»Um notfalls den Feuerleitstand in meine Gewalt zu bringen.«

Hatte Calvin ein Grab gehabt, dachte Sylveste, dann hatte sich sein Vater darin jetzt schneller gedreht als Cerberus um den Neutronenstern Hades. Diese Misshandlung seines Werkes hatte ihn hellauf emport. Allerdings war Calvin selbst bereits lange tot oder zumindest entmaterialisiert gewesen, als seine Simulation die Sehwerkzeuge konstruierte. Mit solchen Gedankenspielen gelang es Sylveste, sich zumindest zeitweilig von seinen Schmerzen abzulenken. Eigentlich hatte er wahrend seiner Gefangenschaft standig Schmerzen gelitten. Falkender uberschatzte sich, wenn er glaubte, mit seinen chirurgischen Eingriffen Sylvestes Qualen nennenswert zu steigern.

Doch irgendwann lie? der Schmerz wie durch ein Wunder nach.

Es war, als entstehe in Sylvestes Bewusstsein ein Vakuum, eine eiskalte, leere Kammer, die vorher nicht da gewesen war. Mit dem Schmerz brach sozusagen eine innere Stutze weg. Sylveste spurte, wie er in sich zusammensank, wie die Schlusssteine seiner Psyche herausfielen, weil sie das Gewicht nicht mehr tragen konnten. Nur mit Muhe gelang es ihm, sein inneres Gleichgewicht halbwegs wiederherzustellen.

Plotzlich tanzten farblose Schemen vor seinen Augen.

Sekunden spater hatten sie sich zu klaren Formen verfestigt. Die Wande eines Raums — genau so glatt und leer wie in seiner Vorstellung — und eine maskierte Gestalt, die sich tief uber ihn beugte. Falkenders Hand steckte in einem Handschuh aus Chrom, der an Stelle von Fingern in einer Vielzahl von blitzenden Mikroinstrumenten endete. Vor einem Auge hatte der Mann ein Linsenmonokel, das uber ein biegsames Stahlkabel mit dem Handschuh verbunden war. Seine Haut war so fahl wie der Bauch einer Eidechse: das sichtbare Auge schielte und war blaulich verfarbt. Die Stirn war mit getrocknetem Blut bespritzt. Die Spritzer waren graugrun, aber Sylveste erkannte trotzdem, worum es sich handelte.

Tatsachlich war alles graugrun, fiel ihm jetzt auf.

Der Handschuh entfernte sich, Falkender zog ihn sich aus. Seine blo?e Hand war mit einer dicken, glanzenden Olschicht bedeckt.

Er packte seine Gerate zusammen. »Ich habe Ihnen keine Wunder versprochen«, sagte er. »Und sie durften auch keine erwarten.«

Seine Bewegungen wirkten abgehackt. Sylveste begriff erst nach einer Weile, dass seine Augen nur drei bis vier Bilder pro Sekunde verarbeiten konnten. Die Welt bewegte sich so stotternd wie die Bilder, die er als Kind mit Bleistift auf die Ecken von Buchseiten gemalt und durch rasches Blattern zwischen Daumen und Zeigefinger zum Leben erweckt hatte. Alle paar Sekunden verkehrte sich die Tiefenwahrnehmung in verwirrender Weise in ihr Gegenteil, dann erschien Falkender als menschenformige Nische in der Zellenwand. Manchmal verklemmte sich ein Teil des Blickfelds fur zehn Sekunden oder langer und veranderte sich nicht, auch wenn er in einen anderen Teil des Raumes schaute.

Immerhin hatte er sein Sehvermogen oder zumindest dessen schwachsinnigen Vetter wieder.

»Ich danke Ihnen«, sagte Sylveste. »Es ist… eine Verbesserung.«

»Wir mussen uns beeilen«, drangte Falkender. »Wir sind schon funf Minuten uber die Zeit.«

Sylveste nickte, und das genugte, um heftige Migranewellen auszulosen, die allerdings ungleich schwacher waren als die Schmerzen, die er vor Falkenders Eingriff hatte erdulden mussen.

Er walzte sich von der Liege und ging zur Tur. Vielleicht lag es daran, dass er ein Ziel hatte — dass er zum ersten Mal erwartete, durch diese Tur hinauszugehen — jedenfalls kam ihm die Aktion plotzlich so abwegig und sinnlos vor, als wurde er sich ohne weiteres in einen Abgrund sturzen. Er war jetzt vollig aus dem Gleichgewicht. Er hatte sich so an seine Blindheit gewohnt, dass ihn die Wiederkehr des Sehvermogens in tiefe Verwirrung sturzte. Aber das Schwindelgefuhl legte sich rasch, als zwei stammige Vertreter des Wahren Weges eintraten und ihn an den Armen fassten.

Falkender folgte ihm. »Seien Sie vorsichtig. Es konnten Wahrnehmungslucken auftreten…«

Sylveste horte die Worte, aber sie bedeuteten ihm nichts. Er wusste jetzt, wo er war, und dieses Wissen verdrangte im Moment alles andere. Er war nach mehr als zwanzig Jahren im Exil wieder zu Hause.

