Aber was sie wusste, stimmte nicht.

»Genau das hatte ich tun sollen. Im Nachhinein sagt sich das leicht. Aber damals brachte ich es nicht uber mich.« Sie konnte sein Gesicht nicht sehen, und er wusste nicht, ob ihm dieser Umstand in dem Moment eine Hilfe war oder nicht. »Ich konnte die Sprengladungen nicht zunden.«

»Warum nicht?«

Jetzt mochte sie horen, dass es physisch unmoglich war, dachte er. Dass der ruhige Raumabschnitt zu eng geworden war, dass er sich nicht mehr hatte bewegen konnen; dass ihn die Gravitationswirbel lahmten, wahrend sie ihm zugleich das Fleisch von den Knochen rissen. Aber das ware eine Luge gewesen, und uber die Lugen war er jetzt hinaus.

»Ich hatte Angst«, sagte Sylveste. »Ich hatte so viel Angst wie noch nie in meinem Leben. Ich wollte nicht da drau?en in der Fremde sterben. Ich hatte Angst um meine Seele. Was wurde aus ihr werden an diesem Ort? Im ›Raum der Erkenntnis‹, wie Lascaille sich ausdruckte.« Er rausperte sich. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. »Vollig irrational, aber so empfand ich nun einmal. Auf die Angst hatten uns die Simulationen nicht vorbereitet.«

»Aber du hast es geschafft.«

»Das Schiff wurde durch Gravitationswirbel auseinandergerissen; sie ubernahmen die Aufgabe der Sprengladungen. Ich blieb am Leben… und das ist mir unbegreiflich. Eigentlich musste ich tot sein.«

»Und Carine?«

Bevor er antworten konnte — Wenn er eine Antwort gehabt hatte! —, stieg ihnen ein widerlich su?er Geruch in die Nase. Wieder Schlafgas, aber diesmal konzentrierter. Es drang in seine Lungen und reizte ihn zum Niesen. Er verga? Lascailles Schleier, verga? Carine, verga?, dass er an ihrem Schicksal schuld war. Plotzlich gab es im ganzen Universum nichts Wichtigeres als diesen Niesreiz.

Und den Drang, sich die Haut vom Leibe zu rei?en.

Ein Mann zeichnete sich vor dem Blau ab. Sein Gesicht war unter der Maske nicht zu erkennen, aber seine Haltung druckte nur gelangweilte Gleichgultigkeit aus. Lassig hob er den linken Arm. Zuerst schien es, als hielte er ein Megafon, aber dafur verriet die Bewegung zu viel Entschlossenheit. Er zielte in aller Ruhe, bis die trichterformige Waffe genau auf Sylvestes Augen gerichtet war.

Dann zog er den Abzug durch — kein Laut war zu horen —, und ein gluhender Schmerzpfeil bohrte sich in Sylvestes Gehirn.

Neun

Mantell, Nord-Nekhebet,

Resurgam

2566

»Tut mir Leid wegen der Augen«, sagte eine Stimme, nachdem er eine Ewigkeit lang qualvoll herumgeschuttelt worden war.

Sylveste war zunachst verwirrt und hatte Muhe, die Ereignisse in die richtige Reihenfolge zu bringen. Irgendwo in der jungsten Vergangenheit lagen die Hochzeit, die Morde, die Flucht ins Labyrinth und das Beruhigungsgas, aber das ging alles durcheinander. Es war, als sollte er aus einer Hand voll nicht nummerierter Fragmente eine Biografie zusammenstellen, eine Biografie aus Einzelepisoden, die ihm aufreizend bekannt vorkamen.

Der unglaubliche Schmerz in seinem Kopf, als der Mann die Waffe auf ihn richtete…

Er war blind.

Die Welt war verschwunden, ersetzt durch ein starres, graues Mosaik: das Bild, das seine Augen nach einer Notabschaltung zeigten. Calvins Werk war schwer beschadigt worden. Die Augen hatten nicht nur abgeschaltet, sie waren zerstort.

»Es war besser fur Sie, uns nicht zu sehen.« Die Stimme war jetzt ganz nahe. »Wir hatten Ihnen die Augen verbinden konnen, aber wir wussten nicht genau, wozu diese kleinen Wunderwerke fahig waren. Vielleicht hatten sie durch jeden Stoff hindurchsehen konnen. So war es einfacher. Ein konzentrierter EMP… wahrscheinlich nicht ganz schmerzlos. Hat ein paar Schaltkreise geschrottet. Tut mir Leid.«

Die Stimme verriet keine Spur von Bedauern.

