beschaftigt gewesen ist, Blatter zu fressen und zu verdauen“, antwortete Remrath. „Ein paar davon soll es Geruchten zufolge noch in den Gebieten am Aquator geben, doch uberall sonst sind sie ausgestorben. Sie sind immer zu langsam und dumm gewesen, um den Jagern zu entwischen.“

„Bei allem Respekt, Sie irren sich“, widersprach Gurronsevas. „Viele intelligente Spezies sind Pflanzenfresser und schamen sich deshalb kein bi?chen. Auch ein Gefuhl der geistigen oder korperlichen Unterlegenheit stellt sich bei ihnen unter all den anderen Fleisch- und Allesfressern, die ausschlie?lich Fleisch oder eine Mischung aus tierischer und pflanzlicher Nahrung essen wie Sie, nicht ein. Oberschwester Naydrad zum Beispiel — die werden Sie auch noch kennenlernen, das ist die mit dem langen Korper, dem silbernen Fell und den vielen Beinen — nimmt ausschlie?lich pflanzliche Nahrung zu sich und ist weder im Denken noch von den Bewegungen her langsam. Unterschiede in den Ernahrungsgewohnheiten sind kein Grund fur Scham oder Stolz oder fur irgendwelche anderen Gefuhle au?er vielleicht Freude oder Arger uber den Geschmack oder die Qualitat des Kochens oder der Zubereitung. Doch all das sind belanglose Unterschiede. Warum schamen sich die Wemarer?“

Remrath antwortete nicht. Hatte ihn die Frage womoglich gekrankt, oder schamte ihn deren Beantwortung noch mehr? fragte sich Gurronsevas. Vielleicht war es besser, keine weiteren Fragen zu stellen, sondern lieber damit fortzufahren, Auskunfte zu erteilen, und dabei Remraths Reaktionen zu beobachten.

„Nahrung ist ungeachtet der Form nichts als ein Brennstoff fur den Korper“, fuhr Gurronsevas deshalb fort, „doch die Nahrungsaufnahme selbst ist ein angenehmes Erlebnis oder sollte es zumindest sein. Der Geschmack kann auf verschiedene Arten durch das Zugeben geringer Mengen von Substanzen gesteigert werden, bei denen es sich um tierische oder pflanzliche Stoffe oder um genie?bare Mineralien handelt. Ein Gericht kann auch verbessert werden, indem man verschiedene Zutaten verwendet, die sich gegenseitig erganzen oder miteinander kontrastieren und den Geschmack interessanter gestalten. Auf diesem Gebiet verfuge ich uber ein wenig Erfahrung, wozu auch die Zubereitung von.“

Fur einen kurzen Moment fragte er sich, wie das untergeordnete Kuchenpersonal im Cromingan-Shesk auf eine derart lacherliche und fur ihn untypische Untertreibung reagiert hatte, doch sein Zuhorer wu?te nichts von der Esse^z^ere^^ fur viele verschiedene Spezies und wurde nicht von einer unaufgefordert zur Schau gestellten Fachkenntnis beeindruckt sein, die sein Verstandnis — hoffentlich nur sein momentanes — vollkommen uberstieg.

Wahrend er seine Erklarungen fortsetzte, versuchte Gurronsevas, das Wissen, das er vermittelte, so einfach und grundlegend wie moglich zu gestalten, weil der betagte Wemarer Chefkoch ungeachtet seines hohen Alters in kulinarischen Fragen das reinste Kind war. Doch wahrend er sich immer mehr in sein Lieblingsthema hineinsteigerte und die Minuten wie im Fluge vergingen, wurde er allmahlich gewahr, da? Remrath Anzeichen von Unruhe und vielleicht sogar Ungeduld erkennen lie?. Es war Zeit, langsam zum Schlu? zu kommen, bevor sich beim Chefkoch eindeutige Langeweile breitmachte.

„Uber die Essenszubereitung konnte ich Ihnen noch viel mehr erzahlen, und auch daruber, da? meine Bemuhungen bei einigen wenigen und sehr bedauerlichen Lebewesen vergeblich sind“, setzte Gurronsevas seine Ausfuhrungen fort. „Dazu gehort auch der Gestaltwandler Danalta. Er i?t alles, Gemuse, Fleisch, harte Holzsorten, Sand, die meisten Gesteinsarten, und das, ohne irgendeinen Unterschied im Geschmack feststellen zu konnen.“

Plotzlich verstummte er in der Erkenntnis, da?, nach den Gesprachen zu urteilen, die er uber den Kopfhorer vernahm, das medizinische Team wieder zur Rhabwar aufgebrochen war, die Wemarer Schuler gleich in die Mine zuruckkehren wurden und Danalta noch nicht in der Kuche erschienen war.

Oder doch?

Wie sich Gurronsevas erinnerte, hatte vor einem sparlich beleuchteten Teil der Wand hinter der doppelten Kuchentur ein Holzfa? gestanden, aus dessen offener Oberseite die Stiele mehrerer Besen und Bodenwischer ragten. Jetzt standen zwei Fasser dort, die vollig identisch waren — bis auf ein Astloch in einer der beiden, das den feuchten, transparenten Schimmer eines Auges aufwies und Gurronsevas langsam zuzwinkerte. Danalta war bereits zu ihm gesto?en.

Was fur ein Angeber! seufzte Gurronsevas im stillen und wandte sich wieder Remrath zu.

