Gurronsevas feststellte, waren die Beine und der Schwanz des Kochs zu unbeweglich, um ihm ein Drehen in dem breiten Eingang zu ermoglichen. „Doch wie ich sehe, sind Sie in beengten Raumlichkeiten trotz Ihres gewaltigen Korpers wendiger als ich, und Sie durften sich gut genug auskennen, um nicht im falschen Moment im Weg zu stehen“, fuhr Remrath fort. „Wie Sie bereits richtig vermutet haben, werden wir sehr bald das Hauptgericht des Tages auftragen. Vielleicht mochte ich ja, da? Sie uns unter Druck arbeiten sehen, wenn wir also sozusagen in Hochstform sind“ — er stie? einen kurzen unubersetzbaren Laut aus — „oder klaglich versagen.“

Kurz darauf befand sich Gurronsevas in einer Hohle, die eine Fortsetzung derjenigen war, die er gerade verlassen hatte. Ihm gegenuber befand sich eine hohe senkrechte Mauer aus kleinen, unregelma?igen Bausteinen, die um vier Ofen herumgebaut war, in denen Holz oder ein ahnlicher ergiebiger organischer Brennstoff gluhte. Hinter der Mauer mu?te sich ein naturlicher Abzug befinden, denn in der Kuche war kein Rauch, und der Dampf aus den Kochtopfen, die man von den Ofen auf einen langen Tisch in der Mitte gestellt hatte, wurde ebenfalls in diese Richtung gesogen. Rechts vom Tisch, der vom Ofenbereich fast bis auf ein paar Meter an den Eingang heran verlief, waren die oberen zwei Drittel der Steinmauer von offenen Hangeschranken und Regalen bedeckt. Darin standen Kochutensilien, Teller und kleine Trinkgefa?e, von denen die meisten auf keinen Fall von Wesen hergestellt waren, deren Handwerk die Topferei war. Obwohl sie plump gefertigt und rissig waren, beziehungsweise keine Henkel mehr hatten, stellte Gurronsevas anerkennend fest, da? sie alle einen peinlich sauberen Eindruck machten.

Unter den Regalen befand sich ein langer Trog, der auf einem schweren Gestell stand und mit einer Art Keramik eingefa?t war, die sich mit standig flie?endem Wasser gefullt hatte. Darin waren einige Tassen und Teller zu sehen. Da das dicke Einla?rohr, das am einen Ende sa?, keinen Hahn aufwies, vermutete Gurronsevas, da? der Trog nicht mit Wasser aus einem Vorratstank, sondern aus einer naturlichen Quelle gespeist wurde. Am anderen Ende trieb eine Reihe von Schaufelradern einen kleinen Generator an, der wahrscheinlich fur die brennende Deckenbeleuchtung verantwortlich war.

An der gegenuberliegenden Wand waren mit gro?eren Zwischenraumen weitere Regale und offene Hangeschranke angebracht, die noch grober zusammengeschustert waren als die anderen Mobel. Sie enthielten etwas, bei dem es sich nach Gurronsevas Vermutung um fur Wemarer genie?bare Gemusevorrate sowie Brennmaterial fur die Ofen handelte. Beides war nicht im Uberflu? vorhanden.

Unterdessen folgte Gurronsevas Remrath auf dem Rundgang durch die Kuche und konnte oft neben ihm gehen, weil die Gange zwischen den tischartigen Arbeitsflachen sogar breit genug waren, um dem durchs Alter unbeweglich gewordenen Schwanz des Chefkochs ausreichend Platz zu bieten. Gurronsevas war damit zufrieden, den Wemarer Koch und Arzt allein reden zu lassen, zumal ihm der Zweck der Ausstattung, die wirklich nur aus dem Notigsten bestand, bereits klar war und er keine Fragen zu stellen brauchte. Er schwieg sogar, als Remrath vor einem langen, niedrigen Schrank stehenblieb, der unter dem Trog mit flie?endem Wasser neben den Schaufelradern stand und von diesen begossen wurde.

