»Khouri, dafur ist jetzt wirklich keine Zeit!«

»Bedauere, aber ich finde, gerade jetzt sollten wir die Karten auf den Tisch legen.« Wahrend Khouri ihre Gedanken ubermittelte, fuhrte sie den Kampf auf ihrer Seite weiter, obwohl ein Teil von ihr — der Teil, der uberzeugt worden war von dem, was sie gesehen hatte — sie anflehte, doch aufzugeben und der Mademoiselle die Kontrolle uber das Geschutz zu uberlassen. »Sie wollten mir einreden, Sylveste habe Sonnendieb von den Schleierwebern mitgebracht.«

»Nein; ich habe Ihnen nur die Fakten gezeigt, und Sie haben daraus den einzig logischen Schluss gezogen.«

»Den Teufel habe ich getan.« Khouri entwickelte neue Krafte, aber sie reichten noch immer nicht aus, um die Entscheidung herbeizufuhren. »Sie hatten es die ganze Zeit schon darauf angelegt, mich gegen Sonnendieb einzunehmen. Das mag gerechtfertigt sein oder auch nicht — vielleicht ist er wirklich ein ubles Schwein —, aber es wirft doch eine Frage auf. Woher wollen Sie das alles wissen? Sie konnen es gar nicht wissen. Es sei denn, Sie waren selbst ein Alien.«

»Nehmen wir — bis auf weiteres — an, das ware der Fall…«

Khouri wurde abgelenkt. Etwas Neues war aufgetaucht, etwas von solcher Wichtigkeit, dass es den Kampf fur einen Moment in den Hintergrund treten lie?. Sie entspannte sich und zog einen weiteren Teil ihres Bewusstseins ab, um die Situation zu taxieren.

Noch etwas sturzte sich ins Kampfgetummel.

Der Neuankommling befand sich nicht im Waffenraum und er war auch keine cybernetische Entitat, sondern ein reales Gebilde, das bisher nicht — oder allenfalls unbemerkt — in der Arena prasent gewesen war. Als Khouri es entdeckte, war es dem Lichtschiff sehr nahe; gefahrlich nahe fur ihre Begriffe — es hatte sich daran festgesaugt wie ein Parasit.

Das Ding hatte die Gro?e eines sehr kleinen Raumschiffs. Es ma? vom Bug bis zum Heck nicht mehr als zehn Meter. Von der Form her war es ein dicker, gerippter Torpedo, der mit acht gegliederten Beinen uber den Schiffsrumpf spazierte. Wie durch ein Wunder wurde er nicht von denselben Verteidigungswaffen beschossen, die das Shuttle zerstort hatten.

»Ilia…«, hauchte Khouri. »Ilia, Sie wollen doch nicht ernsthaft…« Und gleich darauf: »Schei?e, genau das war Ihre Idee!«

»Was fur eine Torheit«, bemerkte die Mademoiselle.

Der Spinnenraum hatte sich mit allen acht Beinen gleichzeitig vom Rumpf gelost. Da das Schiff immer noch abbremste, wurde er scheinbar mit zunehmender Geschwindigkeit nach vorne gezogen. Normalerweise, hatte Volyova gesagt, musste er in diesem Moment seine Greifer abschie?en, um die Verbindung mit dem Schiff wiederherzustellen. Aber sie hatte wohl den Mechanismus abgeschaltet, denn der Spinnenraum sturzte weiter, bis seine Triebwerke ansprangen. Khouri beobachtete die Szene in verschiedenen Medien, darunter einigen, die ihr ohne die Waffenraum-Implantate nicht zuganglich gewesen waren, doch ein kleiner Teil des sensorischen Stroms wurde optisch von den Au?enkameras des Schiffs ubertragen. So konnte sie verfolgen, wie die Triebwerke violett aufgluhten, wie aus den Offnungen im mittleren Bereich, wo der torpedoformige Rumpf mit dem Turmchen und den jetzt nutzlosen Beinen verbunden war, in rascher Folge nadelfeine Blitze zuckten und die Beine von unten erleuchteten. Der Sturz wurde abgebremst und die Gegenbewegung eingeleitet. Der Spinnenraum setzte sich wieder neben das Schiff. Aber Volyova brachte ihn nicht so nahe heran, dass sie die Greifer hatte einsetzen konnen. Nach wenigen Sekunden entfernte er sich seitwarts, beschleunigte und strebte auf das Geschutz zu.

»Ilia… ich finde wirklich nicht…«

»Vertrauen Sie mir.« Die Stimme des Triumvirs drang in den Waffenraum, als kame sie vom anderen Ende des Universums, dabei war Volyova nur wenige Kilometer entfernt. »Mit etwas gutem Willen konnte man sagen, ich habe einen Plan. Zumindest ist es eine Moglichkeit, kampfend unterzugehen.«

»Der letzte Satz gefallt mir nicht so gut.«

»Mir auch nicht, wenn ich ehrlich bin.« Volyova zogerte. »Ubrigens, Khouri, wenn alles voruber ist… vorausgesetzt, wir sind beide dann noch am Leben, wovon man im Moment nicht unbedingt ausgehen kann… sollten wir uns auf einen kleinen Plausch zusammensetzen.«

Vielleicht redete sie nur, um ihre Angst zu uberspielen. »Einen kleinen Plausch woruber?«

