»Man hat mir immer wieder versichert, du seiest am Leben«, sagte er. »Aber ich konnte es nie so recht glauben.«
»Mir sagte man, du seiest verletzt«, sagte Pascale. Sie sprach leise, als furchte sie, mit lauten Worten den Traum zu zerstoren. »Was passiert war, wollte man mir nicht verraten — und ich wagte nicht weiter zu fragen, aus Angst, die Wahrheit zu horen.«
»Ich wurde geblendet«, sagte Sylveste und beruhrte — zum ersten Mal seit der Operation — die harte Oberflache seiner Augen. Die kleine Schmerz-Nova, an die er sich gewohnt hatte, blieb aus, er spurte nur ein leises Unbehagen, eine Trubung, die sofort verschwand, als er die Finger wegnahm.
»Aber jetzt kannst du wieder sehen?«
»Ja. Und du bist eigentlich das Erste, wofur sich das auch lohnt.«
Sie stand vom Bett auf, schmiegte sich in seine Arme und legte ein Bein um das seine. Sie war so leicht und zart; er wagte kaum, die Umarmung zu erwidern, aus Angst, sie zu zerdrucken. Doch als er sie fester an sich zog, verstarkte auch sie den Druck, schien aber ihrerseits Angst zu haben, ihn zu verletzen. Wie zwei Geister, von denen jeder furchtete, der andere sei nicht wirklich, hielten sie sich umschlungen. Die eine geschenkte Stunde kam ihnen vor wie eine Ewigkeit; nicht weil die Zeit sich hingeschleppt hatte, sondern weil sie in diesem Moment keine Rolle spielte. Sie stand sozusagen still, und es schien nur einer Willensanstrengung zu bedurfen, um sie auch weiter anzuhalten. Sylveste labte sich an Pascales Anblick wie ein Verdurstender; sie fand selbst in seinen starren Augen noch Menschlichkeit. Fruher hatte sie nicht den Mut gefunden, ihn offen anzusehen, geschweige denn, ihm tief in die Augen zu schauen — aber das war lange her. Und Sylveste war es nie schwer gefallen, Pascale in die Augen zu blicken, denn sie brauchte nichts davon zu merken. Jetzt freilich wunschte er, sie wurde spuren, wenn er sie anstarrte, damit er ihr auf diesem Umweg die begluckende Botschaft vermitteln konnte, wie betorend er sie fand.
Bald kussten sie sich voller Leidenschaft und fielen eng umschlungen auf das Bett. Im nachsten Moment hatten sie die graubraunen Mantell-Overalls abgestreift und auf den Boden geworfen. Sylveste fragte sich, ob sie beobachtet wurden. Moglich — sogar wahrscheinlich, dachte er. Aber er beschloss, sich nichts daraus zu machen. Fur den Augenblick — bis zum Ende dieser Stunde — waren er und Pascale vollkommen allein; die Mauern waren wirklich unendlich dick; es gab im ganzen Universum nur diesen einen Raum. Sie liebten sich nicht zum ersten Mal, obwohl sie fruher nur selten Gelegenheit dazu gehabt hatten; sie waren kaum jemals ungestort gewesen. Jetzt — die Vorstellung war fast lacherlich — waren sie Mann und Frau und hatten noch weniger Grund, sich zu verstecken. Und wieder mussten sie sich jeden intimen Augenblick stehlen. Er fuhlte sich plotzlich schuldig und suchte lange nach einer Erklarung dafur. Erst als sie schlie?lich beieinander lagen und er den Kopf an ihrer weichen Brust vergrub, wurde ihm klar, warum er so empfand. Es gab so viel zu besprechen, und sie hatten die kostbare Zeit damit vergeudet, dem fieberhaften Verlangen ihrer Korper nachzugeben. Aber Sylveste erkannte auch, dass das so sein musste.
»Wenn es nur langer ware«, sagte er, als sich sein Zeitgefuhl wieder halbwegs normalisiert hatte und er sich fragte, wie viel von der Stunde wohl noch ubrig war.
»Beim letzten Mal«, sagte Pascale, »hast du mir etwas erzahlt.«
»Uber Carine Lefevre, ja. Ich musste es dir sagen, verstehst du das? Es hort sich komisch an, aber ich dachte, ich musste sterben. Deshalb musste ich dir, musste ich irgendjemandem sagen, was ich seit Jahren in meinem Inneren verschlossen hatte.«
Er spurte Pascales kuhlen Schenkel auf dem seinen. Sie strich ihm mit der Hand uber die Brust wie um sie sich einzupragen. »Was da drau?en geschehen ist, kann niemand beurteilen, auch ich nicht.«
»Ich war feige.«
»Nein. Es war nur dein Instinkt. Vergiss nicht, Dan, du warst am schrecklichsten Ort des ganzen Universums. Philip Lascaille ist ohne Schieber-Transform dorthin geflogen — und du wei?t, was aus ihm geworden ist. Du hast genug Tapferkeit bewiesen, indem du bei Verstand geblieben bist. Die Flucht in den Wahnsinn ware leichter gewesen.«
»Sie hatte uberleben konnen. Verdammt, wenn ich sie nur da drau?en allein zuruckgelassen hatte — selbst das ware vertretbar gewesen, wenn ich hinterher den Mut gefunden hatte, die Wahrheit zu sagen. Das ware eine Art von Suhne gewesen. Aber dass ich noch Lugen uber sie erzahlte, nachdem ich sie getotet hatte, das hatte sie wei? Gott nicht verdient.«
»Nicht du hast sie getotet, sondern der Schleier.«
»Nicht einmal das wei? ich mit Sicherheit.«
»Wie?«
Er legte sich auf die Seite und sah sie an. Fruher hatten seine Augen ihr Bild fur die Nachwelt speichern konnen. Doch diese Funktion existierte nicht mehr.
