wollte kein Wort seines Berichtes verpassen.

»Ich habe viel uber die Kolonie zu erzahlen«, sagte er, »und das Fenster ist nur kurz. Also beginne ich mit der Nachricht, auf die Sie sicher schon ungeduldig warten. Wir haben Sylveste gefunden; jetzt geht es nur noch darum, ihn in die Hand zu bekommen.«

Sluka sa? hinter einem ovalen, schwarzen Tisch und schuttete Kaffee in sich hinein. Resurgams Morgensonne schien durch die halb geschlossenen Jalousien ins Zimmer und zeichnete ihr feurige Streifen auf die Haut.

»Ich mochte Ihre Meinung zu einer bestimmten Frage horen.«

»Die Besucher?«

»Wie scharfsinnig.« Sie schenkte ihm eine Tasse ein und wies mit der Hand auf den Sessel vor dem Tisch. Sylveste setzte sich und sank immer tiefer, bis er kleiner war als sie. »Befriedigen Sie meine Neugier, Dr. Sylveste, und sagen Sie mir genau, was Sie gehort haben.«

»Ich habe nichts gehort.«

»Dann ist die Sache ja auch schnell erzahlt.«

Er lachelte, obwohl er vor Mudigkeit noch ganz benommen war. Zum zweiten Mal an diesem Tag hatten ihn ihre Warter aus dem Schlaf gerissen und halbwach und desorientiert aus seiner Zelle gezerrt. Pascales Duft umschwebte ihn, und er fragte sich, ob sie irgendwo am anderen Ende von Mantell wohl noch in ihrer Zelle schliefe. Seit er sich selbst davon uberzeugt hatte, dass sie lebte und wohlauf war, konnte er die Einsamkeit besser ertragen. Zwar hatte man ihm das vorher mehrmals versichert, aber er hatte keinen Anlass gehabt, Slukas Leuten zu glauben. Was konnte Pascale den Anhangern des Wahren Weges schlie?lich nutzen? Noch weniger als er — und Sluka hatte doch schon gro?e Zweifel, ob es sinnvoll sei, ihn am Leben zu lassen.

Doch jetzt kamen die Dinge in Bewegung. Man hatte ihm ein Treffen mit Pascale ermoglicht, und es wurde vermutlich nicht das letzte sein. Hatte sich in Slukas Seele ein Funken Menschlichkeit geregt, oder hatte diese Entwicklung etwas ganz anderes zu bedeuten — musste sie womoglich damit rechnen, schon bald auf einen von ihnen angewiesen zu sein, und wollte nun anfangen, sich lieb Kind zu machen?

Sylveste trank. Der Kaffee vertrieb die Mudigkeit rasch. »Ich habe nur gehort, wir wurden vielleicht Besuch bekommen. Daraus habe ich meine Schlusse gezogen.«

»Die Sie mir sicher mit gro?em Vergnugen mitteilen wurden.«

»Konnten wir vorher kurz uber Pascale sprechen?«

Sie sah ihn uber den Tassenrand hinweg an, dann nickte sie kurz wie eine mechanische Puppe. »Sie bieten mir Informationen — wofur? Gewisse Zugestandnisse bei den Bedingungen Ihrer Gefangenschaft?«

»Ich fande das nicht ubertrieben.«

»Es kame darauf an, wie wertvoll Ihre Spekulationen sind.«

»Spekulationen woruber?«

»Uber die Identitat der Besucher.« Sluka starrte mit schmalen Augen in die grellroten Streifen, die durch die Ritzen der Jalousie fielen. »Der Himmel wei? warum, aber ich mochte gern Ihre Sicht der Dinge horen.«

»Zuerst mussten Sie mir sagen, was Sie wissen.«

»Dazu kommen wir noch.« Sluka musste sich ein Lacheln verkneifen. »Zuerst sollte ich einraumen, dass ich Ihnen einen Schritt voraus bin.«

»In welcher Beziehung?«

»Wer sollen diese Leute schon sein, wenn nicht Remilliod und seine Besatzung?«

Damit gab sie praktisch zu, dass sie sein Gesprach mit Pascale — und damit auch alles andere, was zwischen ihnen vorgefallen war — hatte uberwachen lassen. Er war weniger schockiert als erwartet. Offensichtlich hatte er den Verdacht schon die ganze Zeit gehegt, es aber vorgezogen, sich nicht damit zu beschaftigen.

