anzumerken.

»Was mich betrifft, so erteilte ich naturlich als Erstes den Befehl zur Demontage des Anzugs. So verlockend es gewesen ware, damit den Weg nach Cuvier zuruckzulegen, ich konnte das Risiko nicht eingehen. Dennoch war die Reise weniger muhsam, als ich befurchtet hatte. Am Stadtrand nahm mich eine Gruppe von Pipeline- Technikern mit, die aus dem Norden zuruckkehrten. Mit ihnen gelangte ich in die Stadt. Zunachst waren sie misstrauisch, aber mit etwas Wodka konnte ich sie rasch dazu bewegen, mich in ihr Fahrzeug einsteigen zu lassen. Ich sagte, er wurde in Phoenix gebrannt, der Siedlung, aus der ich angeblich kam. Sie hatten zwar von dem Ort noch nie gehort, waren aber gern bereit, mit mir darauf zu trinken.«

Volyova nickte. Der Wodka war — zusammen mit einer Tasche voller Krimskrams — kurz vor Sajakis Abreise an Bord des Schiffes hergestellt worden.

»Die Bewohner leben zumeist unter der Erde, in Katakomben, die vor funfzig oder sechzig Jahren angelegt wurden. Naturlich ist die Luft halbwegs atembar, aber ich kann Ihnen versichern, dass das Atmen kein Vergnugen ist und man sich standig am Rande des Sauerstoffmangels bewegt. Es hat mich betrachtliche Anstrengungen gekostet, auf diesen Felsen zu kommen.«

Volyova lachelte. Wenn Sajaki so etwas zugab, musste der Aufstieg zur Mesa die reine Folter gewesen sein.

»Angeblich verfugt der Wahre Weg zur Erleichterung der Atmung uber biotechnische Verfahren vom Mars«, fuhr er fort, »aber Beweise dafur habe ich nicht gesehen. Meine Pipeline-Freunde halfen mir, ein Zimmer in einer Herberge zu finden, die von Bergleuten von au?erhalb frequentiert wird, was naturlich genau zu meiner Geschichte passte. Ich wurde die Unterkunft nicht als besonders hygienisch bezeichnen, aber fur meine Zwecke war sie ausreichend, denn ich wollte naturlich Informationen sammeln. Die Ergebnisse meiner Nachforschungen«, fugte er hinzu, »waren allerdings oft widerspruchlich und bestenfalls vage.«

Sajaki hatte die halbe Drehung von Horizont zu Horizont fast abgeschlossen. Die Sonne stand jetzt hinter seiner rechten Schulter, und dadurch war sein Gesicht immer schwerer zu erkennen. Das Schiff brauchte freilich nur auf Infrarot zu schalten, um Sajakis Rede auch weiterhin an den Veranderungen seiner Gesichtsdurchblutung ablesen zu konnen.

»Augenzeugen berichten, dass Sylveste und seine Frau dem Attentat entgingen, bei dem Girardieu getotet wurde, aber seither nicht mehr gesehen wurden. Das war vor acht Monaten. Die Aussagen der Leute, mit denen ich gesprochen, und die geheimen Datenquellen, die ich angezapft habe, lassen nur einen Schluss zu. Sylveste wird wieder gefangen gehalten, aber diesmal au?erhalb der Stadt und wahrscheinlich von einer Zelle des Wahren Weges.«

Jetzt war Volyova ganz Ohr. Alles fuhrte auf einen ganz bestimmten Punkt zu; die Entwicklung war von vornherein unvermeidlich gewesen. Nur war die Unvermeidlichkeit in diesem Fall mehr in Sajaki und in dem begrundet, was sie uber ihn wusste, als in dem Mann, nach dem er suchte.

»Mit den offiziellen Stellen — wo immer die auch sein mogen — zu verhandeln, ware sinnlos«, sagte Sajaki. »Ich bezweifle, dass sie uns Sylveste ausliefern konnten, selbst wenn sie wollten, wovon naturlich nicht auszugehen ist. Damit bleibt uns leider nur eine Moglichkeit.«

Volyova hob den Kopf. Jetzt kam es.

»Wir mussen erreichen, dass es im Interesse der ganzen Kolonie liegt, uns Sylveste zu uberlassen.« Wieder lachelte Sajaki. Sein Gesicht lag im Schatten, aber die Zahne blitzten. »Es versteht sich von selbst, dass ich bereits begonnen habe, das Fundament fur eine solche Losung zu legen.« Jetzt wandte er sich direkt an sie, kein Zweifel. »Volyova; ich uberlasse es Ihnen, wann Sie den offiziellen Stellen Ihre Vorschlage unterbreiten wollen.«

Normalerweise ware es ihr eine Genugtuung gewesen, Sajakis Absichten so genau erraten zu haben. Aber jetzt beschlich sie nur ein leises Grauen, als sie erkannte, dass er nach all den Jahren noch einmal eine solche Zumutung an sie stellte. Am bedruckendsten war dabei die Einsicht, dass sie wahrscheinlich auch diesmal tun wurde, was er von ihr verlangte.

»Nur zu«, sagte Volyova. »Er bei?t nicht.«

»Ich kenne mich mit Raumanzugen aus, Triumvir.« Khouri trat zogernd einen Schritt in den wei?en Raum. »Ich dachte nur nicht, dass ich noch einmal einen zu Gesicht bekame. Und schon gar nicht, dass ich das Drecksding auch noch anziehen musste.«

Die vier Anzuge lehnten an einer Wand des gnadenlos wei?en Lagerraums sechshundert Decks unter der Brucke neben Saal zwei, wo das Training stattfinden sollte.