»Ich meine«, sagte Sylveste, »ich wei? nicht einmal, ob sie da drau?en tatsachlich gestorben ist — es musste nicht unbedingt sofort gewesen sein. Ich habe schlie?lich uberlebt — und ich war derjenige, dessen Schieber-Transform zerfiel. Sie hatte bessere Chancen gehabt, wenn auch nicht wesentlich. Aber wenn sie nun durchgekommen ware, so wie ich? Wenn sie es irgendwie geschafft hatte zu uberleben, aber keine Verbindung zu mir aufnehmen konnte? Bis ich wieder zu mir kam, war sie womoglich schon auf halbem Wege zum Schleierrand. Nachdem ich das Lichtschiff repariert hatte, dachte ich nicht mehr daran, nach ihr zu suchen. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass sie noch leben konnte.«
»Aus gutem Grund«, sagte Pascale. »Weil sie namlich tot war. Du magst dein Verhalten jetzt in Frage stellen, aber damals sagte dir deine Intuition, dass sie tot war. Und wenn sie uberlebt hatte — dann hatte sie auch eine Moglichkeit gefunden, sich bei dir zu melden.«
»Das wei? ich nicht. Und ich werde es nie erfahren.«
»Dann hor auf, dich damit zu qualen. Sonst kommst du von der Vergangenheit niemals los.«
»Hor zu«, sagte er. Eine von Falkenders Bemerkungen war ihm eingefallen. »Kannst du mit jemandem sprechen, abgesehen von den Wartern? Mit Sluka oder ihren Anhangern vielleicht?«
»Wer ist Sluka?«
»Die Frau, die uns hier festhalt.« Sylveste begriff mit einem gahnenden Gefuhl der Leere, dass man ihr so gut wie nichts erzahlt hatte. »Ich kann es dir nur in ganz einfachen Worten erklaren, fur mehr bleibt keine Zeit. Die Leute, die deinen Vater getotet haben, waren Fluter, Anhanger des Wahren Weges, soweit ich das sagen kann, oder jedenfalls eine Untergruppe dieser Bewegung. Wir sind in Mantell.«
»Ich wusste, dass wir au?erhalb von Cuvier sein mussten.«
»Nach allem, was ich horte, wurde Cuvier angegriffen.« Den Rest, dass der oberirdische Teil der Stadt wahrscheinlich so gut wie unbewohnbar war, behielt er fur sich. Das brauchte sie nicht zu erfahren — jedenfalls nicht jetzt, schlie?lich war Cuvier der einzige Ort, wo sie je zu Hause gewesen war. »Ich wei? nicht genau, wer die Stadt zurzeit kontrolliert — loyale Anhanger deines Vaters oder eine rivalisierende Splittergruppe des Wahren Weges. Sluka erwahnte, dein Vater hatte sie nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen, nachdem er Cuvier damals an sich gebracht hatte. Das hat sie ihm offenbar so ubel genommen, dass sie ihn schlie?lich ermorden lie?.«
»Wie kann man so nachtragend sein?«
»Sluka ist vermutlich nicht unbedingt der seelisch stabilste Mensch auf dem Planeten. Ubrigens glaube ich nicht, dass sie auch unsere Gefangennahme geplant hatte — aber nun hat sie uns und wei? nicht so recht, was sie mit uns anfangen soll. Wir konnten noch wertvoll werden, deshalb kann sie uns nicht einfach um die Ecke bringen lassen… doch bis dahin…« Sylveste hielt inne. »Jedenfalls konnte sich bald eine Veranderung ergeben. Von dem Mann, der meine Augen repariert hat, wei? ich, dass Geruchte uber Besucher im Umlauf sind.«
»Was fur Besucher?«
»Das habe ich auch gefragt. Aber er hat mir nicht mehr verraten.«
»Man konnte gewisse Vermutungen anstellen, nicht wahr?«
»Wenn irgendetwas die Lage auf Resurgam verandern konnte, dann die Ankunft von Ultras.«
»Fur Remilliod ist es noch etwas zu fruh.«
Sylveste nickte. »Wenn wirklich ein Schiff im Anflug ist, dann kannst du darauf wetten, dass es nicht Remilliod ist. Aber wer konnte sonst mit uns Geschafte machen wollen?«
»Vielleicht geht es ja gar nicht um Geschafte.«
Es mochte ein Zeichen von Arroganz sein, aber fur Volyova war es physisch unertraglich, jemand anderem ihre Arbeit zu uberlassen, wie absurd die Alternative auch sein mochte. So war sie ganz zufrieden damit — falls
