»Diese Besucher — wer immer sie sein mogen, sind doch vermutlich uber die Situation hier auf dem Planeten informiert?«

»Uber die politischen Verhaltnisse, meinen Sie? Das halte ich fur unwahrscheinlich.«

»Aber sie haben doch sicher versucht, mit Cuvier Kontakt aufzunehmen.«

»Das ist ja das Komische. Es kam nichts. Kein Piepser.«

»Wer wei? daruber Bescheid?«

Ein Flustern, so leise, dass er es selbst kaum horte, als drucke ihm jemand die Luftrohre zu.

»Etwa zwanzig Personen in der Kolonie. Leute mit Zugang zu den Observatorien, etwa ein Dutzend von uns hier; nur eine Hand voll in Resurgam City… Cuvier.«

»Das ist nicht Remilliod.«

Sluka schob das Blatt in die Tischplatte zuruck, wo es samt seinem brisanten Inhalt vernichtet wurde.

»Demnach haben Sie eine Vorstellung, wer es sein konnte?«

Sylveste furchtete, dass sein Gelachter hysterisch klang. »Wenn ich Recht habe — und ich irre mich selten —, dann ist das ein schwerer Schlag, aber nicht nur fur mich, Sluka, sondern fur uns alle.«

»Weiter.«

»Es ist eine lange Geschichte.«

Sie zuckte die Achseln. »Ich habe keine dringenden Verabredungen. Und Sie auch nicht.«

»Im Moment nicht, das ist wahr.«

»Wie?«

»Nur so ein Verdacht.«

»Horen Sie auf mit den Spielchen, Sylveste.«

Er nickte. Es hatte wenig Sinn, mit der Wahrheit hinter dem Berg zu halten. Seine tiefsten Angste hatte er bereits mit Pascale geteilt, nun brauchte ihn Sluka nur noch, um die Lucken zu fullen und das zu erganzen, was sie als Horcher an der Wand nicht mitbekommen hatte. Wenn er sich weigerte, wurde sie Mittel und Wege finden, ihn oder — schlimmer noch — Pascale zum Reden zu bringen.

»Es war vor langer Zeit«, begann er. »Kurz nachdem ich von den Schleierwebern nach Yellowstone zuruckgekehrt war. Sie wissen doch, dass ich damals fur einige Zeit verschwand?«

»Sie haben immer beteuert, das hatte nichts zu bedeuten gehabt.«

»Ich wurde von Ultras entfuhrt«, sagte Sylveste. Er wartete ihre Reaktion nicht ab, sondern sprach gleich weiter. »Sie brachten mich an Bord eines Lichtschiffes, das sich im Orbit um Yellowstone befand. Ein Angehoriger der Besatzung war verletzt, und ich sollte ihn… ›reparieren‹, man kann es wohl nicht anders ausdrucken.«

»Reparieren?«

»Der Captain war ein extremer Chimare.«

Sluka frostelte. Ihre Erfahrungen mit den radikal modifizierten Randgruppen der Ultra-Gesellschaft beschrankten sich — wie bei den meisten Kolonialisten — zumeist auf schaurige Holo-Dramen.

»Es waren keine gewohnlichen Ultras«, sagte Sylveste. Warum sollte er mit Slukas Angsten nicht ein wenig spielen? »Sie waren zu lange drau?en gewesen; hatten sich zu weit von einer normalen menschlichen Existenz entfernt, wie wir sie kennen. Sie hatten sich selbst fur Ultra-Verhaltnisse extrem isoliert; paranoide Militaristen…«

»Trotz alledem…«

»Ich wei?, was Sie sagen wollen — selbst wenn sie einer exotischen Subkultur angehorten, wie schlimm konnten sie schon sein?« Sylveste warf ihr ein herablassendes Lacheln zu und schuttelte den Kopf. »Ich dachte zunachst genauso. Bis ich mehr uber sie erfuhr.«

»Namlich?«

»Sie hatten von einer Waffe gesprochen? Nun, sie haben tatsachlich Waffen, mit denen sie ohne weiteres diesen Planeten zerlegen konnten, wenn sie nur wollten.«

»Aber die wurden sie doch nicht ohne Grund einsetzen.«

Sylveste lachelte. »Das werden wir erfahren, wenn sie Resurgam erreichen.«

»Nun ja…« Sluka dehnte das Wort in die Lange. »Eigentlich sind sie schon hier. Die Explosion fand vor drei Wochen statt, aber — hm — ihre Bedeutung war nicht gleich ersichtlich. Seither haben sie weiter abgebremst und sind um Resurgam in den Orbit gegangen.«

Sylveste nahm sich Zeit, seine Atmung zu regulieren. Er fragte sich, ob Sluka ihm die Informationen wohl mit Absicht so happchenweise servierte. Hatte sie wirklich nur vergessen, dieses Detail zu erwahnen — oder hatte sie es sich aufgespart, wollte sie ihm die Fakten gezielt so prasentieren, dass er in standiger Verwirrung gehalten wurde?

