»Woruber?«

»Dass du auch nur zu einem Zehntel verstehst, worum es hier geht.« Sudjics Anzug schwebte jetzt dicht neben Khouri: der glatte wei?e Panzer hob sich grell von der beschadigten Wand ab. Khouri hatte Bilder von geisterhaft wei?en Walen gesehen, die in den Meeren der Erde lebten — oder gelebt hatten. Diese Belugas, wie sie hie?en, kamen ihr jetzt in den Sinn. »Hor zu«, sagte Sudjic. »Haltst du mich wirklich fur so einfaltig, dass ich dich nur deshalb hasse, weil du Boris’ Stelle eingenommen hast? Beleidige mich nicht, Khouri.«

»Das hatte ich bestimmt nicht vor.«

»Wenn ich dich hasse, Khouri, dann habe ich auch einen triftigen Grund dafur. Ich hasse dich, weil du ihr gehorst.« Den letzten Satz zischte sie wie eine gereizte Schlange. »Volyova. Du bist ihr Spielzeug. Ich hasse sie, und deshalb hasse ich naturlich auch alles, was ihr gehort. Besonders jeden, den sie schatzt. Und wenn ich eine Moglichkeit sahe, eins von ihren Spielsachen kaputt zu machen — glaubst du, ich wurde nur einen Moment zogern?«

»Ich gehore niemandem«, sagte Khouri. »Auch Volyova nicht.« Sie verabscheute sich selbst dafur, dass sie so energisch protestierte, und diesen Abscheu ubertrug sie auf Sudjic, die sie in die Defensive gedrangt hatte. »Aber das geht dich gar nichts an. Wei?t du was, Sudjic?«

»Nein, aber ich brenne vor Neugier.«

»Soviel ich gehort habe, war Boris nicht gerade der geistig gesundeste Mensch, den man sich vorstellen kann. Nicht Volyova hat ihn in den Wahnsinn getrieben, sie hat vielmehr versucht, seinen Wahn in konstruktive Bahnen zu lenken.« Ihr Anzug bremste sanft ab und sie landete mit den Fu?en voran auf der verbeulten Wand. »Das hat nicht hingehauen. Wie schrecklich! Vielleicht habt ihr beiden ja gut zusammengepasst.«

»Mag schon sein.«

»Wie bitte?«

»Was du eben gesagt hast, Khouri, begeistert mich nicht unbedingt. Und wenn wir zwei allein waren und nicht in diesen Anzugen steckten, konnte ich dir ganz schnell zeigen, wie leicht es ist, dir das Genick zu brechen. Wer wei?, vielleicht bietet sich ja noch eine Gelegenheit. Aber eins muss ich zugeben. Du lasst dir nichts gefallen. Die meisten von ihren Puppchen geben sich sofort geschlagen; wenn sie nicht schon vorher auf kleiner Flamme gebraten wurden.«

»Willst du damit sagen, du hattest mich falsch eingeschatzt? Nimm es mir bitte nicht ubel, wenn sich meine Dankbarkeit in Grenzen halt.«

»Ich will nur sagen, dass du ihr vielleicht nicht in dem Ma?e gehorst, wie sie glaubt.« Sudjic lachte. »Das ist kein Kompliment, Madchen — nur eine Beobachtung. Wenn sie es merkt, konnte es dir schlecht bekommen. Und es hei?t nicht, dass ich dich von meiner schwarzen Liste gestrichen hatte.«

Khouri hatte gern etwas darauf erwidert, aber sie kam nicht dazu, denn Volyova meldete sich wieder auf der allgemeinen Frequenz. Sie stand hoch uber den dreien, fast in der Mitte des Raums, und wandte sich an alle. »Diese Ubung ist nicht strukturiert«, sagte sie. »Jedenfalls brauchen Sie die Struktur nicht zu kennen. Sie mussen das Szenarium lediglich uberleben. Das ist alles. Die Ubung beginnt in zehn Sekunden. So lange sie lauft, bin ich fur Fragen nicht erreichbar.«

Khouri war nicht allzu sehr beunruhigt. Auf Sky’s Edge hatte sie oft unstrukturierte Ubungen absolviert, und im Leitstand waren noch mehr dazugekommen. Unstrukturiert hie? nur, dass der tiefere Sinn des Szenariums verborgen war, oder dass es sich — im wahrsten Sinne des Wortes — um eine Desorientierungsubung handelte, die das Chaos nach einer grundlich schiefgegangenen Operation simulierte.

Sie fingen mit Aufwarmubungen an. Volyova sah von oben zu. Aus bisher unsichtbaren Klappen in den Wanden kamen verschiedene Drohnenziele. Sie waren, wenigstens zunachst, nicht sonderlich schwer zu treffen. Anfangs besa?en die Anzuge noch so viel Autonomie, dass sie die Drohnen entdeckten und anvisierten, bevor der Trager sie uberhaupt bemerkte, so dass der Mensch nur die Genehmigung zum Abschuss zu geben brauchte. Aber bald wurde es schwieriger. Die Ziele waren nicht mehr passiv, sondern schossen zuruck — normalerweise wahllos, aber mit standig steigender Feuerkraft, so dass selbst krasse Fehlschusse eine Bedrohung darstellten. Auch wurden die Ziele kleiner und schneller und brachen in immer kurzeren Abstanden aus der Wand hervor. Und die Anzuge zeigten — im gleichen Ma?e, wie die Gefahr durch feindliche Angriffe wuchs — zunehmend Funktionsausfalle. In der sechsten oder siebenten Runde war ihre Autonomie gro?enteils abgebaut, und die Sensornetze, mit denen sie sich umgaben, losten sich auf, so dass die Trager zunehmend selbst auf visuelle Reize reagieren mussten. Doch Khouri lie? sich nicht aus der Ruhe bringen. Die Ubung mochte schwierig sein, aber sie hatte sich oft genug durch ahnliche Szenarien gekampft. Man durfte nicht vergessen, wie viele Funktionen noch blieben: immerhin verfugte man noch uber die Waffen, die Energieversorgung und die Flugfahigkeit.

