»Nein; das war lange vor meiner Zeit. Ich habe die Geschutze vom letzten Waffenmeister ubernommen — und der hatte sie von seinem Vorganger. Seither beschaftige ich mich damit. Bei einunddrei?ig von den vierzig ist es mir gelungen, auf die Kontrollsysteme zuzugreifen, und ich habe etwa achtzig Prozent der erforderlichen Aktivierungscodes herausgefunden. Aber getestet habe ich bisher nur siebzehn Systeme, und davon nur zwei in einer Gefechtssituation, wenn man so will.«
»Das hei?t, Sie haben sie tatsachlich eingesetzt?«
»Es war nicht so, dass ich mich danach gedrangt hatte.«
Wozu sollte sie Khouri mit einer eingehenden Schilderung vergangener Grauel belasten, dachte sie — das hatte keine Eile. Mit der Zeit wurde Khouri mit den Geschutzen ebenso vertraut sein wie Volyova — vielleicht sogar noch besser, denn Khouri konnte vom Leitstand aus uber ihr Neural-Interface direkt mit ihnen in Kontakt treten.
»Wozu sind sie fahig?«
»Einige konnen muhelos ganze Planeten in Stucke rei?en. Bei anderen… wage ich keine Vermutungen anzustellen. Aber es wurde mich nicht uberraschen, wenn sie einen Stern ziemlich ubel zurichten konnten. Wer allerdings ein Interesse daran haben sollte, solche Waffen einzusetzen…« Sie verstummte.
»Gegen wen haben Sie sie denn eingesetzt?«
»Gegen Feinde naturlich.«
Khouri sah sie sekundenlang schweigend an.
»Ich wei? nicht, ob ich entsetzt sein soll, dass solche Waffen existieren… oder erleichtert, dass zumindest wir den Finger am Abzug haben und niemand anderer.«
»Seien Sie erleichtert«, sagte Volyova. »Es ist besser so.«
Sylveste und Pascale kehrten zum Turm zuruck und schwebten daruber. Die geflugelte Amarantin-Gestalt stand noch genauso da wie zuvor, doch nun schien sie mit herrischer Gleichgultigkeit uber die Stadt zu blicken. Die Vorstellung, hier habe tatsachlich ein neuer Gott Einzug gehalten, war verfuhrerisch — was sonst hatte zum Bau eines solchen Denkmals anregen konnen, wenn nicht die Scheu vor dem Gottlichen? Aber der Begleittext auf der Turmwand lie? sich sehr schwierig entziffern. »Hier ist ein Hinweis auf den Vogelmacher«, sagte Sylveste.
»Damit steigen die Chancen, dass der Turm etwas mit dem Mythos von den Brennenden Schwingen zu tun hatte, auch wenn der geflugelte Gott eindeutig nicht den Vogelmacher darstellt.«
»Richtig«, sagte Pascale. »Hier steht das Schriftzeichen fur Feuer und daneben das fur Schwingen.«
»Was siehst du noch?«
Pascale konzentrierte sich auf den Text. »Hier wird auf einen Schwarm von Abtrunnigen Bezug genommen.«
»Abtrunnig in welchem Sinne?« Er stellte sie auf die Probe, und sie wusste es, aber Pascales Deutung konnte auch als Gradmesser fur die Subjektivitat seiner eigenen Analyse dienen.
