»Ilia«, sagte Khouri. »Haben Sie sich das… gut uberlegt?«

»Uberlegt?« Das war unverkennbar ein leises Lachen, auch wenn es nicht ganz echt klang. »Es ist das Unuberlegteste, was ich jemals getan habe, Khouri. Aber ich sehe im Moment nicht viele Alternativen. Jedenfalls nicht, wenn Sie Ihre Rumpfwaffen nicht verdammt schnell feuerbereit kriegen.«

»Ich… arbeite daran.«

»Dann strengen sie sich noch etwas mehr an und storen Sie mich nicht. Mir geht gerade ziemlich viel im Kopf herum, wie Sie sich vielleicht denken konnen.«

»Wahrscheinlich sieht sie ihr Leben an sich voruberziehen.«

»Ach, Sie schon wieder.« Khouri beachtete die Mademoiselle nicht weiter. Sie hatte inzwischen erkannt, dass ihre Kommentare nur geschickte Ablenkungsmanover waren; sie griff damit aktiv in den Kampf ein und stand keineswegs so unbeteiligt daneben, wie sie behauptete.

Noch knapp funfhundert Meter, dann hatte Volyova es geschafft, das Geschutz in die Flammen zu zerren. Es straubte sich jetzt, indem es wahllos seine Triebwerke zundete, brachte aber insgesamt nicht so viel Schubkraft auf wie der Spinnenraum. Das leuchtet ein, dachte Khouri. Als seine Erbauer den Hilfsantrieb konstruierten, der es bewegen und in Position bringen sollte, hatten sie nicht in erster Linie darauf Wert gelegt, dass es sich in einem Ringkampf behaupten konnte.

»Khouri«, sagte Volyova, »in etwa drei?ig Sekunden lasse ich das Svinoi los. Wenn ich mich nicht verrechnet habe, kann dann kein noch so starker Korrekturschub mehr verhindern, dass es in den Strahl getragen wird.«

»Das ist doch gut so?«

»An sich schon. Trotzdem sollte ich Sie warnen…« Volyovas Stimme schwankte stark, der Empfang war gestort. Sie kam den brodelnden Energien des Antriebsstrahls naher, als es fur organische Lebewesen eigentlich ratsam war. »Mir ist eben Folgendes eingefallen: Selbst wenn es mir gelingen sollte, das Geschutz zu zerstoren… konnte ein Teil der Explosionsenergie — vielleicht in Form von exotischen Teilchen — mit dem Strahl in den Antriebskern gelangen.« Sie legte eine wohlberechnete Pause ein. »Die Ergebnisse waren nicht unbedingt… wunschenswert.«

»Vielen Dank«, sagte Khouri. »Das hebt die Moral ganz ungemein.«

»Verdammt«, sagte Volyova leise. »Mein Plan sto?t soeben auf eine kleine Schwierigkeit. Das Geschutz muss den Spinnenraum mit einem elektromagnetischen Impuls beschossen haben, oder die Strahlung aus dem Antrieb fuhrt zu Storungen in der Hardware.« Man horte — oder glaubte zu horen —, wie jemand wiederholt versuchte, uralte Metallschalter auf einer Konsole umzulegen. »Ich will damit sagen«, erklarte Volyova, »dass ich mich offenbar nicht losen kann. Ich hange an dem Drecksding fest.«

»Dann schalten Sie den verdammten Antrieb ab — das konnen Sie doch?«

»Naturlich; wie hatte ich sonst Nagorny getotet?« Sehr zuversichtlich klang das nicht. »Njet… kein Zugriff auf den Antrieb; habe wohl jede Einwirkung unmoglich gemacht, als ich Palsy…« Jetzt faselte sie. »Khouri, ich fange an, ein klein wenig zu verzweifeln… wenn Sie diese Waffen…«

Daraufhin meldete sich die Mademoiselle zu Wort. »Sie ist schon tot, Khouri«, stellte sie mit verstandlicher Genugtuung fest. »Und sie mussten jetzt in einem Winkel schie?en, bei dem sich die Halfte der Waffen abschalten wurde, um nicht das Schiff zu beschadigen. Wenn Sie mit den ubrigen das Weltraumgeschutz auch nur streiften, hatten Sie Gluck gehabt.«

Sie hatte Recht — Khouri war fast entgangen, dass sich ganze Blocke der potenziell verfugbaren Verteidigungssysteme selbsttatig gesichert hatten, um nicht in Gefahr zu geraten, auf wichtige Schiffskomponenten zu zielen. Damit blieben nur die leichtesten Waffen ubrig, die ohnehin keine gro?eren Schaden anrichten konnten.

Ein Widerstand brach zusammen — vielleicht deshalb.

