eiformige Schale war durch ihre Ausma?e unheimlich, aber sie war zumindest als Produkt einer ausgereiften Technik erkennbar — auch wenn die Fluter das nicht wahrhaben wollten. Dagegen mutete die Stadt in ihrem Innern nicht zuletzt wegen der geflugelten Sagengestalt auf der Turmspitze eher wie der Fieberwahn eines uberspannten Dichters aus dem funfzehnten Jahrhundert an. Und das Ganze schien — je langer er es betrachtete — nur den einzigen Zweck zu haben, die Ruckkehr der Verbannten zu feiern.

Es ergab keinen Sinn. Aber es lenkte ihn wenigstens von der bevorstehenden Zeremonie ab.

Je langer er hinsah, desto sicherer war er, dass sein erster Eindruck falsch gewesen war. Die geflugelte Gestalt war doch ein Amarantin oder, genauer gesagt, eine Mischung aus Amarantin und Engel, geschaffen von einem Kunstler mit fundierten Vorstellungen davon, was es aus anatomischer Sicht bedeutete, Flugel zu haben. Ohne die Zoomfunktion seiner Augen hatte die Statue eine geradezu schockierende Kreuzform. Schaltete er die Vergro?erung ein, so wurde aus dem Kreuz ein Amarantin, der mit prachtvollen, weit ausgebreiteten Schwingen auf der Turmspitze thronte. Die Schwingen waren aus verschiedenfarbigen Metallen zusammengesetzt und jedes Federchen schillerte in einem etwas anderen Farbton. Wie bei menschlichen Engelsabbildungen waren die Flugel nicht einfach Ersatz fur die Arme des Wesens, sondern ein selbstandiges, drittes Gliedma?enpaar.

Doch die Statue wirkte realistischer als alle Engel menschlicher Kunstler, die Sylveste jemals gesehen hatte. Sie wirkte — so absurd das auch scheinen mochte — anatomisch korrekt. Der Bildhauer hatte der amarantinischen Grundform nicht einfach Schwingen aufgepfropft, sondern den elementaren Korperbau dezent verandert. Die zum Greifen eingerichteten Vordergliedma?en waren am Rumpf etwas tiefer angesetzt und zum Ausgleich dafur verlangert worden. Der Brustkorb war viel machtiger als normal und wurde im Schulterbereich von einer massiven Jochkonstruktion aus Knochen und Muskeln dominiert. Aus diesem Joch wuchsen die Schwingen heraus. Sie bildeten ein drachenahnliches Dreieck. Der Hals war langer als normal und der Kopf wirkte im Profil noch stromlinienformiger und vogelartiger. Die Augen waren noch nach vorne gerichtet — wodurch das beidaugige Sehen wie bei allen Amarantin eingeschrankt wurde —, aber sie sa?en in tiefen, gerippten Knochenhohlen. Die Nustern an der oberen Schnabelhalfte waren geblaht und von Rillen durchzogen, wie um es dem Wesen leichter zu machen, die fur den Flugelschlag erforderliche Luft in die Lungen zu saugen. Und doch stimmte nicht alles. Immer vorausgesetzt, die Korpermasse des Wesens entsprache in etwa der eines durchschnittlichen Amarantin, dann waren selbst diese Schwingen zum Fliegen jammerlich ungeeignet. Waren sie also nur ein primitiver Schmuck? Hatten sich die Verbannten zuerst radikal der Biotechnik verschrieben, um sich dann mit diesen lacherlich unpraktischen Flugeln zu belasten?

Oder hatten sie noch einen anderen Zweck?

»Bedenken?«

Die Frage riss Sylveste unversehens aus seinen Gedanken.

»Du haltst die Hochzeit noch immer nicht fur eine gute Idee?«

Sylveste wandte sich der Ruckseite der Galerie zu.

»Leider komme ich mit meinen Einwanden wohl etwas zu spat.«

»An deinem Hochzeitstag?«, erwiderte Girardieu lachelnd. »Nun, noch ist dein Schicksal nicht besiegelt, Dan. Noch kannst du zuruck.«

»Wie wurdest du das aufnehmen?«

»Nicht gerade mit Begeisterung, furchte ich.«

Girardieu hatte sich in Schale geworfen. Er trug einen gestarkten Stadtanzug und hatte fur die Kameradrohnen, die ihn umschwirrten, ein wenig Rouge aufgelegt. Nun nahm er Sylveste am Arm und zog ihn von der Balustrade weg.

»Wie lange sind wir nun schon Freunde, Dan?«

»Ich wurde nicht gerade von Freundschaft reden; eher von einer Symbiose zweier Parasiten.«

»Nun komm schon«, mahnte Girardieu enttauscht. »Habe ich dir das Leben in den letzten zwanzig Jahren mehr erschwert als unbedingt notig? Glaubst du, es hatte mir Spa? gemacht, dich einzusperren?«

»Sagen wir, du hast dabei einen beachtlichen Eifer an den Tag gelegt.«

»Ich habe nur in deinem Interesse gehandelt.« Sie verlie?en die Galerie durch einen der niedrigen Tunnel, die sich durch die schwarze Schale um die Stadt zogen. Der weiche Boden schluckte das Gerausch ihrer Schritte. »Au?erdem«, fuhr Girardieu fort, »war die Meute damals im Fressrausch, Dan, auch wenn das vielleicht nicht auf den ersten Blick zu erkennen war. Hatte ich dich nicht in Gewahrsam genommen, dann hatte fruher oder spater irgendeine Gruppe ihre Wut an dir ausgelassen.«

Sylveste horte schweigend zu. Was Girardieu sagte, entsprach theoretisch in gro?en Teilen der Wahrheit, aber das hie? noch lange nicht, dass er auch seine Motive zu jener Zeit wahrheitsgetreu schilderte.

