und aus der Wunde flossen warme Rinnsale uber seinen Brokatmantel.

Sylveste fasste Pascales Arm und schob sie auf den Ausgang zu, einen Torbogen, der mit vergoldeten Amarantin-Figuren und Schriftzeichen in Relieftechnik geschmuckt war. Die Frau mit dem Parfum war, wenn man von Janequin absah, offenbar als einzige von den Attentatern am Schauplatz gewesen. Jetzt erst kamen ihre Freunde in Chamaleo-Anzugen, mit dichten Atemmasken und Infrarotbrillen.

Er schob Pascale hinter mehrere umgesturzte Tische.

»Sie suchen nach uns«, zischte er. »Aber wahrscheinlich halten sie uns fur tot.«

Wer von Girardieus Sicherheitsleuten uberlebt hatte, war zuruckgewichen und hatte sich zwischen den facherformig angeordneten Zuschauerbanken verschanzt. Sie hatten keine Chance: die Neuankommlinge hatten viel starkere Waffen, schwere Boser-Gewehre. Girardieus Miliz mit ihren schwachen Lasern und Projektilwaffen leistete tapfer Widerstand, aber die Verschworer schossen sie rucksichtslos und ohne gro?e Muhe nieder. Von den Hochzeitsgasten waren mindestens die Halfte bewusstlos oder tot; sie hatten die meisten Giftpfeile abbekommen. Die Pfauen waren zwar keine sonderlich prazise arbeitende Mordwaffe gewesen — aber sie hatten sich vollig ungehindert im ganzen Raum bewegen konnen. Sylveste bemerkte, dass immer noch zwei von ihnen am Leben waren — entgegen seinen Erwartungen. Die Parfum-Molekule in der Luft hatten ihre Wirkung nicht verloren: die Vogel klappten ihre Schweife auf und zu wie nervose Kurtisanen ihre Facher.

»Hatte dein Vater eine Waffe bei sich?«, fragte Sylveste und bedauerte sofort, die Vergangenheitsform verwendet zu haben. »Ich meine, seit dem Umsturz.«

»Ich glaube nicht«, sagte Pascale.

Naturlich nicht. Das hatte ihr Girardieu niemals anvertraut. Rasch tastete Sylveste den reglosen Korper ab. Vielleicht fand sich unter dem Festgewand eine Ausbuchtung in Form eines gepolsterten Halfters.

Nichts.

»Dann mussen wir uns ohne Waffe behelfen«, sagte Sylveste, als ware das Problem einfacher zu losen, wenn er es aussprach. »Wenn wir nicht fluchten, werden sie uns toten«, setzte er nach einer Pause hinzu.

»Ins Labyrinth?«

»Dort konnen sie uns sehen«, wandte Sylveste ein.

»Aber vielleicht glauben sie nicht, dass wir es sind«, versetzte Pascale. »Vielleicht wissen sie nicht, dass du im Dunkeln sehen kannst.« Obwohl sie so gut wie blind war, sah sie ihm fest in die Augen. Ihr Mund bildete ein fast kreisrundes Loch, ausdruckslos und ohne Hoffnung. »Lass mich vorher noch von meinem Vater Abschied nehmen.«

Sie ertastete die Leiche im Dunkeln und kusste sie ein letztes Mal. Sylveste warf einen Blick zum Ausgang. In diesem Moment traf ein Schuss von Girardieus Miliz den Soldaten, der ihn bewachte. Die maskierte Gestalt sank zusammen, ihre Korperwarme verteilte sich nach allen Seiten und bildete eine warme Pfutze. Qualmende wei?e Energiemaden krochen in das Mauerwerk.

Damit war der Weg frei. Er griff nach Pascales Hand, und sie rannten gemeinsam los.

Acht

Unterwegs nach Delta Pavonis

2546

»Ich nehme an, Sie haben die Geschichte des Captains ebenfalls gehort«, sagte Khouri, als sich die Mademoiselle mit diskretem Husteln hinter ihr bemerkbar machte. Bis auf die korperlose Erscheinung war sie in ihrer Kabine allein. Sie musste erst verarbeiten, was Volyova und Sajaki ihr uber die Mission erzahlt hatten.