»Uber alles, was passiert ist. Die Probleme mit dem Leitstand. Fur Sie ware es vielleicht eine gute Gelegenheit, sich ein paar… unangenehme Dinge von der Seele zu reden, uber die Sie besser schon fruher mit mir gesprochen hatten.«

»Zum Beispiel?«

»Zum Beispiel wusste ich gerne, wer Sie sind.«

Der Spinnenraum kam dem Geschutz rasch naher. Er steuerte seine Geschwindigkeit mit den Triebwerken, blieb aber relativ auf gleicher Hohe mit dem Schiff und hielt die Beschleunigung auf dem Standard von 1 Ge. Selbst mit ausgefahrenen Beinen war er nur knapp ein Drittel so gro? wie das Weltraumgeschutz. Er erinnerte jetzt weniger an eine Spinne als an einen Tintenfisch, der im Begriff war, von einem langsam daherziehenden Wal verschlungen zu werden.

»Dafur wird ein kleiner Plausch wohl nicht genugen«, sagte Khouri. Es hatte wirklich keinen Sinn, dachte sie — vermutlich nicht ohne Berechtigung — vor Volyova jetzt noch Geheimnisse haben zu wollen.

»Gut. Und nun mussen Sie mich entschuldigen; ich mochte etwas probieren, was hart an der Grenze von schlechterdings unmoglich anzusiedeln ist.«

»Sie meint selbstmorderisch«, kommentierte die Mademoiselle.

»Sie amusieren sich kostlich, wie?«

»Ungeheuer — besonders, weil alles, was hier geschieht, vollig au?erhalb meiner Kontrolle liegt.«

Volyova hatte den Spinnenraum unweit der langgezogenen Spitze des Waffensystems in Position gebracht, war aber zu weit entfernt, als dass die zappelnden Metallbeine auf der narbigen Oberflache hatten Halt finden konnen. Au?erdem stand die Waffe nicht mehr still, sondern versetzte sich mit kraftigen Triebwerkssto?en in langsame, aber unberechenbare Seitwartsschwingungen. Offenbar wollte sie Volyova ausweichen, war aber durch die eigene Tragheit in ihren Bewegungen behindert. Fur Khouri sah es aus, als furchte sich das machtige Geschutz der Hollenklasse vor einer kleinen Spinne. Dann horte sie vier Schlage, fast zu rasch hintereinander, um sie unterscheiden zu konnen. Als habe eine Projektilwaffe ihr Magazin geleert.

Vier Greiferleinen schossen aus dem Rumpf des Spinnenraums und beruhrten lautlos die Spitze des Weltraumgeschutzes. Am Ende der Leinen sa?en Penetratoren, die sich zehn bis zwanzig Zentimeter tief in ihr Opfer hineinbohrten und dann auseinander klappten. Wenn sie erst zugebissen hatten, waren sie nicht mehr zu losen. Die Fuhrungsleinen glanzten im Schein der Triebwerke. Sie waren jetzt straff gespannt. Der Spinnenraum zog sich an das Geschutz heran, obwohl es seine schwerfalligen Ausweichmanover fortsetzte.

»Gro?artig«, sagte Khouri. »Ich war so weit, das Drecksding abzuschie?en — was mache ich jetzt?«

»Sie schie?en, wenn Sie die Chance bekommen«, sagte Volyova. »Wenn Sie die Druckwelle nicht gerade auf mich lenken, habe ich eine Chance — der Spinnenraum ist besser gepanzert, als Sie glauben.« Sie schwieg einen Moment lang, dann rief sie: »Gut! Jetzt gehorst du mir, du mieses Stuck Schrott.«

Die Beine des Spinnenraums hatten sich um die Spitze gelegt. Das Geschutz machte offenbar keinen Versuch mehr, ihn abzuschutteln. Das mochte seine Grunde haben. Khouri stellte fest, dass Volyova mit ihrem Husarenstuck nicht viel erreicht hatte. Der Spinnenraum konnte das Weltraumgeschutz sicher nicht entscheidend behindern.

Inzwischen war der Kampf um die Kontrolle der Rumpfwaffen aufs Neue entbrannt. Gelegentlich spurte Khouri ein leichtes Nachlassen, wenn die Systeme der Mademoiselle fur einen Moment ins Hintertreffen gerieten, aber diese kleinen Ausrutscher waren immer zu kurz, um zielen und schie?en zu konnen. Wenn Sonnendieb sie unterstutzte, so spurte sie nichts davon, wobei auch das womoglich nur ein Beweis fur seine unglaubliche Gerissenheit war. Ohne Sonnendiebs Gegenwart hatte sie den Kampf wohl langst verloren. Hatte er die Mademoiselle nicht abgelenkt, sie hatte die zerstorerische Sprengkraft des Geschutzes bereits entfesselt. Doch im Moment spielte das kaum eine Rolle. Sie hatte soeben begriffen, was Volyova tatsachlich vorhatte. Der Spinnenraum zundete jetzt alle seine Triebwerke und stemmte sich damit gegen die Bewegung des gro?eren, aber schwerfalligeren Weltraumgeschutzes.

Volyova zog das Geschutz zum Heck der Unendlichkeit, auf den nachstgelegenen, blaulich wei? spruhenden Antriebsstrahl des Lichtschiffes zu. Sie wollte das verdammte Ding zerstoren, indem sie es in den gluhend hei?en Abgasstrom des Synthetiker-Triebwerks bugsierte.

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