ausgeschickt wurden, nicht mehr zu Khouri zuruck. Ein paar Stunden genugten nicht, um jede Ritze und jeden Winkel des byzantinisch verschnorkelten Datenraums auszuschnuffeln, also blieben sie mehr als einen Tag im System.

Als Khouri sich nachstes Mal an das Interface anschloss, kehrten die Hunde zur Mademoiselle zuruck. Die hob die Chiffrierung auf und entschlusselte, was sie apportiert hatten.

Als die Mademoiselle nach der Sitzung mit Khouri allein war, sagte sie: »Sie hat einen blinden Passagier. Irgendetwas hat sich im Leitstandsystem versteckt, und ich mochte wetten, dass sie davon nichts ahnt.«

Damit war Khouris Gelassenheit gegenuber dem Feuerleitstand dahin. Sie spurte, wie ihre Korpertemperatur absackte. »Weiter«, sagte sie.

»Eine Daten-Entitat: das ist die beste Beschreibung, die ich finden kann.«

»Und die Hunde sind darauf gesto?en?«

»Ja, aber…« Wieder schien die Mademoiselle nach Worten zu ringen. Manchmal war diese Ratlosigkeit vielleicht sogar echt, dachte Khouri, immer dann, wenn das Implantat mit einer Situation konfrontiert wurde, die Lichtjahre von den Erwartungen der echten Mademoiselle entfernt war. »Sie haben es nicht etwa gesehen, nicht einmal einen Teil davon. Dafur ist es zu schwer fassbar, sonst hatten ja auch Volyovas eigene Schutzsysteme Alarm geschlagen. Man konnte eher sagen, sie spurten eine Leere, wo es eben noch gewesen war, den Luftzug seiner Bewegung.«

»Tun Sie mir einen Gefallen«, bat Khouri. »Machen Sie, verdammt noch mal, keine Schauergeschichte daraus.«

»Es tut mir Leid«, antwortete die Mademoiselle. »Aber ich kann nicht leugnen, dass dieses Wesen Anlass zur Beunruhigung gibt.«

»Sie sind beunruhigt? Was glauben Sie, wie ich mich fuhle?« Khouri schuttelte benommen den Kopf. Die Realitat war manchmal von einer erschutternden Niedertrachtigkeit. »Na schon; was ist es Ihrer Meinung nach? Ein Virus wie all die anderen, die an diesem Schiff fressen?«

»Dafur ist es zu hoch entwickelt. Das Schiff ist dank Volyovas eigener Schutzvorrichtungen trotz der anderen Virusentitaten funktionsfahig geblieben, sie konnte sogar die Schmelzseuche in Schach halten. Aber dies…« In den Augen der Mademoiselle stand eine Angst, die sehr uberzeugend wirkte. »Es hat die Hunde erschreckt, Khouri. Es ist ihnen so geschickt ausgewichen, wie ich es kaum je erlebt habe. Aber es hat sie nicht angegriffen, und das beunruhigt mich noch mehr.«

»Ja?«

»Weil ich daraus schlie?en muss, dass es den rechten Moment abwartet.«

Sylveste wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatten. Vielleicht waren es nur Minuten gewesen, vollgepackt mit adrenalingeladenen Fiebertraumen von einer chaotischen Flucht, vielleicht auch Stunden oder gar ein halber Tag. Es war nicht festzustellen. Jedenfalls waren sie nicht einfach vor Erschopfung eingeschlafen. Als Sylveste hochfuhr, wurde ihm mit einem Schlag klar, dass sie Schlafgas eingeatmet hatten, das ins Tunnelsystem gepumpt worden war. Kein Wunder, dass ihnen die Luft so frisch und wohlriechend erschienen war.

Da, ein Rascheln wie von Ratten unter dem Dach.

Er ruttelte Pascale wach; sie kam mit einem klaglichen Wimmern zu sich und weigerte sich Minuten lang, ihre Umgebung und ihre Situation zur Kenntnis zu nehmen. Sylveste studierte die Warmesignaturen ihres Gesichts und konnte beobachten, wie seine wachserne Starre von einer ausdrucksvollen Mischung aus Reue und Angst verdrangt wurde.

»Wir mussen weiter«, sagte er. »Sie sind hinter uns her — sie haben die Tunnel vergast.«

Das Rascheln kam mit jeder Sekunde naher. Pascale schwebte immer noch irgendwo zwischen Traum und Wachen, aber sie offnete den Mund und fragte mit einer Stimme, als sprache sie durch Watte: »Wohin?«

»Hier hinein«, sagte Sylveste, packte sie und schob sie auf die nachste ventilahnliche Tunneloffnung zu. Als sie auf dem glatten Boden ausrutschte, half er ihr beim Aufstehen, dann drangte er sich an ihr vorbei und nahm ihre Hand. Im Tunnel war es so dunkel, dass er auch mit seinen Augen nur wenige Meter weit sehen konnte. Im Grunde war er kaum weniger blind als seine Frau.

Immerhin besser als gar nichts.

