das der richtige Ausdruck war —, dass Khouri im Leitstand sa? und sich nach Kraften bemuhte, das Weltraumgeschutz vom Himmel zu schie?en. Sie gab auch ohne weiteres zu, dass sie nur mit Khouri uberhaupt eine vernunftige Chance hatte. Aber deshalb war sie noch lange nicht bereit, die Hande in den Scho? zu legen und abzuwarten, wie die Sache ausging. Volyova wusste genau, dass sie das nicht aushalten wurde. Was sie brauchte — wonach sie gierte — war eine Idee, um das Problem von einer anderen Seite her anzugehen.
Und jetzt musste sie sich auch noch mit dieser Anomalie befassen.
Sie hatte sich fur diese Bezeichnung entschieden, weil sie die ganze Mischung aus Unverstandnis und Emporung ausdruckte, die sie jedes Mal uberfiel, wenn sie sich zwang, sich mit dem Thema zu konfrontieren. Das Thema war, was in Khouris Kopf vorging. Und da Khouri jetzt in die abstrakte Geisteslandschaft des Waffenraums abgetaucht war, schloss die Anomalie zwangslaufig den Leitstand und damit auch Volyova mit ein, die ihn schlie?lich eingerichtet hatte. Sie konnte die Situation uber die Neuralanzeigen an ihrem Armband genau uberwachen. Kein Zweifel, im Schadel ihres Waffenoffiziers tobte ein heftiger Sturm. Und dieser Sturm streckte bereits die ersten, unruhigen Fuhler in den Waffenraum aus.
Volyova wusste, dass die einzelnen Teile irgendwie zusammenhingen. Die Probleme mit dem Leitstand, beginnend mit Nagornys Wahnsinn, die Sonnendieb-Geschichte und spater die Selbstaktivierung des Weltraumgeschutzes. Auch der Sturm in Khouris Kopf — die Anomalie — gehorte dazu. Aber zu wissen, dass eine Losung oder zumindest eine Antwort existierte — ein Gesamtbild, das alles erklarte —, half ihr keinen einzigen Schritt weiter.
Vielleicht am meisten argerte sie sich daruber, dass sie selbst sich von dem Problem ablenken lie?, anstatt sich ausschlie?lich der unmittelbaren Krise zu widmen, die doch viel dringender war. Volyova kam sich vor, als habe sie eine fruhreife Schulklasse in ihrem Kopf: jedes einzelne Kind war hochintelligent und gemeinsam waren sie zu uberwaltigenden Leistungen fahig — sie brauchten sich nur zusammenzutun. Aber einige Schuler passten nicht auf; sie schauten vertraumt aus dem Fenster und uberhorten ihre Ermahnungen, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren, weil sie ihre eigenen fixen Ideen anregender fanden als den langweiligen Lehrplan, den sie ihnen unbedingt vorkauen wollte.
Ein Gedanke drangte sich vor; eine Erinnerung. Sie bezog sich auf eine Reihe von Firewall-Systemen, die sie vor mehr als vier Jahrzehnten Schiffszeit installiert hatte, eine Art letzter Bastion, um im Notfall ein Eindringen zerstorerischer Viren zu verhindern. Sie hatte nie gedacht, dass sie jemals zum Einsatz kommen wurden, schon gar nicht unter solchen Umstanden.
Immerhin erinnerte sie sich daran.
»Volyova«, keuchte sie in ihr Armband und bemuhte sich, ihrem Gedachtnis die einschlagigen Befehle zu entrei?en. »Anti-Guerilla-Protokolle aufrufen; Schweregrad Lambda-Plus, maximale Kampfbereitschaft, Einwilligung und Zweitkontrolle als erfolgt voraussetzen, Verweigerungsunterdruckung auf volle Autonomie, Armageddon-Defaults Stufe Neun, Sicherungs-Ubersteuerung Rot Eins Alpha, Privilegien des Triumvirates auf allen Ebenen in Kraft setzen; Privilegien fur Nichtangehorige des Triumvirats aufheben.« Sie holte Atem und hoffte, sich mit dieser Kette von Beschworungen genugend Turen ins Herz der Schiffsmatrix geoffnet zu haben. »Und jetzt«, sagte sie: »Programm Code
Uber ihr Armband liefen Fehlermeldungen, die ihr freundlicherweise mitteilten, verschiedene Systeme, die
Zum Ausgleich waren nun sicher die autonomen Waffen an der Au?enhulle blockiert, die nicht direkt vom Leitstand aus gesteuert wurden und bereits das Shuttle gesprengt hatten. Jetzt konnte sie wenigstens diesen Schachzug noch einmal wiederholen. Naturlich war das Geschutz jetzt weiter entfernt; man konnte ihm nicht mehr so einfach den Weg versperren. Aber wenn es ihr wenigstens gelange, ein zweites Shuttle im All auszusetzen, eroffneten sich damit ganz neue Moglichkeiten.
Sekunden spater war ihr Optimismus zu traurigen Krumeln zerfallen. Vielleicht war die Wirkung beabsichtigt, vielleicht waren in den vergangenen vierzig Jahren auch verschiedene Schiffssysteme durcheinander geraten und hatten neue Verbindungen gebildet, so dass
Und ihr standen nur wenige Minuten zur Verfugung.
Sie sturzte — nicht in ein tiefes seelisches Loch, sondern in einen bodenlosen Gravitationsschacht. Erst ziemlich weit unten — von den kostbaren Minuten waren schon etliche vergangen — fiel ihr etwas ein, eine so nahe liegende Losung, dass sie schon langst darauf hatte kommen mussen.
Und Volyova rannte los.
Khouri wurde unsanft in den Leitstand zuruckgeschleudert.
Ein schneller Blick auf die Status-Uhren bestatigte, was Fazil ihr versprochen hatte: in Echtzeit war keine einzige Sekunde vergangen. Ein toller Trick; sie hatte ganz deutlich das Gefuhl, fast eine Stunde im Zelt verbracht zu haben, dabei war die ganze Episode erst einen Sekundenbruchteil zuvor geplant worden. In Wirklichkeit hatte sie nichts erlebt, es war kaum zu fassen. Zum Aufatmen blieb dennoch keine Zeit — schon bevor die Erinnerungsschleife aktiviert worden war, hatten sich die Ereignisse ubersturzt. Seither hatte die Situation nichts von ihrer Dringlichkeit eingebu?t.
Das Weltraumgeschutz musste unmittelbar vor der Detonation stehen: die Schwerkraftemissionen waren vom Schiff aus nicht mehr zu orten — wie bei einer Trillerpfeife, die in den Ultraschallbereich eingetreten war. Oder war die Waffe vielleicht schon abschussbereit und die Mademoiselle zogerte noch? Ob sie so gro?en Wert darauf legte, Khouri auf ihrer Seite zu haben? Wenn das Geschutz versagte, ware sie wieder das einzige Instrument.
»Geben Sie auf«, mahnte die Mademoiselle. »Geben Sie auf, Khouri. Sie mussen doch einsehen, dass Sonnendieb eine fremde Intelligenz ist! Und Sie unterstutzen ihn!«
Khouri hatte kaum noch die Kraft, in Gedanken eine Antwort zu formulieren.
»Ich glaube durchaus, dass er uns fremd ist. Die Frage ist nur, wie ich Sie einzustufen habe.«
