Diensteifrig kam ein Sessel auf sie zu geschwenkt. Sie nahm Platz und schnallte sich fest. Dann steuerte sie ihn von den ansteigenden Sitzreihen weg und umkreiste die gewaltige holografische Projektionssphare in der Mitte des Raumes.

Die Sphare zeigte einen Blick auf Resurgam. Zwar glaubte man eher, den eingetrockneten Augapfel einer uralten Mumie in mehrhundertfacher Vergro?erung vor sich zu haben, aber Volyova wusste, dass es sich um mehr als nur ein genaues Abbild des Planeten handelte. Das Bild war nicht nur eine Simulation aus der Datenbank des Schiffes. Resurgam wurde in Echtzeit dargestellt; eingefangen von den Kameras am Schiffsrumpf, die in diesem Moment darauf gerichtet waren.

Niemand hatte die Welt als schon bezeichnet. Abgesehen von den schmutzig wei?en Polarkappen war sie von einem einheitlichen Totenschadelgrau, das nur von einigen rostbraunen Schorfkrusten und klaglich wenigen blaugrauen Flecken nahe des Aquators unterbrochen wurde. Die gro?eren Ozeane lagen zum gro?ten Teil noch immer unter einer dicken Eisschicht, und die winzigen freien Wasserflachen mussten hochstwahrscheinlich mit Thermalenergie oder durch fein abgestimmte biotechnische Verfahren kunstlich erwarmt werden, um sie vor dem Zufrieren zu bewahren. Wolken gab es nur in Form von feinen Schleiern, nicht als ausgedehnte, vielfach geschichtete Formationen, wie sie bei planetaren Wettersystemen zu erwarten gewesen waren.

Hier und da verdichteten sie sich zwar zu undurchsichtigen wei?en Ganglienknoten, aber nur in unmittelbarer Nahe der Siedlungen. Dort arbeiteten die Dampffabriken, die das Polareis zu Wasser, Sauerstoff und Wasserstoff sublimierten. Nur wenige Vegetationsflachen waren gro? genug, um sie ohne Vergro?erung in einem Kilometerraster erkennen zu konnen, auch sonst gab es kaum Spuren menschlicher Gegenwart. Nur wenn der Planet den Kameras alle neunzig Minuten seine Nachtseite zudrehte, sah man vereinzelt und weit verstreut beleuchtete Siedlungen. Sie waren selbst mit dem Zoom kaum zu erfassen, da sie — mit Ausnahme der Hauptstadt — zum gro?ten Teil unterirdisch angelegt waren. Oft gab es au?er Antennen, Landefeldern und windschnittigen Treibhausdachern an der Oberflache kaum etwas zu sehen. Von der Hauptstadt…

Das war das Beunruhigende.

»Wann offnet sich das Fenster fur das Gesprach mit Triumvir Sajaki?«, fragte sie mit einem schnellen Blick zu den anderen Besatzungsmitgliedern, die ihre Sitze in lockerer Runde unter dem aschgrauen Lichtkegel des Planetenabbilds postiert hatten.

»In funf Minuten«, sagte Hegazi. »Funf qualvolle Minuten mussen wir noch warten, dann wird uns Sajaki mit den jungsten Erkenntnissen beglucken, die er uber unsere neuen Kolonistenfreunde gewonnen hat. Konnen Sie die Spannung noch so lange ertragen?«

»Raten Sie doch mal, Svinoi.«

»Viel zu einfach«, sagte Hegazi grinsend. Zumindest gab er sich alle Muhe, so etwas wie ein Grinsen zustande zu bringen. Ein Kunststuck angesichts der vielen chimarischen Prothesen, die seine Zuge verdeckten. »Komisch, wenn ich Sie nicht besser kennen wurde, hatte ich fast den Eindruck, Sie waren nicht uberma?ig begeistert von dem ganzen Unternehmen.«

»Wenn er Sylveste nicht gefunden hat…«

Hegazi hob seine eiserne Hand. »Noch hat Sajaki seinen Bericht nicht abgeliefert. Also nichts ubersturzen…«

»Sie sind also uberzeugt, dass er ihn gefunden hat?«

»Das wollte ich damit nicht sagen.«

»Wenn ich etwas hasse«, sagte Volyova und sah ihren Kollegen eisig an, »dann ist es blinder Optimismus.«

»Kopf hoch! Es gibt Schlimmeres.«

Ja, das musste sie zugeben. Und gerade sie war mit ermudender Regelma?igkeit davon betroffen. Ihre jungste Pechstrahne war nur insofern erstaunlich, als sie mit jedem neuen Missgeschick noch weiter eskaliert war. Inzwischen war Volyova schon so weit, dass sie die Probleme mit Nagorny als harmlose Bagatelle betrachtete und sich fast danach zurucksehnte; damals hatte ihr nur jemand nach dem Leben getrachtet. Womoglich erschien ihr irgendwann auch die derzeitige Phase in rosigem Licht — eine Uberlegung, die sie nicht gerade in Entzucken versetzte.

