Remrath blickte von den Desserts, die er gerade fur die Lehrer und die in der Kuche helfenden Schuler zubereitete, nicht auf und grummelte verargert: „Wir Wemarer werden nicht gerne standig daran erinnert, da? wir auf fast kriminelle Weise dumm sind. Selbstverstandlich werden wir so etwas nicht noch einmal versuchen.“
„Tut mir leid. Was ich eben gesagt habe, ist ubereilt und unbesonnen gewesen, weil mir diese Sache so sehr am Herzen liegt“, entschuldigte sich Gurronsevas schnell. „Sie sind weder dumm noch kriminell, und das gilt auch fur alle anderen Wemarer, die ich kenne. Das Verbrechen ist von Ihren Vorfahren begangen worden. Die haben Ihnen das Problem hinterlassen, doch diejenigen, die es jetzt losen mussen, sind Sie und Ihr Volk.“
„Ich wei?, ich wei?“, seufzte Remrath, der immer noch nicht von seiner Beschaftigung aufsah. „Indem wir Gemuse essen?“
„Bald wird es fur Sie nichts anderes mehr zu essen geben“, stellte Gurronsevas zum wiederholten Male klar.
Im Laufe der vergangenen Tage waren er und Remrath sich nahegekommen wie zwei gute Bekannte, wenn nicht sogar Freunde, und diese Vertrautheit war so gro?, da? Gurronsevas sich beim Aussprechen der Wahrheit nicht mehr durch das Hinzufugen von unnotigen Hoflichkeitsfloskeln ablenken lie?. Diese schonungslose Aufrichtigkeit hatte anfangs Beunruhigung bei den Zuhorern auf der Rhabwar ausgelost, die den Tralthaner nicht nur mit den neuesten Nachrichten versorgten, die sie fortwahrend uber die Wemarer Zivilisation herausfanden oder sich zusammenreimen konnten, sondern ihn auch standig daran erinnerten, da? er ihre einzige wirksame Verbindung zu den DHCGs darstellte. Doch man erwartete von ihm, Remrath und den anderen Lehrern eine Situation zu erklaren, die er selbst nicht voll und ganz begriff, weil er weder Arzt noch Anthropologe und nicht einmal Biologe war.
Bat er um eine ausfuhrlichere Erklarung, war es gewohnlich die Pathologin Murchison, die ihm die fast ausschlie?lich medizinischen Antworten auf moglichst einfache Weise erteilte. Von entwicklungsgeschichtlichen Sprungen oder den verschiedenen Beispielen auf anderen Planeten fur den offenbaren Ubergang der Wemarer von den Ernahrungsgewohnheiten der Allesfresser zu denen der Fleischfresser in der Pubertat oder dem Umstand, da? auf der Erde Kaulquappen und Frosche dieselbe Umstellung durchmachten, hatte Gurronsevas uberhaupt keine Ahnung, und es war ihm auch vollkommen egal. Fur ihn waren Froschschenkel nichts weiter als eine kulinarische Delikatesse, die sowohl den einen oder anderen Terrestrier als auch einige Vertreter anderer Spezies mit einem kultivierten Gaumen erfreuten.
Im Gegensatz zur Terrestrierin Murchison hatte Gurronsevas in seiner Kindheit nie Frosche oder Kaulquappen gefangen und in ein Einmachglas gesperrt, weil es fur diese Lebensformen auf Traltha keine Entsprechungen gab. Doch zu guter Letzt war es der Pathologin gelungen, ihm den Unterschied zwischen den Verdauungssystemen von Pflanzen-, Fleisch- und Allesfressern verstandlich zu machen.
Bei den gro?en, gutes Fleisch liefernden Pflanzenfressern handelte es sich normalerweise um Wiederkauer, die, solange sie wach waren, standig fressen mu?ten, damit ihr komplizierter Magen die Nahrung umwandeln konnte; denn die Verdauung und Verwertung der Nahrstoffe nahm wegen des hohen Anteils an Pflanzenfasern und wegen der wenig gehaltvollen Bestandteile sehr lange Zeit in Anspruch. Wurden diese Lebensformen von Raubtieren bedroht, konnten sie sich sehr schnell bewegen und sich manchmal durch Horner oder Hufe schutzen, doch ihnen fehlte die Geschwindigkeit und Ausdauer der Fleischfresser, die ihre Nahrung leichter umsetzen konnten und schneller als Energie zur Verfugung hatten.
Nur in selten auftretenden Umweltbedingungen entwickelte sich eine Spezies von Wiederkauern zur dominanten Lebensform eines Planeten oder erreichte einen Intelligenzgrad, der zur Bildung einer Zivilisation fuhrte. Falls sie nicht durch Jagden ausgerottet wurden, wurden sie von den Spezies, die den jeweiligen Planeten beherrschten, zu Haustieren gemacht und als dauerhafte Nahrungsquelle gefuttert und geschutzt. Eine fleischfressende Lebensform erreichte so gut wie nie die Stufe der Zusammenarbeit uber den Familienkreis hinaus, die die Entwicklung einer fortschrittlichen Zivilisation ermoglichte, und auch das gelang ihr nur dann, wenn sie ihr Raubtierverhalten und die Ernahrungsgewohnheiten grundlegend anderte.
Allesfressende Lebensformen waren in Ernahrungsfragen wesentlich anpassungsfahiger, da sie die Moglichkeit hatten, ihre Nahrung zu jagen und zu ernten oder — wenn sich ihre Anpassungsfahigkeit zur ersten Regung wirklicher Intelligenz entwickelt hatte — in Herden zu halten und anzubauen. Und wenn diesen intelligenten Allesfressern der Hungertod drohte, weil eine Ernte mi?raten war oder ihre Herdentiere krank geworden und gestorben waren, fanden sie immer einen Weg zu uberleben, selbst wenn sie eine Naturkatastrophe von dem Ausma? erlitten hatten, wie sie uber Wemar hereingebrochen war.