Khouri hatte mit einem Mal mehr Kontrolle uber die Waffen. Und sie betrachtete es sogar als Vorteil, dass die Feuerkraft der verbliebenen Systeme beschrankt war. Sie hatte ihre Plane geandert. Sie brauchte keine brutale Gewalt mehr, sie brauchte chirurgische Prazision.

Khouri nutzte die Atempause, bevor die Mademoiselle die Waffen zuruckeroberte, um die ursprunglichen Zieleinstellungen zu loschen und neue Koordinaten einzugeben. Ihre Anweisungen waren sehr prazise. Die Waffen setzten sich so langsam in Bewegung, als schwammen sie in Sirup, dann richteten sie sich auf das Objekt, das sie ausgewahlt hatte. Nicht das Weltraumgeschutz, sondern etwas anderes…

»Khouri«, begann die Mademoiselle, »Sie sollten sich das wirklich noch einmal uberlegen…«

Aber Khouri hatte schon abgedruckt.

Plasmafontanen stromten auf das Weltraumgeschutz zu und trafen — nicht das Geschutz selbst, sondern den Spinnenraum. Alle acht Beine und danach alle vier Greifleinen wurden sauber durchtrennt. Der Raum wurde sozusagen in Kniehohe amputiert und zugleich vom Lichtspeer des Antriebs weggeschleudert.

Das Weltraumgeschutz schwebte in den Strahl wie ein Falter in eine brennende Laterne.

Was dann geschah, war so unmenschlich schnell voruber, dass Khouri es erst im Nachhinein richtig erfasste. Die Au?enhulle des Weltraumgeschutzes verdampfte im Bruchteil einer Sekunde zu einer gro?tenteils metallischen Wolke. Ob der Kontakt mit dem Abgasstrahl das Folgende ausloste oder ob das Waffensystem nicht anders konnte, als im Augenblick seiner Zerstorung sein Innerstes nach au?en zu kehren, war nicht zu entscheiden.

Wie auch immer, die Dinge entwickelten sich nicht ganz im Sinne ihrer Erfinder.

Mehr oder weniger im gleichen Moment stie? das, was unter der ausgeweideten Hulle noch ubrig war, einen langen Gravitationsrulpser aus, ein Raumzeitbauerchen von gewaltiger Durchschlagskraft. Es richtete zwar in unmittelbarer Nahe des Geschutzes verheerende Schaden an der Realitat an, aber nicht so, wie ursprunglich geplant. Ein Regenbogen gebeugten Sternenlichts umflackerte die gerinnende Plasmaenergie. Eine Millisekunde lang bildete der Regenbogen fast eine stabile Kugel, dann begann er zu zittern und zu schillern wie eine Seifenblase kurz vor dem Platzen. Einen Millisekundenbruchteil spater implodierte die Kugel und verschwand mit exponentieller Beschleunigung.

Im nachsten Augenblick war nichts mehr da. Nicht einmal Trummer schwebten vor der sternenubersaten Kulisse des Normalraums.

Dann erschien ein Lichtpunkt, der sich ins Ultraviolette verfarbte. Er vergro?erte sich und schwoll zu einer bedrohlich grellen Kugel an. Die expandierende Plasmawelle traf das Schiff und erzeugte so heftige Erschutterungen, dass Khouri sie selbst in ihrem kardanisch aufgehangten Kampfsitz spurte. Ein Datenschwall sagte ihr — obwohl sie es gar nicht unbedingt wissen wollte —, die Explosion hatte keines der Rumpfsysteme schwer beschadigt und die kurze, intensive Hintergrundstrahlung durch den Blitz sei innerhalb tolerabler Grenzwerte geblieben. Die gravimetrischen Werte seien schlagartig auf Normal zuruckgefallen.

Die Raumzeit war angestochen, auf Quantenniveau durchsto?en worden und hatte einen winzigen Blitz Planck-Energie abgegeben. Winzig im Verhaltnis zu den Energien, die normalerweise im Raumzeit-Schaum brodelten. Doch jenseits der Grenzen des Normalraums wirkte der lacherlich geringe Aussto?, als wurde im Nachbarhaus eine Atombombe gezundet. Das Loch in der Raumzeit hatte sich sofort wieder geschlossen, bevor gro?erer Schaden entstehen konnte. Als Spuren des Geschehens blieben nur einige Rest-Monopole zuruck, schwarze Locher mit geringer Masse und andere exotische Teilchen.

Das Weltraumgeschutz hatte katastrophal versagt.

»Gro?artig«, sagte die Mademoiselle. Es klang tief enttauscht. »Sie konnen wirklich stolz auf sich sein.«

Doch Khouri interessierte sich nur fur die seltsame Leere, die durch den Waffenraum auf sie zugerast kam. Sie versuchte, sich rechtzeitig zuruckzuziehen, die Verbindung zu kappen…

Aber sie war nicht schnell genug.

Dreizehn

Im Orbit um Resurgam

2566

»Sitz«, befahl Volyova, als sie die Brucke betrat.

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