Rings um die vorderen Oberkanten des Schranks verlief ein dicker Wulst, der verhinderte, da? das Wasser in die beiden Turen lief, die offenstanden und einen leeren Innenraum zeigten. Eine einfache, aber wirksame Methode der Kuhlung durch Verdunstung, dachte Gurronsevas. Nirgendwo sonst war in der Kuche etwas zu entdecken, das einer Kuhlanlage fur Vorrate ahnelte, was ein Anzeichen fur das Vorhandensein von frischem Fleisch gewesen ware.

Angesichts der Kenntnis, da? es sich bei den Wemarern um Kannibalen handelte, wu?te Gurronsevas nicht, ob er sich deswegen erleichtert oder beunruhigt fuhlen sollte.

Der Rundgang durch die Kuche endete mit der Ruckkehr zu den Ofen, wo der Inhalt mehrerer Kochtopfe leicht vor sich hin kochelte, wahrend andere bereits auf den Beistelltischen standen und zum Warmhalten mit dicken Lappen zugedeckt waren.

Plotzlich sagte Remrath: „Sie haben kaum etwas gesagt, Gurronsevas, und gar keine Fragen gestellt. Ist Ihnen der Anblick unserer primitiven Methoden der Essenszubereitung zuwider?“

„Ganz im Gegenteil, Remrath“, widersprach Gurronsevas mit fester Stimme. „Im wesentlichen sind sich die Kuchen auf allen Planeten, die ich besucht habe, sehr ahnlich, doch es sind gerade die kleinen Unterschiede, die ich am interessantesten finde. Ich habe viele Fragen an Sie.“ Er griff nach einem gro?en Holzloffel, der neben einem noch nicht zugedeckten Topf mit kochendem Essen lag. „Und die erste lautet: Darf ich das hier mal probieren? Bitte entschuldigen Sie mich fur einen Moment. Meine Kollegen unterhalten sich gerade mit mir.“

Es hatte mehr der Wahrheit entsprochen zu sagen, da? sie sich nicht mit ihm, sondern uber ihn unterhielten, dachte Gurronsevas verargert.

„…entweder aus Ignoranz oder Dummheit oder beidem!“ schimpfte Captain Fletcher gerade. „Doktor Prilicla, sprechen Sie mit ihm! Bringen Sie ihn zur Vernunft, verdammt noch mal! Man landet doch nicht auf einem seltsamen Planeten und fangt dann an, das dortige Fastfood zu probieren.“

„Freund Gurronsevas“, unterbrach ihn Prilicla. „Stimmt das? Stehen Sie im Begriff, Wemarer Nahrung zu sich zu nehmen?“

„Nein, Doktor“, antwortete Gurronsevas, wobei er den Translator abschaltete. „Ich wollte gerade die kleinstmogliche Portion eines Wemarer Gerichts probieren. Bei allem Respekt wurde ich gern jeden daran erinnern, da? ich sowohl uber einen gut ausgebildeten Gaumen als auch uber einen hochentwickelten Geruchssinn verfuge und es mir sofort bewu?t ware, falls bei irgendeiner Speise die Wahrscheinlichkeit besteht, da? sie sich als schadlich erweist. Da ich nicht vorhabe, etwas herunterzuschlucken, besteht keine Gefahr, eventuelle Giftstoffe aufzunehmen. Au?erdem hat das Gericht eine Konsistenz, die etwa zwischen einem dunnen Gemuseeintopf und einer dicken Suppe liegt, die mehr als vier Stunden in einem geschlossenen Behalter gekocht hat. Ich danke Ihnen fur Ihre Besorgnis, Doktor, aber es liegt nicht in meiner Natur, unnotige Risiken einzugehen.“

Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann sagte Prilicla: „Also gut, mein Freund. Doch falls Sie versehentlich etwas herunterschlucken, vor allem, wenn es eine ungewohnliche oder unangenehme Wirkung hat, dann kehren Sie sofort zum Schiff zuruck. Seien Sie au?erst vorsichtig!“

„Danke, Doktor, das werde ich ganz bestimmt sein“, versicherte er Prilicla.

