Sylveste«, sagte er fast schuchtern. »Ich hoffe sehr, die Schaden, die sie Ihnen zugefugt hat, zum gro?ten Teil beheben zu konnen. Ich brauche nur Zeit.«

»Sie hat Ihnen eine Stunde gegeben«, stellte Sylveste fest. Sogar seine eigene Stimme klang ihm fremd in den Ohren; zu lange hatte er nur im Schlaf irgendwelchen Unsinn vor sich hin gemurmelt. »Was konnen Sie in einer Stunde schon ausrichten?«

Er horte den Mann in seinen Instrumenten kramen. »Zumindest kann ich Ihren Zustand verbessern.« Er unterstrich seine Bemerkungen, indem er mit der Zunge schnalzte. »Wenn Sie stillhalten, erreiche ich naturlich mehr. Aber ich kann nicht versprechen, dass es angenehm sein wird.«

»Sie tun sicher alles, was in Ihren Kraften steht.«

Der Mann strich ihm prufend mit den Fingerspitzen uber die Augapfel.

»Ich habe Ihren Vater immer bewundert.« Wieder dieses Zungenschnalzen. Sylveste fuhlte sich an einen von Janequins Pfauen erinnert. »Jedermann wei?, dass er die Augen fur sie angefertigt hat.«

»Nur seine Beta-Simulation«, verbesserte Sylveste.

»Naturlich, naturlich.« Er sah formlich vor sich, wie Falkender den feinen Unterschied mit wegwerfender Handbewegung abtat. »Nicht einmal das Alpha — es ist allgemein bekannt, dass es schon vor Jahren verschwunden ist.«

»Ich habe es an die Schieber verkauft«, sagte Sylveste tonlos. Die Wahrheit schoss ihm aus dem Mund wie ein Melonenkern, nachdem er sie so viele Jahre lang fur sich behalten hatte.

Falkender stie? einen gutturalen Laut aus, und Sylveste begriff erst nach einer Weile, dass das vielleicht ein Lachen gewesen war. »Naturlich, naturlich. Eigentlich erstaunlich, dass man Ihnen gerade das nie unterstellt hat. So zynisch ist die Menschheit.« Ein schrilles Jaulen erfullte die Luft, gefolgt von nervenzerfetzenden Schwingungen. »Ich furchte, von Ihrem Farbensinn mussen Sie sich verabschieden«, sagte Falkender. »Mehr als Schwarzwei? bringe ich in der Eile wohl nicht zustande.«

Khouri hatte auf eine geistige Atempause gehofft, in der sie ihre Gedanken sammeln und in aller Ruhe auf die Atemzuge der Prasenz lauschen konnte, die in ihren Kopf eingedrungen war. Aber die Mademoiselle horte nicht auf zu reden.

»Ich glaube, Sonnendieb hat so etwas schon einmal versucht«, sagte sie. »Ich spreche naturlich von Ihrem Vorganger.«

»Sie meinen, der blinde Passagier wollte auch in Nagornys Kopf eindringen?«

»Genau das. Nur gab es in Nagornys Fall keine Bluthunde, an die er sich anhangen konnte. Deshalb musste Sonnendieb auf primitivere Mittel zuruckgreifen.«

Khouri uberlegte, was sie von Volyova uber den Vorfall erfahren hatte.

»Primitiv genug, um Nagorny in den Wahnsinn zu treiben?«

»Ganz offensichtlich«, nickte ihre standige Begleiterin. »Vielleicht hat Sonnendieb lediglich versucht, dem Mann seinen Willen aufzuzwingen. Aus dem Feuerleitstand konnte er nicht entkommen, also begnugte er sich damit, Nagorny zu seiner Marionette zu machen. Vielleicht nahm er immer dann Einfluss auf Nagornys Unterbewusstsein, wenn der sich im Leitstand aufhielt.«

»Mit welchen Schwierigkeiten muss ich rechnen?«

»Im Moment ist es noch nicht allzu schlimm. Es waren nur ein paar Hunde — damit konnte er nicht viel Schaden anrichten.«

»Was geschah mit den Hunden?«

»Ich habe sie naturlich decodiert — um ihre Botschaft zu erfahren. Aber dabei habe ich mich geoffnet. Fur Sonnendieb, meine ich. Die Hunde hatten ihn wohl etwas behindert, denn sein Angriff auf mich war alles andere als raffiniert. Fur mich war das ein Gluck, sonst hatte ich meine Abwehr womoglich nicht mehr rechtzeitig aktivieren konnen. Er war nicht allzu schwer zu besiegen, aber ich musste mich naturlich auch nur mit einem kleinen Teil von ihm herumschlagen.«

»Dann bin ich also in Sicherheit?«

»Nicht ganz. Ich konnte ihn vertreiben — allerdings nur aus dem Implantat, in dem ich mich aufhalte. Leider wirkt meine Abwehr nicht auf Ihre anderen Implantate, auch nicht auf die von Volyova eingesetzten.«

