Militarzeit hatte sie nichts mehr gegessen, was so sehr nach Schei?e schmeckte. Volyova packte sie an den Ellbogen und zog sie hoch. Khouri wurgte und spuckte den Schlamm aus, aber der abscheuliche Geschmack blieb.

Volyovas Armband schrillte jetzt ununterbrochen.

»Was zur Holle…?«

»Das Shuttle«, sagte Volyova. »Wir haben es eben verloren.«

»Was?«

»Ich meine, es wurde gesprengt.« Volyova hustete. Ihr Gesicht war nass. Sie musste selbst einen ordentlichen Schluck von dem Zeug erwischt haben. »Soweit ich feststellen kann, brauchte das Geschutz dazu nicht einmal bis nach drau?en zu fahren. Kleinere Waffen haben ihm die Arbeit abgenommen — sie haben das Shuttle angegriffen.«

Von oben aus dem Leitstand drangen Furcht erregende Gerausche.

»Und da soll ich jetzt hinauf?«

Volyova nickte. »Wir mussen Sie in den Kampfsitz kriegen, das ist im Moment unsere letzte Chance. Aber keine Sorge. Ich bin dicht hinter ihnen.«

»Horen Sie sich das an«, meldete sich plotzlich die Mademoiselle. »Sie hat keine Hemmungen, Sie vorzuschicken, obwohl sie selbst den Mumm dazu nicht hat.«

»Oder die Implantate«, schrie Khouri laut.

»Wie bitte?«, fragte Volyova.

»Nichts.« Khouri setzte den Fu? auf die unterste Leitersprosse. »Ich sage nur einer alten Freundin, sie kann mich mal.« Sie rutschte von dem schleimverklebten Metalltritt ab. Beim nachsten Versuch fand sie einigerma?en Halt und zog den zweiten Fu? nach. Nun befand sie sich mit dem Kopf in dem kleinen Schacht, der nicht mehr als zwei Meter uber ihnen in den Leitstand mundete.

»Sie kommen nicht rein«, sagte die Mademoiselle. »Ich steuere den Sitz. Sobald Sie den Kopf in den Raum stecken, haben Sie ihn verloren.«

»Wenn das passiert, mochte ich gern Ihr Gesicht sehen.«

»Khouri, haben Sie denn noch nicht begriffen? Der Verlust Ihres Kopfs ware nur die Unannehmlichkeit.«

Jetzt war sie dicht unter dem Eingang. Der kardanisch aufgehangte Sitz peitschte in wilden Bogen durch den ganzen Raum. Fur derart akrobatische Kunststucke war er nicht gebaut; Khouri roch das Ozon, das die uberhitzten Motoren in die Luft abgaben. »Volyova«, schrie sie uber den Larm hinweg. »Sie haben die Anlage eingerichtet. Konnen Sie dem Sitz von unten die Energiezufuhr abschneiden?«

»Den Strom abstellen? Naturlich — aber was hatten wir davon? Sie mussen sich uber das Interface mit dem Leitstand verbinden.«

»Nicht alles — nur so viel, dass das Drecksding nicht mehr durch die Gegend rasen kann.«

Eine kurze Pause trat ein. Vermutlich rief sich Volyova die alten Schaltplane in Erinnerung, dachte Khouri. Die Frau hatte den Leitstand selbst geplant — aber das mochte vor vielen Jahrzehnten subjektiver Zeit gewesen sein, und seitdem war es wohl nicht notig gewesen, eine so primitive Einrichtung wie die Stromversorgung zu modernisieren.

»Schon«, sagte Volyova endlich. »Es gibt hier eine Hauptleitung — die konnte ich vermutlich kappen…«

Sie verschwand rasch aus Khouris Blickfeld. Es horte sich ganz einfach an: die Hauptleitung kappen. Aber vielleicht brauchte Volyova dazu einen Spezialschneider, den sie erst holen musste. Und dafur war sicher nicht genug Zeit. Nein; Volyova hatte ein Werkzeug. Den kleinen Laser, mit dem sie Proben von Captain Brannigan zu nehmen pflegte, trug sie immer bei sich. Qualvolle Sekunden vergingen. Im Geiste sah Khouri vor sich, wie sich das Geschutz langsam durch den Schiffsrumpf ins All hinaus schob. Jetzt peilte es sein Ziel an — Resurgam — und ging auf volle Leistung, um ihm den gravitationellen Todessto? zu versetzen.

Uber ihr verstummte das Kreischen.

Alles war still, das Licht schwankte nicht mehr. Der Sitz hing reglos wie ein Thron in seinem elegant geschwungenen Kafig. Die schmalen Kardanringe aus Metall wirkten scharfer als zuvor. Rasch duckte sie sich durch die Zuleitungen und schlupfte zwischen den Ringen durch. Der Sitz stand immer noch still, aber je naher sie kam, desto weniger Spielraum bliebe ihr, sollte er sich wieder in Bewegung setzen. Wenn es jetzt passierte, dachte sie, hatten die Wande im Handumdrehen ein rotes Muster aus klebrigem, langsam gerinnendem Blut.