»Hort euch das an«, sagte eine der beiden anderen Frauen. »Sie braucht das verdammte Ding nur fur ein paar Minuten anzuziehen, und dafur macht sie so ein Theater. Du gehst nicht mit uns runter, Khouri, also mach dir nicht ins Hoschen.«

»Vielen Dank fur den guten Rat, Sudjic — ich werde daran denken.«

Sudjic zuckte die Achseln — ein hohnisches Grinsen hatte ihre Gefuhle wohl zu sehr strapaziert, dachte Khouri — und trat, gefolgt von ihrer Kollegin Sula Kjarval auf den fur sie bestimmten Anzug zu. Die Anzuge sahen aus wie ausgeblutete, ausgeweidete und aufgeschnittene Frosche, die man mit ausgestreckten Gliedma?en an einen senkrechten Tisch geheftet hatte. In ihrer derzeitigen Konfiguration waren sie noch am menschenahnlichsten. Arme und Beine waren deutlich ausgebildet. Die ›Hande‹ hatten keine Finger — es waren auch keine richtigen Hande, sondern nur stromlinienformige Flossen —, allerdings konnten die Anzuge auf Wunsch Greifwerkzeuge und andere Manipulatoren ausfahren.

Khouri hatte tatsachlich Erfahrung mit Raumanzugen. Auf Sky’s Edge waren es Raritaten gewesen, Importware, von Ultra-Handlern gekauft, die auf der kriegsgeschuttelten Welt Zwischenstation machten. Niemand auf dem Planeten verfugte uber das notige Fachwissen, um sie zu kopieren, deshalb waren alle Exemplare, die ihre Seite besa?, von unschatzbarem Wert: machtige Totems aus der Hand der Gotter.

Der Anzug scannte sie und stellte ihre Korperma?e fest, um dann sein Inneres exakt auf ihre Formen abzustimmen. Nun lie? ihn Khouri vortreten. Als er sich um sie schloss, hatte sie einen leichten Anfall von Platzangst, den sie aber unterdruckte. Binnen weniger Sekunden dichtete sich der Anzug ab und fullte sich mit Luftgel. Damit waren Manover moglich, die den Insassen sonst zermalmt hatten. Die Anzugpersonlichkeit erkundigte sich nach kleineren Veranderungswunschen und gestattete ihr, die Bewaffnung ihren Bedurfnissen anzupassen und ihre autonomen Programme entsprechend zu modifizieren. In Saal zwei kamen naturlich nur die leichtesten Waffen zum Einsatz; bei den Kampfszenarien, die hier aufgefuhrt wurden, gingen echter physischer Waffengebrauch und Simulationen nahtlos ineinander uber. Was zahlte, war das Ergebnis. Jeder Teil der Aufgabenstellung verlangte vollen Einsatz, und es galt auch die unzahligen Moglichkeiten zu berucksichtigen, die einem der Anzug bot, um Feinde zu vernichten, die das Ungluck hatten, sich in seinen Einflussbereich zu verirren.

Au?er Khouri waren drei Personen anwesend, aber sie war die einzige, die fur den Einsatz auf dem Planeten nicht ernsthaft in Betracht kam. Volyova leitete das Training. Obwohl Khouri den Gesprachen mit ihr entnommen hatte, dass sie im Weltraum geboren war, hatte sie mehr als einmal Gelegenheit gehabt, Planeten zu besuchen, und besa? die erforderlichen Reflexe, fast schon Instinkte — nicht zuletzt einen gesunden Respekt vor dem Gesetz der Schwerkraft —, die bei einem Planetenausflug die Uberlebenschancen verbesserten. Das galt auch fur Sudjic: sie war in einem Habitat, vielleicht auch auf einem Lichtschiff geboren worden, hatte aber genugend Welten besucht, um die angemessenen Reaktionen zu erlernen. Von ihrer uberschlanken Gestalt, die den Eindruck erweckte, als konne sie auf einem gro?eren Planeten keinen Schritt tun, ohne sich alle Knochen im Leibe zu brechen, lie? Khouri sich keine Sekunde lang tauschen; Sudjic war wie das Werk eines Meisterarchitekten, der genau wusste, welche Belastung jedes Gelenk, jede Verstrebung aushalten musste, und aus asthetischen Grunden darauf bedacht war, keine zusatzlichen Toleranzen einzuplanen. Ganz anders Kjarval, die Frau, die Sudjic nicht von der Seite wich. Sie war im Gegensatz zu ihrer Freundin keine extreme Chimare, sondern hatte noch ihre eigenen Gliedma?en. Aber Khouri hatte einen Menschen wie sie noch nie gesehen. Ihr Gesicht war so glatt wie fur das Leben in einer unspezifischen Wasserwelt. Die schrag geschnittenen Katzenaugen waren rote, gerasterte Kugeln ohne Pupillen. An Stelle von Nase und Ohren hatte sie Locher mit geripptem Rand, der Mund war ein einfacher Schlitz, der so gut wie keinen mimischen Ausdruck zulie?. Beim Sprechen bewegte er sich kaum, aber die Mundwinkel waren standig wie in sanfter Gluckseligkeit nach oben gezogen. Kleider trug sie nicht, nicht einmal hier im Anzugdepot, wo es relativ kuhl war, doch Khouri kam sie nicht wirklich nackt vor. Man hatte vielmehr den Eindruck, sie sei in ein unendlich flexibles, schnell trocknendes Polymer getaucht worden. Mit anderen Worten, eine wahre Ultra unbestimmbarer Herkunft, aber hochstwahrscheinlich kein Ergebnis darwinistischer Selektion.

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