Sieben
Volyova war sich immer bewusst, dass sie sich an Bord eines Schiffes befand. (Dafur sorgten die leichten Unregelma?igkeiten bei der Induktion der Schwerkraft, die bedingt waren durch winzige Schwankungen im Schubstrom, welche wiederum durch mysteriose Quanten-Kapriolen in den Tiefen der Synthetiker-Triebwerke ausgelost wurden.) So war es auch jetzt, als sie auf die abgeschiedene Lichtung trat und an der rustikalen Treppe, die zum Rasenplatz hinunter fuhrte, zogernd stehen blieb. Sajaki blieb stumm und reglos neben dem knorrigen Baumstumpf, ihrem inoffiziellen Treffpunkt, auf den Knien liegen. Wenn er sie bemerkt hatte, so zeigte er das nicht. Aber er musste ihr Kommen gespurt haben. Volyova wusste, dass Sajaki zusammen mit Captain Brannigan, als der noch in der Lage war, das Schiff zu verlassen, den Musterschiebern auf der Wasserwelt Wintersea einen Besuch abgestattet hatte. Sie wusste zwar nicht, wozu die beiden die Reise unternommen hatten, aber es gab Geruchte, wonach die Schieber Sajakis Neokortex verandert und ihm Neuralstrukturen aufgepragt hatten, die sein raumliches Vorstellungsvermogen so au?ergewohnlich intensivierten, dass es jetzt vier oder gar funf Dimensionen umfasste. Es war ein sehr seltenes Schieber-Transform: es blieb namlich auf Dauer erhalten.
Volyova schlenderte die Treppe hinunter und trat so fest auf die letzte Stufe, dass sie knarrte. Sajaki wandte sich um, zeigte sich aber nicht uberrascht.
»Was ist los?«, fragte er, als er ihren Gesichtsausdruck bemerkte.
»Es geht um den
»Erzahlen Sie«, sagte Sajaki zerstreut. Er trug einen aschgrauen Kimono, der vom Knien im feuchten Gras olivgrune Flecken hatte. Seine Shakuhachi lag auf der spiegelblank polierten Oberflache des Baumstumpfs. Sajaki und Volyova waren die letzten beiden Besatzungsmitglieder, die zwei Monate nach dem Abflug von Yellowstone noch nicht im Kalteschlaf lagen.
»Sie gehort jetzt zu uns«, sagte Volyova und kniete vor ihm nieder. »Ihre Einweisung ist im Wesentlichen abgeschlossen.«
»Das ist erfreulich.«
Jenseits der Lichtung kreischte ein Papagei und flog, ein zappelnder, grell bunter Farbfleck, von seinem Ast auf. »Wir konnen sie Captain Brannigan vorstellen.«
»Je fruher, desto besser«, sagte Sajaki und strich eine Falte seines Kimonos glatt. »Oder haben Sie Bedenken?«
»Wegen des Treffens mit dem Captain?« Sie schnalzte nervos mit der Zunge. »Nicht die geringsten.«
»Dann liegt es tiefer.«
»Was?«
»Was immer Sie belastet, Ilia. Los! Heraus mit der Sprache!«
»Es geht um Khouri. Ich wage es nicht mehr, sie den gleichen psychischen Belastungen auszusetzen, wie Nagorny sie erleiden musste.« Sie hielt inne und wartete — hoffte — auf irgendeine Reaktion von Sajaki. Aber nur das Rauschen des Wasserfalls war zu horen. Das Gesicht ihres Mit-Triumvirs blieb vollig ausdruckslos. »Das hei?t«, fuhr sie fort — jetzt war sie so unsicher, dass sie fast stotterte —, »ich bin nicht mehr sicher, dass sie die geeignete Person fur diese Phase ist.«
»Fur diese Phase?« Sajaki sprach so leise, dass sie ihm die Worte von den Lippen ablesen musste.
»Ich meine, sie sollte nicht unmittelbar nach Nagorny an den Feuerleitstand angeschlossen werden. Es ist gefahrlich, und Khouri ist zu wertvoll, ich will sie nicht verlieren.« Sie hielt inne, schluckte und holte tief Luft. Jetzt kam der schwierigste Teil. »Ich finde, wir brauchen einen neuen — einen weniger brillanten Kandidaten. Mit einem mittelma?igen Waffenoffizier konnte ich die letzten Unebenheiten ausbugeln, um dann Khouri an die erste Stelle zu setzen.«
Sajaki hob seine Shakuhachi auf und spahte nachdenklich daran entlang. Am Ende des Bambusrohrs stand ein Splitter in die Hohe, vielleicht noch von damals, als er Khouri niedergeschlagen hatte. Er druckte ihn mit dem Daumen nieder.
