meiner Existenz erzahlen. Ihre Loyalitat wurde sie dazu zwingen.«
»Ich war mehrmals in Versuchung.«
Die Mademoiselle warf ihr einen schiefen Blick zu. Khouri uberlief ein Schauer der Genugtuung. Manchmal schien die Mademoiselle — oder vielmehr ihre zum Implantat geronnene Personlichkeit — allwissend zu sein. Doch abgesehen von den Informationen, die ihm bei der Herstellung mitgegeben worden war, musste sich das Implantat auf das beschranken, was es mit Khouris Sinnen aufnehmen konnte. Moglicherweise konnte es sich auch dann in Datennetzwerke einloggen, wenn Khouri selbst nicht angeschlossen war, aber das war eher unwahrscheinlich. Das Risiko, von denselben Systemen entdeckt zu werden, ware zu gro? gewesen. Und obwohl es Khouris Gedanken horen konnte, wenn Khouri damit kommunizierte, konnte es nicht in ihr Bewusstsein eindringen, sondern registrierte nur oberflachliche biochemische Signale in seiner unmittelbaren neuralen Umgebung. Es musste also, was die Wirksamkeit seiner Gegenma?nahmen anging, durchaus gewisse Zweifel haben.
»Volyova wurde Sie toten. Sie hat auch ihren letzten Waffenoffizier getotet, falls Sie das noch nicht selbst herausgefunden haben sollten.«
»Vielleicht hatte sie einen triftigen Grund dafur.«
»Sie wissen gar nichts uber sie — oder die anderen. Ich ubrigens auch nicht. Wir haben noch nicht einmal den Captain kennen gelernt.«
Das war nicht zu bestreiten. Captain Brannigans Name war Sajaki oder den anderen in Khouris Gegenwart ein oder zwei Mal versehentlich entschlupft, aber im Allgemeinen erwahnten sie ihren Anfuhrer kaum. Sie waren sicher keine Ultras im herkommlichen Sinn, obwohl sie diese Fassade so sorgfaltig aufrechterhielten, dass nicht einmal die Mademoiselle sie durchschaut hatte. Sie trieben die Fiktion so weit, dass sie pro forma sogar Handel trieben wie alle anderen Ultra-Besatzungen.
Aber was befand sich hinter der Fassade?
Waffenoffizier, hatte Volyova gesagt. Und jetzt hatte Khouri einen Teil der Waffen gesehen, die im Schiffsinnern lagerten. Man munkelte zwar, dass viele Handelsschiffe heimlich Waffen mitfuhrten, um fur katastrophale Verschlechterungen der Beziehungen zwischen Kaufer und Verkaufer gewappnet zu sein oder in offener Piraterie andere Schiffe zu uberfallen. Aber diese Geschutze waren fur kleinere Auseinandersetzungen viel zu gewaltig, au?erdem hatte das Schiff fur solche Falle sicher zusatzlich ein ganzes Arsenal an konventionellen Waffen an Bord. Wozu also ein solcher Geschutzpark? Sajaki musste weitreichende Plane haben, dachte Khouri, und das war beunruhigend — noch beunruhigender war allerdings die Vorstellung, dass es womoglich gar keinen Plan gab; dass Sajaki die Weltraumgeschutze nur so lange mit sich herumschleppte, bis sich ein Vorwand fand, sie einzusetzen. Wie ein hochgerusteter Schlager, der auf der Suche nach einer Rauferei durch die Stra?en schlenderte.
Im Lauf der vergangenen Wochen hatte Khouri eine ganze Reihe von Theorien aufgestellt und wieder verworfen, ohne eine Erklarung zu finden, die sie auch nur annahernd uberzeugt hatte. Naturlich war es nicht die militaristische Atmosphare auf dem Schiff, die ihr Kopfzerbrechen machte. Sie war fur den Krieg geboren und empfand ihn als naturlichen Zustand. Er hatte nichts Fremdes fur sie, obwohl sie nicht ausschloss, dass es auch noch andere, angenehmere Existenzformen gab. Allerdings musste sie zugeben, dass die Kriege, die sie auf Sky’s Edge erlebt hatte, mit Szenarien, in denen diese Weltraumgeschutze zum Einsatz kommen mochten, kaum zu vergleichen waren. Sky’s Edge hatte zwar die Verbindung zum interstellaren Handelsnetz aufrechterhalten, doch technisch gesehen lagen die Kontrahenten bei den Kampfen auf dem Planeten durchschnittlich um Jahrhunderte hinter den Ultras zuruck, die manchmal ihre Schiffe in der Umlaufbahn parkten. Eine Schlacht konnte allein dadurch gewonnen werden, dass eine Seite eine Ultra-Waffe in die Hand bekam… aber solche Waffen waren immer Mangelware gewesen und manchmal zu kostspielig, um sie auch tatsachlich zu gebrauchen. Selbst Atomwaffen waren in der Geschichte der Kolonie nur wenige Male und zu Khouris Lebzeiten gar nicht zum Einsatz gekommen. Sie hatte hassliche Szenen erlebt — die sie immer noch verfolgten —, aber sie hatte noch nie eine Waffe gesehen, die imstande war, auf einen Schlag ein ganzes Volk auszurotten. Und Volyovas Weltraumgeschutze konnten noch schlimmere Katastrophen auslosen.
