Umgebung ist sie vermutlich beruflich bedingt—, und sie die Mine nicht verlassen mochten, bevor sie die befriedigt haben. Oder ist es so, da? Sie sich in einer Kuche unter Kochen von anderen Spezies wohler fuhlen als bei den Arzten auf dem Unfalldeck des Ambulanzschiffs?“

„Sind Sie sich sicher, da? Sie kein Telepath sind?“ fragte Gurronsevas.

„Tut mir leid, mein Freund“, entgegnete Prilicla, „ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen, denn diese Empfindung wirkt sich auch auf mich aus. Sie konnen in der Kuche bleiben, doch Doktor Danalta wird sich zum Schutz zu Ihnen gesellen. Zwar ist der Doktor nicht imstande, einem anderen Lebewesen Schmerzen zuzufugen, aber dafur kann er, wenn er angegriffen wird, einige wirklich grauenhafte Gestalten annehmen. Sollte Ihre Lage in der Kuche gefahrlich werden, dann schlagen Sie sich schleunigst zur Au?enmauer mit den Fenstern durch und begeben Sie sich zum Rand der HohlenoffiLung, von wo aus Sie Freund Fletcher mit einem Traktorstrahl in Sicherheit bringen wird.

Glauben Sie, Sie konnten das Gesprach auf allgemeine Fragen zum sozialen und kulturellen Hintergrund der Wemarer — wenn moglich in Vergangenheit und Gegenwart — ausweiten, wahrend Sie Ihre kulinarische Neugier befriedigen?“ fragte der Empath. „Werden Sie aber nicht zu deutlich und vermeiden Sie Themen, die Ihnen heikel erscheinen. Vielleicht haben Sie mit Remrath mehr Erfolg als wir mit Tawsar.

Vergeuden Sie keine Zeit mit einer Antwort“, schlo? Prilicla. „Ich spure, da? Remraths Ungeduld sehr schnell zunimmt.“

„Entschuldigen Sie die Unterbrechung, Remrath“, sagte Gurronsevas, indem er Priliclas Rat befolgte. „Meine Freunde mussen alle bis auf einen namens Danalta zum Schiff zuruckkehren, um zu essen, und die Zeit, in der Sie Ihre Mahlzeit einnehmen, scheint dafur der geeignete Zeitpunkt zu sein. Sie werden Danalta bestimmt interessant finden. Er ist eine Lebensform, die ihre Gestalt nach Belieben verandern kann. Au?erdem kann er lange ohne Essen auskommen, sogar noch langer als ich. Er ist viel kleiner als ich und nicht Koch, sondern Arzt und wurde sich mit Ihrer Erlaubnis gern die Arbeit in Ihrer Kuche ansehen.“

Wie Gurronsevas vermutete, wu?te Remrath ebenso gut wie er selbst, da? es einen anderen Grund fur Danaltas Anwesenheit gab. Die Ansicht, da? man zu mehreren sicherer ist, wurde von jeder denkenden Spezies geteilt.

„Solange Ihr Freund uns nicht behindert, ist er willkommen“, willigte Remrath ein und deutete dann mit einem knochernen Finger auf den Loffel, den Gurronsevas immer noch uber den Topf hielt. „Wollen Sie damit noch mal irgendwann etwas machen?“

Gurronsevas uberhorte den Sarkasmus, tauchte den Loffel in die grunlich braune, brodelnde Masse, ruhrte kurz um, um die Konsistenz festzustellen, und hob dann einen Loffel voll an seine Atemoffnung, bis er die Temperatur fur niedrig genug hielt, um sich keine Brandblasen am Mund zu holen. Anschlie?end beruhrte er mit der Masse die Geschmacksknospen auf der Innenseite seiner Oberlippe.

„Und?“ fragte Remrath neugierig.

Zwar glaubte Gurronsevas, drei verschiedene Gemusearten herausschmecken zu konnen, doch sie waren derart grundlich gemischt und so verkocht, da? er die einzelnen Geschmacksrichtungen nicht voneinander trennen, geschweige denn, Nahrungsmitteln zuordnen konnte, die er bereits kannte. Gewurze, So?en und naturliche oder kunstliche Aromen waren nicht vorhanden und nicht einmal eine Spur von dem Salz, das in den Wemarer Meeren enthalten sein mu?te. Offensichtlich hatte man zu fruh damit begonnen, das Essen zuzubereiten, und es dann verkochen lassen, wodurch alle sich gegenseitig erganzenden oder miteinander kontrastierenden Geschmacksnoten der ursprunglichen Zutaten zerstort worden waren.

„Ein bi?chen fade“, meinte Gurronsevas.

Remrath stie? einen unubersetzbaren Laut aus und sagte: „Sie sind viel zu diplomatisch, Fremdweltler. Sie haben unser Hauptgericht, einen Fleisch- und Gemuse-Eintopf ohne das Fleisch probiert. Wenn es auf den Tisch kommt, wird der Eintopf kaum noch warm sein. „Fade“ ist fur diesen unappetitlichen Matsch zwar eine hofliche Umschreibung, aber es ist kaum der Ausdruck, den wir oder unsere Schuler dafur benutzen wurden.“

„Es fehlt noch etwas daran“, pflichtete ihm Gurronsevas bei. Absichtlich richtete er alle vier Augen auf den leeren Kuhlschrank, den er vorhin bemerkt hatte, und fuhr fort: „Zweifellos wurde Fleisch den Geschmack verbessern, doch Sie scheinen keins zu haben. Ist Fleisch ein Bestandteil der normalen Ernahrung der Schuler?“

Uber den Kopfhorer warnte ihn Prilicla: „Sie dringen in einen au?erst sensiblen Bereich vor, mein Freund. Nach der emotionalen Ausstrahlung zu urteilen, ist Remrath erregt und verargert. Sie mussen jetzt mit aller Vorsicht auftreten.“

Das von einem Tralthaner mit seinem gewaltigen Korper zu verlangen, war geradezu lachhaft. Auch wenn Gurronsevas wu?te, was der Empath meinte, befand er sich schlie?lich in der Kuche, und der Wemarer mu?te von ihm zweifellos Fragen zum Essen erwarten.

