wutend, um zu sprechen, und in diesem Augenblick scho? ihm ein au?erst beunruhigender Gedanke durch den Kopf. Worin bestand der Unterschied zwischen jemandem, der ein Hobby betrieb, das all seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, und jemandem, der sein Leben der Vollendung einer einzigen, alles verzehrenden Tatigkeit verschrieben hatte?
„Und noch eines vergessen Sie: Zwar haben sich die Lehrer — wenn auch nur widerwillig — bereit gefunden, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, aber bei den Schulern brauchen Sie nicht damit zu rechnen“, klarte ihn Remrath auf. „Mag sein, da? bei uns das Alter den Verstand in Mitleidenschaft gezogen oder weniger widerstandsfahig gegen Argumente gemacht hat. Doch wenn Sie versuchen, die Kinder und Jugendlichen dazu zu bewegen, dieses Zeug zu essen, werden die mit Ihren sorgfaltig zubereiteten experimentellen Gerichten hochstwahrscheinlich die nachste Wand oder Sie selbst bewerfen. Was wollen Sie dagegen tun?“
„Nichts“, antwortete Gurronsevas trocken.
„Nichts?“
„Nichts, was die Kinder und Jugendlichen betrifft“, erlauterte Gurronsevas. „Die werden die neuen Gerichte zwar sehen, aber nicht probieren durfen, da diese ausschlie?lich den Erwachsenen vorbehalten sind. An diesem Punkt werde ich erneut Ihre Mitarbeit und die der ubrigen Lehrer benotigen. Wie Sie gesagt haben, speist Tawsar allein, weil sie sich schamt, gezwungenerma?en Gemuse essen zu mussen. Doch wenn man erklaren wurde, da? sie das nicht tut, weil sie sich dafur entschieden hat, sondern um bei wichtigen Versuchen mit Lebensrnitteln zu helfen, die die Fremdweltler durchfuhren, ware das vielleicht der Vorwand, den sie braucht, um offentlich essen zu konnen. Wenn die jungen Wemarer dann sehen, wie Sie alle gemeinsam die neuen Gerichte verzehren und genie?en — und von letzterem bin ich immer mehr uberzeugt—, wird die naturliche Neugier der Kinder die Oberhand gewinnen und zu dem Wunsch fuhren, die Gerichte ebenfalls zu probieren. Doch Sie werden es Ihnen trotzdem nicht erlauben. Das wird die Kinder nun immer starker betruben, da sie es fur selbstsuchtig von Ihnen halten werden, diesen Genu? nicht mit anderen zu teilen. Sie werden schlie?lich darum bitten, und Sie werden sich nach und nach erweichen lassen und diesen Bitten nachgeben.
Ein vorenthaltener Genu? ist namlich ein doppelter Genu?.
Ihr gegenwartiges Kuchenpersonal reicht vielleicht fur das Kochen von Eintopfen und einem seltenen Fleischgericht aus“, fuhr er fort. „Fur die Zubereitung und insbesondere fur das Anrichten und Dekorieren des neuen Drei-Gange-Menus brauchen wir allerdings viel mehr und wesentlich ffinkere Hilfskrafte. Sie wahlen die entsprechende Menge aus, und das Anlernen ubernehmen wir dann gemeinsam. Als besondere Vergunstigung und Belohnung fur die Hilfe in der Kuche durfen diese wenigen Auserwahlten wahrend der Ausbildungszeit die neuen Gerichte essen. Wie es so die Art von Kindern und Jugendlichen ist, werden die frischgebackenen Kuchengehilfen bestimmt von ihrer neuen Arbeit erzahlen und vielleicht sogar gegenuber ihren weniger beliebten Freunden damit prahlen. Als Lehrer wissen Sie ganz genau, was in den Kopfen von Kindern vorgeht und wie man sie beeinflu?t, Remrath. Es durfte nicht lange dauern, bis hier alle so speisen wollen wie die Fremdweltler.“
Remrath schwieg mehrere Minuten lang, und in dieser Zeit a? er den Nachtisch auf und machte sich wieder an seine zaghaften Kostproben des allmahlich abkuhlenden Hauptgerichts. Bei dem blo?en Gedanken, die einzelnen Gange eines Menu in der falschen Reihenfolge zu sich zu nehmen, zog sich Gurronsevas alles zusammen, doch er hielt sich vor Augen, da? der Chefkoch in kulinarischer Hinsicht immer noch unkultiviert war. Schlie?lich brach Remrath das Schweigen.
„Gurronsevas“, sagte er, „Sie sind ein ganz schlauer und gerissener Grudlich.“
Zweifellos existierte letzterer Begriff ausschlie?lich in der Sprache der Wemarer, denn Gurronsevas’ Translator gab den Wortlaut ohne eine tralthanische Entsprechung wieder. Er vermied es absichtlich, Remrath nach einer genauen Ubersetzung zu fragen; fur heute hatte er genugend Beleidigungen einstecken mussen.
