verwurzelt.«

»Du bist mit uns von Yellowstone gekommen.«

»Schon, aber ich wurde nicht dort geboren. Meine Familie stammt von Grand Teton. Ich kam erst sieben Jahre vor dem Aufbruch der Resurgam-Expedition nach Yellowstone. Das reichte nicht aus, um die Stoner-Kultur wirklich zu verinnerlichen. Meine Tochter dagegen… Pascale hat nie etwas anderes als die Stoner-Gesellschaft kennen gelernt. Zumindest in der Form, wie wir sie mitgebracht haben.« Er senkte die Stimme. »Du hast das Flaschchen doch sicher bei dir. Kann ich es sehen?«

»Den Wunsch kann ich dir kaum abschlagen.«

Sylveste griff in die Tasche, holte den kleinen Glaszylinder heraus, den er schon den ganzen Tag mit sich herumtrug, und reichte ihn Girardieu. Der befingerte ihn nervos, schwenkte ihn hin und her und beobachtete die Blasen, die darin herumschwammen wie in einem alkoholischen Getrank. In der Mitte schwebte ein dunkles, fasriges Gebilde mit langen Faden.

Endlich stellte Girardieu das Flaschchen mit leisem Klirren auf die Tischplatte und betrachtete es mit kaum verhohlenem Abscheu.

»Hat es wehgetan?«

»Naturlich nicht. Wir sind schlie?lich keine Sadisten.« Sylveste lachelte voller Schadenfreude uber Girardieus Unbehagen. »Ware es dir vielleicht lieber, wie wurden Kamele austauschen?«

»Steck es wieder ein.«

Sylveste lie? das Flaschchen in seiner Tasche verschwinden. »Wer ist hier nervos, Nils?«

Girardieu goss sich noch einen Schluck Wein ein. »Entschuldige. Die Sicherheitsleute stehen unter Strom. Ich wei? nicht, was sie so verruckt macht, aber es farbt vermutlich auf mich ab.«

»Mir ist nichts aufgefallen.«

»Naturlich nicht.« Girardieu zuckte die Achseln, eine Bewegung wie bei einem Blasebalg, die irgendwo unterhalb des Bauchs begann. »Angeblich ist alles normal, aber nach zwanzig Jahren kenne ich die Leute doch besser, als sie glauben.«

»An deiner Stelle wurde ich mir keine Sorgen machen. Deine Polizei ist sehr tuchtig.«

Girardieu schuttelte kurz den Kopf, als habe er in eine saure Zitrone gebissen. »Ich erwarte nicht, dass wir jemals alles ausraumen konnen, was zwischen uns steht, Dan. Aber du solltest mir nicht von vornherein nur das Schlechteste unterstellen.« Er deutete mit einem Nicken zur offenen Tur hin. »Habe ich dir nicht uneingeschrankten Zutritt zu diesem Ort verschafft?«

Mit dem Erfolg, dass ein Dutzend Fragen gelost und tausend neue aufgeworfen wurden. »Nils…«, begann Sylveste. »Wie steht es eigentlich um die finanzielle Situation der Kolonie?«

»Wie meinst du das?«

»Ich wei?, dass sich vieles geandert hat, seit Remilliod vorbeigekommen ist. Projekte, die zu meiner Zeit undenkbar gewesen waren… konnte man jetzt angehen, wenn der politische Wille vorhanden ware.«

»Was fur Projekte?«, fragte Girardieu vorsichtig.

Wieder griff Sylveste in seine Jackentasche, doch diesmal holte er nicht das Flaschchen, sondern ein Blatt Papier heraus und breitete es vor Girardieu aus. Es zeigte ein Muster aus vielen Kreisen. »Erkennst du die Zeichnungen? Wir haben sie auf dem Obelisken und uberall in der Stadt gefunden. Es sind Karten des Sonnensystems, angefertigt von den Amarantin.«

»Seit ich diese Stadt gesehen habe, fallt es mir seltsamerweise sehr viel leichter, dir zu glauben.«

»Gut, dann hor zu.« Sylveste zeichnete mit dem Finger den gro?ten Kreis nach. »Das ist der Orbit des Neutronensterns Hades.«

»Hades?«

»Der Name wurde bei der ersten Erkundung des Systems vergeben. Hades wird seinerseits von einem Felsbrocken umkreist, der etwa die Gro?e eines Planetenmondes hat. Den hat man Cerberus genannt.« Nun strich er uber eine Gruppe von Schriftzeichen neben dem Neutronenstern und seinem Planeten. »Dieses Doppelsystem hatte fur die Amarantin eine besondere Bedeutung. Und ich glaube, dass es in irgendeinem Zusammenhang zum Ereignis steht.«

Girardieu schlug mit theatralischer Geste die Hande vors Gesicht, lie? sie wieder sinken und sah Sylveste an. »Du meinst das wirklich ernst, nicht wahr?«

»So ist es.« Ohne Girardieu aus den Augen zu lassen, faltete er das Blatt ordentlich zusammen und steckte es in die Tasche zuruck. »Wir mussen dieses System erforschen, und wir mussen herausfinden, wodurch die Amarantin umkamen. Damit uns nicht das Gleiche passiert.«

Sajaki und Volyova kamen in Khouris Kabine und empfahlen ihr, sich warm anzuziehen. Khouri bemerkte, dass alle beide ungewohnlich dicke Kleidung trugen — Volyova eine Fliegerjacke mit Rei?verschluss, Sajaki ein aus diamantformigen Flicken mosaikartig zusammengesetztes Thermojackett mit Stehkragen.

