sollte eigentlich dort sein und sich am Kampf beteiligen, obwohl sie nicht wusste, worum es ging. Sie ahnte nur, dass nicht mehr viel Zeit war, dass sie sich dieses Intermezzo ganz sicher nicht leisten konnte.
»Oh, mach dir deshalb keine Sorgen«, beschwichtigte Fazil. Er konnte offenbar ihre Gedanken lesen. »Unsere Unterhaltung findet nicht in Realzeit statt; nicht einmal in der beschleunigten Realzeit des Leitstandes. Hast du noch nie erlebt, dass du unversehens von jemandem aus einem Traum geweckt wirst, dessen Handlungen schon lange vorher in die Traumgeschichte verwoben waren? Du verstehst, was ich meine: du wachst auf, weil dir dein Hund das Gesicht leckt, und im Traum bist du auf einem Schiff und fallst uber Bord ins Meer. Aber auf dem Schiff warst du schon von Anfang des Traumes an.« Er hielt inne. »Eine Erinnerung, Khouri. Eine Erinnerung, die unverzuglich konserviert wird. Der Traum kam dir ganz wirklich vor, aber er entstand in dem Moment, als der Hund anfing, dir das Gesicht zu lecken. Eine Rekonstruktion. Du hast ihn nie wirklich erlebt. Genauso ist es mit diesen Erinnerungen.«
Als Fazil den Leitstand erwahnte, hatte sich das Bild des Raumes verfestigt. Das Gefuhl, dort sein und in einen Kampf eingreifen zu mussen, wurde noch starker. Die Einzelheiten lie?en sich immer noch nicht fassen, aber es erschien Khouri sehr wichtig, sofort zuruckzukehren.
»Die Mademoiselle«, fuhr Fazil fort, »hatte auch jeden anderen Schauplatz aus deiner Vergangenheit wahlen oder eine neue Szenerie erschaffen konnen. Aber sie fand, es konnte hilfreich sein, dich in eine geistige Verfassung zu bringen, in der dir ein Gesprach uber militarische Fragen ganz naturlich vorkame.«
»Militarische Fragen?«
»Genauer gesagt, uber einen Krieg.« Als er lachelte, bogen sich die Spitzen seines Schnurrbarts kurz nach oben, wie um das Prinzip einer freitragenden Brucke zu demonstrieren. »Allerdings uber einen Krieg, von dem du wahrscheinlich noch nie gelesen hast. Nein; dafur ist er schon viel zu lange her.« Er stand unvermittelt auf, zog seinen Waffenrock glatt und ruckte den Gurtel zurecht. »Vielleicht ware es sogar ganz nutzlich, dazu in den Besprechungsraum zu gehen.«
Zwolf
Der Besprechungsraum, in den Fazil sie fuhrte, war ganz anders als alle derartigen Raume, die Khouri je besucht hatte. Auf jeden Fall war er viel zu gro?, als dass er im Zelt hatte Platz finden konnen. Und Khouri hatte zwar Erfahrung mit Projektionsgeraten verschiedenster Art, aber keines hatte ihr das zeigen konnen, was sie jetzt zu sehen bekam. Der ganze Boden war auf einer Breite von etwa zwanzig Metern davon bedeckt. Es war von einem Laufsteg mit Metallgelander umgeben.
Es war eine Karte der gesamten Galaxis.
Und ein ganz einfacher Umstand bewies, dass diese Karte von keinem der ihr bekannten Gerate hatte projiziert werden konnen. Mit einem Blick darauf konnte sie namlich jeden einzelnen Stern in der Galaxis erfassen — sehen und identifizieren — vom kuhlsten Braunen Zwerg mit fast erloschener Fusionstatigkeit bis hinauf zum hellsten, kurzfristig wei?gluhenden Superriesen. Und nicht genug damit, dass jeder Stern in der Galaxis verzeichnet war und sie ihn wahrnehmen konnte, wenn ihr Blick darauf fiel. Es ging noch weiter. Sie konnte die ganze Galaxis mit einem einzigen Blick erkennen. Sie in ihrer Gesamtheit assimilieren.
Sie konnte die Sterne zahlen.
Es waren vierhundertsechsundsechzig Milliarden dreihundertelf Millionen neunhundertzweiundzwanzigtausend und achthundertelf Sterne. Vor Khouris Augen explodierte einer der wei?en Superriesen zu einer Supernova, und sie korrigierte die Zahl um eins nach unten.