Wahrend der ersten Ubungen gab es keine Verstandigung zwischen den drei Teilnehmern; sie waren vollauf damit beschaftigt, ihre Reaktionsfahigkeit aufzubauen. Irgendwann war es, als wurden sie zum zweiten Mal aufgezogen; sie erreichten einen Zustand der Stabilitat, der sie uber die scheinbaren Grenzen ihrer Leistungsfahigkeit hinaus trug. Sie versetzten sich sozusagen in Trance. Dafur gab es gewisse Tricks, um die Konzentration zu steigern, gewisse Mantras, die man standig wiederholte, bis man den Ubergang geschafft hatte. Es war nicht so, als brauchte man nur den Wunsch zu haben, und schon war man dort; schon eher wie eine steile Felswand, die man erklimmen musste, um an ein hoch gelegenes Sims zu kommen. Aber wenn man nicht aufgab — wenn man es immer wieder versuchte —, wurden die Bewegungen allmahlich flie?ender, und das Sims erschien nicht mehr ganz so hoch und unzuganglich wie zuvor. Einfach und ohne geistige Anstrengung war es freilich nie zu erreichen.

Auf dem Weg in diesen Zustand glaubte Khouri einmal, die Mademoiselle gesehen zu haben.

Es war nicht einmal ein kurzer Blick, nur eine Bewegung im Augenwinkel, der Eindruck, da sei fur einen Moment noch ein Korper im Raum, dessen Umrisse sie an die Mademoiselle erinnerten. Aber das Bild verschwand so schnell, wie es gekommen war.

Ob sie es tatsachlich gewesen sein konnte?

Seit dem Zwischenfall im Leitstand hatte Khouri die Mademoiselle nicht mehr gehort oder gesehen. Die letzte Botschaft kam, nachdem Khouri Volyova geholfen hatte, das Weltraumgeschutz zu zerstoren, und sie klang ziemlich pikiert. Die Mademoiselle erklarte, Khouri sei zu lange im Leitstand geblieben, nun habe Sonnendieb Einlass gefunden. Tatsachlich — als Khouri den Waffenraum verlassen wollte, war etwas auf sie zugerast wie ein riesiger Schatten. Doch als der Schatten sie umfing, hatte sie nichts gespurt. Als habe sich ein Loch geoffnet und sie unversehrt durchgelassen. Aber vermutlich war es nicht wirklich so gewesen, und die Wahrheit war sehr viel unerfreulicher. Khouri setzte sich nur ungern mit der Moglichkeit auseinander, der Schatten konnte Sonnendieb gewesen sein, aber sie war nun einmal nicht von der Hand zu weisen. Und wenn sie das akzeptierte, musste sie auch davon ausgehen, dass Sonnendieb inzwischen weitere Teile von sich in ihr Gehirn eingeschleust hatte.

Dabei hatte sie schon das Wissen belastet, dass mit den Bluthunden der Mademoiselle Spuren der Entitat eingedrungen waren. Doch die waren immerhin noch beherrschbar gewesen; die Mademoiselle war stark genug, um sie in Schach zu halten. Nun musste sich Khouri damit abfinden, dass ein wichtigerer Teil von Sonnendieb in ihr weilte. Und die Mademoiselle hatte sich seither auffallend rar gemacht — bis zu dieser zweifelhaften stummen Erscheinung, die womoglich nicht einmal eine Ausgeburt ihrer Phantasie gewesen war. Jeder normale Mensch hatte sie als Lichtreflex am Rand des Blickfeldes abgetan.

Wenn sie es aber doch gewesen ware… was hatte das nach so langer Zeit zu bedeuten?

Endlich ging die erste Ubungsphase zu Ende, und die Anzuge bekamen einen Teil ihrer Funktionen zuruck. Nicht alle, nur so viele, dass die drei wussten, die Tafel war abgewischt, von jetzt an galten neue Regeln.

»Schon«, sagte Volyova. »Ich habe schon schlechtere Leistungen gesehen.«

»Ich wurde das ja als Kompliment nehmen«, sagte Khouri in der Hoffnung, den Kameradschaftsgeist ihrer Leidensgenossen zu aktivieren. »Das Problem bei Ilia ist nur, dass sie es wortlich meint.«

»Wenigstens eine von Ihnen, die das kapiert«, sagte Volyova. »Aber lassen Sie sich das nicht zu Kopf steigen, Khouri. Jetzt wird es namlich erst richtig Ernst.«

Am anderen Ende des Saales schob sich eine weitere Klappe auf. Das standig wechselnde Licht verwandelte die Bewegungen in eine Reihe starrer, lichtgesattigter Einzelbilder. Aus der Offnung quollen ellipsenformige Gebilde in immer gro?eren Mengen. Jedes einzelne war vielleicht einen halben Meter lang und silbrig wei? und hatte verschiedene Auswuchse, Waffenmundungen, Manipulatoren und Luken an der Oberflache.

Wachdrohnen. Khouri kannte sie — in ahnlicher Ausfuhrung — von Sky’s Edge. Dort hatte man sie ›Wolfshunde‹ genannt, weil sie so erbittert kampften und immer in Rudeln auftraten. Militarisch wurden sie hauptsachlich zur Demoralisierung des Feindes eingesetzt, aber Khouri wusste, wozu sie fahig waren, und sie

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