Er wollte gerade wieder mit Remrath sprechen, als der Cinrussker schnell fortfuhr: „Vielleicht sind Sie zu beschaftigt gewesen, um unser Gesprach mit Tawsar zu verfolgen oder das, was Sie gehort haben, voll und ganz zu verstehen. Die gegenwartige Lage ist jedenfalls die, da? wir mit Tawsars bereitwilliger Mitarbeit samtliche physiologischen Daten gewonnen haben, die wir im Moment benotigen. Auf der Rhabwar werden wir weitere Untersuchungen durchfuhren mussen, die uns bei der Entscheidung helfen sollen, was wir sonst noch brauchen. Die Informationen uber die Gesellschaftsstruktur der Wemarer sind jedoch durftig, und ich spure bei Tawsar eine starke Abneigung, uber dieses Thema zu sprechen, so da? die weitere Unterhaltung immer schwieriger wird.

Jetzt scheint fur uns der richtige Moment zu sein, den Kontakt vorlaufig zu unterbrechen, ohne jemanden zu kranken“, setzte der Empath seine Ausfuhrungen fort. „Das unmittelbar bevorstehende Eintreffen der Arbeitsgruppen zum Mittagessen gibt uns Gelegenheit zu behaupten, da? wir aus demselben Grund wie sie zum Schiff zuruckkehren mussen — was ja, au?er bei Danalta, auch der Wahrheit entspricht. Bitte bringen Sie das Probieren des Essens so schnell wie moglich hinter sich, entschuldigen Sie sich beim Kuchenpersonal und sagen Sie, Sie mu?ten mit uns zuruckkehren. Man wird davon ausgehen, da? Sie ebenfalls eine Mahlzeit zubereiten mussen. Schlie?en Sie sich uns an, wenn wir in ein paar Minuten an der Kuche vorbeikommen.“

Die ganze Zeit hatte Gurronsevas den langen Loffel einige Zentimeter uber den kochelnden Inhalt des Topfs gehalten. Da Remrath ihn ansah und seinen unubersetzten Worten an Prilicla lauschte, wu?te der Tralthaner, da? sich der Chefkoch daruber argern mu?te, von dem Gesprach ausgeschlossen zu sein. Hatte Gurronsevas sich an Remraths Stelle befunden, ware er ganz bestimmt ungehalten gewesen, doch Prilicla redete unbeirrt weiter.

„Auf diese Entfernung ist Ihre emotionale Ausstrahlung nur schwer zu deuten, zumal die Gefuhle des Kuchenpersonals noch hinzukommen. Haben Sie ein Problem, mein Freund?“

„Nein, Doktor“, antwortete Gurronsevas, „nicht wenn. Wie sicher sind Sie sich, da? uns die Wemarer nichts tun wollen?“

„Ich bin mir dessen so sicher, wie es ein Empath in bezug auf die Emotionen anderer Lebewesen sein kann“, antwortete Prilicla. „Beim Kuchenpersonal spure ich Neugier und Vorsicht, die unter diesen Umstanden ganz normal ist, aber keine Feindseligkeit. Da ich kein Telepath bin, kann ich nicht sagen, was die Wemarer tatsachlich denken, und deshalb bleibt ein winziger Rest Zweifel. Wieso fragen Sie?“

Gurronsevas versuchte noch, die richtigen Worte fur eine Antwort zu finden, als sich Prilicla erneut zu Wort meldete.

„Ich frage nur, weil ich bei Ihnen eine gro?e Neugier wahrnehme — in Anbetracht Ihrer momentanen

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