»Ein Trick«, sagte Fazil. »Die Karte ist codifiziert. Die Galaxis hat mehr Sterne, als das menschliche Gehirn Zellen hat, sie alle zu kennen, wurde also einen allzu gro?en Teil deiner gesamten Erinnerungsspeicher besetzen, und das ware nicht wunschenswert. Was naturlich nicht hei?t, dass das Gefuhl der Allwissenheit nicht simuliert werden konnte.«
Tatsachlich war die Galaxisdarstellung viel zu detailliert, um wirklich von einer Karte sprechen zu konnen. Nicht nur, dass die charakteristischen Eigenschaften jedes Sterns — Farbe, Gro?e, Leuchtkraft, Begleitsterne, Positionen und Bahngeschwindigkeiten — prazise vermerkt waren, man sah auch Regionen, wo Sterne entstanden, dunne, schwach leuchtende Schleier aus kondensierendem Gas, in denen immer hei?er werdende Glutkornchen, die Sonnenembryonen, eingebettet waren. Junge, von Scheiben aus protoplanetarem Material umgebene Sterne waren zu beobachten, und wenn sie wollte, sah sie ganze Planetensysteme wie mikroskopisch kleine Planetarien mit ungeheurer Beschleunigung um ihre Zentralgestirne kreisen. Sie entdeckte alte Sterne, die ihre Photosphare schichtweise abgesto?en und ins All geschleudert hatten, um damit das dunne interstellare Medium anzureichern: das elementare Protoplasma-Reservoir, aus dem irgendwann kunftige Sternengenerationen, Welten und Kulturen entstehen wurden. Supernova-Reste verschiedenster Art trieben auseinander, kuhlten dabei aus und strahlten ihre Energie an das interstellare Medium ab. Manchmal konnte sie im Herzen einer solchen Sternenkatastrophe einen neu geschmiedeten Pulsar beobachten, der mit wurdevoller Prazision standig langsamer werdende Radiowellen aussendete — vergleichbar einer Uhr in einem langst vergessenen Kaiserpalast, die, ein letztes Mal aufgezogen, bis zum Ende weitertickte, wobei der Abstand von einem Ticken zum nachsten immer langer wurde, bis schlie?lich alles in frostiger Unendlichkeit erstarb. Auch Schwarze Locher befanden sich im Herzen solcher Trummerfelder. Ein gewaltiges (wenn auch im Augenblick noch nicht aktives) Schwarzes Loch lauerte im Herzen der Galaxis, umgeben von einem Schwarm zum Untergang verurteilter Sterne, die es eines Tages in seinen Ereignishorizont ziehen und mit einer Rontgenstrahlen-Explosion von apokalyptischen Ausma?en in Stucke rei?en wurde.
Und die Darstellung beschrankte sich nicht nur auf die astrophysikalische Seite dieser Galaxis. Es war, als lege sich lautlos eine neue Schicht von Erinnerungen uber Khouris Bewusstsein. Plotzlich wimmelte die Galaxis von Leben; eine Million Zivilisationen verteilten sich nach einem Pseudo-Zufallsprinzip uber die gro?e, langsam rotierende Scheibe.
Doch das war Vergangenheit — tiefe, tiefe Vergangenheit.
»Seither«, sagte Fazil, »sind etwa eine Milliarde Jahre vergangen. Ein fur galaktische Verhaltnisse beachtlicher Zeitraum, besonders wenn man berucksichtigt, dass das gesamte Universum nur etwa funfzehn Mal so alt ist.« Er stand neben ihr auf dem Laufsteg, und beide beugten sich uber das Metallgelander wie ein junges Paar, das in einem schwarzen, mit schwimmenden Brotstucken ubersaten Teich sein Spiegelbild betrachtete. »Um dir eine gewisse Vorstellung zu geben — die Menschheit existierte vor einer Milliarde Jahren noch nicht, auch die Dinosaurier entwickelten sich erst vor knapp zweihundert Millionen Jahren; einem Funftel des Zeitraums, mit dem wir uns hier beschaftigen. Nein; wir stecken noch mitten im Prakambrium. Auf der Erde gab es Leben, aber keine Vielzeller — hochstens ein paar Schwamme, wenn man Gluck hatte.« Wieder betrachtete Fazil die Galaxis- Darstellung. »Aber das war nicht uberall so.«
Die Zivilisationen, etwa eine Million (Khouri hatte die Zahl mit unglaublicher Prazision bestimmen konnen, aber das erschien ihr plotzlich so kindisch und pedantisch, als gabe man sein Alter auf den Monat genau an), waren nicht alle zur gleichen Zeit entstanden und hatten sich nicht alle gleich lange erhalten. Fazil zufolge (aber das sah sie auf einer sehr elementaren Ebene auch selbst) hatte die Galaxis erst vor vier Milliarden Jahren eine Entwicklungsstufe erreicht, die das Aufkommen intelligenter Strukturen ermoglichte. Doch auch an diesem Punkt minimaler galaktischer Reife waren nicht alle Zivilisationen schlagartig zur gleichen Zeit aufgetaucht. Die Entwicklung der Intelligenz war in Schuben verlaufen, einige Zivilisationen hatten sich Welten ausgesucht, wo das Tempo der Evolution aus welchen Grunden auch immer hinter der Norm zuruckblieb, manchmal war der Aufstieg des Lebens auch von einer ungewohnlich hohen Katastrophendichte behindert worden.
Doch irgendwann — zwei oder drei Milliarden Jahre, nachdem auf der jeweiligen Heimatwelt zum ersten Mal Leben entstanden waren — hatten einige Zivilisationen die Raumfahrt entwickelt. Von da an breiteten sich die meisten rasant uber die Galaxis aus, auch wenn es immer ein paar Stubenhocker gab, die lieber ihr eigenes Sonnensystem, manchmal auch nur den Raum um den eigenen Planeten kolonisierten. Im Allgemeinen vollzog sich die Expansion jedoch sehr rasch, mit einer durchschnittlichen Driftrate zwischen einem Zehntel und einem Hundertstel Lichtgeschwindigkeit. Das horte sich langsam an, war aber in Wirklichkeit rasend schnell, wenn man