Und dann sa? sie drin und schnallte sich an. Sobald die Schlie?e einrastete, schoss der Sitz winselnd nach vorne. Er rollte an den Kardanringen vor und zuruck und schleuderte sie kopfuber nach unten und zur Seite, bis sie jede Orientierung verlor. Alles vollzog sich mit halsbrecherischer Geschwindigkeit. Bei jeder scharfen Wendung traten Khouri die Augen aus den Hohlen — dennoch waren die Bewegungen etwas gema?igter als zuvor.

Sie will mir Angst einjagen, dachte Khouri, aber sie will mich nicht toten… noch nicht.

»Wagen Sie es nicht, die Verbindung herzustellen«, warnte die Mademoiselle.

»Weil ich damit Ihren schonen Plan durchkreuzen konnte?«

»Keineswegs. Darf ich Sie an Sonnendieb erinnern? Er lauert dort drin.«

Der Sitz bockte noch immer, aber nicht mehr ganz so wild. Khouri konnte wieder klar denken.

»Vielleicht existiert er gar nicht«, bemerkte sie in Gedanken. »Vielleicht haben Sie ihn nur erfunden, um mich besser unter Druck setzen zu konnen.«

»Dann machen Sie doch weiter.«

Khouri lie? den Helm herunter. Sobald sie ihn uber dem Kopf hatte, nahm sie die rasende Drehung des Raumes nicht mehr wahr. Sie legte die Hand auf den Interface-Schalter. Ein leichter Druck, und die Verbindung ware hergestellt; sobald sich der Schaltkreis schloss, wurde ihre Psyche von der abstrakten militarischen Datensphare namens Waffenraum eingesaugt.

»Sie schaffen es nicht, wie? Weil Sie mir namlich glauben. Wenn Sie die Verbindung hergestellt haben, gibt es kein Zuruck mehr.«

Khouri verstarkte den Druck und spurte ein leichtes Nachgeben, als sich der Kreis zu schlie?en drohte. Dann hatte sie — mit einer unbewussten neuro-muskularen Zuckung oder weil etwas in ihr einsah, dass es getan werden musste — die Verbindung hergestellt. Der Leitstand nahm sie in sich auf wie in tausend taktischen Simulationen zuvor. Zuerst kam die raumliche Verschmelzung: sie nahm ihren eigenen Korper nur noch undeutlich wahr, das Lichtschiff und seine unmittelbare Umgebung traten an seine Stelle, dann vermittelten ihr eine Reihe von hierarchischen Overlays, die standig aktualisiert, uberpruft und mit hektischen Simulationen in Realzeit extrapoliert wurden, die taktisch/strategische Situation.

Die Assimilation war vollkommen.

Das Geschutz hatte mehrere hundert Meter vom Schiffsrumpf entfernt Stellung bezogen. Seine Spitze zeigte in die Flugrichtung, genau auf Resurgam — wobei es, wie Khouri wusste, auch die winzigen relativistischen Lichtbeugungsverzerrungen berucksichtigte, die bei ihrer ma?igen Geschwindigkeit entstanden. Neben der Au?enluke, durch die das Geschutz hinausgelangt war, hatte das Shuttle am Rumpf einen schwarzen Strich hinterlassen. Hier gab es Beschadigungen; Khouri spurte sie wie Nadelstiche, und sie spurte auch, wie sie betaubt wurden, als sich die Autoreparatursysteme zuschalteten. Schwerkraftsensoren erfassten die Wellen, die von der Waffe ausgingen; periodische Luftstromungen strichen — mit wachsender Beschleunigung — uber Khouri hinweg. Die schwarzen Locher im Innern der Waffe kamen wohl in Fahrt und kreisten immer schneller um den Torus.

Dann wurde sie, nicht von au?en, sondern von innerhalb des Leitstandes entdeckt.

»Sonnendieb hat Ihren Eintritt in den Datenraum registriert«, konstatierte die Mademoiselle.

»Kein Problem.« Khouri schob virtuelle Hande in cybernetisch realisierte Manipulatoren und streckte sie in den Waffenraum. »Ich greife jetzt auf die Verteidigungsanlagen zu. Ein paar Sekunden genugen mir.«

Doch irgendetwas stimmte nicht. Die Waffen fuhlten sich anders an als bei den Simulationen; sie widersetzten sich ihren Wunschen. Khouri begriff schnell: sie waren umkampft, und sie selbst hatte soeben in den Kampf eingegriffen.

Die Mademoiselle — oder vielmehr ihr Avatar — versuchte, die Verteidigungswaffen am Rumpf zu blockieren, um zu verhindern, dass sie gegen das Weltraumgeschutz gerichtet wurden. Das Geschutz selbst war von zahlreichen Firewalls abgeschirmt und fur Khouri unerreichbar. Aber wer — oder was — widersetzte sich der Mademoiselle und bemuhte sich, die Waffen zum Einsatz zu bringen? Sonnendieb naturlich. Jetzt spurte sie seine Gegenwart. Gro? und machtig, aber dennoch darauf bedacht, unsichtbar aus dem Hinterhalt zu operieren, tarnte er sich geschickt hinter routinema?igen Datenbewegungen. Jahrelang hatte das funktioniert, ohne dass Volyova etwas von seiner Existenz ahnte. Doch jetzt wurde Sonnendieb aus der Reserve gelockt und hastete von einem

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