Der Arger mit Nagorny war naturlich nur der Anfang gewesen. Jetzt sah sie das ganz deutlich; damals hatte sie die Geschichte isoliert betrachtet, doch in Wirklichkeit war sie nur das erste Symptom weit schlimmerer Entwicklungen gewesen, ahnlich wie die Herzrhythmusstorungen vor einem Infarkt. Sie hatte Nagorny getotet — doch damit hatte sie sich jede Moglichkeit genommen, seine psychischen Probleme zu verstehen. Dann hatte sie Khouri angeworben und die Probleme waren wiedergekommen, nicht in der gleichen Form, sondern eher als Variationen eines gro?eren Themas, wie der zweite Satz einer tragischen Symphonie. Khouri war nicht offenkundig verruckt — noch nicht. Aber sie war zum Katalysator fur einen noch verhangnisvolleren, weniger eng begrenzten Wahn geworden. In ihrem Kopf tobten Sturme von einer Starke, wie Volyova sie noch nie erlebt hatte. Der Vorfall mit dem Weltraumgeschutz war lediglich das letzte Glied der Kette. Volyova war nur um Haaresbreite dem Tod entronnen, und nach ihr hatte das Ding vielleicht die ganze Besatzung und einen beachtlichen Teil der Bevolkerung von Resurgam getotet.

»Hochste Zeit, mir einige Fragen zu beantworten, Khouri«, hatte sie gesagt, bevor die anderen geweckt wurden.

»Welche Fragen, Triumvir?«

»Horen Sie auf, das Unschuldslamm zu spielen«, verlangte Volyova. »Dafur bin ich zu mude, und irgendwie bekomme ich die Wahrheit immer heraus, glauben Sie mir. Sie haben sich in der Krise mit dem Weltraumgeschutz verraten. Falls Sie gehofft haben, ich wurde einiges davon vergessen, war das ein Fehler.«

»Zum Beispiel was?« Sie waren in eine der von Ratten verseuchten Schiffszonen hinabgestiegen; dort war man, dachte Volyova, vor Sajakis Abhoreinrichtungen sicherer als in jeder anderen Ecke des Schiffs mit Ausnahme des Spinnenraums.

Sie stie? Khouri so heftig gegen die Wand, dass ihr fur einen Moment die Luft wegblieb. Sie wollte ihr zeigen, dass es nicht ratsam war, Volyovas Kraft zu unterschatzen und ihre Geduld uberma?ig zu strapazieren. »Eines sollten Sie ganz klar sehen, Khouri. Ich habe Nagorny, Ihren Vorganger, getotet, weil er mich verraten hat, und es ist mir gelungen, das vor der ubrigen Crew geheim zu halten. Machen Sie sich keine Illusionen. Wenn Sie mir genugend Grunde liefern, verfahre ich mit Ihnen ganz genauso.«

Khouri stie? sich von der Wand ab. Sie hatte wieder etwas Farbe bekommen. »Was wollen Sie denn nun genau wissen?«

»Zunachst einmal, wer Sie sind. Gehen wir davon aus, dass ich Sie fur einen Infiltrator halte.«

»Wie ware das moglich? Sie haben mich doch angeworben.«

»Schon«, sagte Volyova. Auf diesen Einwand war sie vorbereitet. »So sollte es aussehen, naturlich… aber das war Betrug, nicht wahr? Wer immer hinter Ihnen steht, hat es geschafft, mich bei der Auswahl so zu manipulieren, dass ich glaubte, ich hatte mich fur Sie entschieden… dabei hatte ich im Grunde gar nichts mitzureden.« Bei sich musste Volyova zugeben, dass sie dafur keine handfesten Beweise hatte, aber es war die einfachste Hypothese, und sie war mit allen Fakten zu vereinbaren. »Also, wollen Sie das bestreiten?«

»Wie kommen Sie darauf, mich fur einen Infiltrator zu halten?«

Volyova zundete sich eine Zigarette aus dem Vorrat an, den sie in dem Orbitalkarussell um Yellowstone gekauft hatte, wo sie Khouri angeworben oder gefunden hatte. »Erstens kennen Sie sich im Leitstand schon viel zu gut aus. Sie wissen auch etwas uber Sonnendieb… und das finde ich sehr verdachtig.«

»Sie hatten den Namen selbst erwahnt, kurz nachdem Sie mich an Bord geholt hatten, erinnern Sie sich nicht mehr?«

»Schon, aber Sie wissen mehr, als Sie von mir jemals erfahren haben konnten. Manchmal habe ich den Eindruck, als wurden Sie die Situation besser uberblicken als ich.« Sie hielt inne. »Das ist naturlich noch nicht alles. Diese Neuralaktivitat in Ihrem Gehirn, wahrend Sie im Kalteschlaf lagen… Ich hatte die Implantate, mit denen Sie an Bord kamen, sorgfaltiger untersuchen sollen. Sie sind wohl nicht ganz so harmlos, wie sie aussehen. Mochten Sie vielleicht zu einem der Punkte eine Erklarung abgeben?«

»Na schon…« Khouri schlug einen anderen Ton an. Diesmal hatte sie offenbar die Hoffnung aufgegeben, sich herauszureden. »Aber horen Sie genau zu, Ilia. Auch Sie haben Ihre kleinen Geheimnisse — Dinge, von denen Sajaki und die anderen wirklich nichts erfahren sollen. Ich hatte bereits erraten, dass Sie Nagorny getotet hatten, aber da ware auch noch die Sache mit dem Weltraumgeschutz. Ich wei?, dass Sie das nicht an die gro?e Glocke

Вы читаете Unendlichkeit
Добавить отзыв
ВСЕ ОТЗЫВЫ О КНИГЕ В ИЗБРАННОЕ

0

Вы можете отметить интересные вам фрагменты текста, которые будут доступны по уникальной ссылке в адресной строке браузера.

Отметить Добавить цитату