einen wuchernden Tumor. Noch nahm Brannigan nicht allzu viel Raum ein — das Schiff wurde den Verlust kaum bemerken. Die Transformationen wurden dann zwar weitergehen, sich aber mangels neuer Nahrung inzestuos nach innen richten, bis schlie?lich die Entropie dem entarteten Korper das Lebenslicht ausblies.

»Das ziehen Sie tatsachlich in Betracht?«, fragte Khouri.

»Ich ziehe es in Betracht«, erwiderte Volyova. »Aber ich hoffe, dass es nicht so weit kommt. Ich habe viele Proben entnommen — und jetzt glaube ich tatsachlich einen Fortschritt zu erkennen. Ich habe ein Gegenmittel gefunden — ein Retrovirus, das starker zu sein scheint als die Seuche. Es zerstort die Seuchenmaschinerie schneller, als die Seuche es zerstoren kann. Bisher habe ich es nur an kleinen Praparaten getestet — alles andere wurde meine Moglichkeiten ubersteigen. Ein Test am Captain selbst ware ein medizinischer Eingriff, und dafur bin ich nicht qualifiziert.«

»Naturlich«, sagte Khouri hastig. »Aber wenn Sie diese Moglichkeit ausschlie?en, setzen Sie letztlich nur noch auf Sylveste?«

»Mag sein, aber man sollte seine oder vielmehr Calvins Fahigkeiten nicht unterschatzen.«

»Und er wird Ihnen so ohne weiteres helfen?«

»Nein, aber er hat das auch beim ersten Mal nicht freiwillig getan. Trotzdem haben wir Mittel und Wege gefunden.«

»Ihn zu uberreden, meinen Sie?«

Volyova schwieg einen Moment lang und nahm einen Abstrich von einem der rohrenahnlichen Auslaufer, der im Begriff war, sich in ein Gekrose von Schiffsleitungen zu bohren. »Sylveste ist von gewissen Ideen besessen«, sagte sie. »Und solche Menschen lassen sich leichter manipulieren, als sie glauben. Sie sind so auf ihre jeweiligen Ziele fixiert, dass sie nicht immer merken, wenn sie von jemand anderem gesteuert werden.«

»Zum Beispiel von Ihnen?«

Sie steckte die hauchdunne Probe ein, um sie spater zu analysieren. »Sajaki hat Ihnen erzahlt, dass wir ihn hier an Bord hatten, als er auf Yellowstone einen Monat lang vermisst wurde?«

»Die ›Drei?ig Tage in der Wildnis‹?«

»Eine alberne Bezeichnung«, knirschte Volyova. »Warum diese biblische Ausdrucksweise? Dabei hat er ohnehin schon einen Messiaskomplex, wenn Sie mich fragen. Wie auch immer, ja, damals haben wir ihn hierher aufs Schiff geholt. Interessant daran ist, dass die Resurgam-Expedition erst volle drei?ig Jahre spater von Yellowstone aufbrach. Und jetzt verrate ich Ihnen ein Geheimnis. Bis wir nach Yellowstone zuruckkamen und Sie anheuerten, ahnten wir nichts von der Existenz dieser Expedition. Wir rechneten damit, Sylveste immer noch auf Yellowstone zu finden.«

Khouri konnte nach ihren Erfahrungen mit Fazil gut nachempfinden, vor welchen Schwierigkeiten Volyova und die Besatzung gestanden haben mussten, aber sie hielt es fur uberzeugender, die Ahnungslose zu spielen.

»Ein Fehler, sich nicht vorher zu erkundigen.«

»Keineswegs. Wir hatten durchaus Informationen eingeholt — doch die waren mehrere Jahrzehnte alt, als wir sie erhielten. Und als wir endlich danach handelten — als wir Yellowstone anflogen —, hatte sich ihr Alter noch einmal verdoppelt.«

»Die Chancen standen wohl trotzdem nicht allzu schlecht. Die Familie war immer eng mit Yellowstone verbunden gewesen, also konnte man davon ausgehen, dass auch der reiche junge Prinz sich nach wie vor dort herumtrieb.«

»Was allerdings ein Irrtum war. Interessant daran ist nur, dass es inzwischen den Anschein hat, als hatten wir uns die ganze Muhe sparen konnen. Moglicherweise war die Resurgam-Expedition bereits geplant, als wir Sylveste beim ersten Mal an Bord hatten. Hatten wir ihm nur richtig zugehort, dann hatten wir direkt dorthin fliegen konnen.«

Auf dem Weg durch das komplizierte Netz von Fahrstuhlen und Tunnels zwischen dem Korridor des Captains und der Waldlichtung sprach Volyova ganz leise in das Armband, das sie stets am Handgelenk trug. Khouri wusste, dass sie Verbindung mit einer der vielen kunstlichen Personlichkeiten auf dem Schiff aufnahm, konnte aber nicht erraten, welche Vorkehrungen sie treffen wollte.

Nach der gnadenlosen Kalte und Dusterkeit im Korridor des Captains war das Grun der Lichtung ein Fest fur die Sinne. Die Luft war warm und duftete nach Bluten, und die bunten Vogel in den Luften leuchteten fast zu grell fur Khouris an die Dunkelheit gewohnten Augen. Zunachst war sie vollig uberwaltigt und bemerkte gar nicht, dass sie und Volyova nicht allein waren. Doch dann sah sie die drei Gestalten, die im taufeuchten Gras um einen Baumstumpf knieten. Eine davon war Sajaki, aber mit einer Frisur, die sie noch nie an ihm gesehen hatte: bis auf einen Haarknoten war sein Schadel vollkommen kahl. Die zweite war Volyova selbst — sie trug das Haar wieder kurz, was die eckige Form ihres Kopfes betonte und sie alter aussehen lie? als die Volyova, die neben Khouri stand. In der dritten Gestalt erkannte Khouri Dan Sylveste.

»Wollen wir zu ihnen gehen?«, fragte Volyova und stieg uber die schwankende Treppe ins Gras hinab.

Khouri folgte. »Das war…« Sie rief sich das Jahr ins Gedachtnis, in dem Sylveste aus Chasm City verschwunden war. »Um 2460, richtig?«

»Ins Schwarze getroffen!« Volyova wandte sich um und sah Khouri gelinde erstaunt an. »Sind Sie Expertin fur Sylvestes Lebensgeschichte? Schon gut. Wichtig ist, dass wir den gesamten Besuch aufgezeichnet haben. Ich wei? genau, dass dabei eine Bemerkung fiel, die mir… nun, im Lichte dessen, was wir heute wissen, recht aufschlussreich vorkommt.«

»Faszinierend.«

Khouri zuckte zusammen. Nicht sie hatte gesprochen, die Stimme war von hinten gekommen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Mademoiselle in einiger Entfernung oben an der Treppe stand.

»Ich hatte mir denken konnen, dass Sie Ihre hassliche Visage zeigen wurden«, sagte Khouri. Sie hatte nicht einmal stumm artikuliert, aber das standige Geschnatter der Singvogel war so laut, dass Volyova, die vorausgegangen war, sie nicht horen konnte. »Sie sind wie ein falscher Geldschein. Man wird Sie nicht los.«

»Wenigstens wissen Sie jetzt, dass ich noch da bin«, sagte die Mademoiselle. »Sonst hatten Sie namlich allen Grund, sich Sorgen zu machen, denn das hie?e, dass Sonnendieb meine Abwehr durchbrochen hatte. Als Nachstes ginge es Ihrem Verstand an den Kragen, und wie sich das auf Ihre Beschaftigungsaussichten bei Volyova auswirken wurde, mochte ich mir lieber nicht ausmalen.«

»Halten Sie den Mund. Ich mochte horen, was Sylveste zu sagen hat.«

»Nur zu«, sagte die Mademoiselle knapp, ohne sich von der Stelle zu ruhren.

Khouri trat zu Volyova, die jetzt dicht neben dem Trio stand.

»Naturlich«, sagte die stehende Volyova, »hatte ich das Gesprach auch an jeder anderen Stelle des Schiffes abspielen konnen. Aber es hat hier stattgefunden, und deshalb mochte ich es auch hier wiederholen.« Wahrend sie sprach, griff sie in ihre Jackentasche, zog eine rauchgraue Brille heraus und setzte sie auf. Khouri verstand: da Volyova keine Implantate hatte, konnte sie die Aufzeichnung nur uber direkte Netzhautprojektion verfolgen. Ohne Projektionsbrille waren die Gestalten fur sie unsichtbar.

»Es liegt also«, sagte Sajaki gerade, »in Ihrem eigenen Interesse, unsere Forderungen zu erfullen. Sie haben in der Vergangenheit Hilfe von Ultra-Elementen in Anspruch genommen — zum Beispiel fur Ihre Reise zu Lascailles Schleier — und es ist sehr wahrscheinlich, dass Sie das auch in Zukunft tun wollen.«

Sylveste hatte die Ellbogen auf den Baumstumpf gestutzt. Khouri sah sich den Mann genau an. Sie hatte schon viele lebensechte Projektionen von ihm gesehen, aber dieses Bild erschien ihr realer als alle anderen bisher. Vermutlich lag es daran, dass sie ihn im Gesprach mit zwei Personen erlebte, die sie kannte, und nicht mit namenlosen Gestalten aus Yellowstones Geschichte. Das war ein gro?er Unterschied. Er sah gut aus, unwahrscheinlich gut sogar, trotzdem bezweifelte sie, dass das Bild kosmetisch geschont worden war. Das lange Haar hing zu beiden Seiten der Denkerstirn in wirren Strahnen herab; die Augen waren leuchtend grun. Selbst wenn sie in diese Augen schauen musste, bevor sie ihn totete — was bei den Vorschriften der Mademoiselle nicht auszuschlie?en war —, sie hatte sie gerne einmal in Wirklichkeit gesehen.

»Das hort sich doch sehr nach Erpressung an«, sagte Sylveste. Er sprach von den dreien am leisesten. »Sie reden, als gabe es einen festen Beistandspakt zwischen allen Ultras. Mag sein, dass Sie manche Leute damit tauschen konnen, Sajaki, aber bei mir sind Sie an den Falschen geraten.«

»Dann konnten Sie eine bose Uberraschung erleben, wenn Sie wieder einmal versuchen sollten, die Ultras fur Ihre Plane einzuspannen«, antwortete Sajaki und spielte mit einem Holzsplitter. »Damit das ganz klar ist. Wenn Sie unsere Bitte ablehnen, garantiere ich Ihnen, dass Sie — zusatzlich zu allen anderen Nachteilen, die Sie sich

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