»Ich habe die Probe nicht bestanden, wie?«, fragte Khouri. »Und jetzt kommt der Sprung aus der Schleuse. Meine Werte in den Kampfsimulationen sind zu niedrig. Deshalb schmei?en Sie mich raus.«

»Dummes Zeug«, sagte Sajaki. Uber dem Pelzkragen waren nur seine Stirn und seine Nase zu sehen. »Wenn wir Sie toten wollten, wurde es uns wohl kaum noch kummern, ob Sie sich erkalten.«

»Au?erdem«, sagte Volyova, »ist Ihre Einweisung seit Wochen abgeschlossen. Sie sind eine von uns. Sie jetzt noch zu toten ware Verrat an uns selbst.« Ihr Mutzenschild war so weit heruntergezogen, dass nur Mund und Kinn zu sehen waren. Sie und Sajaki erganzten sich aufs Schonste. Die beiden Halften ergaben ein perfektes Pokergesicht.

»Gut zu wissen, dass Ihnen so viel an mir liegt.«

Khouri war noch nicht uberzeugt — die Moglichkeit, dass die beiden eine Gemeinheit planten, stand immer noch drohend im Raum — aber sie wuhlte in ihren Habseligkeiten, bis sie eine Thermojacke fand. Sie war vom Schiff hergestellt und hatte den gleichen Schnitt wie Sajakis bunter Rock, nur reichte sie ihr fast bis an die Knie.

Ein Fahrstuhl brachte sie in bisher unerforschte Regionen des Schiffes — zumindest weit weg von allem, was fur Khouri bekanntes Territorium war. Mehrmals mussten sie zu Fu? Verbindungstunnel durchqueren, um die Fahrstuhle zu wechseln. Volyova sagte, das sei notig, weil gro?e Teile des Transitsystems durch Virusschaden ausgefallen seien. Die Ausgestaltung und der technische Stand dieser Durchgangsbereiche war jedes Mal ein klein wenig anders, fur Khouri ein Hinweis, dass ganze Schiffszonen seit Jahrhunderten brach lagen. Ihre Nervositat legte sich nicht, aber sie entnahm Sajakis und Volyovas Verhalten, dass ihr eher ein Initiationsritual als eine eiskalte Hinrichtung bevorstand. Die beiden wirkten wie zwei Kinder, die eine gefahrliche Dummheit begehen wollten. Zumindest Volyova wirkte so. Sajaki gab sich autoritarer, wie ein Funktionar bei der Ausubung einer unerfreulichen Amtspflicht.

»Da Sie nun zu uns gehoren«, sagte er, »ist es hochste Zeit, Ihnen etwas mehr uber die Verhaltnisse an Bord zu erzahlen. Vielleicht mochten Sie auch gerne erfahren, aus welchem Grund wir nach Resurgam fliegen wollen.«

»Ich dachte, um Handel zu treiben.«

»Das war unser Vorwand, aber ich will gerne zugeben, dass der nie sehr uberzeugend war. Resurgams Wirtschaft ist kaum der Rede wert — die Kolonie wurde nur zu Forschungszwecken gegrundet. Man hat dort sicher nicht die Mittel, um uns viel abzukaufen. Naturlich sind unsere Informationen zwangslaufig veraltet, und wenn wir dort sind, werden wir so viele Geschafte abwickeln wie nur moglich, aber das allein ware kein Grund fur die Reise gewesen.«

»Was dann?«

Der Fahrstuhl bremste ab. »Haben Sie den Namen Sylveste schon einmal gehort?«, fragte Sajaki.

Khouri bemuhte sich, so zu tun, als sei das eine ganz normale Frage, obwohl der Name in ihrem Schadel wie eine Magnesiumfackel zundete.

»Aber gewiss doch. Jedermann auf Yellowstone kannte Sylveste. Der Mann war praktisch ein Gott. Vielleicht auch der Teufel.« Sie hielt inne. Hoffentlich erregte sie keinen Verdacht. »Aber warten Sie; von welchem Sylveste reden wir uberhaupt? Vom alteren, der diese Unsterblichkeitsversuche verpfuscht hat? Oder von seinem Sohn?«

»Theoretisch«, sagte Sajaki, »von beiden.«

Der Fahrstuhl kam drohnend zum Stehen. Als die Turen aufgingen, schlug ihnen die Luft wie ein nasses,

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