»Warte«, sagte Pascale. »Hinter uns ist Licht, Dan!«

Jetzt horte er auch Stimmen. Hektisches, unverstandliches Geschnatter. Steriles Metallklirren. Wahrscheinlich hatten schon Batterien von Chemosensoren ihre Spur aufgenommen, untersuchten Pheromonschnuffler die Luft auf die Ausdunstungen panisch verangstigter Menschen und ubermittelten ihre Daten direkt an die Sensorien der Jager.

»Schneller«, drangte Pascale. Sylveste warf einen Blick zuruck, doch die neue Helligkeit war zu viel fur seine Augen. Er sah nur einen zuckenden blaulichen Schein am Tunneleingang, als halte jemand eine Fackel in der Hand. Er wollte das Tempo steigern, aber der Tunnel fuhrte steil nach oben, und sie hatten Muhe, an den glasglatten Wanden Halt zu finden; es war, als wollten sie einen Eiskanal hinaufklettern.

Keuchende Atemzuge, Metall, das gegen die Wande kratzte, bellende Kommandos.

Der Anstieg wurde zu steil. Sie hatten standig zu kampfen, um nur das Gleichgewicht zu halten und nicht zuruckzurutschen. »Bleib hinter mir«, sagte er und wandte sich zu dem blauen Licht um.

Pascale schob sich hastig an ihm vorbei.

»Was jetzt?«

Das Licht schwankte und wurde unmerklich starker. »Wir haben keine Wahl«, sagte Sylveste. »Wir konnen ihnen nicht entkommen, Pascale. Wir mussen stehen bleiben und uns stellen.«

»Das ist Selbstmord.«

»Vielleicht verschonen sie uns, wenn sie uns ins Gesicht sehen mussen.«

Eine Hoffnung, dachte er bei sich, die durch viertausend Jahre menschlicher Zivilisation als vergeblich entlarvt sein durfte, aber was zahlte das, wenn es keinen Ausweg mehr gab? Seine Frau legte ihm von hinten die Arme um den Oberkorper, druckte ihre Wange an die seine und schaute in die gleiche Richtung. Sylveste horte ihre keuchenden Atemzuge und war uberzeugt, dass sein Atem nicht viel anders klang.

Der Feind konnte ihre Angst wahrscheinlich riechen — im wahrsten Sinne des Wortes.

»Pascale«, begann Sylveste. »Ich muss dir etwas sagen.«

»Jetzt?«

»Ja, jetzt.« Er konnte seine Atemzuge nicht mehr von den ihren unterscheiden, spurte jedes Ausatmen wie einen Schlag auf der Haut. »Ich habe es schon zu lange geheim gehalten. Vielleicht bekomme ich keine Chance mehr, es noch jemand anderem zu erzahlen.«

»Du meinst, wir mussen sterben?«

Er vermied eine direkte Antwort. Mit einem Teil seines Bewusstseins suchte er abzuschatzen, wie viele Sekunden ihnen noch blieben. Vielleicht reichte die Zeit nicht einmal mehr fur das, was er zu sagen hatte. »Ich habe gelogen«, begann er. »Damals vor Lascailles Schleier war alles ganz anders.«

Sie setzte zum Sprechen an.

»Nein, warte«, sagte Sylveste. »Lass mich ausreden. Ich muss es dir sagen. Ich muss es loswerden.«

Ihre Stimme war nur ein Flustern. »Dann sprich.«

»Die einzelnen Ereignisse haben tatsachlich stattgefunden.« Ihre Augen waren riesengro? geworden; ovale Locher in der thermografischen Karte ihres Gesichts. »Es war nur genau umgekehrt. Nicht Carine Lefevres Transform begann zu zerfallen, als wir in die Nahe des Schleiers kamen.«

»Was soll das hei?en?«

»Es war mein Transform. Ich war es, der uns beinahe alle beide in den Tod gerissen hatte.« Er hielt inne und wartete. Auf eine Au?erung von ihr oder dass die Verfolger aus dem blauen Schein hervorbrachen, der langsam immer naher kroch. Als nichts geschah, fuhr er, ganz im Banne seines Gestandnisses, fort: »Mein Schieber-Transform loste sich allmahlich auf. Die Schwerkraftfelder um den Schleier gingen zum Angriff uber. Carine war dem Tod geweiht, wenn ich meine Halfte des Kontaktmoduls nicht absprengte.«

Er sah formlich vor sich, wie sie sich bemuhte, diese Aussage mit der Schablone zur Deckung zu bringen, die sie im Kopf hatte, mit der allgemein verbreiteten Geschichte, mit der sie aufgewachsen war. Was er da sagte, konnte, durfte nicht wahr sein. Es war doch alles ganz einfach gewesen. Lefevres Transform war zerfallen; Lefevre hatte das gro?e Opfer gebracht und ihre Halfte des Kontaktmoduls abgesprengt, um Sylveste die Chance zu geben, den brutalen Zusammensto? mit dem absolut Fremden zu uberstehen. Es konnte nicht anders sein. Sie wusste es zu genau.

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