»Was ist mit meiner Frau?«

»Girardieus Kleine? Ihr fehlt nichts. Bei ihr waren keine derart drastischen Ma?nahmen erforderlich.«

Vielleicht weil er blind war, registrierte Sylveste alle Bewegungen in seiner Umgebung sehr genau. Sie befanden sich vermutlich in einem Flugzeug und schlangelten sich durch Schluchten und Taler, um den Staubsturmen auszuweichen. Wem mochte das Flugzeug gehoren? Wer war an der Macht? War Cuvier noch immer in der Hand von Girardieus Regierungstruppen oder hatte der Aufstand des Wahren Weges die ganze Kolonie erfasst? Keine der beiden Moglichkeiten sagte ihm sonderlich zu. Mit Girardieu hatte er ein Bundnis eingehen konnen, aber der war jetzt tot, und Sylveste war im Machtgefuge der Fluter von jeher ziemlich unbeliebt gewesen. Eine Reihe von Leuten hatte es Girardieu verubelt, dass er ihn nach dem ersten Umsturz am Leben gelassen hatte.

Immerhin, er war noch am Leben. Und blind war er nicht zum ersten Mal. Der Zustand war ihm nicht fremd; er wusste, dass er damit fertig werden konnte.

»Wohin fliegen wir?«, fragte er. Sie hatten ihm enge Fesseln angelegt, die ihm das Blut abschnurten. »Zuruck nach Cuvier?«

»Und wenn schon?«, fragte die Stimme. »Wundert mich, dass Sie es so eilig haben, dorthin zu kommen.«

Das Flugzeug schwankte hin und her, dass einem ubel werden konnte, und wurde auf und ab geschleudert wie ein Ruderboot auf sturmischer See. Sylveste stellte sich eine Karte der Canyon-Systeme um Cuvier vor und versuchte, die Flugbewegungen damit zu koordinieren, aber das war aussichtslos. Wahrscheinlich war er naher an der vergrabenen Amarantin-Stadt als an zu Hause, aber ebenso gut konnte er inzwischen auch an jedem anderen Punkt des Planeten sein.

»Sind Sie…?« Sylveste zogerte. Sollte er so tun, als sei er im Unklaren uber seine Lage? Er verwarf den Gedanken sofort wieder. Dazu brauchte er nicht zu schauspielern. »Gehoren Sie zu den Flutern?«

»Was glauben Sie denn?«

»Ich glaube, Sie sind vom Wahren Weg.«

»Eine Runde Applaus fur den Mann.«

»Und Sie haben die Macht ubernommen?«

»Alles hort auf unser Kommando.« Das klang recht gro?spurig, aber Sylveste war das kurze Zogern nicht entgangen. Ganz sicher ist er sich nicht, dachte er. Wahrscheinlich wussten sie nicht genau, wie weit ihr Einfluss tatsachlich reichte. Vielleicht hatte der Mann ja sogar Recht, aber vermutlich waren die Nachrichtenverbindungen auf dem Planeten schwer beschadigt, und deshalb konnte er nicht sicher sein. Er konnte sich nicht vergewissern, ob sie wirklich alles unter Kontrolle hatten. Leicht moglich, dass die Hauptstadt noch von Girardieu-Treuen oder von einer ganz anderen Gruppe besetzt war. Seine Bewacher konnten eigentlich nur in gutem Glauben handeln und hoffen, dass auch ihre Verbundeten gesiegt hatten. Was naturlich durchaus moglich war.

Jemand zog ihm die Maske uber das Gesicht. Die harten Kanten schnitten ihm in die Haut, aber das war ertraglich, nicht mehr als eine kleine zusatzliche Unannehmlichkeit neben den standigen Schmerzen in seinen zerstorten Augen.

Mit der Maske zu atmen war ziemlich muhsam. Er musste sich anstrengen, um die Luft durch den Staubabscheider in der Duse zu saugen. Von jetzt an kamen zwei Drittel des Sauerstoffs in seinen Lungen aus der Atmosphare von Resurgam und das letzte Drittel aus einem Druckbehalter unter dem Russel. Diese Luft war mit so viel Kohlendioxid versetzt, dass sie den Atemreflex seines Korpers ausloste.

Er hatte kaum gespurt, wie das Flugzeug aufsetzte — erst als die Tur geoffnet wurde, war er ganz sicher, dass sie irgendwo gelandet waren. Sein Bewacher loste ihm die Fesseln und schob ihn energisch zum Ausgang,

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