Ein paar Mal hatte man sie sogar eingesetzt. Jedenfalls hatte Volyova so etwas angedeutet — vielleicht bei Piratenuberfallen. Es gab genugend dunn besiedelte Systeme, die nur lose mit den Handelsnetzen verbunden waren und wo man ohne weiteres einen Feind ausrotten konnte, ohne dass jemand davon erfuhr. Vielleicht waren einige dieser Feinde nicht weniger amoralisch als Sajaki und seine Leute und blickten auf eine Vergangenheit zuruck, die nur so strotzte von Graueltaten verschiedenster Art. Deshalb war es durchaus denkbar, dass Teile des Geschutzparks auch getestet worden waren. Aber Khouri ging davon aus, dass dies immer nur als Mittel zum Zweck geschehen sei; zur Verteidigung oder fur taktische Schlage gegen Feinde, die uber dringend benotigte Ressourcen verfugten. Die schwereren Geschutze hatte man sicher nie ausprobiert. Was man letztlich mit dem Geschutzpark vorhatte — wie man die weltenzerstorenden Maschinen entscharfen wollte — war vielleicht noch nicht einmal Sajaki klar. Und vielleicht war Sajaki auch nicht der Mann, der hier das letzte Wort hatte. Vielleicht war er in irgendeinem Sinne immer noch Captain Brannigan unterstellt.
Wer immer dieser geheimnisvolle Brannigan auch sein mochte.
»Willkommen im Leitstand«, sagte Volyova.
Sie waren irgendwo im Zentrum des Schiffs angekommen. Volyova hatte ein Loch in der Decke geoffnet, eine Teleskopleiter heruntergezogen und Khouri bedeutet, die scharfkantigen Sprossen hinaufzusteigen.
Nun ragte ihr Kopf in einen gro?en, spharischen Raum voller bizarr geschwungener Maschinen mit zahlreichen Gelenkarmen. Im Zentrum eines blaulich-silbernen Lichtkreises stand inmitten von verschiedenen Geratschaften und einem schier unubersehbaren Kabelgewirr ein eckiger, schwarzer Sitz mit einer Plane daruber. Er war gyroskopisch gelagert und konnte sich sehr elegant um so viele verschiedene Symmetrieachsen bewegen, dass er von der Schiffsbewegung unabhangig war. Die Kabel fuhrten zu beweglichen Spulen, die Energie von einer konzentrischen Hulle zur anderen leiteten, bevor sie schlie?lich als schenkeldickes Bundel zwischen den Maschinen in die gewolbte Wand mundeten. Ein stechender Ozongeruch hing in der Luft.
In diesem Feuerleitstand gab es anscheinend nichts, was weniger als ein paar hundert Jahre alt gewesen ware. Vieles wirkte noch weitaus alter. Doch alles war aufs Sorgfaltigste gepflegt.
»Das ist der Hohepunkt der Vorstellung, nicht wahr?« Khouri zog sich durch die Falltur und schlangelte sich zwischen den geschwungenen Gerippen hindurch auf den schwarzen Sitz zu. Bei aller Massivitat wirkte er bequem und verhie? eine Geborgenheit, die sie unwiderstehlich anzog. Sie konnte es nicht lassen und glitt hinein. Die in der sperrigen schwarzen Masse vergrabene Servomechanik begann zu schwirren, und die Polster schmiegten sich an ihren Korper.
»Wie fuhlt sich das an?«
»Als hatte ich schon einmal hier gesessen«, sagte Khouri staunend. Ein dicker schwarzer Helm mit Metallbeschlagen war ihr uber den Kopf geglitten und verzerrte ihre Stimme.
»Das haben Sie auch«, antwortete Volyova. »Bevor Sie wieder zu Bewusstsein kamen. Au?erdem kennt sich das Implantat in Ihrem Kopf hier bereits aus — schon das ist gro?enteils fur die Vertrautheit verantwortlich.«
Volyova hatte Recht. Der Kampfsitz kam Khouri vor wie ein altes Mobelstuck aus ihrer Kindheit. Sie glaubte, jede Falte, jeden Kratzer zu kennen. Schon jetzt fuhlte sie sich ungemein entspannt und ruhig, und der Drang, tatig zu werden — die Macht zu gebrauchen, die der Sitz ihr verlieh —, wurde von Sekunde zu Sekunde starker.
»Ich kann die Weltraumgeschutze von hier aus bedienen?«
»So ist es gedacht«, sagte Volyova mit einem Nicken. »Aber naturlich nicht nur sie. Sie steuern auch alle anderen Waffensysteme an Bord der
Khouri spurte schon die ersten Anzeichen; zumindest hatte sie den Eindruck, als wurden die Grenzen zwischen ihrem Korper und dem Sitz verschwimmen. So verlockend es auch war, sie wollte nicht, dass der Prozess sich fortsetzte. Es kostete sie viel Uberwindung, sich aus dem Stuhl zu losen. Doch dann zogen sich die Polsterflachen schwirrend zuruck und gaben sie frei.
»Ich wei? nicht recht, was ich davon halten soll«, bemerkte die Mademoiselle.