„Wir mussen unser Gesprach ein andermal fortsetzen, denn jetzt haben wir viel zu tun“, erklarte der Chefkoch, bevor Gurronsevas etwas sagen konnte. „Wenn Sie wollen, schauen Sie zu, aber seien Sie so freundlich, und treten Sie zur Seite und versuchen Sie, unsere Bewegungen nicht zu behindern.“

Gurronsevas entfernte sich und blieb neben dem Fa? stehen, das gar kein Fa? war. Die Bewegungen, die er nicht behindern sollte, waren, wie er sah, qualend langsam. Remrath und das Kuchenpersonal schopften einzelne Portionen des Gemuseeintopfs auf breitrandige Teller, von denen sie jeweils zwei auf ein Tablett setzten, bevor sie noch zwei breite, flache Loffel und zwei Becher mit Trinkwasser aus dem Einla?rohr der ungehindert durchstromten Waschrinne dazu stellten. Die Teller waren nicht vorgewarmt, und einige waren sogar noch feucht vom Abspulen. Einzeln wurden die mit zwei Portionen gefullten Tabletts nun in den Vorraum getragen und auf den gro?en Tisch gestellt, bis dieser ganz und gar bedeckt war. Unterdessen beaufsichtigten die Lehrerinnen die eingetroffenen Arbeitsgruppen und Klassen und legten das an diesem Tag geerntete Gemuse in die Vorratsbehalter der Kuche, wahrend sich ihre jungen Schutzlinge weiter in den Speiseraum begaben.

Remrath sagte den Neuankommlingen, er werde ihnen die Anwesenheit von Gurronsevas spater erklaren, und sie sollten mit ihren normalen Aufgaben fortfahren. Ihnen dabei tatenlos zusehen zu mussen, lie? Gurronsevas’ Blutdruck ernstlich steigen.

Die durchs Alter unbeweglich gewordenen Schwanze, die Steifheit in den Handen, Fingern und Beinen und der ungleichma?ige, hinkende Gang hatten zur Folge, da? sie nur ein kleines Tablett mit zwei Portionen tragen und balancieren konnten. Das fuhrte wiederum dazu, da? die Portionen, die bereits im Vorraum abkuhlten, noch kalter — wenn nicht sogar eiskalt — waren, wenn sie endlich im Speiseraum eintrafen. Doch die Schuler, die sich dort eingefunden hatten, wurden sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht daruber beklagen, denn ihre Ungeduld auf ein Essen aus kaltem Brei war bestimmt nur minimal.

„Ich kann einfach nicht langer so dastehen und mir das mit ansehen“, sagte Gurronsevas leise, aber hitzig zu einem der beiden Fasser hinter sich. „Die Organisation in dieser Kuche ist ein geradezu kriminelles Chaos, und die Serviermethoden sind. nun ja, Schwamm druber. Verwandeln und ruhren Sie sich nicht, um mir zu folgen, Danalta, solange ich nicht um Hilfe rufe.“

Er wartete, bis Remrath vorbeigehumpelt kam, und fuhr dann mit lauterer Stimme fort: „Ich habe Ihre Tatigkeiten genau beobachtet und glaube, Ihnen helfen zu konnen. Wie Sie selbst gesehen haben, bin ich korperlich wendiger und in den Bewegungen viel flinker als Sie. Au?erdem habe ich vier Hande, die im Moment alle frei sind.“

Der Gro?e Gurronsevas als Kellner, dachte er unglaubig, als er die ersten vier Tabletts durch den Stollen in den Speiseraum trug. Was ist blo? aus mir geworden?

23. Kapitel

Nachdem die Mahlzeit vorbei war und man die fast leeren Teller abgeraumt hatte, ging die Unterhaltung weiter. Offenbar machte niemand den Kochen das Kompliment, den Teller ganz leer zu essen. Tawsar dankte Gurronsevas fur die Hilfe beim Servieren und fur die Beantwortung von Fragen zu seiner Person, die ihm die jungen Wemarer im Speiseraum gestellt hatten. Zu keiner Zeit hatte er Tawsar ihr Essen anruhren sehen, und als er diesen Punkt spater gegenuber Remrath erwahnte, teilte ihm dieser mit, da? die oberste Lehrerin an den alten Traditionen festhielte und kein Gemuse esse, wenn es Zeugen fur diese Schande geben konnte. Obwohl die ubrigen Koche, die den ganz kleinen Kindern Essen bringen mu?ten, Gurronsevas und Remrath in der Kuche allein gelassen hatten, als der Tralthaner um eine nahere Erlauterung bat, wich der Chefkoch der Frage aus.

Gurronsevas hutete sich, die Arbeitsweise in der Kuche zu kritisieren oder dem Chefkoch Vorschlage zu machen, wie man selbst in dieser sparlich ausgestatteten Kuche besser kochen konnte, denn Kriege waren schon aus nichtigeren Anlassen ausgebrochen. Statt dessen berichtete er von den anderen Kuchen, die er kennengelernt hatte, wobei er seine Kritik nicht offen aussprach, sondern sie nur leise andeutete.

„Heutzutage bitten wir die Kinder nicht mehr, diese niedrigen Kuchendienste zu verrichten“, sagte Remrath. „Es hat Zeiten gegeben, als denjenigen, die sich schlecht benommen hatten, die Verantwortung fur das Abraumen

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