was sonst noch treiben werden. Sie haben die Absicht, uns zu helfen, und das ist der Grund, weshalb ich mich — wie auch in geringerem Ma?e die ubrigen Lehrer — Ihren seltsamen und oftmals Ubelkeit erregenden Experimenten mit den Pflanzen von Wemar aussetze. Doch vergessen Sie dabei nicht, da? wir, weil wir nicht nur alt, sondern auch hungrig sind, unsere Scham unterdruckt haben, um Ihnen entgegenzukommen, und da? die jungen Erwachsenen Ihre Hilfe am meisten benotigen und vor allem Fleisch brauchen?

Gurronsevas“, schlo? er, „Sie sind mit solcher Begeisterung, Energie und Zielstrebigkeit bei der Sache und tun alle Einwande mit einer derartigen Selbstverstandlichkeit ab, da? Sie sich wie jemand auffuhren, der seinem Lieblingshobby nachgeht.“

Der Gro?e Gurronsevas ein Hobbykoch! emporte sich der Tralthaner zornig. Einen Moment lang war er zu

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