Wenn ja, dann ging die Taktik wunderbar auf.

»Moment mal«, sagte Sylveste. »Eben sagten Sie noch, nur eine Hand voll Leute wussten daruber Bescheid. Konnte man ein Lichtschiff im Orbit um einen Planeten denn so leicht ubersehen?«

»Leichter, als Sie denken. Das Schiff ist das dunkelste Objekt im ganzen System. Naturlich strahlt es im Infrarotbereich — das muss es ja —, aber es kann seine Emissionen offenbar an die Frequenzen unseres Atmospharedunstes angleichen, die nicht bis zur Oberflache vordringen. Wenn wir in den letzten zwanzig Jahren nicht so viel Wasser in die Atmosphare gepumpt hatten…« Sluka schuttelte bedauernd den Kopf. »Wie auch immer, es spielt keine Rolle. Im Moment besteht ohnehin nur wenig Interesse fur den Himmel. Selbst wenn sie mit greller Neonbeleuchtung angekommen waren, hatte sie niemand bemerkt.«

»Stattdessen haben sie sich noch nicht einmal gemeldet.«

»Schlimmer. Sie haben ihr Moglichstes getan, um uns zu verheimlichen, dass sie hier sind. Wenn diese verdammte Explosion nicht gewesen ware…« Sie brach ab und schaute zum Fenster, dann wandte sie sich unvermittelt wieder an Sylveste. »Wenn es sich um die Leute handelt, die Sie meinen, mussen Sie eine Vorstellung haben, was sie wollen.«

»Ich glaube, das ist ganz einfach. Sie wollen mich.«

Volyova verfolgte Sajakis Bericht aufmerksam bis zu Ende. »Auf Yellowstone hatte man nur sehr wenig von Resurgam gehort, und nach der ersten Meuterei war es noch weniger geworden. Wir wissen heute, dass Sylveste diese Meuterei uberstand, aber spater — etwa heute vor funfzehn Jahren — bei einem Umsturz entmachtet wurde. Das neue Regime steckte ihn in ein — nebenbei bemerkt ziemlich luxurioses — Gefangnis, um ihn fur seine politischen Zwecke benutzen zu konnen. Diese Situation ware uns sehr entgegengekommen, denn dort hatte sich Sylveste ohne Muhe finden lassen. Auch waren wir in der glucklichen Lage gewesen, mit Leuten verhandeln zu konnen, die ihn ohne gro?e Skrupel ausgeliefert hatten. Seither sind die Bedingungen jedoch ungleich schwieriger geworden.«

An dieser Stelle hielt Sajaki inne. Volyova bemerkte, dass er sich leicht gedreht und damit eine neue Aussicht ins Blickfeld gebracht hatte. Das Schiff flog sudwarts uber ihn hinweg und dadurch veranderte sich der Blickwinkel der Kameras, aber Sajaki war darauf vorbereitet und postierte sich so, dass sie jederzeit sein Gesicht erfassen konnten. Ein zufalliger Beobachter auf einer der anderen Mesas hatte sich wohl sehr uber diesen Wahnsinnigen gewundert, der unverwandt zum Horizont starrte, unverstandliche Beschworungen vor sich hin flusterte und sich dabei langsam, aber so regelma?ig wie ein Uhrwerk auf den Fersen drehte. Aber er hatte niemals vermutet, dass die seltsame Gestalt ein einseitiges Gesprach mit einem in der Umlaufbahn befindlichen Raumschiff fuhrte.

»Sobald wir die Hauptstadt Cuvier mit den Scannern erfassen konnten, stellten wir fest, dass sie durch eine Reihe schwerer Explosionen verwustet worden war. Aus dem Stand der Wiederaufbauarbeiten war zu erkennen, dass die Katastrophe auf der kolonialen Zeitskala noch nicht lange zurucklag. Meine Ermittlungen hier ergaben, dass der zweite Umsturz — bei dem die Waffen eingesetzt wurden — vor knapp acht Monaten stattfand, jedoch nicht von uneingeschranktem Erfolg gekront war. Was von Cuvier noch ubrig ist, steht nach wie vor unter der Kontrolle des alten Regimes, obwohl dessen Anfuhrer — Girardieu — bei den Kampfen ums Leben kam. Die Fluter des Wahren Weges — die fur den Coup verantwortliche Gruppe — kontrollieren viele der abgelegenen Siedlungen, aber ihr innerer Zusammenhalt ist offenbar nicht stark genug, moglicherweise ist es bereits zur Bildung von Splitterparteien gekommen. In der Woche seit meiner Landung haben neun Angriffe gegen Cuvier stattgefunden, und man vermutet sogar Saboteure innerhalb der Stadt: Infiltratoren des Wahren Weges, die sich in den Trummern versteckt halten.« An dieser Stelle legte Sajaki eine Pause ein, und Volyova uberlegte, ob er am Ende gar so etwas wie Sympathie fur die erwahnten Infiltratoren empfand. Seinem Gesicht war allerdings nichts davon

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