»Die politische Situation war damals sehr viel einfacher. Es gab zum einen den Arger mit dem Wahren Weg noch nicht.« Sie hatten einen Fahrstuhl erreicht und stiegen ein. Die Kabine war nagelneu und von geradezu steriler Sauberkeit. An der Wand hingen Drucke, verschiedene Ansichten von Resurgam vor und nach den Eingriffen durch die Fluter. Ein Bild zeigte sogar Mantell. Die Mesa, der Tafelberg, in dem die Forschungsstation untergebracht war, verschwand hier unter dichtem Laubwerk, von oben sturzte ein Wasserfall herab, daruber spannte sich ein blauer Himmel mit vereinzelten Wolken. In Cuvier beschaftigte sich ein ganzer Industriezweig von Aquarellisten bis hin zu spezialisierten Sensorium-Designern mit der Entwicklung von Bildern und Simulationen des kunftigen Resurgam.

»Und zum zweiten«, sagte Girardieu, »kriechen im Moment radikale Naturwissenschaftler aus allen Lochern. Erst letzte Woche wurde ein Vertreter des Wahren Weges in Mantell erschossen, und zwar nicht von einem unserer Agenten, das kann ich dir versichern.«

Der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung, um sie in die Stadt hinunter zu bringen.

»Was willst du damit sagen?«

»Dass wir neben den Fanatikern auf beiden Seiten allmahlich wie Gema?igte aussehen. Deprimierende Vorstellung, nicht wahr?«

»Du meinst, die Radikalen hatten uns an allen Fronten uberholt?«

»So konnte man sagen.«

Als sie die schwarze, mit Schriftzeichen bedeckte Stadtmauer verlie?en, platzten sie mitten in eine Gruppe von Medienvertretern, die letzte Vorbereitungen fur das gro?e Ereignis trafen. Die Reporter hatten braunliche Kamerabrillen aufgesetzt und programmierten ihre Drohnen, die ringsum in der Luft hingen wie graubraune Luftballons.

Einer von Janequins gentechnisch entwickelten Pfauen lief pickend um die Gruppe herum und zog raschelnd seinen Schweif hinter sich her. Zwei schwarz uniformierte Sicherheitsbeamte mit goldenen Fluter-Abzeichen auf den Schulterklappen traten vor. Scharen von entoptischen Figuren umschwebten sie mit drohenden Mienen. Dahinter warteten Servomaten. Sylveste und Girardieu wurden einer grundlichen Identitatskontrolle unterzogen, dann winkte man sie zu einer kleinen Hutte, die gleich neben einigen nestartig zusammengeklebten Amarantin- Behausungen aufgestellt worden war.

Die Hutte war leer bis auf einen Tisch und zwei einfache Stuhle. Auf dem Tisch standen eine Flasche Amerikano-Rotwein und zwei Weinglaser mit eingravierten Landschaftsszenen.

»Setz dich«, sagte Girardieu gonnerhaft. Er ging breitbeinig um den Tisch herum und goss in jedes Glas einen Schluck Wein. »Warum bist du eigentlich so verdammt nervos? Es ist doch nicht deine erste Hochzeit.«

»Eigentlich schon die vierte.«

»Jedes Mal nach Stoner-Ritus?«

Sylveste nickte. Er dachte an seine ersten beiden Hochzeiten: Feiern in kleinem Rahmen, Frauen aus den unteren Schichten, deren Gesichter er im Ruckblick kaum noch auseinanderhalten konnte. Beide waren formlich verwelkt im grellen Scheinwerferlicht, das standig auf seine beruhmte Familie gerichtet war. Dagegen war die Hochzeit mit Alicia — seiner letzten Frau — von Anfang an als Medienereignis konzipiert worden. Man hatte sie benutzt, um die Aufmerksamkeit auf die bevorstehende Resurgam-Expedition zu lenken und dem Unternehmen eine letzte, dringend benotigte Finanzspritze zu verschaffen. Dass sie sich geliebt hatten, war dabei fast nebensachlich gewesen, ein erfreulicher Nachtrag zu einer langst getroffenen Vereinbarung.

»Du schleppst inzwischen jede Menge Erinnerungen mit dir herum«, bemerkte Girardieu. »Wunschst du dir nicht jedes Mal wieder, die Vergangenheit abschutteln zu konnen?«

»Du findest die Zeremonie ungewohnlich.«

»Mag sein.« Girardieu wischte sich den Rotwein von den Lippen. »Ich war in der Stoner-Kultur nie richtig

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