Die Feuchtigkeit von Sylvestes Handabdruck umgab Pascales helle Fleischinsel wie eine dunklere Kustenlinie. Nun wurde sie wie vorher Girardieu und Sylveste aufgefordert, sich zu identifizieren. Bei Pascale war das ganz einfach: sie war nicht nur auf Resurgam geboren, sondern hatte den Planeten auch nie verlassen. Ordinator Massinger griff tiefer in die Mahagoni-Schatulle. Wahrenddessen warf Sylveste einen Blick auf die Zuschauer. Janequin war noch blasser als sonst und rutschte unruhig hin und her. In den Tiefen der Schatulle lag, zu blaulich antiseptischem Glanz poliert, ein Gebilde, das aussah wie eine Kreuzung zwischen einer altmodischen Pistole und der Injektionsspritze eines Tierarztes.
»Die Hochzeitswaffe«, sagte Ordinator Massinger und hielt die Schatulle in die Hohe.
Die Kalte schnitt bis ins Mark, aber bald nahm Khouri die Temperatur nur noch als abstrakte Eigenschaft wahr. Zu merkwurdig war die Geschichte, die ihr die beiden Triumvirn erzahlten.
Sie standen vor dem Captain. Inzwischen wusste sie, dass er John Armstrong Brannigan hie? und unvorstellbar alt war, zwischen zweihundert und funfhundert Jahren, je nachdem, mit welchem System man sein Alter bestimmte. Die Umstande seiner Geburt waren nicht mehr genau festzustellen und unmoglich von den Widerspruchen der politischen Geschichte zu trennen. Einige sagten, er sei auf dem Mars geboren worden, aber es war auch moglich, dass er auf der Erde, in einer der vielen Stadte auf dem Mond der Erde oder in einem der mehreren Hundert Habitats, die in jenen Tagen durch den cislunaren Raum schwebten, das Licht der Welt erblickt hatte.
»Er war bereits mehr als hundert Jahre alt, bevor er zum ersten Mal das Sol-System verlie?«, sagte Sajaki. »Er wartete, bis sich eine Moglichkeit ergab, und als die Synthetiker das erste Schiff von Phobos starteten, war er unter den ersten tausend Passagieren.«
»Jedenfalls war auf diesem Schiff ein John Brannigan«, verbesserte Volyova.
»Nein«, widersprach Sajaki. »Es besteht kein Zweifel. Ich wei?, dass er es war. Spater… wird es naturlich schwieriger, ihm zu folgen. Vielleicht hat er seine Spuren auch absichtlich verwischt, um nicht von den vielen Feinden aufgespurt zu werden, die er sich wohl im Lauf der Zeit geschaffen hatte. Er wurde oft gesichtet, in vielen verschiedenen Systemen, im Abstand von Jahrzehnten… aber keiner der Berichte ist eindeutig.«
»Wie wurde er Captain Ihres Schiffes?«
»Er tauchte Jahrhunderte spater — nach etlichen Landungen auf anderen Planeten und mehreren unbestatigten Berichten von Zeugen, die ihn gesehen haben wollten — am Rand des Yellowstone-Systems auf. Dank der relativistischen Effekte der interstellaren Raumfahrt alterte er nur langsam, aber allmahlich kam er doch in die Jahre, und die Langlebigkeitstherapien waren noch nicht so gut entwickelt wie heutzutage.« Sajaki hielt inne. »Inzwischen waren gro?e Teile seines Korpers durch Prothesen ersetzt worden. Es hie?, John Brannigan konne sein Schiff auch ohne Raumanzug verlassen; er konne im Vakuum atmen, sengende Hitze und verheerende Kalte ertragen, und sein Wahrnehmungsbereich umfasse jedes nur denkbare Spektrum. Von dem Gehirn, mit dem er geboren wurde, sei nur noch wenig ubrig; in seinem Kopf befinde sich vielmehr ein engmaschiges cybernetisches Netz, ein Eintopf aus winzigen Denkmaschinen mit verdammt wenig organischem Material dazwischen.«
»Und wie viel von diesen Geruchten entsprach der Wahrheit?«
»Vielleicht mehr, als die Menschen glauben wollten. Naturlich waren Lugen darunter: so sollte er schon Jahre bevor ihre Existenz allgemein bekannt wurde, die Schieber auf Spindrift besucht haben, und es hie?, die Aliens hatten unglaubliche Transformationen an den Resten seines Bewusstseins vorgenommen; au?erdem sollte er mindestens zwei empfindungsfahige Spezies entdeckt und kontaktiert haben, die dem Rest der Menschheit bis dahin unbekannt gewesen seien.«
»Bei den Schiebern war er irgendwann tatsachlich«, warf Volyova ein. »Triumvir Sajaki war sogar dabei.«
»Das war sehr viel spater«, fauchte Sajaki. »Uns interessiert hier nur seine Verbindung zu Calvin.«
»Wie kam es, dass ihre Wege sich kreuzten?«
»Das wei? niemand so genau«, sagte Volyova. »Sicher ist nur, dass er bei einem Unfall oder bei einer missgluckten militarischen Operation verwundet wurde. Seine Verletzungen waren nicht lebensgefahrlich, aber er brauchte dringend Hilfe, und an die offiziellen Stellen im Yellowstone-System konnte er sich nicht wenden, das ware glatter Selbstmord gewesen. Er hatte sich zu viele Feinde gemacht, um sein Leben in die Hande irgendeiner Organisation zu geben. Er brauchte Einzelpersonen, die untereinander keinen Kontakt hatten und denen er personlich vertrauen konnte. Calvin scheint ein solcher Mensch gewesen zu sein.«
»Calvin hatte Verbindung zu Ultra-Elementen?«
»Ja, aber das hatte er niemals offentlich zugegeben.« Der Halbmond unter Volyovas Mutzenschild offnete sich zu einem breiten Lacheln, dass die Zahne blitzten. »Calvin war damals noch jung und idealistisch. Als man ihm den Verletzten brachte, hielt er ihn fur ein Himmelsgeschenk. Bis dahin hatte er seine ausgefallenen Ideen nicht weiterverfolgen konnen. Nun hatte er ein perfektes Versuchsobjekt, das nur eine einzige Bedingung stellte: absolute Geheimhaltung. Naturlich hatte das Abkommen Vorteile fur beide Seiten: Calvin konnte an Brannigan seine radikalen cybernetischen Theorien ausprobieren, wahrend Brannigan geheilt wurde und durch Calvins Arbeit einiges an Fahigkeiten hinzugewann. Man konnte von einer gelungenen Symbiose sprechen.«
»Soll das hei?en, der Captain wurde von diesem Dreckskerl als Versuchskaninchen fur seine schandlichen Experimente missbraucht?«
Sajaki zuckte die Achseln. In seiner dicken Thermokleidung sah er wie eine Marionette aus.