»Ein Schwarm, der dem Abkommen mit dem Vogelmacher nicht zustimmte oder sich hinterher nicht daran hielt.«
»Darauf war ich auch gekommen. Ich hatte nur Bedenken, ob mir nicht der eine oder andere Fehler unterlaufen war.«
»Wer sie auch waren, man nannte sie jedenfalls die Verbanntem.« Sie las weiter, kehrte immer wieder zuruck, uberprufte ihre Hypothesen und revidierte ihre Interpretation, wo es notig war. »Sieht so aus, als hatten sie ursprunglich zu dem Schwarm gehort, der mit den Bedingungen des Vogelmachers einverstanden war, um dann einige Zeit spater ihre Meinung zu andern.«
»Findest du auch den Namen des Anfuhrers?«
Pascale begann: »Gefuhrt wurden sie von einem Individuum namens…« Doch dann brach sie ab. »Nein, diese Zeichenfolge kann ich nicht ubersetzen; jedenfalls nicht aus dem Stegreif. Was hat das alles uberhaupt zu bedeuten? Glaubst du, es hat diese Verbannten wirklich gegeben?«
»Nicht auszuschlie?en. Wenn ich raten musste, wurde ich sagen, es waren Unglaubige, die mit der Zeit erkannten, dass der Mythos vom Vogelmacher eben nur ein Mythos war und nicht mehr. Das hatte den fundamentalistischen Schwarmen naturlich nicht besonders gefallen.«
»Und deshalb hat man sie verbannt?«
»Immer vorausgesetzt, sie haben uberhaupt existiert. Aber ein Gedanke lasst mich nicht los: Was ist, wenn sie so etwas wie eine Technikersekte gewesen waren, eine Enklave von Wissenschaftlern? Amarantin, die Experimente machen und Fragen nach den Gesetzen ihrer Welt stellen wollten?«
»Wie die Alchimisten des Mittelalters?«
»Ja.« Der Vergleich sagte ihm auf Anhieb zu. »Vielleicht haben sie sogar Versuche mit Flugmaschinen gemacht wie einst Leonardo. Wenn man sich die Stimmung in dieser Amarantin-Kultur vorstellt, ware das nicht anders gewesen, als hatten sie Gott ins Gesicht gespuckt.«
»Einverstanden. Aber nehmen wir an, es hatte sie gegeben — und sie waren verbannt worden —, was wurde dann aus ihnen? Sind sie einfach ausgestorben?«
»Ich wei? es nicht. Aber eines ist klar. Diese Verbannten spielten eine wichtige Rolle — sie waren nicht nur eine Fu?note in der langen Geschichte des Vogelmacher-Mythos. Sie tauchen an jeder Stelle des Turms auf, uberall in der ganzen Stadt — und das viel haufiger als in anderen Amarantin-Funden.«
»Aber die Stadt kam erst ziemlich spat«, sagte Pascale. »Abgesehen vom Obelisken, der als Wegweiser diente, ist sie das jungste Relikt, das wir gefunden haben. Sie entstand erst kurz vor dem
»Nun ja«, uberlegte Sylveste. »Vielleicht sind sie zuruckgekehrt.«
»Nach — Zehntausenden von Jahren?«
»Vielleicht.« Sylveste lachelte geheimnisvoll. »Wenn sie — nach so langer Abwesenheit — tatsachlich wiedergekommen waren, konnte man das doch zum Anlass genommen haben, gewisse Statuen zu errichten.«
»Das hei?t, die Statue — meinst du, sie stellt womoglich ihren Anfuhrer dar? Das Wesen mit dem Namen…« Pascale unternahm einen neuen Versuch, das Wort zu ubersetzen. »Das ist doch das Symbol fur Sonne, nicht wahr?«
»Und das andere?«
»Ich bin nicht sicher. Sieht so aus wie das Zeichen fur… Diebstahl — aber wie konnte das sein?«
»Wenn du die beiden zusammenfugst, was kommt dann heraus?«
Im Geiste sah er, wie sie die Achseln zuckte, sich nicht festlegen wollte. »Einer, der die Sonne stiehlt? Ein Sonnendieb? Was soll das sein?«
Nun hob auch Sylveste die Schultern. »Das frage ich mich schon den ganzen Morgen. Das und noch etwas.«
»Namlich?«
»Warum ich glaube, den Namen schon einmal gehort zu haben.«
Als sie den Geschutzpark verlie?en, waren sie zu dritt. Sie stiegen in einen anderen Fahrstuhl, der sie tiefer ins Herz des Schiffes brachte.
»Gut gemacht«, lobte die Mademoiselle. »Volyova ist aufrichtig uberzeugt, Sie fur sich gewonnen zu haben.«
Sie war fast die ganze Zeit bei ihnen gewesen — hatte Volyovas Fuhrung schweigend verfolgt und lediglich hin und wieder eine nur fur Khouri bestimmte Bemerkung oder einen Hinweis eingeworfen. Khouri fand das zutiefst beunruhigend: sie wurde das Gefuhl nicht los, dass Volyova die geflusterten Vertraulichkeiten ebenfalls mitbekam.
»Vielleicht hat sie Recht«, antwortete Khouri automatisch in Gedanken. »Vielleicht ist sie starker als Sie.«
Die Mademoiselle lachte hohnisch. »Haben Sie mir eigentlich zugehort?«
»Was bleibt mir denn anderes ubrig?«
Wenn die Mademoiselle sprechen wollte, war sie nicht auszuschlie?en. Sie war so hartnackig wie eine Melodie, die einem im Kopf herumging. Man konnte sich ihr nicht entziehen.
»Horen Sie«, sagte sie nun. »Wenn meine Gegenma?nahmen nicht wirkten, mussten Sie Volyova von