»Gut gemacht, Sluka. Sie haben Falkender befohlen, die Besucher mir gegenuber zu erwahnen, nicht wahr? Ein geschickter Schachzug.«

»Falkender hat nur Anweisungen ausgefuhrt. Also, wer sind diese Leute? Remilliod hatte bereits Handelsbeziehungen mit Resurgam angeknupft. Warum sollte er nicht zuruckkommen, um sich einen zweiten Happen zu holen?«

»Dafur ist es viel zu fruh. Er hatte kaum Zeit gehabt, irgendein anderes System zu erreichen, geschweige denn eines mit guten Geschaftsaussichten.« Sylveste entzog sich dem anschmiegsamen Sessel, trat ans Fenster und spahte durch die Ritzen der Eisenjalousien. Die Nordwande der Tafelberge in der Nahe leuchteten in kuhlem Orange wie Bucherstapel, die gleich in Flammen aufgehen wurden. Jetzt erst fiel ihm auf, dass der Himmel nicht mehr purpurrot war, sondern eher blaulich. Das musste daran liegen, dass man Megatonnen von Staub aus der Luft entfernt und durch Wasserdampf ersetzt hatte. Oder sein schlechter Farbensinn spielte ihm einen Streich.

Er beruhrte das Fensterglas und sagte: »Remilliod wurde nie so schnell zuruckkehren. Es gibt nur ganz wenige Handler, die geschaftstuchtiger sind als er.«

»Wer ist es dann?«

»Diese wenigen machen mir Sorgen.«

Sluka befahl einem ihrer Adjutanten, den Tisch abzuraumen, und forderte Sylveste auf, wieder Platz zu nehmen. Dann lie? sie vom Tisch ein Dokument ausdrucken und reichte es ihm.

»Die Information, die Sie hier sehen, erreichte uns vor drei Wochen von einem Kontaktmann in der Fackelwache Ost-Nekhebet.«

Sylveste nickte. Die Fackelwachen waren ihm ein Begriff, er hatte sogar selbst gedrangt, sie einzurichten; es handelte sich um kleine, auf ganz Resurgam verteilte Observatorien, die den Stern auf Spuren ungewohnlicher Emissionen hin beobachteten.

Die Lekture des Textes hatte gro?e Ahnlichkeit mit der Entschlusselung von Amarantin-Schriften: er musste Buchstabe fur Buchstabe an jedem Wort entlang schleichen, bis ihm die Bedeutung ins Bewusstsein sprang. Cal hatte gewusst, dass Lesen zum gro?en Teil eine mechanische Tatigkeit war — das Problem war die Physiologie der Augenbewegung entlang einer Zeile. Er hatte dafur geeignete Routinen in Sylvestes Augen integriert, aber Falkender hatte sie nicht alle wiederherstellen konnen.

Immerhin wurde Folgendes klar:

Die Fackelwache in Ost-Nekhebet hatte einen Energieaussto? von bislang beispielloser Starke aufgefangen. Fur kurze Zeit befurchtete man eine Wiederholung der Sonnenfackel, mit der Delta Pavonis einst die Amarantin ausgeloscht hatte: jener gewaltigen koronaren Massenejektion, die man als das Ereignis kannte. Doch bei naherer Untersuchung zeigte sich, dass die Fackel nicht von der Sonne stammte, sondern mehrere Lichtstunden jenseits davon am Rand des Systems entstanden war.

Die Spektralanalyse des Gammastrahlenblitzes ergab eine geringe, aber messbare Dopplerverschiebung von wenigen Prozent Lichtgeschwindigkeit. Das lie? nur einen Schluss zu: der Blitz kam von einem Raumschiff, das sich nach einem Flug mit interstellaren Geschwindigkeiten in der letzten Dezelerationsphase befand.

»Da muss etwas passiert sein«, sagte Sylveste. Die Nachricht von der Zerstorung des Schiffes konnte ihn nicht aus der Ruhe bringen. »Irgendeine Storung im Antrieb.«

»Das hatten wir auch vermutet.« Sluka klopfte mit dem Finger auf das Papier. »Wenige Tage spater zeigte sich allerdings, dass das nicht sein konnte. Das Schiff war immer noch da — ein schwaches, aber eindeutiges Signal.«

»Das Schiff hat die Explosion uberstanden?«

»Was immer es gewesen sein mag. Inzwischen lasst sich bei der Antriebsflamme eine deutliche Blauverschiebung nachweisen. Das Bremsmanover ging normal weiter, als hatte die Explosion nicht stattgefunden.«

»Sie haben dafur sicher eine Erklarung.«

»Eine halbe vielleicht. Wir gehen davon aus, dass die Detonation von einer Waffe stammte. Von welcher Art, wissen wir nicht. Aber nichts anderes hatte so viel Energie freisetzen konnen.«

»Eine Waffe?« Sylveste bemuhte sich, moglichst keine Miene zu verziehen. Ein wenig verstandliche Neugier lie? er anklingen, alle anderen Gefuhle, zumeist Variationen zum Thema nackte Angst, wurden rigoros unterdruckt.

»Seltsam, finden Sie nicht?«

Sylveste uberlief es eiskalt. Er beugte sich vor.

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