»Brannigan empfand es nicht so. Er war fur den Rest der Menschheit schon vor dem Unfall ein Monstrum gewesen. Calvin setzte diesen Trend nur fort. Fuhrte ihn zur Vollendung, wenn man so will.«
Volyova nickte, doch etwas in ihrem Gesicht verriet Khouri, dass das Verhaltnis zu ihrem Kollegen nicht ganz ungetrubt war. »Uberhaupt war das lange vor den Achtzig. Calvins Name war ohne Makel. Und im Vergleich zu den alltaglichen Extremen des Ultra-Lebens lag Brannigans Transformation nur wenig au?erhalb der Norm.« Der Abscheu in ihrer Stimme war nicht zu uberhoren.
»Weiter.«
»Bis zu seiner nachsten Begegnung mit dem Sylveste-Clan verging fast ein Jahrhundert«, sagte Sajaki. »In der Zwischenzeit hatte er das Kommando uber dieses Schiff ubernommen.«
»Was geschah?«
»Er wurde abermals verwundet. Diesmal schwer.« Er strich so vorsichtig, als halte er den Finger uber eine Kerzenflamme, uber den au?ersten Rand der silbrigen Wucherungen. Die Auslaufer des Captains wirkten so schaumig wie die Lake, die das Meer bei Ebbe in den Felshohlungen zurucklasst. Sajaki wischte sich diskret die Hand an der Vorderseite seiner Jacke ab, aber Khouri merkte, dass er sich nicht sauber fuhlte; seine Finger schienen zu jucken und zu kribbeln, als sei ihm der Kontakt mit dem verseuchten Gewebe unter die Haut gegangen.
»Leider«, fuhr Volyova fort, »war Calvin damals bereits tot.«
Naturlich. Er war mit den Achtzig gestorben; er hatte als einer der Letzten seine korperliche Existenz verloren.
»Schon«, sagte Khouri. »Aber er starb, wahrend sein Gehirn von einem Computer gescannt wurde. Warum haben Sie nicht einfach die Aufzeichnung gestohlen und sie uberredet, Ihnen zu helfen?«
»Wenn das moglich gewesen ware, hatten wir es getan.« Sajakis tiefe Stimme wurde von der engen Biegung des Korridors zuruckgeworfen. »Aber die Aufzeichnung, die Alpha-Simulation, war verschwunden. Und es gab keine Duplikate — Alphas waren kopiergeschutzt.«
»Das hei?t«, sagte Khouri in der Hoffnung, die Leichenhausatmosphare etwas zu zerstreuen, »Sie hatten keinen Captain mehr und sa?en in der Schei?e.«
»Nicht ganz«, sagte Volyova. »Das alles fiel namlich in eine ziemlich interessante Periode der Geschichte von Yellowstone. Daniel Sylveste war eben von den Schleierwebern zuruckgekehrt — und er war weder tot, noch hatte er den Verstand verloren. Seine Begleiterin hatte weniger Gluck gehabt, aber ihr Tod machte ihn erst recht zum strahlenden Helden.« Sie hielt inne, dann fragte sie so ungeduldig wie ein Vogelchen: »Haben Sie jemals von seinen ›Drei?ig Tagen in der Wildnis‹ gehort, Khouri?«
»Kann schon sein. Helfen Sie meinem Gedachtnis auf die Sprunge.«
»Er verschwand vor hundert Jahren fur einen vollen Monat«, sagte Sajaki. »Der gefeierte Mittelpunkt der Stoner-Gesellschaft war von einem Augenblick zum anderen nicht mehr aufzufinden. Es gingen Geruchte um, er hatte die Stadtkuppel verlassen; er hatte sich in einen Exo-Anzug gezwangt und sei ausgezogen, um die Sunden seines Vaters zu suhnen. Eine ruhrende Geschichte, nur leider ist sie nicht wahr. In Wirklichkeit«, Sajaki nickte