Die Mademoiselle lachelte geduldig. »Das schafft ziemliche Komplikationen, nicht wahr? Zugegeben, ich habe nicht ausgeschlossen, dass gewisse Verbindungen zwischen der Besatzung und Sylveste bestehen konnten. Eine logische Schlussfolgerung angesichts der Tatsache, dass Resurgam das Ziel der Reise war. Aber dass die Geschichte so verwickelt ist, war nicht zu erschlie?en.«

»Man konnte es sicher auch anders beschreiben.«

»Die Beziehung ist…« Der Geist zogerte einen Moment, als suche er nach Worten, aber Khouri wusste, dass alles nur Schau war und argerte sich. »Interessant. Sie konnte unsere Moglichkeiten einschranken.«

»Sie verlangen also nach wie vor, dass ich ihn tote?«

»Unbedingt. Diese Geschichte setzt uns noch mehr unter Druck. Jetzt besteht obendrein die Gefahr, dass Sajaki versucht, Sylveste an Bord zu bringen.«

»Wurde es dadurch nicht einfacher fur mich, ihn zu erledigen?«

»Gewiss, aber damit ware es in diesem Stadium nicht mehr getan. Sie mussten einen Weg finden, auch das Schiff zu zerstoren. Ob Sie sich dabei retten konnten, bliebe allein Ihnen uberlassen.«

Khouri runzelte die Stirn. Das klang alles ziemlich unsinnig, aber vielleicht lag das ja an ihr.

»Und wenn ich mich dafur verburge, dass Sylveste tot ist…«

»Es ware nicht damit getan«, wiederholte die Mademoiselle mit bislang unbekannter Offenheit. »Sein Tod an sich ist nur ein Teil der Aufgabe. Er hat au?erdem auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu erfolgen.«

Khouri wartete.

»Er darf keinerlei Vorwarnung erhalten; nicht einmal, wenn es nur um Sekunden geht. Au?erdem mussen Sie ganz allein mit ihm sein.«

»Das war immer so geplant.«

»Gut — aber ich meine das ganz wortlich. Wenn Sie nicht garantieren konnen, dass absolut niemand in der Nahe ist, mussen Sie die Tat aufschieben. Keine Kompromisse, Khouri.«

Dies war das erste Mal, dass sie die Umstande des geplanten Anschlags genauer erorterten. Offenbar hielt die Mademoiselle Khouri inzwischen fur reif genug, um sie etwas tiefer, wenn auch noch nicht vollstandig einzuweihen.

»Was ist mit der Waffe?«

»Da lasse ich Ihnen freie Hand, unter der Bedingung, dass die Waffe keine cybernetischen Komponenten uber einer bestimmten Komplexitatsstufe enthalt. Genaueres erfahren Sie zu einem spateren Zeitpunkt.« Bevor Khouri Einwande erheben konnte, fugte sie hinzu: »Eine Strahlenwaffe ware dann akzeptabel, wenn sie in keiner Phase in die Nahe des Zielobjekts gebracht zu werden brauchte. Auch Projektil- und Explosivwaffen waren denkbar.«

So wie es auf dem Lichtschiff zuging, dachte Khouri, sollten eigentlich genugend geeignete Waffen herumliegen. Und es musste moglich sein, sich so fruhzeitig ein halbwegs todliches Schie?eisen zu besorgen, dass sie auch noch Zeit hatte, sich damit vertraut zu machen, bevor sie gegen Sylveste vorging.

»Wahrscheinlich lasst sich etwas finden.«

»Ich bin noch nicht fertig. Sie durfen sich ihm weder nahern, noch ihn toten, wenn irgendwelche cybernetischen Systeme in der Nahe sind — auch in diesem Punkt bekommen Sie spater noch genauere Anweisungen. Je isolierter er ist, desto besser. Gelingt es Ihnen, ihn ganz allein, fernab aller Hilfe, auf Resurgam zu erwischen, dann haben Sie Ihre Aufgabe zu meiner vollen Zufriedenheit erfullt.« Die Mademoiselle hielt inne. Fur sie war das offenbar alles von ungeheurer Wichtigkeit, und Khouri gab sich gro?e Muhe, nichts zu vergessen, aber es klang ungefahr so einleuchtend wie die Beschworungen in einem mittelalterlichen Heilkundebuch. »Auf keinen Fall darf er Resurgam verlassen. Merken Sie sich das gut, denn sobald ein Lichtschiff — auch dieses hier — um Resurgam in den Orbit geht, wird Sylveste versuchen, irgendwie an Bord zu kommen. Das muss unter allen Umstanden verhindert werden.«

»Ich habe verstanden«, sagte Khouri. »Ich soll ihn also unten toten. War das alles?«

»Nicht ganz.« Der Geist zeigte ein damonisches Lacheln, das Khouri bisher noch nicht gesehen hatte. Vielleicht hatte die Mademoiselle ihr mimisches Reservoir doch noch nicht ganz ausgeschopft, sondern hob sich den einen oder anderen Gesichtsausdruck fur Augenblicke wie diesen auf. »Naturlich verlange ich Beweise fur seinen Tod. Das Implantat wird alles aufzeichnen, aber wenn Sie nach Yellowstone zuruckkehren, brauche ich etwas Handfestes, was die Aufzeichnung bestatigt. Ich spreche von sterblichen Uberresten und damit meine ich nicht nur Asche. Konservieren Sie im Vakuum, so viel Sie konnen. Die Uberreste mussen gut verschlossen und vom Rest des Schiffes isoliert aufbewahrt werden. Sie konnen sie meinetwegen in Fels eingie?en, aber ich will sie

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