zum Fu?boden hin, »verbrachte er diesen Monat hier. Wir hatten ihn entfuhrt.«

»Sie haben Dan Sylveste gekidnappt?« Was fur ein Husarenstuck! Khouri musste beinahe lachen. Doch dann fiel ihr ein, dass es um den Mann ging, den sie toten sollte, und das Lachen verging ihr schnell.

»Ich wurde lieber sagen, wir haben ihn eingeladen, an Bord zu kommen«, sagte Sajaki. »Auch wenn ich zugeben muss, dass er eigentlich keine andere Wahl hatte.«

»Damit ich ganz klar sehe«, sagte Khouri. »Sie haben also Cals Sohn entfuhrt? Was hatten Sie davon?«

»Calvin hatte einige Vorkehrungen getroffen, bevor er sich dem Scanner auslieferte«, sagte Sajaki. »Eine Ma?nahme war ganz simpel, musste aber Jahrzehnte vor dem Hohepunkt des Projekts eingeleitet werden. Kurz gesagt, er hat veranlasst, dass jede Sekunde seines Lebens von Aufzeichnungssystemen uberwacht wurde. Jede Sekunde, ob er wachte oder schlief. Im Lauf der Jahre lernten die Maschinen, seine Verhaltensmuster zu imitieren und seine Reaktionen in jeder Situation mit erstaunlicher Genauigkeit vorherzusagen.«

»Eine Beta-Simulation.«

»Ja, aber ein Beta-Sim, das um mehrere Stufen komplexer war als alles bis dahin Dagewesene.«

»Nach einigen Definitionen«, sagte Volyova, »hatte es bereits ein Bewusstsein; Calvin hatte die Seelenwanderung vollzogen. Er selbst mag daran geglaubt haben oder nicht, jedenfalls trieb er die Entwicklung des Sims so weit, dass es ein Bild von Calvin projizieren konnte, das so wirklich war wie der Mann selbst. Man hatte ganz stark das Gefuhl, ihm tatsachlich gegenuberzustehen. Aber Calvin ging noch einen Schritt weiter. Es gab noch eine zweite Ma?nahme, auf die er zuruckgreifen konnte.«

»Namlich?«

»Klonen.« Sajaki lachelte und nickte Volyova fast unmerklich zu.

»Er klonte sich selbst«, sagte er. »Unter Einsatz verbotener oder ›schwarzer‹ gentechnischer Verfahren und indem er sich an einige seiner lichtscheueren Klienten wandte, die ihm noch eine Gefalligkeit schuldeten. Einige davon waren Ultras — sonst wussten wir davon naturlich nichts. Die Technik des Klonens durfte auf Yellowstone nicht eingefuhrt werden; fast alle jungen Kolonien erlassen im Interesse maximaler genetischer Vielfalt ein solches Verbot. Aber Calvin war schlauer als die Behorden und reicher als die Individuen, die er bestechen musste. So gelang es ihm, den Klon als seinen Sohn auszugeben.«

»Dan«, sagte Khouri, eine einzige Silbe nur, aber die schnitt ein spitzes Loch in die eisige Luft. »Wollen Sie wirklich behaupten, Dan sei Calvins Klon?«

»Dan wei? davon naturlich nichts«, sagte Volyova. »Er ware der Letzte, den Calvin eingeweiht hatte. Nein; Sylveste glaubt die Luge ebenso wie der Rest der Bevolkerung. Er halt sich fur eine eigenstandige Personlichkeit.«

»Merkt er denn nicht selbst, dass er ein Klon ist?«

»Nein, und im Laufe der Zeit schwinden die Chancen, dass er dahinterkommt, immer mehr. Abgesehen von Calvins Ultra-Verbundeten wusste kaum jemand daruber Bescheid, und Calvin bot genugend Anreize, um sich das Schweigen der wenigen Eingeweihten zu sichern. Einige Schwachstellen waren unvermeidlich — so blieb Calvin nichts anderes ubrig, als einen der fuhrenden Genetiker auf Yellowstone anzuwerben — und Sylveste hat denselben Mann fur die Resurgam-Expedition ausgewahlt, ohne zu ahnen, wie eng ihre Beziehung tatsachlich war. Dennoch bezweifle ich, dass er seither die Wahrheit erfahren oder auch nur in irgendeiner Weise Verdacht geschopft hat.«

»Aber jedes Mal, wenn er in einen Spiegel schaut…«

»Sieht er sich selbst, nicht Calvin.« Volyova lachelte. Sie genoss es sichtlich, mit dieser Enthullung Khouris Weltbild zu erschuttern. »Er war ein Klon, aber das hei?t nicht, dass er Calvin aufs Haar gleichen musste. Der Genetiker — er hie? ubrigens Janequin — hatte so viele kosmetische Unterschiede zwischen den beiden eingearbeitet, dass Au?enstehende nur die erwartete Familienahnlichkeit sahen. Naturlich hat er auch Merkmale von Rosalyn Soutaine verwendet, der Frau, die als Dans Mutter ausgegeben wurde.«

»Der Rest war ganz einfach«, fuhr Sajaki fort. »Cal erzog seinen Klon in einer Umgebung, die bis ins Kleinste so gestaltet war wie die Welt seiner Kindheit — in bestimmten Entwicklungsphasen gab er dem Jungen sogar die gleichen Stimuli, weil er nicht sicher sein konnte, was von seinen eigenen Charakterzugen auf Vererbung zuruckzufuhren war und was auf den Einfluss der Umwelt.«