„Nein“, antwortete Remrath in scharfem Ton. Als Gurronsevas gerade zu dem Schlu? gekommen war, da? er den Chefkoch gekrankt haben mu?te und Remrath nichts hinzufugen wurde, strafte ihn dieser Lugen, denn er fuhr fort: „Nur Erwachsene sind dazu berechtigt, Fleisch zu essen, wenn und falls es vorhanden ist. Den jungen Wemarern ist das nicht gestattet, doch dieser Grundsatz wird gelockert, wenn sich — wie es hier bei uns der Fall ist — viele von ihnen dem Erwachsenenalter nahern. Die Schuler, die alt genug sind, bekommen hin und wieder geringe Mengen Fleisch, um den Gemusegerichten mehr Geschmack zu verleihen, und zwar als Ankundigung und Vorbereitung auf die herannahende Reife und auf die Stellung, die sie als tapfere Jager und Ernahrer ihrer Familie erwarten konnen.

Unsere Jager werden bald zuruckkehren“, schlo? Remrath mit leiser Stimme, die trotz des Ubersetzungsvorgangs, bei dem die Emotionen verlorengingen, zornig klang. „Doch in den letzten Jahren haben sie nur wenig Erfolg gehabt, und sie werden das erjagte Fleisch keinesfalls mit Kindern teilen, sondern alles fur sich behalten.“

Hierauf war ganz eindeutig irgendeine mundliche Erwiderung notig, dachte Gurronsevas besorgt, am besten eine verstandnisvolle, ermutigende oder harmlose Au?erung, eine, die den Zorn des Chefkochs nicht noch verstarkte. Da er nicht wu?te, was er sagen sollte, versuchte er auf Nummer Sicher zu gehen, indem er eine ungefahrliche und augenfallige Feststellung der Tatsachen traf.

„Sie sind erwachsen“, sagte er.

Falls uberhaupt, dann wurde Remrath nur noch wutender. Er schrie so laut, da? die beiden Koche am anderen Ende der Kuche von ihrer Arbeit aufsahen: „Ich bin sogar sehr erwachsen, Fremdling! Zu erwachsen, um an einer Jagd teilzunehmen oder auch nur den kleinsten Anteil von der Beute abzubekommen. Zu erwachsen, als da? sich jemand meiner Jagden dankbar erinnern oder auf meine Gefuhle Rucksicht nehmen wurde. Hin und wieder wirft mir ein junger und gerade erwachsen gewordener Jager aus Freundlichkeit oder Sentimentalitat heraus ein oder zwei Brocken Fleisch hin, aber die verwenden wir, um den Mahlzeiten der alteren Kinder ein bi?chen Geschmack zu verleihen. Ansonsten essen wir das, was hier alle essen: einen geschmacklosen, lauwarmen Gemusebrei!“

In seinem Leben waren Gurronsevas schon viele Klagen ubers Essen zu Ohren gekommen — obwohl nur selten, wenn er es selbst zubereitet hatte—, und er war bisher immer damit fertig geworden. Deshalb glaubte er, uber dieses Thema sprechen zu konnen, ohne den Chefkoch zu kranken.

Er holte tief Luft und sagte vorsichtig: „Ich habe viele verschiedene Lebensformen, intelligente Wesen wie Sie, kennengelernt oder zumindest von ihnen gehort, die Kulturen entwickelt haben, die sogar noch fortschrittlicher gewesen sind als die der Wemarer vor vielen Jahrhunderten, und die von dem Moment an, als sie von der Muttermilch entwohnt worden sind, bis zu ihrem Tod nichts als pflanzliche Mahlzeiten zu sich genommen haben. Bei diesen Spezies werden die Gerichte entweder hei? serviert, so wie Ihre, oder roh in einer Vielzahl verschiedener.“

„Niemals!“ platzte Remrath los. „Da? die bis zu ihrem Tod Gemuseeintopf essen, kann ich ja noch glauben, weil wir alteren Wemarer gezwungen sind, das gleiche zu tun. Hochstwahrscheinlich beschleunigt das unseren Tod noch. Doch es geht ja nur darum, einen leeren und knurrenden Magen mit geschmacklosem, organischem Brennstoff zu fullen, auch wenn es fur jeden Erwachsenen schandlich und erniedrigend ist, Gemuse essen zu mussen.

Aber rohes Gewachs wie ein. wie ein Rouglar zu fressen!“ rief er grimmig aus. „Fremdweltler, bei dem, was Sie sagen, dreht sich mir gleich der Magen um!“

„Bitte verzeihen Sie mir meine Unwissenheit, aber was ist ein „Rouglar“?“ erkundigte sich Gurronsevas.

„Das ist ein gro?es, langsames Tier gewesen, das wir gejagt haben und das den ganzen Tag damit

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