Sein Gefangnis lag in Mantell, dem Ort, den er seit dem Umsturz nicht wiedergesehen — und selbst in seinen Erinnerungen kaum jemals besucht hatte.

Zehn

Im Anflug auf Delta Pavonis

2564

Volyova sa? allein auf der Brucke — einem riesigen, kugelformigen Raum — unter der holografischen Projektion des Resurgam-Systems. Wie die leeren Platze ringsum war auch ihr Sitz an einem langen Teleskoparm mit vielen Gelenken angebracht und lie? sich damit praktisch an jeden Punkt der Kugel steuern. Sie hatte den Kopf in die Hand gestutzt und starrte nun schon seit Stunden so fasziniert auf das Hologramm des Sternensystems wie ein Kind auf ein glanzendes Spielzeug.

Delta Pavonis schwebte, eine rotlichwarme Bernsteinperle, in der Mitte. Ihre elf gro?en Planeten umkreisten sie in ma?stabsgetreuen Abstanden auf ihren jeweiligen Bahnen; Asteroidenschutt und Kometentrummer bewegten sich auf eigenen Ellipsen; das ganze System war umgeben von einem zarten Kuiper-Gurtel aus eisigem Strandgut; der Neutronenstern, Pavonis’ schwarzer Zwilling, verschob durch seine enorme Gravitation ein wenig die Symmetrie. Das Hologramm war nicht so sehr eine Vergro?erung dessen, was vor ihnen lag, als eine Simulation. Die Schiffssensoren waren empfindlich genug, um selbst auf diese Entfernung Daten zu erfassen, aber das Bild ware durch relativistische Effekte verzerrt worden und — schlimmer noch — es ware ein Schnappschuss des Systems vor mehreren Jahren gewesen. Die relativen Positionen der Planeten hatten keinerlei Ahnlichkeit mit der aktuellen Konstellation gehabt. Da die Anflugstrategie des Schiffes entscheidend darauf beruhte, die gro?eren Gasriesen des Systems zur Tarnung und zur Schwerkraftbremsung zu nutzen, musste Volyova wissen, wo sich die Himmelskorper bei ihrer Ankunft befinden wurden, nicht wo sie vor funf Jahren gewesen waren. Und das war nicht der einzige Grund. Lange bevor das Schiff das Resurgam-System erreichte, schickte es bereits unsichtbare Boten voraus, und auch deren Flug musste optimal auf die Planetenkonstellation abgestimmt werden.

»Kiesel freisetzen«, sagte sie, als sie glaubte, genugend Simulationen durchgespielt zu haben. Folgsam schoss die Unendlichkeit tausend der winzigen Sonden ab. Der Schwarm entfernte sich vom Bug des abbremsenden Schiffes und zog sich langsam auseinander. Volyova sprach einen Befehl in ihr Armband, und vor ihr offnete sich ein Fenster, das ihr den Blick einer Kamera am Rumpf zeigte. Die ganze Kieselschar verschwand wie von einer unsichtbaren Kraft gezogen in der Ferne. Die Wolke wurde immer kleiner, bis Volyova endlich nur noch einen verschwommenen Fleck sah, der rasch schrumpfte. Die Kiesel flogen knapp unter Lichtgeschwindigkeit und wurden das Resurgam-System Monate vor dem Schiff erreichen. Bis dahin hatte sich der Schwarm uber Resurgams Orbit um die Sonne hinaus verteilt. Jede der winzigen Sonden wurde sich auf den Planeten ausrichten, Photonen aus dem gesamten elektromagnetischen Spektrum einfangen und die Daten mit einem stark gebundelten Laserstrahl zum Schiff zuruckschicken. Jede einzelne Sonde erfasste nur einen winzigen Ausschnitt, aber wenn man die Ergebnisse zusammenfugte, entstand ein sehr scharfes und detailreiches Bild von Resurgam. Zwar lie? sich daraus nicht entnehmen, wo Sylveste sich aufhielt, aber Sajaki bekame immerhin eine Vorstellung, wo die Machtzentren auf dem Planeten zu vermuten waren und — wichtiger noch — in welchem Umfang man dort womoglich imstande ware, Verteidigungsma?nahmen auf die Beine zu stellen.

Denn in diesem Punkt waren sich Sajaki und Volyova vollkommen einig gewesen. Selbst wenn sie Sylveste fanden, war kaum damit zu rechnen, dass er freiwillig an Bord kommen wurde.

»Wissen Sie, was aus Pascale geworden ist?«, fragte Sylveste.

»Sie ist in Sicherheit«, sagte der Augenarzt, der ihn durch enge Felsentunnel in Mantells Tiefen fuhrte. »Das habe ich zumindest gehort«, fugte er hinzu und schwachte damit Sylvestes Zuversicht. »Aber ich konnte mich auch irren. Ich glaube nicht, dass Sluka sie toten lie?e, ohne einen triftigen Grund zu haben, aber moglicherweise hat man sie eingefroren.«

»Eingefroren?«

»So lange, bis man etwas mit ihr anfangen kann. Sie haben inzwischen sicher gemerkt, dass Sluka

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