»Schon«, sagte Khouri. »Gehen wir zunachst einmal davon aus, dass alles so ist, wie Sie sagen — aber was war der Zweck der Ma?nahme? Cal muss gewusst haben, dass Dan nicht die gleiche Entwicklung nehmen wurde, wie sehr er das Leben des Jungen auch steuern mochte. Was ist mit den Entscheidungen, die bereits im Mutterleib getroffen werden?« Khouri schuttelte den Kopf. »Wahnsinn. Mehr als eine ungefahre Naherung konnte er niemals erreichen.«

»Ich glaube«, sagte Sajaki, »mehr hatte er sich auch gar nicht erhofft. Cal klonte sich ja nur zur Vorsicht. Er wusste, dass das Scannen, dem er und die anderen Freiwilligen der Achtzig sich unterziehen mussten, den Korper zerstorte, deshalb wollte er sich die Moglichkeit offen halten, in einen Korper zuruckzukehren, falls ihm das Leben in der Maschine nicht zusagen sollte.«

»Sagte es ihm denn zu?«

»Schon moglich, aber das tat nichts zur Sache. Zur Zeit der Achtzig waren Retransfer-Operationen technisch noch nicht moglich. Aber Cal hatte keine Eile: er konnte den Klon jederzeit im Kalteschlaf konservieren, bis er ihn brauchte, oder er konnte sich aus den Zellen des Jungen einen zweiten Klon anfertigen lassen. Er dachte weit voraus.«

»Wobei er sich darauf verlie?, dass der Retransfer jemals moglich wurde.«

»Calvin wusste, wie gering die Chancen waren. Deshalb war es ihm wichtig, daneben eine zweite Option zu haben.«

»Und die ware?«

»Die Beta-Simulation.« Sajaki sprach jetzt sehr langsam und seine Stimme war so eisig kalt wie die Luft in der Kalteschlafzelle des Captains. »Obwohl sie offiziell kein eigenes Bewusstsein hatte, war sie doch eine unglaublich prazise Kopie von Calvin. Und dank ihrer relativ einfachen Strukturen war es leichter, ihre Regeln Dans organischer Gehirnmasse aufzupragen. Viel leichter, als die Pragung mit einer so wenig fassbaren Struktur wie dem Alpha.«

»Ich wei?, dass die Primaraufzeichnung — das Alpha — verschwunden ist«, sagte Khouri. »Es gab keinen Calvin mehr, der die Zugel in der Hand hielt. Und Dan hat sich vermutlich eigenstandiger entwickelt, als Calvin lieb sein konnte.«

»Sehr vorsichtig ausgedruckt«, warf Sajaki ein. »Mit den Achtzig begann der Niedergang des Sylveste- Instituts. Dan interessierte sich mehr fur das Ratsel der Schleierweber als fur cybernetische Unsterblichkeit und konnte sich bald von seinen Fesseln befreien. Das Beta-Sim behielt er, ohne jemals zu begreifen, welche Bedeutung es tatsachlich hatte. Er hielt es in erster Linie fur ein Erbstuck.« Der Triumvir lachelte. »Wenn er erkannt hatte, dass es im Grunde seinen eigenen Untergang bedeutete, hatte er es sicher zerstort.«

Begreiflich, dachte Khouri. Die Beta-Simulation war wie ein gebannter Damon, der nur darauf lauerte, in einen neuen Korper einzufahren. Nicht im eigentlichen Sinne bei Bewusstsein, aber dank der subtilen Raffinesse, mit der sie wahre Intelligenz imitierte, doch gefahrlich stark.

»Auch Cals Vorsichtsma?nahme war uns noch nutzlich«, sagte Sajaki. »Das Beta enthielt in verschlusselter Form so viel von Calvins fachlichen Erfahrungen, wie fur die Heilung unseres Captains erforderlich waren. Nun mussten wir Dan nur noch dazu bringen, dass er Calvin erlaubte, sich fur eine begrenzte Zeit seines Korpers und seines Geistes zu bemachtigen.«

»Aber wenn das so einfach ging, muss Dan doch Verdacht geschopft haben…«

»Es war nicht einfach«, widersprach Sajaki. »Keineswegs. In den Phasen, in denen Cal die Herrschaft ubernahm, wirkte Dan wie ein Besessener. Ein gro?es Problem war die motorische Kontrolle: wir mussten Dan einen ganzen Cocktail von Neuro-Inhibitoren verabreichen, um seine eigene Personlichkeit auszuschalten. Wenn Cal dann endlich durchkam, fand er einen Korper vor, der von unseren Drogen halb gelahmt war. Es war, als operiere ein begnadeter Chirurg nicht selbst, sondern erteile einem Betrunkenen Anweisungen. Und nach allem, was man sehen konnte, war die Erfahrung auch fur Dan nicht angenehm. Er sagte selbst, es sei ziemlich qualend gewesen.«

»Aber es hat funktioniert.«

»Mit knapper Not. Aber seither sind hundert Jahre vergangen, und jetzt ist der nachste Besuch beim Onkel Doktor fallig.«

Вы читаете Unendlichkeit
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату