verschaffen konnen, der faden, flackernden Parodie einer Welt vorgezogen, die ihn umgab. Sylveste hatte nicht zum ersten Mal Zweifel, ob das Ergebnis wohl die Qualen rechtfertigen wurde, die er bei der Reparatur zu erdulden hatte.

»Vielleicht sollten Sie aufgeben?«

»Ich habe Sluka zusammengeflickt.« Falkender tanzte als blaulich fahle, flache, aus vielen Schichten zusammengesetzte Menschenform durch Sylvestes Blickfeld. »Dagegen ist das hier eine Kleinigkeit.«

»Und selbst wenn Sie mir das Augenlicht zuruckgeben, was habe ich davon? Ich kann meine Frau nicht sehen, weil Sluka uns nicht zusammenkommen lasst. Und eine Zellenwand bleibt eine Zellenwand, auch wenn man sie noch so deutlich sieht.« Er hielt inne. Schmerzwellen brandeten gegen seine Schlafen. »Ich bin nicht einmal sicher, ob es nicht besser ist, blind zu sein und nicht jedes Mal die Realitat gegen den Sehnerv gerammt zu bekommen, wenn man die Augen aufschlagt.«

»Sie haben keine Augen, Dr. Sylveste.« Falkender verdrehte etwas und jagte damit rosa Schmerzrosetten durch Sylvestes Blickfeld. »Also horen Sie bitte auf, sich selbst zu bemitleiden; das passt nicht zu Ihnen. Au?erdem konnte es sein, das Sie diese Mauern nicht mehr allzu lange anzustarren brauchen.«

Sylveste horchte auf.

»Das hei?t?«

»Das hei?t, dass bald einiges in Bewegung gerat, wenn das, was ich gehort habe, nur halbwegs der Wahrheit entspricht.«

»Sehr aufschlussreich.«

»Ich habe gehort, dass wir bald Besuch bekommen«, sagte Falkender und unterstrich die Bemerkung mit einer neuen Schmerzwelle.

»Horen Sie auf, in Ratseln zu sprechen. Wenn Sie ›wir‹ sagen, welche Partei meinen Sie dann? Und was sind das fur Besucher?«

»Ich kenne nur Geruchte, Dr. Sylveste. Sluka wird Ihnen sicher bald Naheres erzahlen.«

»Darauf mochte ich mich nicht verlassen«, sagte Sylveste. Er bildete sich nicht ein, fur Sluka besonders wichtig zu sein. Seit seiner Ankunft in Mantell war er notgedrungen zu dem Schluss gekommen, dass Sluka ihn nur am Leben lie?, weil er ihr eine gewisse Abwechslung bot; er war eine gefangene Bestie, ein neues Spielzeug, mit dem man allerdings wenig anfangen konnte. Daher war es ganz und gar nicht selbstverstandlich, dass sie ihn jemals in einer Angelegenheit ins Vertrauen ziehen wurde, die wirklich von Bedeutung war — und selbst wenn, dann nur aus zwei Grunden: entweder, weil sie es leid war, nur mit der Wand zu reden, oder weil ihr das eine neue Handhabe bot, ihn zu qualen. Mehr als einmal hatte sie davon gesprochen, ihn in Kalteschlaf zu versetzen, bis sie Verwendung fur ihn fande. »Es war richtig, Sie gefangen zu nehmen«, pflegte sie zu erklaren. »Ich behaupte auch nicht, dass Sie zu gar nichts taugen — ich sehe nur im Moment nichts, wozu ich Sie gebrauchen konnte. Aber ich sehe auch nicht ein, warum es jemand anderem gestattet werden sollte, Sie auszubeuten.« Mit dieser Einstellung, das hatte Sylveste bald erkannt, machte es fur Sluka keinen gro?en Unterschied, ob er lebte oder tot war. Als Lebender hatte er einen gewissen Unterhaltungswert — au?erdem konnte er ihr in der Zukunft durchaus noch nutzlich werden, falls sich die Machtverhaltnisse in der Kolonie verschieben sollten. Andererseits konnte sie ihn ohne gro?ere Bedenken auch sofort toten lassen. Auf diese Weise wurde er nie zur Belastung und konnte sich nie gegen sie stellen.

Endlich hatten die gut gemeinten Bemuhungen und die damit verbundenen Qualen ein Ende und ruhigeres Licht und fast uberzeugende Farben hielten Einzug. Sylveste hielt sich die Hand vor die Augen, drehte sie langsam hin und her und bestaunte ihre Festigkeit. Seine Haut wies Linien und Furchen auf, die er fast vergessen hatte, dabei konnten nicht mehr als drei, hochstens vier Wochen vergangen sein, seit er im Tunnelsystem der Amarantin-Stadt geblendet worden war.