Zu dem Vorgehen, das die Jager auf Wemar zur Zeit verfolgten, gab es eine wesentlich einfachere Alternative.
„Aus Instinkt oder Erfahrung haben die wenigen Tiere, die noch fur die Jagd ubriggeblieben sind, gelernt, sich aus dem Sonnenlicht zu halten“, fuhr Gurronsevas fort. „Ob klein oder gro?, sie sind dammerungs- oder nachtaktiv geworden, das hei?t, sie verbergen sich tagsuber im Schutz tiefer Hohlen und Erdlocher. Und da sie nur noch auf sich selbst Jagd machen konnen, sind sie wirklich au?erst gefahrlich geworden. Wie Sie mir erzahlt haben, sind Ihre Jager haufig gezwungen, viele gefahrvolle Stunden im Sonnenschein zu verbringen, wahrend sie durch die Schutzumhange behindert die Tiere ausgraben oder ihnen in tiefe Hohlen folgen, weil die Tiere nachts im Vorteil sind. Was die Jager leisten, ist harte und gefahrliche Arbeit, und oftmals werden sie selbst zu Gejagten.
Ein blo?er Gemusebauer wurde zwar nicht die Bewunderung und das Ansehen eines mutigen Jagers gewinnen, doch er hat eine leichtere Arbeit und eine hohere Lebenserwartung, da sich das Gemuse nicht wehrt.
Solange man es nicht mit zu viel gemahlenen Cresselwurzeln serviert“, fugte er lachelnd hinzu.
„Gurronsevas!“ ermahnte ihn Remrath. „Das hier ist eine ernste Angelegenheit. Die Wemarer sind immer Fleischesser gewesen.“
Plotzlich wunschte sich Gurronsevas, wieder im Orbit Hospital zu sein und Chefpsychologe O’Mara oder noch besser Padre Lioren um Rat zu diesem Problem bitten zu konnen. Er fuhrte Logik gegen eine blo?e Uberzeugung ins Feld, unbestreitbare wissenschaftliche Fakten gegen einen Zustand, der zur Religion geworden war, und wieder einmal ging die Wissenschaft aus dieser Auseinandersetzung als Verliererin hervor, wie es bei aufstrebenden Zivilisationen so oft der Fall war.
„Da haben Sie naturlich recht“, pflichtete er dem Wemarer bei. „Die Angelegenheit ist sehr ernst, und die Wemarer sind schon immer, so weit ihre Erinnerungen und Aufzeichnungen zuruckreichen, Fleischesser gewesen. Vor einigen Jahrhunderten, als auf ihren Ebenen und in den Waldern noch viele Tiere gelebt haben, die sie ohne Angst im Licht der Sonne jagen konnten, haben vermutlich nicht nur die Erwachsenen Fleisch gegessen. Ich glaube, und meine Ansicht wird von den Untersuchungen der Arzte auf dem Schiff untermauert, die frisch entwohnten Kleinkinder sind deshalb mit einem dunnen, mit Fleisch geschmacklich angereicherten Gemuseeintopf gefuttert worden, weil ihre jungen Magen keine ausschlie?lich aus Fleisch bestehende Nahrung vertragen konnten. Dennoch werden sie schon in sehr jungem Alter — unter Berucksichtigung der geringeren Korpergro?e — denselben Anteil Fleisch bekommen haben wie die Erwachsenen.
Doch weder die Kleinkinder noch Sie selbst sind reine Fleischesser.
Vom Korper her eignen sich die Wemarer nicht zu Bauern“, fuhr Gurronsevas fort. „Die langen Beine und Schwanze, die raschen Bewegungen und die Fahigkeit zum abrupten Richtungswechsel haben sich bei Ihrer Spezies lange vor dem Erwerb von Intelligenz wahrscheinlich deshalb entwickelt, um gro?en Raubtieren entwischen zu konnen. Bevor sich die Umweltkatastrophe auf Ihrem Planeten ereignet hat, ist Fleisch immer im Uberflu? vorhanden gewesen, und Tiere zu jagen und in Herden zu halten war viel einfacher, als Gemuse anzubauen, und deshalb ist aus dem ausschlie?lichen Verzehr von Fleisch eine Tugend geworden. Aber als der Fleischbestand zuruckgegangen ist — und jetzt werden Sie vielleicht Schwierigkeiten haben, sich mit dem, was ich sage, abzufinden—, hat sich diese Gewohnheit zur Untugend entwickelt.
Naturlich sage ich das nicht aus einer sicheren Erkenntnis heraus“, sprach Gurronsevas schnell weiter, bevor ihn Remrath unterbrechen konnte, „denn uber Ereignisse, die sich vor zwei oder drei Jahrhunderten zugetragen haben, kann ich nur spekulieren. Doch ich wurde mal vermuten, da? man, als die Fleischknappheit allmahlich ernster wurde, die kurze Zeit, in der man die Kleinkinder mit Gemuseeintopf gefuttert hat, bis zum Eintritt in die Pubertat verlangert und die Beschrankung, kein Fleisch mehr zu essen, auf die alten Erwachsenen ausgeweitet hat, die korperlich bereits die besten Jahre hinter sich hatten, vermutlich sogar auf deren eigenen Wunsch. Kurz danach konnten sich wahrscheinlich nur noch die jungen Jager und Jagerinnen sicher sein, genugend Fleisch zum Essen zu haben, und zwar wegen der zunehmenden Gefahren, denen sie sich ausgesetzt gesehen haben, und