Als er endlich sprach, zeigte er eine eisige Ruhe, die schlimmer war als jeder Wutausbruch.
»Sie schlagen also vor, noch ein weiteres Besatzungsmitglied anzuwerben?«
Aus seinem Munde klang es wie die absurdeste, irrwitzigste Idee, die er jemals gehort hatte.
»Nur als Zwischenlosung«, sagte sie. Sie merkte selbst, dass sie zu schnell sprach, und argerte sich, dass Sajaki sie so leicht einschuchtern konnte. »Nur bis alles wieder stabil ist. Danach konnen wir Khouri einsetzen.«
Sajaki nickte. »Das klingt nicht unvernunftig. Wei? der Himmel, warum uns die Idee nicht fruher gekommen ist, vermutlich hatten wir andere Sorgen.« Er legte die Shakuhachi ab, behielt jedoch die Hand in der Nahe des hohlen Schafts. »Aber das ist nicht mehr zu andern. Wir mussen uns also einen neuen Kandidaten suchen. Das kann ja wohl nicht allzu schwierig sein, oder? Ich meine, bei der Suche nach Khouri haben wir uns nun wirklich nicht uberanstrengt. Zugegeben, wir sind zwei Monate von Yellowstone entfernt im interstellaren Raum, und unser nachstes Ziel ist ein praktisch unbekannter Au?enposten — trotzdem, einen Bewerber zu finden stellt sicher kein Problem dar. Wahrscheinlich mussen wir sie scharenweise abwehren.«
»Seien Sie doch vernunftig.«
»Wann ware ich jemals unvernunftig gewesen, Triumvir?«
Eben hatte sie noch Angst gehabt, jetzt war sie wutend. »Sie haben sich verandert, Yuuji-san. Seit…«
»Seit wann?«
»Seit Sie mit dem Captain die Schieber besucht haben. Was ist dort geschehen, Yuuji? Was haben die Aliens mit Ihrem Gehirn angestellt?«
Er sah sie so verwundert an, als habe sie eine durchaus berechtigte Frage gestellt, auf die er selbst noch gar nicht gekommen war. Doch das war eine List, die Volyova zum Verhangnis wurde. Die Shakuhachi kam so schnell, dass sie nur einen braunen Blitz sah. Der Schlag traf sie in die Rippen. Er fiel relativ gnadig aus — Sajaki musste sich im letzten Moment zuruckgehalten haben —, aber er schleuderte sie doch ins Gras. Im ersten Moment waren die kalten, nassen Halme, die sie in die Nase kitzelten, starker als der Schmerz und auch als der Schock daruber, dass Sajaki sie angegriffen hatte.
Sajaki kam gemachlich um den Baumstumpf herum.
»Sie fragen immer zu viel«, sagte er und zog unter seinem Kimono etwas hervor, das aussah wie eine Spritze.
Sylveste griff in seine Tasche und tastete nervos nach dem Flaschchen. Er war uberzeugt, dass es nicht da war.
Doch dann spurte er es — ein kleines Wunder.
Unten stromten die Wurdentrager in die Amarantin-Stadt und naherten sich langsam dem Tempel im Zentrum. Gesprachsfetzen drangen zu ihm herauf, klar verstandlich, aber immer zu kurz, so dass er nur ein paar Worte mitbekam. Er befand sich mehrere hundert Meter hoher auf einer von den Menschen gebauten Galerie an der schwarzen Mauer, die die ganze Stadt umgab wie eine Eierschale.
Heute war sein Hochzeitstag.
Er hatte den Tempel oft in Simulationen gesehen, ihn aber schon so lange nicht mehr personlich besucht, dass er vergessen hatte, wie sehr einen seine Gro?e uberwaltigen konnte. Das war eine Schwache von Simulationen, die immer noch nicht beseitigt war: sie mochten noch so prazise sein, der Betrachter verga? nie, dass sie nicht wirklich waren. Sylveste hatte unter dem Dach des Amarantin-Tempels gestanden und Hunderte von Metern hinaufgeblickt zum Schnittpunkt der verwinkelten Steinbogen, ohne den leisesten Schwindel zu empfinden oder Angst zu haben, das uralte Bauwerk konne genau in dem Moment uber ihm zusammenbrechen. Doch jetzt — bei diesem zweiten personlichen Besuch in der vergrabenen Stadt — fuhlte er sich schier erdruckt. Schon die