»So gut wie neu«, sagte Falkender und legte seine Instrumente in den holzernen Autoklaven zuruck. Der seltsame Handschuh mit den eingebauten Instrumenten verschwand als Letztes. Als Falkender ihn von seinen zarten Frauenfingern schalte, zuckte und zappelte er wie eine gestrandete Qualle.

»Etwas Licht bitte«, sagte Volyova in ihr Armband, als der Fahrstuhl in den Geschutzpark einfuhr.

Die Kabine kam zum Stehen, die Schwerkraft kehrte schlagartig zuruck. Gleich darauf ging die Beleuchtung an und erhellte die Geruste mit den riesigen Weltraumgeschutzen. Die beiden Frauen kniffen die Augen zusammen.

»Wo ist es?«, fragte Khouri.

»Warten Sie«, sagte Volyova. »Ich muss mich erst orientieren.«

»Ich sehe nichts, was sich bewegt.«

»Ich auch nicht… noch nicht.«

Volyova druckte sich flach gegen die Glaswand des Fahrstuhls und spahte vorsichtig an einer Ecke des gro?ten Geschutzes vorbei. Sie fluchte inbrunstig, dann lie? sie den Fahrstuhl mit einem Fluch um weitere zwanzig oder drei?ig Meter nach unten sinken und gab den Befehl, das pulsierende rote Licht und die Innensirene abzuschalten.

»Schauen Sie«, sagte Khouri, als halbwegs Ruhe eingekehrt war. »Ist es vielleicht das dort?«

»Wo?«

Sie zeigte fast senkrecht nach unten. Volyova kniff die Augen zusammen, dann sprach sie wieder in ihr Armband. »Zusatzbeleuchtung — Geschutzpark Quadrant funf.« Und zu Khouri: »Mal sehen, was das Svinoi vorhat.«

»Das war nicht wirklich ernst gemeint, oder?«

»Was?«

»Das mit der Storung in den Uberwachungssystemen.«

»Eigentlich nicht«, gab Volyova zu und kniff die Augen noch fester zusammen, als die Zusatzscheinwerfer angingen und einen Teil des Raumes weit unter ihren Fu?en anstrahlten. »So etwas nennt man Optimismus — aber ich verlerne es ziemlich schnell.«

Das fragliche Geschutz, sagte Volyova, sei einer von den Planetenkillern. Sie wusste nicht genau, wie es funktionierte, und erst recht nicht, wozu es fahig war. Aber sie hatte gewisse Vermutungen. Sie hatte seine Zerstorungswirkung Jahre zuvor auf der untersten Stufe getestet… an einem kleinen Mond. Wenn man extrapolierte — und das konnte sie ganz ausgezeichnet —, ware es fur die Waffe kein Problem, selbst aus Hunderten von AE Entfernung einen Planeten zu zerlegen. Im Innern befanden sich ein Gebilde mit der Gravitationssignatur eines schwarzen Loches, das aber unbegreiflicherweise nicht verdampfen wollte. Irgendwie lie? die Waffe ein Soliton — eine stehende Welle — in der geodatischen Struktur der Raumzeit entstehen.

Diese Waffe war jetzt ohne Volyovas Zutun zum Leben erwacht und glitt auf dem Schienennetz, das sie irgendwann ins All befordern wurde, durch den Raum wie ein Wolkenkratzer durch eine Stadt.

»Konnen wir nichts tun?«

»Ich bin fur Vorschlage offen. Was hatten Sie sich denn vorgestellt?«

»Sie mussen bedenken, dass ich mich nicht seit Jahren mit dem Problem beschaftige…«

»Heraus damit, Khouri.«

»Wir konnten versuchen, das Ding aufzuhalten.« Khouri hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt, als hatte sie neben allem anderen noch mit einem plotzlichen Migraneanfall zu kampfen. »Auf dem Schiff gibt es doch Shuttles, oder?«

»Schon, aber…«

»Dann blockieren Sie mit einem davon den Ausgang. Oder ist Ihnen das zu primitiv?«

»Den Ausdruck ›zu primitiv‹ habe ich vorerst aus meinem Wortschatz gestrichen.«

Volyova warf einen Blick auf ihr Armband. Wahrenddessen glitt das Geschutz an der Wand entlang wie eine gepanzerte Schnecke auf ihrer Schleimspur. Am anderen Ende offnete sich eine riesige Irisblende; die Schienen fuhrten durch die Offnung in einen dunklen Raum darunter. Das Geschutz war fast auf gleicher Hohe mit dem Ausgang.

»Ich konnte eins von den Shuttles herzitieren… aber es dauert zu lange, bis es das Schiff verlassen kann. Ich glaube nicht, dass wir rechtzeitig…«

»Tun Sie’s!«, sagte Khouri. Jeder Muskel in ihrem Gesicht war zum Zerrei?en gespannt. »Wenn Sie noch lange herumschei?en, ist selbst diese Chance vertan!«

Volyova nickte und warf ihrem Waffenoffizier einen argwohnischen Blick zu. Wieso wusste Khouri so gut

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