»Er ist also immer noch in meinem Kopf?«

»Vielleicht hat er die Hunde gar nicht gebraucht«, uberlegte die Mademoiselle. »Er konnte auch schon in Volyovas Implantate eingedrungen sein, als Volyova Sie zum ersten Mal in den Leitstand brachte. Aber die Hunde kamen ihm sicher gelegen. Hatte er nicht versucht, mich damit zu uberfallen, dann hatte ich am Ende gar nicht bemerkt, dass er die anderen Implantate bereits besetzt hatte.«

»Ich fuhle mich wie immer.«

»Gut. Das bedeutet, dass meine Gegenma?nahmen wirken. Wissen Sie noch, wie ich gegen Volyovas Loyalitatsbehandlung vorging?«

»Ja«, sagte Khouri duster. Sie war nicht sicher, ob die Gegenma?nahmen so wirkungsvoll gewesen waren, wie die Mademoiselle gerne glauben wollte.

»Nun, diesmal lauft es ahnlich. Mit dem einzigen Unterschied, dass ich mich auf die Bereiche Ihres Bewusstseins konzentriere, die Sonnendieb besetzt halt. Seit zwei Jahren fuhren wir nun schon so etwas wie…« Sie zogerte kurz, dann kam ihr offenbar die Erleuchtung. »Man konnte es wohl als Kalten Krieg bezeichnen.«

»Kalt musste er schon sein.«

»Und langsam«, erganzte die Mademoiselle. »Die Kalte entzog uns die Energie fur weitergehende Aktivitaten. Und wir mussten uns naturlich in Acht nehmen, um Sie nicht zu verletzen. Nur unversehrt waren Sie fur mich wie fur Sonnendieb zu gebrauchen.«

Khouri fiel wieder ein, warum dieses Gesprach uberhaupt moglich war.

»Aber jetzt haben Sie mich erwarmt…«

»Sie begreifen schnell. Mit der Erwarmung ist der Kampf harter geworden. Ich konnte mir denken, dass Volyova bereits Verdacht geschopft hat. Ihr Gehirn wird namlich mit einem besonderen Scanner, einem so genannten Trawl uberwacht. Das Gerat konnte den neuralen Krieg zwischen Sonnendieb und mir entdeckt haben. Ich konnte nicht nachgeben — das hatte Sonnendieb sofort ausgenutzt, um meine Abwehr au?er Kraft zu setzen.«

»Aber Sie konnen ihn in Schach halten…«

»Ich denke schon. Falls es mir jedoch nicht gelingen sollte, dann wissen Sie jetzt wenigstens, was vorgeht.«

So weit ganz vernunftig: es war besser zu wissen, dass Sonnendieb in sie eingedrungen war, als sich der Illusion hinzugeben, sie sei ihr eigener Herr.

»Au?erdem wollte ich Sie warnen. Sonnendieb befindet sich zum gro?ten Teil nach wie vor im Feuerleitstand. Ich bin uberzeugt davon, dass er bei der ersten Gelegenheit versuchen wird, vollstandig oder so vollstandig wie moglich in Sie einzudringen.«

»Das hie?e wohl, bei meiner nachsten Sitzung im Feuerleitstand?«

»Viel lasst sich dagegen nicht tun, zugegeben«, sagte die Mademoiselle. »Aber ich hielt es fur besser, wenn Sie die Situation in ihrer Gesamtheit uberblicken.«

Davon konnte wohl noch lange nicht die Rede sein, dachte Khouri. Aber das Gespenst hatte Recht. Es war besser, auf eine Gefahr vorbereitet zu sein, als ahnungslos hineinzustolpern.

»Wissen sie«, sagte sie, »wenn es wirklich Sylveste war, der dieses Wesen hier eingeschleppt hat, dann wird mich sein Tod nicht allzu sehr belasten.«

»Gut. Au?erdem kann ich Ihnen versichern, dass die Nachrichten nicht so schlecht bleiben werden. Als ich die Hunde in den Feuerleitstand schickte, schleuste ich auch einen Avatar von mir mit ein. Und aus den Berichten der Hunde wei? ich, dass dieser Avatar zumindest in den ersten Tagen von Volyova nicht entdeckt wurde. Naturlich war das vor mehr als zwei Jahren… aber ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass er seither gefunden wurde.«

»Vorausgesetzt, Sonnendieb hat ihn nicht zerstort.«

»Ein berechtigter Einwand«, raumte das Gespenst ein. »Aber wenn Sonnendieb so intelligent ist, wie ich glaube, wird er alles unterlassen, womit er auf sich aufmerksam machen wurde. Er kann nicht mit Sicherheit sagen, ob nicht Volyova den Avatar ins System geschickt hat. Sie hat schlie?lich auch ihre Zweifel.«

»Und warum haben Sie es getan?«

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