26. Kapitel
T unterstutzt durch samtliche Moglichkeiten der medizinischen Ausrustung der Rhabwar und die Fachkenntnis des medizinischen Teams schritt die Erziehung der Wemarer zu Feinschmeckern rasch voran. Doch der Informationsflu? stromte jetzt in beide Richtungen und war nicht mehr allein aufs Kochen beschrankt, denn dem Team wurde endlich nach und nach das volle Ausma? des Problems von Wemar bewu?t, wahrend es die Wemarer selbst allmahlich aus dem Blickwinkel der Fremdweltler betrachteten, die eine Losung zu finden versuchten. Auf beiden Seiten schritt der Lernproze? in zufriedenstellendem Tempo voran.
Einst war Wemar ein gruner, dicht bewaldeter Planet gewesen, dessen dominante Lebensform schnell von der Stufe vor der Entwicklung von Intelligenz zu einer technisch fortschrittlichen Zivilisation aufgestiegen war, und zwar durch die herkommliche Methode, Bundnisse zu schlie?en und sich regelma?ig mit der gegenseitigen Vernichtung durch zunehmend mechanische Formen der Kriegfuhrung zu drohen. Zum Gluck hatten die Wemarer nie die Kernspaltung oder — Verschmelzung entdeckt, so da? die Zivilisation unversehrt fortbestand, bis man allmahlich lernte, in Frieden miteinander zu leben, und sich die Bevolkerung unkontrolliert vermehrte. Bedauerlicherweise war die Zivilisation der Wemarer in sich gekehrt und betrachtete die Naturschatze des Planeten, dessen Fauna und Flora und die nachwachsenden und fossilen Brennstoffreserven als unerschopflich.
Man besa? nicht den Scharfblick zu sehen, was man dem Planeten eigentlich antat, bis es schlie?lich zu spat war.
Mit jeder neuen Generation verdreifachte sich die Bevolkerung auf Wemar, und mit diesem Wachstum hielt auch der Grad der Luftverschmutzung durch die energieverschlingenden und nicht mit Kernenergie betriebenen Herstellungsverfahren Schritt, bis die Ozonschicht in der Atmosphare, die den Planeten gegen die schadlichen Anteile des Strahlenspektrums der Sonne schutzte, zu guter Letzt immer starker in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wie beim Gro?teil der Planeten ohne Achsehheigung und jahreszeitliche Temperaturwechsel wurden die Witterungsveranderungen auf Wemar allein durch die Planetenrotation hervorgerufen, weshalb das Wettergeschehen gewohnlich unspektakular und voraussagbar war. Als Folge davon stiegen die Schadstoffe ungehindert in die oberen Schichten der Atmosphare auf und sammelten sich uber dem Nord- und Sudpol. Dort erhohten sich die Schadstoffmengen nun und breiteten sich aus, wobei sie die Polargebiete der schutzenden Ozonschicht beraubten und unerbittlich in die hoheren Schichten der Stratosphare uber den stark bevolkerten gema?igten Zonen und noch daruber hinaus vordrangen.
Zwar handelte es sich dabei um einen schleichenden Vorgang, doch nach und nach erkrankte die Vegetation auf der Planetenoberflache von den Polen bis zu den subtropischen Breitengraden und ging zum Gro?teil ein, genau wie die gro?en Tierherden, die den Wemarern als Nahrung dienten und von den sterbenden Pflanzen abhangig waren, die Fische und die Unterwasserpflanzen an den flachen Stellen vor der Kuste und schlie?lich in zunehmendem Ma?e auch die Wemarer selbst, die ohne ihr begehrtes Fleisch hungern mu?ten. Und es kam noch schlimmer: Dieselbe Sonne, durch deren Strahlen die von den Beutetieren verzehrten Pflanzen und Graser einst gewachsen und gediehen waren, lie? sie jetzt verdorren und absterben, und auch die Wemarer hatten wegen eigenartiger, auszehrender Haut- und Augenkrankheiten, die durch den Aufenthalt im immer lebensgefahrlicheren Sonnenlicht entstanden, viele Todesfalle zu beklagen.
Nach und nach brach ihre technische Zivilisation zusammen. Die stete Abnahme der Bevolkerung wurde durch immer grausamere Kriege beschleunigt, die die in den Aquatorgebieten lebenden und vergleichsweise gut genahrten Reichen, die nach wie vor von einer ausreichend dicken Ozonschicht geschutzt wurden, gegen die hungernden Armen in den gema?igten Zonen fuhrten.
Im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte hatte sich die Lage stabilisiert, da die Weltbevolkerung stark dezimiert und die von ihr verursachte Verschmutzung abgebaut worden war, so da? der schwerkranke Planet jetzt gerade mit dem Selbstheilungsproze? begann. Die Sonne ionisierte allmahlich wieder die obere Atmosphare und erneuerte die beschadigte Ozonschicht.
Mit der Zeit, vielleicht schon in vier oder funf Generationen, wie die Besatzung der Tremaar beteuerte, wurde der Heilvorgang abgeschlossen sein. Doch nur, wenn die geradezu tragisch wenigen verbliebenen Wemarer weiterhin uberleben konnten und ihre Bevolkerung nicht wieder unkontrolliert wachsen lie?en oder zu ihrer Unterstutzung erneut die alte, umweltverschmutzende Technik einfuhrten.
„Ich sage es Ihnen noch einmal“, warnte Gurronsevas den Chefkoch in sehr ernstem Ton, „beim nachsten Selbstmordversuch konnten die Wemarer Erfolg haben.“
